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JÜDISCHES RECHT

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Talmud - Kleinere Beiträge - Mystik, Endzeitberechnung

Talmud

Kleinere Beiträge

Mystik, Endzeitberechnung


Die Endzeitberechnung ist Teil der jüdischen Mystik.

Sie wird hier exemplarisch für alle Bereiche der Mystik dargestellt.

Wie gefährlich die Beschäftigung mit der Mystik ist, wurde im Talmud durch eine kleine Allegorie dargestellt. Diese Geschichte wurde seit jener Zeit in zahllosen Artikeln und Büchern analysiert und interpretiert. Zur Geschichte selbst:

Vier der bekanntesten Gelehrten anfangs des 2. Jhdt. gingen in einen Obstgarten (symbolisch für die Geheimlehre = Mystik), stiegen also in das Studium der Mystik ein.

Der Eine (ben Asaj) verstarb, der Zweite (ben Soma) hat den Verstand verloren, der Dritte (Elischa ben Awoja) zweifelte an den Grundfesten des jüdischen Glaubens (wurde abtrünnig und nie mehr im Talmud bei seinem Namen, sondern der Andere genannt), der Vierte (Rabb. Akiva, der bekannteste Gelehrte seiner Zeit), ging heil hinein und kam heil heraus.

Diese Geschichte sollte die Gefahr der Beschäftigung mit Geheimlehren veranschaulichen. Außerdem haben die Gelehrten im Talmud die Einweisung in die "Geheimnisse der Tora" nur in Ausnahmefällen zugelassen (also gingen sie davon aus, dass sich in der heiligen Schrift der Tora Geheimnisse verbergen).

Auch R. Akiva hat die Vertiefung in die Mystik, nach meiner Meinung, nicht heil überstanden. Er hat den Bar-Kochba-Aufstand gegen Rom maßgeblich gefördert und erkannte in Bar-Kochba den Messias (was schon für sich spricht), und bedachte nicht, dass dieser Aufstand fast zur Auslöschung des jüdischen Volkes führen würde.

Gleichzeitig kann man feststellen, dass das Interesse an diesen Dingen zu allen Zeiten und in allen Bevölkerungsschichten sehr verbreitet war. Im Talmud findet man dazu seitenweise Meinungen, jedoch soll als erstes eine Geschichte zitiert werden, die ein Datum der Endzeit voraussagt:

R. Chanan b. Tachlifa teilte R. Josef mit: Ich traf einen Menschen, der eine in Quadratschrift und in der Heiligensprache geschriebene Rolle in seinem Besitz hatte, und auf meine Frage, woher er sie habe, erwiderte er mir, er hätte sich an das römische Heer vermietet und sie in einer römischen Verwahrungsstelle gefunden. Auf dieser stand geschrieben: 
Viertausendzweihunderteinundneunzig Jahre nach der Weltschöpfung wird die Welt verwaist sein; es folgen Kriege..., und darauf die messianischen Tage.
(Sanhedrin Bl. 97b)


Es gibt in diesem Traktat mehrere Gelehrte, die sich dazu äußern, unter welchen Bedingungen der Messias kommen wird. Auszüge hiervon folgen:

Talmud, Traktat Sanhedrin, Beginn bei Blatt 96 b, unten

Das in Kursivschrift Gedruckte sind Zitate aus div. Büchern des AT

R. Nachman sprach zu R. Jizchak: hast du vielleicht gehört, wann der Sohn der Verfallenen1 kommen wird? Dieser fragte: Wer ist der Sohn der Verfallenen? Jener erwiderte: Der Messias

- den nennst du Sohn der Verfallenen!? Jener erwiderte: 

- Freilich, denn es heißt: an jenem Tage werde ich die verfallene Hütte Davids wiederaufrichten. Da erwiderte er:

- So sagte R. Jochanan: Im Zeitalter, in dem der Sohn Davids kommen wird, werden die Schriftgelehrten vermindert werden, und auch die Augen der anderen werden vor Trauer und Klage dahinschwinden; viele Leiden und böse Verhängnisse werden neu aufeinander folgen; bevor noch das eine vorüber sein wird, wird das andere bereits herbeigeeilt sein.

Die Rabbanan lehrten:

- Im Septennium2, in dem der Sohn Davids kommen wird, wird sich folgendes ereignen: im ersten Jahr wird in Erfüllung gehen der Schriftvers: ich werde regnen lassen auf die eine Stadt und auf die andere Stadt nicht. Im zweiten werden Pfeile des Hungers abgesandt werden. Im dritten wird der Hunger sehr stark sein; Männer, Frauen und Kinder, Fromme und Männer der Tat werden sterben und die Tora wird bei denen, die sie studieren, in Vergessenheit geraten. Im vierten wird eine Sattheit und doch keine Sattheit sein, im fünften wird eine große Sattheit sein; man wird essen und trinken und lustig sein, und die Tora wird zu denen, die sie studieren, zurückkehren, im sechsten werden Stimmen erschallen. Im siebenten werden Kriege sein. Am Ausgange des siebenten wird der Sohn Davids kommen. R. Joseph sprach:

- Es sind ja bereits viele Septennien dieser Art eingetroffen, dennoch ist er nicht gekommen!? Abajje erwiderte ihm:

- Sind etwa auch die Stimmen des sechsten Jahres und die Kriege des siebenten eingetroffen; und sind ferner diese Ereignisse etwa in der richtigen Reihenfolge eingetroffen?!

Es wird gelehrt: R. Jehuda sagte:

- Im Zeitalter, in dem der Sohn Davids kommen wird, wird das Versammlungshaus der Gelehrten zum Hurenhause werden, Galiläa wird zerstört und Gabla verwüstet werden; die Grenzbewohner werden von Stadt zu Stadt wandern, ohne dass man sich ihrer erbarmen wird; die Weisheit der Gelehrten wird entarten, die Sündenscheuen werden verachtet sein und die Wahrheit wird vermisst werden, denn es heißt: und so kam es, dass die Wahrheit vermisst ward, und wer Böses meidet, ist wahnsinnig. 

- Was heißt: und so kam es, dass die Wahrheit vermisst ward? In der Schule Rabhs erklärten sie: Sie wird sich in Herden teilen und auswandern. Was heißt: wer Böses meidet, ist wahnsinnig? In der Schule R. Silas erklärten sie: Wer Böses meiden wird, wird bei den Menschen als wahnsinnig gelten.

Raba sagte:

- Zuerst glaubte ich, es gebe in der Welt keine Wahrheit, bis mir einer von den Jüngern, namens R. Tabjomi, einer der sein Wort nicht brechen würde, selbst wenn man ihm das ganze Vermögen der Welt geben würde, folgendes erzählte: Einst kam er zu einer Ortschaft, die 'Wahrheit' hieß; da brechen sie nicht ihr Wort, und es gab keinen, der vor seiner Zeit gestorben wäre. Dort nahm er eine Frau und bekam von ihr zwei Kinder. Eines Tages, als seine Frau gerade den Kopf wusch, kam eine Nachbarin und klopfte an die Tür; er glaubte, es sei nicht schicklich, und sagte ihr, seine Frau sei nicht anwesend3. Da starben ihm seine beiden Kinder. Hierauf kamen die Einwohner der Ortschaft zu ihm und fragten ihn, was dies zu bedeuen habe, und als er ihnen das Ereignis erzählte, sprachen sie zu ihm: Wir ersuchen dich, unsere Ortschaft zu verlassen, damit du nicht den Tod auf die Einwohner hetzest.

Es wird gelehrt: R. Nehoraj sagte:

- Im Zeitalter, in dem der Sohn Davids kommen wird, werden die Jungen das Gesicht der Greise beschämen und Greise werden vor den Jungen aufstehen; eine Tochter wird gegen ihre Mutter auftreten, eine Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter.

Es wird gelehrt: R. Nechemia sagte:

- im Zeitalter, in dem der Sohn Davids kommen wird, wird die Frechheit überhandnehmen und die Achtung entarten; der Weinstock wird seine Früchte bringen, der Wein aber wird teuer sein; und auch die ganze Regierung wird der Ketzerei verfallen, und eine Zurechtweisung wird es nicht geben. Dies ist eine Stütze für Rabb. Jizchak, denn Rabb. Jizchak sagte:

- Der Sohn Davids wird erst dann kommen, wenn die Regierung ganz der Ketzerei verfallen sein wird.

Die Rabbanan lehrten:

- Denn der Herr wird seinem Volke Recht schaffen etc., wenn er sieht, dass jeder Halt geschwunden ist, und Verschlossenes und Verlassenes fort ist.  Der Sohn Davids kommt nicht eher, als bis die Angeber überhandgenommen haben werden. Eine andere Deutung: Bis die Schüler sich vermindert haben werden. Eine andere Deutung: Bis jeder Peruta4 aus dem Geldbeutel geschwunden sein wird. Eine andere Deutung: Bis sie an der Erlösung verzweifelt sein werden. So pflegte R. Zera, wenn er die Jünger traf, wie sie sich darüber unterhielten, zu ihnen zu sagen: Ich bitte euch, sie nicht hinauszuschieben, denn es wird gelehrt, drei Dinge treffen ein, wenn man nicht daran denkt, und zwar: der Messias, ein Fund und ein Skorpion.5

R. Qattina sagte: Sechstausend Jahre wird die Welt bestehen und eintausend zerstört sein, denn es heißt: und der Herr wird allein an jenem Tage erhaben sein. Abajje sagte, zweitausend werde sie zerstört sein.

Rabh sagte: Alle Angaben über das Ende sind bereits vorüber; die Sache ist nur von Buße und guten Taten abhängig.

Samuel sagte: Es genügt, wenn die Israeliten in der Diaspora leiden.

R. Chama ben Chanina sagt: Der Sohn Davids wird nicht eher kommen, als bis es keine Hochmütigen in Israel geben wird.

R. Gidel sagte: Dereinst werden die Israeliten die messianischen Jahre genießen.

R. Josef sprach: Selbstverständlich, wer denn sonst, etwa Chillek und Billek?6


Zusammenfassung:

Vier verschiedene Meinungen haben sich bei den Gelehrten herauskristallisiert:

Keiner der Gelehrten, die die Endzeitberechnung verneinen oder verbieten, hat sich auf eine Tora-Vorschrift oder auf eine Überlieferung berufen; ihre Ablehnung beruht nicht auf dem jüdischen Recht, sondern entstammt religiösen oder gesellschaftlichen Gründen.

  1. Es gibt kein Verbot, die Endzeit zu berechnen. Es gibt sogar eine gute Aussicht auf Erfolg, nur dass man es nicht seinem Nächsten erzählen und jeder nur für sich selbst handeln darf.
  2. Man darf und kann die Endzeit berechnen, aber da sich immer ein Fehler einschleichen kann, könnte es zu einer Enttäuschung der Allgemeinheit kommen, wenn die Vorhersage sich nicht erfüllt, was zu einer Abkehr vom Glauben an die Endzeit führen könnte. Deshalb haben die Gelehrten diejenigen, die sich damit beschäftigen, verflucht.
  3. Darüber hinaus kann Gott seine vorgesehene Endzeit ändern. Man kann Gottes Absicht auch durch gute Taten nicht beeinflussen, weshalb es absolut keine Möglichkeit gibt, die Endzeit zu berechnen.
  4. Nicht nur, dass es keine Möglichkeit gibt, die Endzeit zu berechnen. Es gibt auch gar keine festgelegte Endzeit. Dies kommt auch in den vielen Sprüchen zum Ausdruck, die mit den Worten beginnen: "Der Messias, Sohn des David, wird kommen, wenn...".

Kurz zusammengefasst: a) Man kann die Endzeit berechnen und es ist gestattet, b) man kann es, aber es ist verboten, c) es gibt dafür keine Möglichkeit, d) es gibt keine festgelegte Endzeit.

Zum Schluss soll Maimonides (der weiseste Jude, 12. Jhdt.) zitiert werden:

Er äußert sich allgemein zu den Themen, die in den Bereich der Mystik gehören: 
Endzeitberechnung und -vorhersage, die zukünftige Welt (das Jenseits), Auferstehung der Toten und Ähnliches.

"Und all diese Dinge und dergleichen, da sie bei den Propheten verborgen sind und auch die Weisen diesbezüglich keine Überlieferung haben; kann der Mensch nicht wissen wie sie sein werden, bis dass sie sein werden. Und der Mensch soll sich niemals mit Sagen beschäftigen, und sich auch nicht in die Deutungen dieser Dinge vertiefen und dgl., und soll sie nicht zur Hauptbeschäftigung machen, da sie nicht zu Gottesfurcht und nicht zu Gottesliebe beitragen und er soll auch nicht die Endzeit berechnen. Die Weisen sagten: verflucht sollen die Endzeitberechner sein, man soll eher die Sache abwarten und an dem Glauben festhalten".


Gabriel Miller

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1 Das sind Riesen, die von den Gottes-Söhnen und den Menschen-Frauen (Genesis 6) gezeugt wurden.
2 7-Jahres-Zyklus
3 er log also
4 kleinster Geldwert
5 wenn Ihr euch aber damit beschäftigt und daran denkt, dann wird das Momentum des Nicht-Denkens zunichte gemacht.
6 zwei Spottfiguren jener Zeit (etwa Tünnes und Schäl)