Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Talmud - Kleinere Beiträge - Wenn ein Täubchen aus dem Nest fällt

Talmud

Kleinere Beiträge

Wenn ein Täubchen aus dem Nest fällt

„Folgende Funde gehören ihm, und andere wieder, die er bekannt machen muss.“ 

Mit diesen Worten beginnt das Kapitel „Funde“ im Talmud, das schon vielen Schülern der Talmudkunde Bauchschmerzen verursacht hat. Für Anfänger des Talmudstudiums ist es noch der „leichteste“ Einstieg. Es fängt auch relativ harmlos an. Es geht schlicht darum, welche Gegenstände, die ein Passant findet, er behalten darf und welche dem Eigentümer zurückgegeben werden müssen. Dann wird detailliert spezifiziert: Wenn jemand verstreute Früchte, verstreutes Geld, Garben auf öffentlichem Gebiet, Feigenfladen, Bäckerbrote, Fischgebinde, Fleischstücke, Flachsbündel oder Purpurstreifen findet, gehören sie dem Finder. In dieser kurzen Aufzählung wird bereits die Motivation der allgemeinen Regelung klar: Wenn ein Gegenstand einer bestimmten Person zugeordnet werden kann, soll er ihr auch zurückgegeben werden, sonst aber kann ihn der Finder – was ja zu erwarten ist – behalten. Weiterhin spielt der Umstand eine Rolle, ob der Besitzer nach menschlichem Ermessen den Gegenstand aufgegeben hat, weil er die Hoffnung verloren hat, ihn wieder zu bekommen. 

Wenn das so einfach wäre! Seite um Seite müssen sich dann die Schüler mit Diskussionen der Gelehrten beschäftigen, um etwa festzustellen, wie groß die Fläche sein soll, auf der die Früchte verstreut sind, oder wie die gefundenen Münzen angeordnet sein müssen, um sie dem Verlierer oder dem Finder zuzuordnen, und vieles andere mehr. Wenn mancher junge Schüler über die scharfsinnigen Diskussionen in Verzweiflung geraten kann, so fällt es dem Erwachsenen auch nicht leicht, durch das Labyrinth der Argumente zu wandeln und den intellektuellen Reiz des mündlichen Gefechts zu genießen. Und so mancher fragt sich, warum können die rechtlichen Bestimmungen des „Fundes“ nicht in wenigen allgemein formulierten Sätzen niedergelegt werden? Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch und auch im israelischen Zivilgesetz nimmt dieses Thema kaum mehr als zehn Paragraphen in Anspruch.

Rabbi Jirmija, der eine ähnliche Frage stellte, erfuhr einen ziemlichen Rüffel. 

Die Gemara berichtet darüber bei der Behandlung folgender Problematik: Wird ein junges, nicht flugfähiges Täubchen von einem Passanten gefunden, gehört es zu dem Taubenschlag, der sich im Umkreis von fünfzig Ellen zur Fundstelle befindet. Die Gelehrten gehen nämlich davon aus, das so ein Täubchen in der Regel nicht weiter als diese Strecke laufen kann. Befindet es sich außerhalb dieses Radius, so gehen die Gelehrten davon aus, dass jemand es verloren oder zurückgelassen hat, und der Finder darf es behalten. Rabbi Jirmija war mit dieser Regelung nicht ganz glücklich. Er fragte: Wie ist es, wenn es mit einem Fuße innerhalb der fünfzig Ellen und mit einem Fuße außerhalb der fünfzig Ellen steht? Die Frage wurde nicht beantwortet, statt dessen wies man ihn aus dem Lehrhaus. Rabbi Jirmijas Frage war gar nicht so dumm, auch wenn sie die Thematik auf die Spitze getrieben hat (was bei den Gelehrten nicht selten der Fall war). Denn warum soll man sich mit dem Messen der genauen Entfernung und mit anderen möglichen Problemen abgeben, muss sich Rabbi Jirmija gedacht haben, man könnte eine allgemein abstrakte Regel formulieren, wie zum Beispiel „... wenn unter den gegebenen Umständen anzunehmen ist, dass das Täubchen nicht vom Taubenschlag stamme...“, was Auseinandersetzungen und unnötige Verhandlungen ersparen würde.

Andererseits: Rabbi Jirmija hätte es besser wissen müssen. Er hätte wissen müssen, dass die Gelehrten sehr wohl abstrakte Regeln formulieren konnten, dies aber nicht in ihrem Sinn war und es ihnen im Gegenteil darum ging, möglichst für jede Situation eine konkrete Lösung zu bieten. 

Rabbi Jirmija wusste das auch ganz bestimmt. Er war wohl ein widerspenstiger Mensch, der es nicht lassen konnte, die Gelehrten zu provozieren. Bei einer anderen Gelegenheit, als es um die Absonderung eines Zehntel von der Ernte ging und die Gelehrten für eine gewisse Situation ein Drittel festlegten, fragte er seinen Lehrer Rabbi Sera: „Wissen die Rabbanan so genau zwischen einem Drittel und weniger als einem Drittel zu unterscheiden? Dieser erwiderte: Habe ich dir etwa nicht gesagt, dass du an den Festsetzungen nicht rütteln sollst!“

Diese detaillierten Festsetzungen, die genaue Bestimmung von Maßen, Gewichten und Mengen, wie auch die einzelnen Verhaltensregeln nicht nur im Bereich des Kultes und des Ritus, sondern auch in Zivilsachen, sind eine Besonderheit des Jüdischen Rechts. Aber auch andere Rechtssysteme kommen nicht ohne formalistische Regelungen aus. In England wurde z.B. vor einigen Jahren folgender Fall bekannt. Am Stichtag für die Einschulung wurden Zwillinge geboren. Ein Zwilling kam vor, der andere nach Mitternacht zur Welt. Als sie das Schulalter erreichten, wurde der zwei Stunden jüngere Junge ein Jahr nach seinem Zwillingsbruder eingeschult. 

Der Formalismus ist ein Charakteristikum der Halacha, die möglichst viele Bereiche des Lebens und auch den Alltag im einzelnen regeln will. Recht und Gesetz wenden sich in erster Linie an das Individuum, um ihm ein richtiges Handeln zu ermöglichen. Das Ziel ist, nicht im nachhinein Konflikte zwischen den Menschen lösen zu müssen, sondern Normen für das ethische Verhalten zu definieren, um solche Konflikte zu vermeiden. Und dafür steht die Kunst der Talmudgelehrten bei der präzisen Formulierung von vielen einzelnen Normen, die an die Nachkommen tradiert wurde.

(Fundstellen: Baba Mezia 21 a, Baba Batra 23 b, Rosch Haschana 13 a, b)

Gabriel Miller