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Forschungsstelle für jüdisches Recht - Marcus Cohn

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Talmud - Kleinere Beiträge - Zerstörung im Krieg

Talmud

Kleinere Beiträge

Zerstörung im Krieg

Die Einstellung zum Feind

Machen wir uns nichts vor – in der jüdischen Geschichte, angefangen in der Bibel, durch den Talmud und bis ins späte Mittelalter lassen sich Stellen finden, die von einer grausamen Behandlung von Feinden während kriegerischer Handlungen sprechen. Am meisten wird der von Josua verübte Genozid an den kanaanitischen Völkern während der Besiedlung Kanaans durch die aus Ägypten einwandernden Israeliten zitiert. So steht es in der Bibel; seit zweittausend und fünfhundert Jahren nachzulesen. Es scheint eine geschichtliche Tatsache zu sein. Aber stimmt das auch? Die Bibelforschung und die neuesten archäologischen Funde in Israel ergeben ein anderes Bild: Eine gewaltsame Eroberung und Besiedlung von Kanaan durch israelitische Stämme hat es nicht gegeben, folglich auch keinen Genozid. Woher dann diese grausame Geschichte im Buch Josua, derer sich die Bibel rühmt? Vor allem aber, warum steht so etwas in einem „Geschichtsbuch“?

Eine Antwort hierauf muss man in der Geschichte der Juden suchen, und die war nicht besonders ruhmreich und heroisch, wie man heute weiß. Jerusalem war zur Zeit von König David ein Ort ohne Mauern, dessen Herrschaft sich auf ein kleines Gebiet mit einer dörflichen Bevölkerung von ca. 40.000 Menschen erstreckte. Dass dieses Königreich fünfhundert Jahre überdauern konnte, ist wahrscheinlich der Tatsache zu verdanken, dass dieses karge Land der judäischen Berge fernab der Verkehrswege lag und für die damaligen Großmächte uninteressant war. Das Königreich Israel, das viel größer und mächtiger war, erlitt nach nur zweihundert Jahren das Schicksal anderer (auch größerer) Völker der damaligen Zeit: Es wurde zerstört und verschwand aus der Geschichte. Man kann also sagen, dass die lange jüdische Geschichte nur in kurzen Perioden staatliche Größe erreichte, wie z.B. zur Zeit der israelitischen Könige Omri und Ahab im 9. Jhd. v.d.Zr. und des Makkabäerkönigs Alexander Janäus im 1. Jhd. v.d.Zr. Mit anderen Worten: In der meisten Zeit seiner erstaunlich langen Geschichte war das jüdische Volk mit dem Problem des Überlebens beschäftigt, mit dem ständigen Kampf um das nackte Dasein des Individuums und der Gemeinschaft, ob in Israel oder in der Diaspora. Unter diesen Umständen ist es nicht erstaunlich, wenn die bedrängten und geplagten Menschen gelegentlich von Zeiten träumten, in denen sie die Oberhand gewinnen und mit den Feinden genau so verfahren konnten wie sie selbst es zu erleiden hatten. Legenden und Sagen dieser Art sind für die seelische Stabilität unentbehrlich, sie gehören zur Überlebensstrategie. Aber auch Anweisungen und Normen der talmudischen und mittelalterlichen Literatur zur Behandlung von Feinden, die heutzutage grausam erscheinen mögen, sind unter diesem Aspekt zu verstehen, zumal sie nie die Aussicht hatten, in die Praxis umgesetzt zu werden.

Viel erstaunlicher sind hingegen die Verhaltensnormen des mosaischen Rechts (und hier handelt es sich um das von Gott verkündete Gesetz) für und während Kriegshandlungen (sozusagen inmitten des Gefechts). Kapitel 20 im Deuteronomium ist diesem Thema gewidmet, es beginnt mit den Worten „Wenn du zum Krieg ausziehst gegen deine Feinde“. Da heißt es in Vers 10: „Wenn du dich einer Stadt nahst, um sie zu bekriegen, so sollst du ihr zunächst Frieden anbieten“. Wenn man eine Stadt belagert, so lautet weiter der Text, soll man die Bäume in der Landschaft nicht zerstören. Und der Text fügt eine Erklärung mit folgendem Wortlaut hinzu: „Ist denn der Baum ein Mensch, der von dir belagert wird?“ Ist der Baum denn dein Feind, den du bekämpfst, warum sollst du ihn dann zerstören? Dieser in geradezu poetischer Sprache ausgedrückte Appell verdeutlicht, dass der Autor das Gemüt anspricht. Auch inmitten des Krieges soll der Israelit keine sinnlosen Zerstörungen verüben, Bäume, Häuser, Brunnen, also Lebenserhaltendes soll er nicht vernichten. Vernunft und Menschlichkeit sollen bewahrt bleiben, so lehrt die Bibel, wenn der Hass und die Zerstörungswut die Oberhand zu gewinnen drohen.

Eine humane und versöhnliche Einstellung dem Feind gegenüber (sogar gegenüber einem Erzfeind) veranschaulicht der Talmud in Verbindung mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Während der Flucht wurden die Kinder Israel von den Ägyptern verfolgt. Die Israeliten durchquerten das Meer im Trockenen, und als die Ägypter nachfolgen wollten, wurden sie von den Fluten erfasst und alle ertranken. Der Midrasch sagt dazu: „Als Israel durch das Meer zog, wollten die Engel einen Lobgesang anstimmen. Da sprach Gott: ‚Meine Geschöpfe ertrinken im Meer und ihr wollt einen Gesang anstimmen?’ (b. Sanh. 39b).

Gabriel Miller