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Talmud - Kleinere Beiträge - Traumdeutung

Talmud

Kleinere Beiträge

Traumdeutung

Seit jeher hat der Traum den Menschen beschäftigt. Er sah in ihm etwas Rätselhaftes, was er zu verstehen versuchte. Beginnend mit Josef und bis zu Freud hat auch die jüdische Kultur versucht, Klarheit in dieses Geheimnis zu bringen, es zu deuten. Die Traumdeutungen des in der Ägyptischen Kultur aufgewachsenen Josef, waren von dieser besonders ausgeprägten Kunst der Ägypter beeinflusst. Wie man auch immer zu diesen Erzählungen der Bibel steht, das 5. Buch Moses scheint von der Traumdeutung im allgemeinen nicht viel zu halten. Spätestens mit dem Auffinden dieses Buches, des Deuteronomium, zur Zeit des Königs Josia (621 v.d.Z.), setzt sich die rationale Denkweise des jüdischen Monotheismus mit Schärfe gegen den Missbrauch der Traumdeutung zur Wehr (5. Moses 13, 2ff).

Eintausend Jahre später taucht der Traum in den Gesprächen der Talmudisten auf. Die Traumdeutung wird an verschiedenen Stellen von mehreren Gelehrten kommentiert, jedoch ist sie selbst nicht Gegenstand einer direkten Diskussion, in der es um die Klärung ihrer Bedeutung geht. Im allgemeinen ist die Einstellung der Gelehrten zur Bedeutung des Traums eher nüchtern, erscheint manchmal sogar psychoanalytisch, aber auch die babylonische Kultur mit ihrem Aberglauben machte sich da und dort bemerkbar. Jedenfalls, so scheint es mir, erfährt man aus den Bemerkungen der Gelehrten weniger über den Traum als über sie selbst, was sie uns näherbringt und liebenswürdig macht.

Schemuel pflegte, wenn er einen schlechten Traum hatte, zu sagen: "Die Träume reden Unsinn (Zach. 10, 2); wenn er einen guten Traum hatte, pflegte er diesen Satz mit einer anderen Betonung zu zitieren: "Reden die Träume Unsinn?". Rawa, ein scharfsinniger Gelehrter, konnte diesen Widerspruch nicht akzeptieren, insbesondere, weil es heißt: "In Träumen rede ich (Gott) mit ihm" (4. Moses 12,6) und so löste er ihn auf: "Es gibt zweierlei Träume, die einen werden durch Engel übermittelt und haben eine Bedeutung, die anderen durch Dämonen und sind unsinnig." Rabbi Bana'a hat die Unsinnigkeit der Traumdeutung auf die Spitze getrieben: "Vierundzwanzig Traumdeuter waren in Jerusalem. Einst hatte ich einen Traum und ging zu allen, und was mir der eine deutete, deutete mir der andere nicht, aber alles, was sie sagten, ging in Erfüllung."

Bar Hadaja (erzählt die Gemara, b. Bera. Kap. IX, aus dem die meisten Beispiele entnommen sind) war Traumdeuter. Wer ihm Lohn gab, dem deutete er Gutes, wer ihm keinen Lohn gab, dem deutete er Böses. Abaje und Rawa wollten ihn mit modernen wissenschaftlichen Methoden prüfen. Beide erzählten ihm den selben Traum. Abaje bezahlte für die Deutung und bekam eine freundliche Deutung, Rawa bezahlte nicht, und ihm wurde eine Katastrophe vorhergesagt. Dreizehn Mal wiederholten sie das Experiment, und immer fand Bar Hadaja für Abaje ein gutes Omen und für Rawa eine vernichtende Voraussicht. Sie erzählten ihm z.B., dass man ihnen im Traum diesen Satz vorgelesen hatte: "Dein Ochs wird vor deinen Augen geschlachtet" (Dt. 28, 31). "Zu Rawa sagte er: Dein Geschäft wird Schaden erleiden, und vor Herzensgram wirst du keine Lust zum Essen haben. Zu Abaje sagte er: Dein Geschäft wird sich erweitern, und vor Herzensfreude wirst du keine Lust zum Essen haben." Schließlich war es Rawa leid, immer wieder betrübende Prophezeihungen zu hören, er gab B. Hadaja ein Honorar und sprach zu ihm: "Ich sah das Haus Abajes einstürzen und mich mit Staub bedecken." B. Hadaja deutete: "Abaje wird sterben und seine Schule wird dir zufallen."

Wenn versucht wurde, die Traumdeutung für wirtschaftliche Vorteile zu nutzen, waren die Gelehrten besonders wachsam. Ein Vormund wollte die Güter von Waisenkindern verkaufen (b. Gitt. 52a), Rabbi Me'ir erlaubte es aber nicht. Da kam der Vormund und erzählte von einem Traum, der einen Hinweis des Himmels enthielt, der Verkauf sei von wirtschaftlichem Vorteil." R. Me'ir ließ sich nicht beirren und sagte: "Träume bringen weder Nutzen noch Schaden." R. Chisda erklärte: "Weder schlechte Träume noch böse Gedanken sollen dich erschrecken." Darüber hinaus wird für Schlechtträumer ein vernünftiger Rat erteilt: Wenn jemand einen Traum sieht und seine Seele betrübt ist, so soll er ihn vor dreien deuten, d.h. selbst an der Erklärung des Traumes aktiv teilnehmen. Einen besseren Rat könnte man heute kaum erteilen. Ferner sagt R. Chisda: "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief."
Aufgeklärt und freudianisch sagt Rabbi Schemuel, dass man dem Menschen im Traum das zeigt, woran er tagsüber denkt. Zur Illustration erzählt die Gemara: König Sapor sprach zu Schemuel: Ihr sagt, ihr seid weise, so sag mir, was ich in meinem Traum sehen werde! Dieser erwiderte: Du wirst sehen, dass die Römer kommen und dich gefangen nehmen. Er dachte daran den ganzen Tag, und nachts träumte er dies. Ein weiterer Satz, der den Traum tiefenpsychologisch deutet: Wer eine Trauerfeier im Traum sieht, dessen erbarmt sich der Himmel, und er wird nicht sterben.

R. Jochanan sagte: Wenn jemand morgens aufsteht und ihm ein Schriftvers in den Mund kommt, so ist dies eine kleine Prophetie. Heute würde man diesen Satz anders formulieren: Morgenstund hat Gold im Mund.

Gabriel Miller