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Talmud - Kleinere Beiträge - Segnungen

Talmud

Kleinere Beiträge

Segnungen

"Welchen Segen spricht man, wenn man einen missgestalteten Menschen sieht?", fragt der Vater seinen Sohn. Da er aber mit einer Antwort nicht rechnet, gibt er sie sogleich selbst: "Gesegnet..., der seine Geschöpfe verändert". Das ist eine meiner Kindheitserinnerungen, die einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterließen. Es war schon sehr überraschend, dass es solch einen Segensspruch für solch eine Situation gibt.

Ein jüdischer Mensch kennt bereits in seiner frühen Kindheit viele Segenssprüche. Wenn man etwas genießen will, ob Speis oder Trank, wird vorab Gott gesegnet, auch beim Gebet gibt es zahlreiche Abschnitte, die mit einer Segnung beginnen oder abschließen, und auch sonst im täglichen Leben, fast bei jeder Gelegenheit und aus jedem Anlass. Kinder (vermutlich aber auch viele Erwachsene) machen sich wenig Gedanken über den Inhalt und die Bedeutung des einzelnen Segensspruchs. Es ist einfach eine Selbstverständlichkeit, wie "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen". Und wenn das Kind mit seinem Essen beginnen will und die Mutter es vor dem ersten Bissen ermahnt: "Hast du schon 'mojze' gemacht?" (Sie meint damit, ob er den Segensspruch aufgesagt hat; 'moize' ist eine Abkürzung für 'hamozi' lechem min haaretz = Gesegnet seiest Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der das Brot aus dem Lande hervorholt), dann murmelt das Kind den Spruch in einem Tempo herunter, bei dem es den schnellsten Vorbeter weit hinter sich lassen würde.

Der anfangs zitierte Segensspruch, der zunächst nur erstaunlich und sogar etwas befremdlich anmutet, erweist sich bei näherem Betrachten als eine sehr soziale und menschliche Einstellung der Weisen der Talmudzeit. Denn dieser Segensspruch besagt nichts anderes, als dass man Gott segnen soll, wenn man einen missgestalteten Menschen sieht, genau so wie man Gott segnet, wenn man einen König ("...der einen Menschen an seiner Herrlichkeit Anteil haben ließ") oder einen Regenbogen ("... der sich an den Bund erinnert") sieht, wenn man eine ungewöhnliche Naturerscheinung erlebt wie Blitz und Donner ("... dessen Stärke und Heldenkraft die Welt erfüllt"). Man soll bei der missgestalteten Person nicht wegsehen, man soll bewusst hinschauen, Gott dafür segnen, dass er sie geschaffen hat und dass es ihm gefiel, diese Person so zu schaffen. Dieser Mensch ist ebenso wie jeder andere ein Geschöpf Gottes, eine Schöpfung nach seinem Willen. Wir Menschen haben das nur zu akzeptieren.

Der erste Traktat im Talmud ist fast ausschließlich dem Thema der Segnungen gewidmet. Sein Name lautet auch "Berachot", Segnungen oder Segenssprüche, Benediktionen. Die Eröffnung des Talmud mit diesem Thema zeigt bereits, welchen Stellenwert die Gelehrten ihm beimaßen. Sie entfalteten ihre Erfindungsgabe, die sie für die Formulierung von hunderten Segenssprüchen für alle Lebenslagen und alle Erscheinung des Kosmos mobilisierten. Der Mensch soll sich stets, und zwar mehrmals am Tag, der Gabe und Wirkung Gottes besinnen und ihm dafür danken - ein Brauch, den es in anderen, auch den nicht-monotheistischen Religionen, so nicht gibt. Zugegeben, es gibt auch Segnungen, die dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen. Wenn im Morgengebet unter den vielen Segenssprüchen ein besonderer für den Mann bestimmt ist, der lautet: "Gesegnet..., der mich nicht gemacht zur Frau", während er für die Frau lautet: "Gesegnet..., der mich geschaffen nach seinem Willen", fühlen sich viele Gläubige nicht angesprochen. Theologen werden hierfür sicherlich Erklärungen und Ausreden zur Genüge finden, was jedoch die Annahme nicht widerlegt, dass der Judenheit zur Zeit eine religiöse Autorität fehlt, welche den Bestrebungen der Moderne Rechnung tragen könnte.

Bemerkenswert ist, dass Segenssprüche im Altertum, in den Anfängen des Judentums, so nicht bekannt waren. In der Tora kommt die Verbform baruch, gesegnet, jeweils im Zusammenhang mit Gott oder mit einer höhergestellten Person oder Wesensart vor, die einen Niederrangigen segnet. Priester segnen das Volk, die Erzväter segnen ihre Kinder, der Engel segnet Jakob und selbstverständlich erteilt auch Gott seinen Segen. Dass aber ein Mensch Gott segnet, scheint für die Tora sprachlich wie inhaltlich widersinnig zu sein. Drei Ausnahmen bestätigen die Regel. Noach sagt: "Gesegnet sei der Ewige, der Gott Schems..." (Gen. 9, 26). Malki-Zedek, König von Schalem und Priester des El Eljon (man kann ausschließen, dass es sich bei El Eljon um den Gott Abrahams handelt) segnete Abraham: "Gesegnet sei Abram dem El Eljon, dem Schöpfer von Himmel und Erde und gesegnet sei El Eljon, der deine Feinde in deine Hand gegeben" (Gen. 14, 20). Der Knecht Abrahams segnet Gott, nachdem seine Mission, für den Sohn seines Herrn eine Frau zu finden, erfolgreich war: "Gesegnet sei der Ewige, der Gott meines Herrn..." (Gen. 24, 27). Auffallend ist, dass diese Segnungen von Menschen ausgesprochen wurden, die den Gott Abrahams nicht kannten, zumindestens dessen Erkenntnisse eines monotheistischen Gottes nicht teilten.

In den heutigen Übersetzungen wird in den Segenssprüchen „baruch“ mit „gelobt“ oder „gepriesen“ übersetzt. Möglicherweise wurde in späterer Zeit diesem Verb eine weitere Bedeutung hinzugefügt. Es schadet auch nichts, wenn in einem biblischen Vers „baruch“ einmal mit „gesegnet“ und einmal mit „gelobt“ übersetzt wird. Die Vielfalt der Segenssprüche mit ihren reichhaltigen Inhalten und Assoziationen ist eine Schöpfung, die emotional und kognitiv die Leser bereichert.

Gabriel Miller