Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Talmud - Lektüre / Übungen - Ein Streit um ein Ei

Talmud

Lektüre - Übungen

Ein Streit um ein Ei

Die erste Mischna im Traktat Jom-Tov (oder Beza = Ei) fängt mit den Worten an:

Ein am Feiertag gelegtes Ei - Bet-Schamai sagt, es darf gegessen werden und Bet-Hillel sagt, es darf nicht gegessen werden.

Elf lange Seiten beschäftigt sich die Gemara mit diesem einen kurzen Satz. Was zum Schluß dabei herauskommt, ist nicht sehr viel und ist auch kurz zu beschreiben:

Es handelt sich um ein Ei, das ein zum Essen bestimmtes Huhn (im Gegensatz zu einem zum Eierlegen vorgesehenen) am Feiertag gelegt hat.

Bet-Schamai sagt, das Ei darf am Feiertag gegessen werden, und es ist nicht muktze (ausgesondert, ausgeschieden, was am Schabbat und Feiertag nicht berührt und nicht gegessen werden darf), weil das Huhn bereits vor dem Feiertag zum Essen bestimmt und somit vorbereitet wurde. Und das Ei wurde ebenfalls in der Henne am Tag davor vorbereitet. Obschon man aber das Ei an einem Feiertag, der einem Schabbat folgt, nicht essen darf, da es nicht an einem Wochentag vorbereitet wurde, so dehnt man dieses Verbot auf einen Feiertag in der Mitte der Woche nicht aus.

Bet-Hillel verbieten hingegen das Ei eben aus diesem Grund. Da das Ei, das an einem Feiertag nach einem Schabbat gelegt wurde, am selben Tag nicht gegessen werden darf, da es nicht an einem Wochentag vorbereitet wurde, werden auch die Eier, die an einem gewöhnlichen Feiertag gelegt wurden, verboten. Sonst bestünde nach Bet-Hillel die Gefahr, daß wenn man das Essen solch eines Eis an einem normalen Feiertag erlaubte, mit der Zeit die genaue Halacha in Vergessenheit geriete und man dann auch die an einem Feiertag nach einem Schabbat gelegten Eier essen würde.

Es sei noch bemerkt, daß bei dieser Halacha die Schule des Hillel ausnahmsweise die strengere ist, was in der ganzen Überlieferung nur sechs mal vorkam.

Was wir jedoch in dieser ganzen Diskussion der Gemara erleben, sind die geistige Akrobatik, der Pilpul, die Rabulistik, mit der die Gelehrten (vermutlich mit großer Freude) die Sache behandeln und die vielen Nebenschauplätze, auf denen sie sich bewegen und auf denen wir Neues und Unterschiedliches erfahren.

Ich will versuchen, den Ablauf der Diskussion mit meinen Worten wiederzugeben:

Zunächst versucht die Gemara zu klären, ob es sich um ein Huhn handelt, das zum Eierlegen oder um eines, das zum Essen bestimmt wurde. Der Unterschied zwischen den beiden:

- Ein zum Essen bestimmtes Huhn ist sozusagen bereits am Vortag vorbereitet worden und darf deshalb nach der Tora am Feiertag geschlachtet und gegessen werden. Ebenso verhält es sich mit einem Ei, das dieses Huhn gelegt hat, da es ein Teil von ihm ist.

- Ein zum Eierlegen bestimmtes Huhn wurde nicht zum Essen vorbereitet und ist deshalb muktze. Das von ihm gelegte Ei muß ebenfalls muktze sein.

R. Nachman
Da es nicht klar ist, um welches Huhn es sich bei der unterschiedlichen Position der beiden Schulen in der Mischna handelt, versucht R. Nachman folgende Klärung: Es handelt sich um ein Huhn, das Eier legt. Und diejenigen Gelehrten, die mit den Muktze-Regeln streng umgehen, wie die Schule Hillels und wie R. Jehuda, verbieten sowohl die Legehenne als auch das Ei, das am Feiertag geboren wurde; und diejenigen Gelehrten, wie die Schule Schamais und R. Schimon, die nicht so streng sind, erlauben das Essen des Eis.

Die Gemara meint, daß R. Nachman dies gar nicht so gesagt haben kann, denn an einer anderen Stelle widerspricht er sich. Dort diskutieren in der Mischna Bet-Schamai und Bet-Hillel über Knochen und Nußschalen, ob diese am Schabbat angefaßt werden dürfen (also muktze sind oder nicht). Hierzu sagte R. Nachman, daß die Schule Schamai wie R. Jehuda urteilt, also streng, und die Schule Hillel wie R. Schimon, der das Anfassen erlaubt.

Zu diesem Widerspruch gibt es aber eine Lösung: Bei dem einen Din (Regel, Urteil, Gesetz) muktze handelt es sich um die Fütterung von Hunden durch Aas am Schabbat. Da folgt der Din R. Schimon, der generell bei muktze erleichternd ist, und dem stimmt auch die Schule Hillels zu. Bei dem anderen Din, wo das am Feiertag abgespaltene Holz nicht verbrannt werden darf, richtet sich die Schule Hillels nach R. Jehuda, der erschwerend ist.

Nun stellt sich eine allgemeine Frage: Warum wird bei muktze am Schabbat leichter geurteilt als am Feiertag? Antwort: Die Verbote am Schabbat sind zahlreicher und schwerer, weshalb man mit der Einhaltung der rituellen Regeln vorsichtiger ist. Am Feiertag jedoch sind die Regeln nicht so streng (man darf z. B. rauchen, was am Schabbat verboten ist), da muß man einen Riegel vorschieben, damit die Leute mit dem Din nicht leichtsinnig umgehen.

Nach dieser langen Abschweifung vom eigentlichen Thema kehrt die Gemara zurück zur Erklärung des R. Nachman. Er behauptete nämlich, daß es sich in der Mischna um eine Legehenne handelt. Frage: Warum steht in der Mischna, daß Bet-Schamai und Bet-Hillel Meinungsverschiedenheiten lediglich über das Ei haben, sollte doch die Mischna von dem Huhn reden, wobei auch das Ei impliziert wäre? Denn auch bezüglich der Legehenne meint die Schule Hillels (wie R. Jehuda), sie sei muktze und dürfe wie auch das Ei nicht gegessen werden, und die Schule Schamais (wie R. Schimon) meint, sie sei nicht muktze. Antwort: Um zu betonen, daß Bet-Schamai sogar den Verzehr des Eis erlauben. Man könnte nämlich meinen, daß B-S, die bei muktze nicht streng ist und die Legehenne erlaubt, das Ei jedoch verbieten würde. Denn das Ei war vor dem Feiertag noch nicht geboren, noch nicht vorhanden, und der Mensch hätte es in seine Gedanken als Speise gar nicht einbeziehen können. Weiter fragt die Gemara: Es wäre ja trotzdem sinnvoll, in der Mischna über das Huhn und nicht über das Ei zu diskutieren, um zu zeigen, das B-H betont streng ist und sogar das Huhn, das man in seine Gedanken als Speise hätte einbeziehen können (und deshalb hätte erlauben können), verbietet und nicht nur das noch nicht geborene Ei. Und selbst wenn du sagst - fährt die Gemara fort -, daß es reichen würde, die erleichternde Ansicht anzuführen (in der Gemara geht man nämlich grundsätzlich davon aus, daß es besser sei, die erleichternde Ansicht zu zitieren, da diese genau begründet werden muß, wogegen es leicht ist, etwas zu verbieten, da das Verbot keiner besonderen Begründung bedarf), also die Ansicht B-Ss, müßte man trotzdem erwähnen, daß B-H und B-S über beides streiten: sowohl über das Huhn als auch über das Ei. Und also hätte die Mischna so lauten müssen -

"Die Legehenne wie auch das am Feiertag geborene Ei darf man nach B-S essen und nach B-H nicht essen."

Da jedoch die Mischna einen, wie wir wissen, anderen Wortlaut hat, stimmt die ganze Konstruktion von R. Nachman, der es mit der Legehenne versucht hat, nicht. Also macht sich Rabba daran, eine andere Interpretation zu versuchen.

Rabba
Die Erklärung mit der Legehenne ist mißglückt. Rabba versucht es nun mit einer zum Essen bestimmte Henne. Diese ist auch nach B-H nicht muktze und darf gegessen werden. Wie erklärt man dann, daß in dieser Mischna B-H das Ei verbietet? Rabbas Begründung: Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Feiertag, sondern um einen, der einem Schabbat folgt. Da das am Feiertag gelegte Ei am Tag davor in der Henne vorbereitet wurde, und da der Tag davor eben kein Wochentag war, sondern ein Schabbat, an dem man (laut der Tora) nicht vorbereiten darf, ist das Ei muktze.

Hier fand Abaje eine Möglichkeit einzuhaken und fragte Rabba: Wenn aus diesem Grund das Ei muktze ist, so müßte ein Ei, welches am Feiertag gelegt wurde, der nicht einem Schabbat folgt, doch erlaubt sein? Die Antwort Rabbas: Eigentlich schon. Wenn man jedoch das am Feiertag gelegte Ei erlauben würde, so könnten die Menschen mit der Zeit aus Gewohnheit vergessen, daß an einem Feiertag, der einem Schabbat folgt, das Ei laut Tora verboten ist, und sie würden somit sündigen. Um dem vorzubeugen, haben die Rabbanan (Gelehrten) das an einem gewöhnlichen Feiertag gelegte Ei verboten (das ist eine Gsera der Rabbanan - eine Verordnung und kein Tora-Gesetz). Die gleiche Frage stellt Abaje bezüglich eines Eis, das am Schabbat, der keinem Feiertag folgt, geboren wurde, und bekommt selbstverständlich die gleiche Antwort.

Abaje fragt weiter: Stimmt es auch, daß die Rabbanan etwas verbieten, was laut Tora erlaubt ist? Er hat vielmehr den Eindruck, daß dem nicht so ist. Und er schließt dies aus der folgenden Bereita (wie eine Mischna): Wenn man eine Henne am Feiertag schlachtet und in ihr ein Ei findet, so darf  man es essen. Nach der Logik von Rabba müßte auch solch ein Ei verboten sein, denn durch den Verzehr dieser Eier würde man aus Gewohnheit mit der Zeit vergessen, daß die Rabbanan die an einem gewöhnlichen Feiertag geborenen Eier verboten haben. Zu diesem Einwand meint Rabba, daß diese Gefahr nicht besteht, da es sehr selten sei, daß so etwas vorkomme. Und bei seltenen Dingen ist es nicht sinnvoll, eine Gsera zu verordnen.

R. Josef
Die Gemara bringt eine weitere Erklärung für das Verbot des Eis durch B-H.

R. Josef  sagt, daß dieses Verbot wegen des Fallobstes besteht. Fallobst darf man am Feiertag oder am Schabbat nicht essen, damit man nicht verleitet wird, das Obst zu pflücken, was nach der Tora ausdrücklich verboten ist.

Aber, fragt Abaje, das Verbot von Fallobst ist doch eine Gsera von den Rabbanan, daher ist es nicht logisch, für die Einhaltung dieses Verbots das Ei zu verbieten, also eine Gsera zur Einhaltung einer anderen Gsera heranzuziehen (sonst käme man zu einer endlosen Kette von Verordnungen, bei der jede die vorherige bekräftigt).

So war das nicht gemeint, erklärt R. Josef. Vielmehr betrifft diese eine Verordnung sowohl das Fallobst als auch das Ei. Denn beide haben eines gemein: sie wurden von etwas anderem abgetrennt.

R. Jitzchak
R. Jitzchak hat eine ähnliche Erklärung wie R. Josef, nur daß er das Ei mit dem Saft einer am Baum hängenden Frucht vergleicht. Daß man also nicht unter dem Baum mit offenem Mund stehen und den tropfenden Saft trinken darf. Ansonsten folgt die gleiche Argumentationsweise wie bei R. Josef.

R. Jochanan
Die Gemara trägt vor, daß auch R. Jochanan der Ansicht sei, das Ei am Feiertag sei verboten aus dem gleichen Grund wie die Flüssigkeit aus der Frucht. Den Beweis hierfür findet R. Jochanan in einem Widerspruch, in dem sich R. Jehuda befindet.

R. Jochanan trägt also vor:
In einer Mischna heißt es, daß man am Schabbat keine Früchte auspressen darf. Wenn der Saft von selbst ausgeflossen ist, darf man ihn am Schabbat nicht trinken. Hierzu sagte R. Jehuda, wenn die Früchte zum Essen bestimmt waren, darf der von selbst ausgeflossene Saft am Schabbat getrunken werden, wenn die Früchte jedoch zum Pressen bestimmt waren, darf der Saft nicht getrunken werden, weil man so verleitet werden könnte, dem Fluß des Saftes nachzuhelfen.

Daraus schließt R. Jochanan, daß R. Jehuda folgende Einstellung hat: Alles, was von einer zum Essen (und nicht zum Saftpressen) bestimmten Sache kommt, gilt als abgetrennt, also als ein Teil der Speise, und ist nicht verboten, wie das Fließende.

Der Widerspruch ergibt sich aus einer anderen Mischna. Dort sagt R. Jehuda, daß man am ersten Tag von Rosch-Haschana den Anteil der Priester von der Frucht abheben und den Rest am zweiten Tag essen darf. Hierzu die Erläuterung: Eine Frucht darf nur gegessen werden, wenn der Tempel zuerst seinen Anteil bekommen hat. Am Feiertag darf man allerdings keine Hebe oder kein Zehntel für den Tempel vornehmen. Wenn man nun am Wochentag vergessen hat die Hebe zu machen, darf man die Frucht am Feiertag nicht essen. Rosch-Haschana (Neujahr) besteht aber aus zwei Tagen. Von den beiden Tagen ist aber nur einer heilig, man weiß jedoch nicht, ob es der erste oder der zweite Tag ist, deshalb werden beide Tage gefeiert, jedoch ist einer von ihnen ein gewöhnlicher Tag. Nun sagt die Gemara, daß man folgendermaßen verfahren kann, um am zweiten Tag von den Früchten essen zu dürfen: Am ersten Tag von R-H gibt man folgende Erklärung ab: "Wenn heute Wochentag ist, so sondere ich hiermit den Anteil des Tempels ab. Wenn heute Festtag ist, so habe ich nichts erklärt. Am zweiten Tag von R-H gibt man die gleiche Erklärung ab: "Wenn heute Wochentag ist, so sondere ich hiermit den Anteil des Tempels ab. Wenn heute Festtag ist, so habe ich nichts erklärt". Die Rechtslage ist jetzt wie folgt: War der erste Tag Wochentag, so hat die Hebe stattgefunden, und man darf die Früchte am zweiten Tag essen. War der erste Tag Feiertag, so hat die Hebe eben am zweiten Tag, der ein Wochentag ist, stattgefunden, und die Früchte dürfen gegessen werden". Weiterhin sagt R. Jehuda in der selben Mischna: "Ebenso ist es mit dem Ei, das am ersten Tag geboren wurde. Es darf am zweiten Tag gegessen werden. Die Argumentation ist die gleiche. Wenn der erste Tag Wochentag war, so wurde das Ei am Wochentag gelegt und darf am Feiertag gegessen werden. Wenn der zweite Tag Wochentag ist, so wurde das Ei am Feiertag gelegt und darf am nächsten Tag gegessen werden.

Hierzu bemerkt R. Jochanan, daß R. Jehuda am ersten Feiertag das Ei verbietet, am zweiten jedoch nicht. Somit ergibt sich nach R. Jochanan ein Widerspruch. Denn wenn R. Jehuda hier das Ei verbietet, so heißt es, daß er etwas verbietet, das am Feiertag von etwas Eßbarem abgetrennt wurde Selbst wenn es ein Ei ist, das von einer Henne herausgekommen ist, so ist es verboten ebenso als ob es fließender Saft wäre, während in der früheren Mischna R. Jehuda das vom Essen Abgetrennte nicht verbietet. Also haben wir einen Widerspruch in den Urteilen von R. Jehuda.

Und nun will R. Jochanan den Widerspruch auflösen und sagt, daß man die Lehre der ersten Mischna umgekehrt verstehen muß. Gerade R. Jehuda verbietet die Flüssigkeit, die von der zum Essen bestimmten Frucht herauskam, während die Rabbanan dies erlauben. Also stimmen demnach die Urteile von R. Jehuda in beiden Mischnajot überein. Daraus kann man nun schlußfolgern, daß R. Jehuda aus dem selben Grund sowohl das Ei als auch den Obstsaft verbietet. Wer also den Saft verbietet, verbietet auch das Ei, und wer den Saft erlaubt, erlaubt auch das Ei. Und das war auch die Erklärung von R. Jitzchak oben, der das Ei mit dem Saft verglich. Und nichts anderes wollte R. Jochanan, als R. Jitzchak unterstützen, und zu diesem Zweck hat er diese akrobatische Denkübung veranstaltet.

R. Jochanan kam zu seinem Widerspruch und zu der Auflösung dieses Widerspruchs, indem er die erste Mischna auf den Kopf gestellt hat.

Rawina
Rawina hingegen sagt, daß man die Mischna gar nicht umdrehen muß. Der Wortlaut dort stimmt: R. Jehuda erlaubt den Saft einer zum Essen bestimmten Frucht und die Rabbanan verbieten es. Jedoch das, was R. Jehuda bezüglich des Eis am zweiten Tag von Rosch-Haschana gesagt hat, muß man anders verstehen. Es soll wie folgt gelesen werden: R. Jehuda erlaubt das Ei auch am ersten Tag von R-H, da es nach seiner Lehre eine abgetrennte Speise ist. Er verlangt jedoch von den Rabbanan die Zustimmung, daß sie das Ei am zweiten Tag von R-H erlauben, da von beiden Tagen nur einer heilig ist (wie oben erklärt). Und darauf antworteten ihm die Rabbanan, daß sie dem nicht zustimmen, denn R-H ist nach ihrer Ansicht ein einziger heiliger Tag, d.h. daß beide Tage gleichermaßen heilig sind. Was bedeutet, daß nach Rabbanan sowohl der Saft als auch das Ei (egal ob sie am ersten oder am zweiten Tag geboren wurden) bis nach Rosch-Haschana verboten sind.

Rawina b. R. Ula
Rawina b. R. Ula wendet sich dem vorhin genannten Widerspruch zu, den R. Jochanan bei R. Jehuda gefunden und durch Umkehrung des Textes der ersten Mischna gelöst hat. Rawina hat diesen Widerspruch durch die Interpretation der zweiten Mischna gelöst. ben Ula meint, daß es sich bei der zweiten Mischna um eine Legehenne handelt. Und da R. Jehuda bei muktze bekanntlich streng ist, ist die Henne muktze und auch das von ihr am ersten Tag von R-H gelegte Ei. Es hat demnach nichts zu tun mit Obstsaft, den R. Jehuda oben verboten hat, denn das Ei ist eine von anderem Eßbaren getrennte Speise und wäre nach R. Jehuda erlaubt, wenn es von einer zum Essen bestimmte Henne gelegt worden wäre.

Die Gemara wendet sich wieder den oben besprochenen Erklärungen von Rabba (Vorbereitung), R. Jitzchak (Fallobst) und R. Josef (Fruchtsaft) zu, weil die Gelehrten glauben, wieder eine mögliche Unstimmigkeit entdeckt zu haben. Zunächst wird eine Bereita zitiert, aus der ein Widerspruch zu konstruieren wäre:

"Sowohl das am Schabbat als auch das am Feiertag geborene Ei - man darf es nicht fortbewegen, weder um damit ein Gefäß zu bedecken noch um damit den Fuß eines Bettes zu stützen, wohl darf man das Ei mit einem Gefäß abdecken, damit es nicht zerbreche. Bei etwaigem Zweifel ist es verboten. Vermischte sich das Ei unter tausend anderen, sind sie alle verboten."

Aus der Perspektive dieser Bereita stellt die Gemara jetzt fest: Die Erklärung Rabbas, das Ei sei verboten wegen der Tora-Vorschrift mit der Zubereitung, stimmt mit dieser Bereita überein, denn die Bereita verbietet das Ei bei Zweifel, und auch Vorschriften der Tora werden bei Zweifel, ob etwas verboten oder erlaubt ist, streng behandelt. Also eine Übereinstimmung der Bereita und Rabba (vorausgesetzt das Ei wurde an einem Feiertag, der einem Schabbat folgt - oder umgekehrt - gelegt, denn an einem normalen Feiertag - oder Schabbat - ist das Verbot von den Rabbanan und nicht von der Tora).

Beim Vergleich der Bereita mit den Erklärungen von R. Josef und R. Jitzchak hat die Gemara ein Problem. Nach diesen beiden ist das Verbot des Eis von den Rabbanan verordnet (damit mit der Zeit der Verbotsgrund nicht in Vergessenheit gerät und man aus Dußligkeit sündigt), und bei einem Verbot der Rabbanan wird normalerweise erleichternd entschieden. Warum ist das Ei in der Bereita dann verboten? Also ein Unstimmigkeit.

Die Gemara antwortet: Der Zweifel in der Bereita bezieht sich auf das Huhn, das treife war (ungenießbar wegen Krankheit z.B.) weswegen auch das Ei im Zweifel verboten ist. Denn bei einem Verbot der Tora (z.B. treife) wird im Zweifelsfall streng geurteilt. Also in unserem Fall soll sich der Zweifel nicht auf die Geburt des Eis (Feiertag oder Wochentag) beziehen.

Die Gemara ist jedoch mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Denn wenn man den Schlußsatz der Bereita liest, kann die Erklärung nicht stimmen. In dem Schlußsatz heiß es: Vermischte sich das Ei unter tausend anderen, sind sie alle verboten.

Um den kommenden Einwand zu verstehen, muß man Folgendes wissen: Wenn eine Speise aus Zweifel verboten ist, und sie vermischt sich unter tausend Teile ihresgleichen, so können diese tausend allesamt verboten sein oder auch nicht. Das hängt davon ab, ob das zweifelhafte Teil später erlaubt wird. Also wenn es Zweifel gibt, ob das Ei am Feiertag oder am Wochentag gelegt wurde, so darf es zwar am Feiertag nicht, aber danach gegessen werden. Aus diesem Grund wird das Ei, auch wenn es sich mit tausend anderen vermengt hat, verboten, da das kein großer Schaden ist, es kann ja am Tag darauf verzehrt werden (die Rabbanan haben diese Regel aus 2. Moses 23, 2 "man soll sich nach der Mehrheit richten", gelernt). Wenn der Zweifel sich aber auf die Frage bezieht, ob es treife ist oder nicht, so kann in unserem Fall das zweifelhafte Ei auch später nicht gegessen werden. Wenn dieses Ei sich unter tausend vermengt, so wäre es ein großer Schaden, wenn man sie alle für treife erklären würde, deshalb geht das unerlaubte Ei unter den anderen sozusagen auf und sie sind alle erlaubt.

Jetzt zurück zum Einwand der Gemara: Sollte es sich um einen Zweifel der Treife in der Bereita handeln, so könnte es nicht heißen, daß alle tausend Eier verboten seien. Also stimmt die Erklärung mit der Treife nicht?

Die Gemara versucht eine andere Erklärung: Möglicherweise handelt es sich bei dem Ei um etwas Teures (Bedeutendes, Wichtiges). Die Rabbanan haben nämlich angeordnet, wenn etwas wichtig ist, so geht es in der Menge nicht auf. Sollten wir davon ausgehen, daß ein Ei wichtig sei, so könnte die Bereita von einem Ei handeln, das obwohl treife, unter den anderen nicht aufgeht, eben weil es etwas Wichtiges ist.

Um festzustellen, ob ein Ei etwas Wichtiges ist, wird eine Mischna herangezogen. Da geht es darum, daß manche sagen, "alles, was man gewöhnlich zählt", und andere sagen, "nur, was man gewöhnlich zählt" ist wichtig.

Jetzt stellt sich die Frage, was der Unterschied zwischen diesen beiden Definitionen ist, oder vielmehr, wie wir definieren, was wichtig und bedeutend ist. Wenn wir nun davon ausgehen, daß alles, was man gewöhnlicherweise zählt, wichtig sei, wird das Ei auch darunter subsumiert, denn Eier werden gewöhnlich gezählt, wenn man sie verkauft, jedoch nicht immer, denn manche verkaufen Eier in der Menge (ein Korb Eier). Für diejenigen, die dieser Meinung sind, trifft die obige Erklärung zu, daß nämlich die Bereita von einem Ei redet, das treife ist und in der Menge aufgehen würde, jedoch in diesem Fall nicht aufgeht, weil es wichtig ist.

Aber diejenigen, die sagen, daß nur was gezählt verkauft wird, wichtig ist, was bedeutet, daß Eier, da sie auch in der Menge verkauft werden, nicht wichtig sind, wie erklären sie die Bereita? Um nämlich das Verbot von R. Josef und R. Jitzchak mit der Bereita in Einklang zu bringen, müssen wir sagen, daß das Ei treife ist, das können wir jedoch nicht, denn in der Bereita heißt es, daß es in der Menge nicht aufgeht.

Jetzt wird diese Mischna zitiert wie auch die Diskussionen, die sich daran knüpften. Wer Bündel von Klee aus einem Weinberg, wo Mischfrucht gewachsen ist, hat, so müssen sie verbrannt werden. Es heißt nämlich in der Tora (5. Moses 22, 9), daß man seinen Weinberg nicht mit zweierlei bepflanzen darf. Wurden die Bündel mit anderen Bündeln und die anderen wieder mit anderen vermischt, so müssen sie alle verbrannt werden. Das sind die Worte R. Meirs. Die Gelehrten sagen: sie gehen unter zweihundertundeins Teile auf. Das heißt, wenn ein Bündel sich unter zweihundert vermischt hat, holt man irgendeinen heraus, verbrennt es, und die anderen sind brauchbar. Die Mischna fährt fort und erklärt die Gründe für die Meinungsverschiedenheiten. Denn R. Meir sagte nämlich: nur was man gewöhnlich zählt, ist genußunfähig. Die Gelehrten sagen: es ist nicht genußunfähig.

Da man diesen besonderen Klee nur gezählt verkauft, geht er nach R. Meir nicht in der Menge auf und "verdirbt" auch alles andere, womit er sich vermischt hat. Während die anderen Gelehrten meinen, daß keine Frucht so wichtig sei, außer sechs Sachen, und R. Akiva sagt, sieben Sachen: Krachnüsse, Granatäpfel aus Badan, versiegelte Weinfässer, Mangoldblätter, Kohltriebe und der griechische Kürbis. R. Akiva fügte noch die hausgebackenen Brotleibe hinzu. Diejenige Frucht, die als Ungeweihtes verboten ist, macht das andere verboten, und diejenige , die wegen Mischfrucht verboten ist, mach die ihresgleichen verboten.

Das war die besagte Mischna, und nun folgt die Diskussion der Amora'im in der Gemara über die Worte des R. Meir.

R. Jochanan liest in den Worten des R. Meir: "nur was gezählt wird", R. Schimon ben Lakisch versteht daraus: "alles, was üblicherweise gezählt wird" sei wichtig und gehe in der Menge nicht auf.

Nun haben wir zwei Meinungen zum Urteil von R. Meir.

Wenn wir davon ausgehen, daß R. Schimon ben Lakisch recht hat und daß alles, was üblicherweise beim Verkauf gezählt wird, jedoch auch in der Menge verkauft wird, wichtig ist, dann sind auch Eier wichtig (da sie mal so und mal so verkauft werden) und deshalb können wir davon ausgehen, daß die besagte Bereita von einem Ei spricht, das von einem treife Huhn gelegt wurde und trotzdem in der Menge nicht aufgeht, weil es wichtig ist.

Wenn wir aber davon ausgehen, daß R. Jochanan recht hat und daß R. Meir der Ansicht sei, nur was gezählt verkauft wird, sei wichtig, so kann das Ei nicht als wichtig eingestuft werden, da es bekanntlich oft in der Menge verkauft wird. Folglich kann die besagte Bereita nicht von einem treife Ei sprechen (denn ein von einem treife Huhn gelegtes Ei geht in der Menge auf, in der Bereita aber ist die Rede von einem Ei, das in der Menge nicht aufgeht; es ist ja sogar unter tausend verboten). Nach R. Meir ginge es in der Menge nicht auf (da es nicht wichtig ist) und nach den Rabbanan schon gar nicht.

Kurzum, diese Mischna wäre nach R. Meir nicht schlüssig. Also läßt die Gemara diese Diskussion ruhen und versucht eine andere Erklärung. Diese wird von R. Pappa angeregt. Er sagt nämlich, daß der Tana, der die besagte Mischna (die sogar tausend Eier verbietet, wenn ein treife Ei dazwischen gerutscht ist) lehrte, derselbe Tana ist, der die Sache von dem Liter (ein kleineres Maß als das heutige Liter) getrockneter Feigen gelehrt hat, der gesagt habe, alles, was auch nur manchmal abgezählt verkauft wird, gehe in der Menge nicht auf, und zwar sogar bei Verordnungen der Rabbanan, umso mehr bei Gesetzen der Tora, wie z.B. bei einem treife Ei.

Nun erörtert die Gemara (wie es so üblich ist) die von R. Pappa neu erwähnte Mischna, die das Liter Feigen behandelt.

Dort haben wir gelernt: Wenn man ein Liter Feigen (die als Hebe für den Tempel gedacht waren und deshalb nicht gegessen werden dürfen) in die Öffnung einer runden Form gepreßt hat und weiß zwar, daß sie nicht in die Form hinein, jedoch nicht mehr, in welche Öffnung von vielen Formen sie gepreßt wurden (das gleiche gilt, wenn anstellte der Form es sich um ein Faß oder um einen Korb gehandelt hat), so gibt es darüber unter den Tana'im, wie R. Meir sagt, Meinungsverschiedenheiten:

Die Ansicht des R. Elieser: Man betrachtet die Feigen in den Öffnungen der Gefäße, als ob sie mit den unteren durchgemischt wären, und so erreicht man ein Verhältnis von eins zu einhundert (dieses Verhältnis ist von den Rabbanan vorgeschrieben), so daß die Hebe in der Menge der eßbaren Feigen aufgeht.

Die Ansicht des R. Jehoschua: Wenn einhundert Öffnungen vorhanden sind, über die Zweifel bestehen, ob die Hebe in eine hinein gepreßt wurde, so geht die Hebe in diesen auf. Wenn jedoch weniger als einhundert Gefäße vorhanden sind, so sind die Feigen in den gesamten Öffnungen verboten (da sie zur Hebe gehören könnten), während die Feigen innerhalb der Gefäße nicht als mit diesen vermischt betrachtet werden und zum Genuß erlaubt sind.

Diese Meinungsverschiedenheiten hat R. Jehuda anders in Erinnerung. Nach seiner Auffassung unterscheiden sich R. Elieser und R. Jehoschua wie folgt:
Die Ansicht des R. Elieser sei eigentlich die gleiche wie die erwähnte Einstellung des R. Jehoschua, daß die Hebe nur dann in der anderen Menge aufgehe, wenn einhundert Öffnungen vorhanden sind, also daß die Feigen in den Öffnungen mit denen innerhalb des Gefäßes nicht zusammengezählt werden. Die Feigen innerhalb der Gefäße sind selbstverständlich erlaubt.

R. Jehoschua soll strenger sein: Selbst wenn dreihundert Öffnungen von Gefäßen vorhanden sind und man nicht weiß, in welcher Öffnung die Hebe steckt, sind die Feigen in allen dreihundert Öffnungen verboten. Denn nach seiner Ansicht werden die Feigen in den Öffnungen gezählt verkauft und sind somit wichtig, und wichtige Sachen, wie wir gelernt haben, gehen nicht einmal unter eintausend auf.

Zurück zu unserem Ei. Wenn wir davon ausgehen, wie R. Pappa sagt, daß diese Bereita von dem selben Tana gelehrt wurde wie die Mischna, die das treife Ei auch unter eintausend nicht aufgehen läßt, so wäre das Ei wichtig wie eben auch die Feigen, und es ginge auch nach R. Jochanan, der sagt, "nur was gezählt wird ist wichtig" (was bei Eiern in der Regel nicht zutrifft), in diesem Fall wegen seiner Wichtigkeit (nach R. Jehoschua) in der Menge nicht auf.

Die Bereita von den Feigen schließt mit folgendem Satz ab: Hat man die Feigen für die Hebe in eine Form gepreßt, und man weiß nicht mehr in welche Form, so sind sich alle Gelehrten einig, daß diese Feigen in der Menge der anderen Feigen in der Form (wobei die Relation eins zu einhundert ist) aufgehen.

Die Gemara fragt erstaunt: Was heißt hier, daß "alle Gelehrten sich einig sind"? R. Jehoschua (nach der Version des R. Jehuda) sagte doch eben, daß die Feigen selbst unter dreihundert nicht aufgehen, wie kann man also nun so etwas behaupten?

R. Pappa fand auch hier den richtigen Dreh. Nach seiner Meinung muß man den Abschluß der Bereita so verstehen: Hat man die Feigen für die Hebe in eine Form gepreßt, und weiß nicht mehr, an welcher Stelle in der Form sie gepreßt wurden, so kann man sie nicht gezählt verkaufen (da sie mit den anderen zusammenkleben) und demnach sind sie auch nicht wichtig und gehen folglich in der Menge auf.

R. Aschi (der Kodifikator der babylonischen Gemara) hebt zum Schluß die ganze Diskussion aus den Angeln mit einer neuen Feststellung. Wir erinnern uns worum es ging: Nach R. Josef und R. Jitzchak ist das Verbot des am Feiertag geborenen Eis eine Gsera der Rabbanan, und bei einer Verordnung wird in der Regel erleichternd geurteilt, warum also hat die Bereita das Ei Verboten? Diesen Widerspruch zu lösen gaben sich die Gelehrten viel Mühe. R. Aschi löst das Problem in einem kurzen Satz (bestehend aus 18 Wörtern).

Tatsächlich, sagt R. Aschi, handelt die Bereita von einem Ei, über das Zweifel bestehen, ob es am Schabbat oder am Feiertag geboren wurde (was wir schon immer vermutet haben, den die Bereita fängt ja auch mit dieser Feststellung an), ferner besteht der Zweifel bezüglich ein Verbot der Rabbanan und nicht bezüglich eines Verbots der Tora; und warum wird es dann streng und nicht erleichternd behandelt? Weil wir es hier zu tun haben mit einer Sache, die später erlaubt wird (nach dem Feiertag gegessen werden kann) und deshalb in der Menge nicht aufgeht. Und auch hier haben die Rabbanan strenge Maßstäbe angesetzt. Genau so haben sie auch bei dem Zweifel streng geurteilt.

Fazit: Auch nach R. Josef und R. Jitzchak, die sagen, daß ein am Feiertag geborenes Ei wegen einer Gsera der Rabbanan verboten sei, das Ei, über das Zweifel bestehen, ob es am Feiertag geboren wurde, verboten ist.

Die bisherigen Diskussionen betrafen die Einstellung von Bet-Hillel in der Mischna. Im Folgenden Beschäftigt sich die Gemara mit der Meinung von Bet-Schamai, die aber hier nicht weiter verfolgt wird.