Talmud
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Welche ist unsere Tradition?
Oft wird darüber spekuliert, warum das jüdische Recht und die Tradition des Judentums so viele Generationen überlebt haben. Es ist nichts geheimnisvolles und übernatürliches dabei. Es ist allein den Umstand zu verdanken, dass sowohl in der Tora als auch im Talmud die Veränderung und die Interpretation von Lehrsätzen im Sinne einer Anpassung an die sich verändernden Erfordernisse der Gesellschaft angelegt und geradezu gefordert werden. Es ist andererseits aber auch das Verdienst von Persönlichkeiten, Gelehrten und Rabbinern, die diesen Erfordernissen Rechnung trugen, manchmal mit viel Mut und Tapferkeit.
Einige Beispiele sollen den Umgang mit der Tradition im Laufe unserer Geschichte verdeutlichen.
Schon im 2. Jh. v.d.Z. wurde von Schimon ben Schetach die allgemeine Schulpflicht in Israel eingeführt. Diese galt jedoch nur für Jungen, für Mädchen aber nicht. Denn: „Frauen braucht man nicht zu lehren“, so der Talmud. Männer sind laut der Tora verpflichtet, eine Ausbildung zu bekommen (5. Moses 11, 19): „Ihr sollt sie eure Söhne lehren“. Im Talmud wurde diese Maxime wie folgt interpretiert (b. Kid. 29b): „Eure Söhne und nicht eure Töchter“. Wie fast alle anderen Themen im Talmud wurde auch dieses Problem kontrovers diskutiert. Ben-Asaj war für die Bildung der Mädchen, R. Elieser Ben-Horkanos dagegen. Die Meinung des R. Elieser hat sich durchgesetzt und galt für viele Generationen.
Mit der Aufklärung und mit dem Auszug der Juden aus dem Getto hat sich diese Einstellung, mindestens in Westeuropa, allmählich geändert. In manchen Kreisen der jüdischen Orthodoxie jedoch hat sich die alte Tradition lange erhalten, sogar bis nach der Staatsgründung Israels. In einem Scheidungsurteil des Bezirksrabbinatsgerichts aus den sechziger Jahren wurde dem Vater das Recht zugesprochen, sich um die Erziehung seiner Söhne zu kümmern. Denn die Frau, die selbst keinen Anspruch auf Bildung hat, sollte sich nicht in die Erziehung der Kinder einmischen.
Dieses Urteil wurde von einem Sondergericht (zusammengesetzt aus den Obersten Richtern Israels, sowohl der säkularen als auch der religiösen Gerichte) verworfen. In seiner Begründung erörterte das Gericht die geschichtlichen Aspekte dieser Halacha und ging auf die Bedeutung des jüdischen Rechts für unsere Zeit ein: „Die Feststellungen des Rabbinatsgerichts werden den Tendenzen bezüglich dieser Frage in der Welt der Halacha unserer Zeit nicht gerecht. In unserer Generation ist es nicht nur ein Recht, den Mädchen Bildung beizubringen, es ist sogar absolute Pflicht. Es ist undenkbar, dass gerade die Ausbildung in den religiösen Fächern den Mädchen vorenthalten sein soll.“ Heute wird die Ausbildung von Mädchen fast in der gesamten Judenheit nicht mehr in Frage gestellt.
Andere Fragen, die im Talmud diskutiert und entschieden wurden, befinden sich in einem unklaren Schwebezustand.
In der Mischna steht der wunderbare Satz: „Bevorzugt ist der Mensch (bezogen auf das ganze Menschengeschlecht), dass er im Ebenbilde Gottes geschaffen wurde“. In der Gemara wurde in späterer Zeit diese Menschlichkeit nur den Israeliten zugesprochen. In den späteren Jahrhunderten wird von den maßgeblichen Gelehrten, auch von Maimonides (12. Jh.), dem Nichtjuden sogar eine Seele abgesprochen. Allein Maimonides hat hier eine Einschränkung angedeutet: „Die negative Einstellung zum Nichtjuden gilt nur solang die Juden unter Fremdherrschaft leiden.“ Die Christen haben nur allzu gern solche Stellen im jüdischen Schrifttum herausgesucht, um die Verfolgung von Juden zu legitimieren. Andererseits ist es verständlich, wenn Unterdrückte, Verfolgte und Misshandelte sich in Träumereien von Rache und Hass flüchten, um ihrer Menschenwürde und ihren Selbsterhaltungswillen zu bewahren. Diese Zeiten sind aber inzwischen vorbei. Selbst die Eiferer unter den Gläubigen müssten den biblischen Satz „Er schuf den Menschen in seinem Antlitz“ in seiner universalen Bedeutung verinnerlichen.
Eine weitere drängende Frage, mit der sich das Judentum heute auseinandersetzen muss. In der Tora steht die Weisung: „Und ihr sollt austreiben (die Bewohner) des Landes und sollt darin wohnen; denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen“ (4. Moses 33, 53). Wie soll der Gegensatz zwischen diesem Satz und unserer humanen Tradition im Sinne der Menschenrechte überbrückt werden?
Im Talmud wird auch eine Position vertreten, die sich gegen die Einnahme des Landes mit Gewalt richtet (b. Ketubot 111a). Unter den Alten Weisen ist auch die Meinung zu finden, dass diese Bibelstelle lediglich als eine Verheißung verstanden werden muss. Eine Antwort auf aktuelle Fragen werden wir vergebens im Schrifttum suchen. Der Talmud lehrt uns den Weg zur Menschlichkeit und verpflichtet jeden von uns, darüber nachzudenken.
Gabriel Miller
Diskussionsbeiträge im Forum von www.juedisches-recht.de