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JÜDISCHES RECHT

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Talmud - Einführung

Talmud

Vorbemerkung

Es gibt zahlreiche Einführungen in den Talmud. In der Regel sind es umfangreiche Bücher, was einen nicht wundern darf, da es vermessen wäre, diesen Gegenstand in Kürze zu beschreiben.

Andererseits soll diese Webseite, die sich zu einem großen Teil mit dem Talmud als der Grundlage und Hauptquelle des jüdischen Rechts beschäftigt, nicht gänzlich ohne eine Einführung bleiben.

Aus diesem Grund wird ein Vortrag, der von Oberrabbiner Chaim Eisenberg 1985 in Wien gehalten wurde, mit wenigen Kürzungen und Änderungen hier wiedergegeben. Diese Einführung, mit leichtem Humor vorgetragen, erhebt nicht den Anspruch, eine umfassende Lektüre zu sein, sie soll lediglich eine Vorstellung (einen ersten Geschmack) vom Talmud vermitteln.

Einführung in den Talmud

von Chaim Eisenberg

Es gibt eine Anekdote im Talmud, die ich häufig verwende. Sie haben sie wahrscheinlich schon gehört. Sie ist irgendwie für mich, für den heutigen Abend und für das heutige Thema typisch: Es kam ein Mann, ein Heide zu Hillel, einem Talmudlehrer, der vor etwa 2000 Jahren gelebt hat, und wollte sich zum Judentum bekehren. Dabei hat er aber eine Bedingung gestellt. Er sagte zu Hillel, er möchte sich zum Judentum be­kehren, wenn Hillel ihm das Wesen des Judentums erklärt, solange er auf einem Bein steht. Hillel antwortete darauf mit dem Sprichwort, das im Deutschen lautet: „Was Du nicht willst, das man Dir tue, das füg’ auch keinem anderen zu“. Außerdem sagte er ihm: Jetzt gehe und lerne weiter!

So ist es jetzt ungefähr mit dem Talmud: ich soll Ihnen auf einem Fuß stehend, d.h. in ein paar Minuten eine Einführung in den Talmud geben. Es ist praktisch nicht möglich. Es ist auch fast nicht mög­lich, einen so schönen Satz, wie ihn Hillel erwähnt hat, zu sagen. Wenn also das, was ich hier versuchen werde Ihnen näher zu bringen, nicht vollständig ist, dann bitte ich mich zu entschuldigen. Ich weiß, dass es nicht vollständig ist. Es kann nicht vollständig sein! Der Talmud ist ein Werk, das ungefähr 4000 lange Seiten hat und jede Seite ist nicht so wie die Seite in einem Buch, die man in ein paar Minuten lesen könnte. Für jede Seite braucht man, wenn man ein geübter Talmudleser ist, ungefähr eine Stunde. Und das jetzt zusammenzufassen, ist sicher nicht möglich.

Es gibt eine Menge Bücher, die sich eine Einführ­ung in den Talmud nennen. Vielleicht haben sie einige schon gesehen. Sie sind alle recht gut. Ich werde auch ein wenig aus ihnen zitieren, denn etwas ganz Originelles, etwas ganz Neues über den Talmud zu sagen, ist eher schwer.

Ich will gleich zur Sache an sich gehen. Der Talmud geht davon aus, dass der biblische Text einer Interpretation bedarf. Der Text der Bibel, so wie wir ihn kennen, ist sicher interpretierungswür­dig und interpretationsbedürftig. Ohne die Definition mancher Gesetze wüsste man nicht genau, wovon die Bibel hier spricht. Und diese Interpretation wäre etwa der Talmud.

Aber zunächst einmal ist es sehr wesentlich für das Selbstverständnis des Judentums, zu verstehen und zu wissen, dass dieser Talmud - oder nennen wir es zunächst mündliche Lehre oder mündliche Tradition - nicht ein später entstandenes Werk ist, sondern nach unserer Tradition eigentlich schon vom Berg Sinai mit der schriftlichen Lehre gemeinsam verkün­det wurde. Es heißt da in einem Traktat des Talmuds, „Sprüche der Väter: "Moses bekam die Tora vom Sinai und gab sie weiter dem Josua und der gab sie weiter den Ältesten, dann wur­den sie den Propheten weitergegeben. Und was da so weitergegeben wurde, das ist nach der jüdischen Tradi­tion nicht nur die Bibel als solche, nicht nur die fünf Bücher Mose, der Pentateuch, sondern das sind zugleich Ausführungsbestimmungen, erklärende Bestim­mungen, die sich lange Zeit mündlich bewahrt hatten.

Lange Zeit bleibt diese Lehre auch mündlich und wird erst später, als es notwendig wird, schriftlich niedergelegt. Die Menschen der alten Zeit besaßen ein erstaunliches Gedächtnis, in dem sie Wissensstoff zu speichern vermochten. D.h. sie haben sich den Stoff lange Zeit auch auf mnemotechnische Weise gemerkt. Doch die Lehre wird von Jahrhundert zu Jahrhundert umfangreicher und damit kaum mehr überschaubar. Die Gefahr des Vergessens zwingt zur Niederschrift des Stoffes, nicht nur wegen der Quantität des Stoffes, sondern auch wegen der römischen Besetzung Palästinas im ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, wodurch die Lehr- und die Lerntätigkeit empfindlich gestört wurde.

Die Leiter der Akademien beginnen mit der Sichtung des Materials. Zunächst denkt man überhaupt nicht an ein Buch oder an eine Publikation. Aber letzten Endes zwingen die Umstände die religiösen Führer und insbesondere R. Jehuda ha-Nassi (R. Jehuda den Patriar­chen), um das Jahr 200 u.Z., die ihm verbindlich erscheinenden Lehren der mündlichen Tradition in einem sechsbändigen Werk zu veröffentlichen. Er nennt dieses Werk „Mischna“, was soviel bedeutet wie Lehre. Die Sprache dieser Mischna ist hebräisch, aber wir finden auch griechische und aramäische Ausdrücke. Wie gesagt, die Mischna ist in sechs Ordnungen eingeteilt, und diese Ordnungen wiederum in Traktate, die Traktate in Kapitel und die Kapitel in kleinere Abschnitte, die wir Mischnajot nennen. D.h. es ist ein sehr schön gegliedertes Werk, auch wenn es die Ordnung nicht immer beibehält. Es kann z.B. im Abschnitt über „Schabbat“ einmal über etwas anderes die Rede sein, aber in der Mischna ist im Großen und Ganzen dennoch diese Ordnung gewahrt.

Nun ist interessant, dass R. Jehuda in der Mischna nicht nur die zum Gesetz erhobene Meinung zitiert, sondern sehr häufig zwei Lehrmeinungen. Oft steht die Meinung eines einzelnen Lehrers gegen eine Mehrheitsmeinung. Es gibt auch Material, das  in der Mischna keine Aufnahme fand. Dieses Material ist aber nicht verloren gegangen, es ist durch andere Sammlungen später in den Tal­mud eingeflossen. Die Mischna umschließt das ganze Spektrum des Lebens. Auf den einleitenden Abschnitt über die Gebete folgen die Vorschriften zum Ackerbau, zu den Feiertagen, zum Ehe- und Sachenrecht, zu Fragen des Strafrechts, zu Opfer- und Speiseverordnungen. Auch Reinheitsvorschriften finden wir sowie die schon erwähnten Sprüche der Väter, eine Sammlung von ethischen Sprüchen.

Diese Mischna ist sehr kurz gefasst, fast wie im Telegrammstil. Das Leben aber ist sehr vielfältig und ohne Stillstand. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Mischna bald nicht mehr genügte, und dass - so wie früher die Bibel - jetzt die Mischna in den Schulen der Gelehrten als Grundlage für Diskussionen genommen wird. Und es gibt verschiedene Ansichten verschiedener Gelehrter über die Sprüche der Mischna-Rabbinen, der Tanna’im. Widersprüche werden aufgedeckt, Unklares versucht man zu erklären. Die Antworten versucht man durch Zitate der Bibel zu belegen und man ist in erster Linie bestrebt, verschiedenartige Meinungen zu harmonisieren und einen gemeinsamen Nenner herauszukristallisieren. So dauerte es etwa zweihundert Jahre, bis in Palästina die Protokolle dieser Diskussionen erschienen - die so genannte „Gemara“.

Mischna und Gemara zusammen heißen Talmud, die Lehre. Etwa um 400 u.Z. wird der so genannte Talmud Jeruschalmi oder palästinensische Talmud veröffent­licht. Aber es wird nicht nur dort studiert, sondern auch in den Zentren der Babylonischen Judenheit. In den Städten an den Flüssen Euphrat und Tigris sind Gene­rationen von Gelehrten damit beschäftigt, mit unerhör­tem Fleiß und Scharfsinn die Worte der Bibel zu erfor­schen und die Gesetze auf richtige Weise zu deuten. Ihre mit scharfer Logik geführten Debatten werden hundert Jahre nach dem Erscheinen des Jerusalemischen Talmuds im Babylonischen Talmud zusammengefasst, einem gigant­ischen Werk, das heute im Original je nach Ausgabe etwa 15 Bände ausmacht, 63 Traktate sind es und etwa 4000 Seiten, Und es ist interessant, dass gerade dieser Babylonische Talmud, vielleicht weil er später entstanden ist, weil er mehr Stoff beinhaltet, der wichtigere, der zumeist gelehrte und gelernte Talmud geworden ist.

Ich habe gesagt und ich möchte das ein bisschen belegen, dass die Mischna Gesetze, die in der Tora vorkommen, erklärt. Ich möchte zunächst ein oder zwei Beispiele bringen. Ganz am Anfang der Mischna heißt es: „Wann sagen wir das (Gebet) Schma Israel (Höre Israel!) am Abend?" So sagt die Mischna und die Antwort ist: „Wir sagen das Schma Israel am Abend, wenn die Priester am Abend in das Heiligtum gehen und von der der Hebe (eine Opfergabe, die nur von Priestern verzehrt wird) essen“. Dann wird gefragt: „Und wie lange darf man dieses Schma Israel - das Abendgebet - sprechen?“ Da gibt es verschie­dene Meinungen. Rabban Gamliel sagt: „Man darf das Gebet, dieses Abendgebet bis zum Morgengrauen sagen, die ganze Nacht hindurch darf man dieses Gebet sagen." Und die Rabbanan, d,h, die Lehrmeinung der Mehrheit sagt: „Bis Mitternacht“. Soweit die Mischna.

Jetzt will ich zu diesem ersten Teil noch ein ganz wenig aus der Gemara zitieren und Sie werden sehen, dass man aus diesem ersten Satz schon sehr viel über das Wesen der Mischna im allgemeinen lernen kann. Zunächst stellt die Gemara eine interessante Frage, eine Art Überraschungsfrage: „Warum sagt die Mischna, wann man beginnen soll und bis wann man das Gebet beenden soll? Woher wissen wir, dass wir das Gebet überhaupt sprechen sollen? Beginnen wir einmal damit“, sagt der Talmud. Woher wissen wir, dass man das Gebet überhaupt spricht?

Wenn Sie die Bibel durchschauen, werden Sie keinen Text finden, der sagt, dass man das Schma Israel am Abend und Morgen beten muss. So wörtlich steht es nicht drin. Aber das Schma Israel ist ja ein Bibeltext und in diesem Bibeltext heißt es: „Höre, Israel! Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig. Und du sollst lieben den Ewigen deinen Gott, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Vermögen…. Und diese Worte, die ich dir heute sage, sollen auf deinem Herzen sein und du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt in deinem Haus, und wenn du auf dem Wege gehst, wenn dich niederlegst und wenn du aufstehst.“ Und hier, in diesem Bibeltext, ist angedeutet, dass dieses Schma Israel beim Abendgebet und beim Morgengebet zu sagen ist. Das also antwortet auch die Gemara und sagt: Die Mischna muss zunächst einmal gar nicht festlegen, dass man das Schma Israel beten muss, denn das steht ja schon in der Bibel. Nur die Bibel sagt uns, dass man das beim Niederlegen und beim Aufstehen sagen soll: wenn man liegt und wenn man steht.

Bedeutet jetzt - und das ist sozusagen die wesentliche Frage - bedeutet das Niederlegen die Zeit, wenn sich die Leute niederlegen oder bedeutet das Niederlegen die Zeit, wenn die Leute liegen, d.h. die ganze Nacht über? D.h. die Leute legen sich am Anfang der Nacht hin, liegen aber die ganze Nacht. Heißt das also, dass man sich im ersten Teil der Nacht niederlegt und daher das Schma Israel bis zur Mitternacht sprechen soll oder heißt es, dass man das Schma Israel bis in den Morgen hinein sagen kann? Das ist eigentlich die Diskussion, d.h. der Talmud zeigt uns zunächst etwas, was die Mischna für selbstverständlich annimmt: dass man sich auf einen Bibeltext stützt; zweitens, in der Gemara, dass dieser Bibeltext verschiedene Auslegungen erlaubt, und dass daher zwei Meinungen auch tatsächlich in dieser Mischna vorkommen.

Dann erzählt die Mischna eine weitere interessante Geschichte, die noch unverständlicher wird: Die Söhne des Rabban Gamliel haben an einem Mahl teilgenommen und sind nach Mitternacht nach Hause gekommen. Sie kommen zum Vater, dessen Meinung ist, dass man das Schma Israel bis in den Morgen sagen darf, während die Rabbanan, die Mehrheit sagt: „Nur bis Mitternacht“. Sie kommen also nach Mitternacht nach Hause und gehen zu Rabban Gamliel und fragen ihn: „Wir haben das Schma Israel noch nicht gesagt, es ist nach Mitternacht, sollen wir es jetzt noch sagen oder nicht?“

Nun ist dieser Rabban Gamliel in einer Zwick­mühle, insofern als er ja eigentlich selbst der Meinung ist, dass man es bis zum Morgen sagen soll, die Mehr­heit der Gelehrten aber der Meinung ist, dass man es nur bis Mitternacht beten soll. Was wird jetzt Rabban Gamliel machen? Eine allgemeine Regel im Talmud lautet nämlich, dass wenn ein Einzelner und eine Mehrheit einander widersprechen, die Meinung der Mehrheit zählt. (So ist es auch heute in demokratischen Einrichtungen.)

Also, was macht Rabban Gamliel? Bleibt er bei seiner Meinung und sagt ihnen: „Ihr dürft das Schma Israel sagen“, oder schließt er sich der Meinung der Mehrheit an und sagt: „Ihr dürft es nicht mehr sagen“? Da sagt Rabban Gamliel: „Ja, ihr dürft das Schma Israel noch sagen. Und das ist nicht nur meine Meinung, sondern das ist auch die Meinung der Rabbanan, der Weisen.“

Dann sagt er: „Überall, nicht nur hier wo die Weisen sagen, dass ein gewisses Gesetz bis Mitternacht ausgeführt sein muss, meinen sie eigentlich, dass man es bis in den Morgen sagen darf; nur haben die Weisen Angst, dass wenn die Leute wissen, sie dürfen es bis in den Morgen sprechen, sie schlafen gehen werden und bis nach Sonnenaufgang schlafen, bis nach der Morgenröte. Sie werden dadurch den Termin absolut versäumen. Denn wenn die Sonne schon am Himmel steht, kann man sicher nicht das Abendgebet vom gestrigen Abend sagen. Daher sagen die Weisen, ‚seid vorsichtig, betet es bis Mitternacht’. Aber in Wirklichkeit sind die Weisen meiner Meinung und man darf es bis in den Morgen sagen, sofern man es nicht bis zur Mitternacht gesagt hat."

Es ist also interessant, dass er sich ihnen nicht untergeordnet und auch nicht umgekehrt, sondern er hat sie uminterpretiert. Denn nach der strengen Regel darf er nicht einfach sagen: „Meine Meinung ist entscheidender als die Meinung der Mehrheit. Aber er hat die Mehrheit in einer Form umgedeutet, wodurch sozusagen er gewonnen hat, und die anderen auch nicht verloren haben. Also sind sie auch seiner Meinung. Das sind die ersten Zeilen des Talmuds und in dieser Weise geht es weiter.

Noch eine weitere Diskussion gerade zu der Stelle, weil Sie die Talmud­ische Diskussionsart veranschaulicht: Es wird dann gefragt, was heißt das, man soll das Schma Israel erst sagen, wenn die Priester die Hebe essen gehen? Warum gibt uns die Mischna nicht einen genauen Zeitpunkt? Die Leute, die nicht im Tempel sind, die nicht in der Nähe der Priester sind, die wissen doch nicht, wann die Prie­ster die Hebe essen, wie sollen die wissen, wann man das Abendgebet spricht?

Die Antwort ist ganz einfach: Hier gibt uns die Mischna nebenbei noch andere Informationen. Denn die Tatsache, dass die Priester erst dann die Hebe essen dürfen, wenn die Sterne am Himmel stehen, das weiß man von anderswo. Dazu muss man natürlich schon einen anderen Teil der Mischna gelernt haben. Und so wird sozusagen eine Zeit mit der anderen identifi­ziert. Dabei lernt man nicht nur, wann dieser Zeitpunkt ist, sondern auch was für andere Dinge es gibt, die man zu dieser Zeit beginnt. Aber ich will nicht vertiefen, sonst finden wir nicht mehr heraus. Das war der Beginn der Mischna mit einem bisschen Gemara. Es wird ein Satz aus der Bibel genommen, er wird interpretiert, er kann verschieden interpretiert werden und bis heute geht das so weiter.

Die Verfasser des Talmuds waren die so genannten Pharisäer, und dieses Wort Pharisäer hat einen ziemlich schlechten Klang im Deutschen. Pharisäer bedeutet im Deutschen oft, dass jemand ein Heuchler ist, dass er sich als frommer Mann hinstellt, was er in Wirklichkeit gar nicht ist. Ich möchte diesen Irrtum ein wenig aufklären. Die Pharisäer waren, das dürfte bekannt sein, eine der Gruppen des jüdischen Volkes um die Zeit von Jesus. Das wird Ihnen sicher aus Ihrer Ge­schichts- und Religionskunde bekannt sein. Es gab die Sadduzäer, die Pharisäer und die Essener. Die Pharisäer waren diejenigen, die den Talmud sozusa­gen geschaffen haben. Aus ihren Diskussionen ist der Talmud geworden. Was Jesus anklagte, waren nie die Pharisäer in ihrer Allgemeinheit, sondern die nicht ehrlichen Pharisäer. Und durch einen Irrtum ist das dann im Sprachgebrauch so geworden, als wären alle Pharisäer unehrlich.

Ich möchte Ihnen jetzt einige Pharisäer, die Geschichte gemacht haben, vorstellen. Zum Beispiel Hillel, von dem wir schon gesprochen haben. Er wurde im ersten Jahrhundert v.d.Z. in Babylonien geboren und zog in seiner Jugend nach Palästina. Dort lebte er in großer Armut und ernährte sich mit schwerer Arbeit. Er wollte lernen, hatte aber nicht immer das Eintrittsgeld für den Besuch des Lehrhauses von Schmaja und Abtalion. Daher kletterte er, wenn er das Geld nicht hatte, aufs Dach, um von dort den Diskussionen zuzuhören.

Es war ein Wintertag, und an diesem Tag hat er dieses Eintrittsgeld eben nicht gehabt. Da ist er aufs Dach gestiegen. Es begann zu schneien. Er war aber so in das Zuhören vertieft, dass er es nicht gemerkt hat. Am nächsten Morgen bemerkte man, dass es so merkwürdig dunkel in der Lehrhalle war. Dann merkte man, dass oben ein halberfrorener Mann den Kamin bedeckte.. Man holte ihn herunter und wärmte ihn auf und von da an durfte er unentgeltlich an den Diskussionen teilnehmen.

Interessant ist auch, dass es an einem Schabbat war und die Gelehrten gesagt haben, man möge Wasser wärmen (obschon das am Sabbat verboten ist), um ihn zu waschen und ihn wieder zum Leben zu bringen. Und das ist auch eines der Prinzipien des Talmuds: so wichtig uns auch unsere Gesetze und Gebräuche sind, das Leben des Menschen ist uns doch bei weitem wichtiger und daher war es selbstverständ­lich, dass man für ihn die Schabbatruhe gebrochen hat.

Hillel hatte ein wunderbares Gedächtnis und die Gabe, seine Gedanken klar zu formulieren. Er erklärte die Texte der Schrift nach ganz bestimmten Regeln der Schriftdeutung, die er als erster präzise festgelegt hat. Als man sah, wen man da vor sich hatte, wurde er letzten Endes Vorsitzender des obersten Gerichts­hofes. Er hatte eine sprichwörtlich gewordene Geduld und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen, selbst dann nicht, wenn er unablässig gestört wurde.

Er war also der Mann, der dem Proselyten gesagt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst oder was dir verhasst ist, das sollst du ihm nicht tun!“. Damit hat er die zwischenmenschlichen Beziehungen als die wichtigste Maxime des Judentums anerkannt. Gleichzeitig hat er aber gesagt: „und jetzt gehe und lerne.“ Näch­stenliebe ist wohl eine Säule, aber das ist nicht alles. Es gibt noch sehr viel mehr. Er hat also prak­tisch den Wunsch des Mannes, dass er das Wesen des Judentums auf einem Fuß erlernt, gar nicht erfüllt. Er hat gesagt: etwas kann ich dir jetzt sagen, aber in Wirklichkeit musst Du weiterstudieren.

R. Jochanan ben Sakai soll auch vorgestellt werden. Er war ein Schüler Hillels und historisch von großer Bedeutung, weil er einen sehr gefährlichen historischen Augenblick erkannt und richtig reagiert hat. Jerusalem war von den Römern umzingelt. Es gab verschiedene Gruppierungen, solche, die meinten, man müsste gegen die Römer kämpfen und andere, die nicht für den Kampf waren. R. Jochanan gehörte also zu den Fried­licheren, er wollte Jerusalem verlassen. Er konnte aber nicht aus der Stadt heraus und deshalb ließ er überall verbreiten, er sei gestorben. Es war nämlich üblich, dass man wegen der Unreinheit der Toten niemanden in Jerusalem selbst begraben hat. Deshalb durften die Leichen herausgebracht werden.

So wurde R, Jochanan von seinen Schülern in einem Sarg hinausgebracht. Kaum war er draußen,  wurde er ins römische Zeltlager gebracht. Dort begegnete er dem römischen Feldherrn Vespasian. Er sprach zu ihm: „Mein Kaiser, ich möchte mit dir spre­chen!“ Vespasian wurde zornig: „Ich bin nicht der Kaiser, was willst du?“ Kurz darauf meldet ein Bote aus Rom, dass der Kaiser gestorben sei und Vespasian zum Kaiser ausgerufen wurde. Er war natürlich verblüfft und sagte zu R. Jochanan: “Ich erfülle dir einen Wunsch.

R. Jochanan wünschte sich,  dass er in Jawne, einer kleinen Stadt am Mittellmeer, eine Akademie gründen durfte. Und das wurde ihm erlaubt. Als dann Jerusalem zerstört war, wurde Jawne zum neuen Zentrum. Es wurde praktisch der Ort, an dem sich die jüdische Gelehrsamkeit und eigentlich die ganze jüdische Zukunft durch diese Gelehrsamkeit weiter ent­wickelte. Wenn auch der Tempel in Schutt und Asche gesunken ist, hat das Judentum wahrscheinlich dadurch die Katastrophe überlebt,

Ich habe bereits ein bisschen von der Lehrme­thode des Talmuds gesprochen. Ich möchte doch noch einiges hinzufügen. Es ist für jede lebendige Diskussion bezeichnend, dass eine strenge Systematik fehlt. Oft gleitet ein Gesprächspartner vom eigentlichen Thema ab oder sucht Beispiele für seine Auffassung, die auf den ersten Blick sehr wenig mit der Fragestellung zu tun haben. Daher ist der Talmudstudent von heute schon zufrieden, wenn er den roten Faden im Auge behalten kann und die in scharfer Logik geführten Debatten versteht. Denn plötzlich kommt etwas und man glaubt, da geht es weiter, dabei ist das nur ein Einschub. Und nach einer halben Seite oder nach einer Seite kommt man wieder zum Thema zurück und da weiß man gar nicht, wo man anknüpfen soll, wo der Knoten ist.

Es gibt allerdings die wunderbaren Kommentare von Raschi und Tosafot, die uns ein bisschen helfen. Zur Erhellung von Schwierigkeiten werden von den Tal­mudweisen Zitate aus der Bibel oder aus der Mischna angeführt. Rede und Gegenrede, Argumente und deren Widerlegung lassen das Problem immer plastischer werden. Widersprüchliches wird auszugleichen versucht, weil immer die Harmonisierung der Ansichten angestrebt wird. Zum Schluss ist ein gemeinsamer Konsens vorhanden. Ungefähr so wie Rabban Gamliel aus seiner Meinung und der Meinung der Weisen eigentlich einen Konsens hergestellt> hat, indem er die beiden Meinungen, die ursprünglich vollkommen verschieden sind, auf eine zurückgeführt.

Es ist nicht immer so, dass die Gelehrten ihre These eindeutig beweisen können. Nicht weil sie die Bibel oder die Mischna nicht verstehen, sondern weil verschiedene Interpretationen möglich sind. Die Wahr­heit ist komplex, es gibt oft mehr als eine Antwort. Und keiner der rund dreitausend im Babylonischen Talmud ange­führten Schriftgelehrten maßt sich an, die Wahrheit zu kennen. Jeder respektiert die Meinung des Kollegen und stimmt der Maxime zu, die wir in einer Erzählung über einen Streit von Hillel und Schammai finden: Die zwei Gelehrten, Hillel und Schammai, bringen zwei verschiedene Auffassungen vor, da kommt eine Stimme vom Himmel, die sagt: „Sowohl diese als auch diese sind Worte des lebendigen Gottes!“ D.h. es kommt nicht immer so sehr auf die letzte Entscheidung an, sondern darauf, dass man den Weg zur Wahrheit sucht und immer wieder Fortschritte auf diesem Weg macht.

Auch diese talmudischen Debatten führen nicht immer zu einem Resultat. Es wird oft die Meinung eines Talmudlehrers des breiten diskutiert, obwohl man genau weiß, die Mehrheitsentscheidung ist anders als die seinige. Weil aber seine Meinung als solche interessant ist und uns an einer anderen Stelle weiterhelfen kann,  versuchen wir, sie zu analysieren. Die Probleme werden nicht abgeschlossen behandelt. Bis heute kann diskutiert werden, bis heute gibt es verschiedene Meinungen, nicht unbedingt darüber, wann man z.B. das Abendgebet sagen soll, aber zum Beispiel schon darüber, wieweit man das Abendgebet doch noch ein bisschen früher sagen kann, damit man die Leute früher heimschickt.

Wenn Sie sich zum Beispiel überlegen, dass wir Sommerzeit haben und vom Mai bis Juli etwa erst um 22.00 Uhr die Sterne zu sehen sind - das wäre also die richtige Zeit, um das Abendgebet zu sprechen - dann werden Sie verstehen, dass wir es sehr schwer durchhalten könnten, unseren Gottesdienst in der Syna­goge am Abend erst um 22.00 Uhr zu halten. Um den Menschen den Synagogenbesuch zu ermöglichen, gibt es Dis­kussionen, wieweit man den Gottesdienst vorziehen kann. Diese Diskussionen werden bis heute geführt. Das geht soweit, dass die religiösen Parteien in Israel gegen die Einführung der Sommerzeit waren, weil sie auf manchen Gebieten (Gebet, Schabbat) für die religiöse Gemeinschaft einen Nachteil bedeutete.

Talmudische Lehrmethode lernt man nicht im Handumdrehen. Nicht weil eine sprachliche Hürde zu nehmen ist - der Text ist zwar aramäisch, aber es gibt ja auch eine deutsche Übersetzung. Das allein genügt aber nicht, denn selbst bei einer Übersetzung des Textes bleibt vieles unklar. Die Formulierung ist nämlich sehr kurz, nur der Geübte vermag zu erkennen, was eigentlich gemeint ist. Überdies gibt es im Talmud keine Interpunktion. Es kann sehr oft vorkommen, dass man eine ganze Talmudstelle missversteht, weil man glaubt, dass da eine Frage steht und in Wirklichkeit ist es schon die Antwort oder umgekehrt. Es ist manchmal sehr verblüffend.

Ein großer Teil des Babylonischen Talmuds besteht aber nicht aus diesen scharfsinnigen Erörterungen über gesetzliche Fragen, die man Halacha nennt, sondern aus der Hagada. Dazu gehören Gedanken über Gott und sein Handeln, über die Schöpfung und ihren Sinn, über die Aufgaben des Menschen im Allgemeinen und des Juden im Besonderen. Diese Gedanken sind in Ge­schichten und Gleichnissen enthalten. Halacha und Hagada sind formal nicht getrennt, sondern es geht ineinander über. Oft kann eine Hagada zur Unterstützung oder zur plastischen Veranschaulichung einer Halacha ein wenig helfen. Die Halacha spricht den Verstand an, die Hagada das Herz. Ohne das Herz verkümmert das Gehirn und ohne das Gehirn verliert sich das Herz im Träumerischen und Irrealen. Halacha und Hagada sind deshalb gleichermaßen wichtig und ergänzen einander.

Der Talmud wäre arm ohne die Hagada. Mit ihr wird er zu einer mit Kostbarkeiten gefüllten Schatz­truhe, in der die Ethik des Judentums nicht minder enthalten ist. So zum Beispiel in der Geschichte eines Mannes, der zehn Jahre mit seiner Frau zusammenlebte, die ihm aber kein Kind gebar. Nach dem rabbinischen Recht darf er dann verlangen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, denn eine der Aufgaben der Ehe ist es, sich fortzupflanzen. So gingen sie gemeinsam vor R. Schimon bar Jochai und baten ihn, ihre Ehe zu scheiden. Der Rabbi sprach: „So wie ihr bei Speise und Trank geehelicht wurdet, so sollt ihr euch trennen bei Speise und Trank.“ Der Mann hatte aber vorher zu seiner Frau, die er ja in Wirklichkeit sehr liebte, gesagt: „Du darfst dir, was dir am liebsten ist mitnehmen in deines Vaters Haus.“

Was tat sie? Sie bereitete ihm ein reiches Mahl und stellte es so an, dass der Mann übermäßig viel trank. Als er eingeschlafen war, winkte sie ihren Knechten und Mägden und gebot ihnen: „Hebt ihn von seinem Bette auf und tragt ihn in das Haus meines Vaters.“ Um Mitternacht erwachte der Mann aus seinem Schlaf, als der Wein von ihm gewichen war, und sprach zu ihr: „Wo bin ich hingeraten?“ Da sagt sie: „Du bist im Hause meines Waters!“ „Was soll ich da?“ Darauf die Frau: „Hast du mir nicht gesagt, ich dürfte, was mir das Liebste wäre, mit mir nehmen? Ich habe aber nichts Lieberes als dich!“ Als R. Schimon bar Jochai von dieser Begebenheit hörte, betete er für die beiden und sie wurden mit einem Kind gesegnet. Also, eine schöne, liebevolle Ge­schichte, aus der viele Lehren zu ziehen sind, die man in einem Buch, dass sich nur als Gesetzesbuch empfindet, eigentlich nicht erwarten würde.

Nun, vielleicht sind wir durch diese Erzählung ein wenig auf das Thema gekommen, das oft für Nichtju­den, aber auch für nicht so religiöse oder nicht praktizierende Juden ein Rätsel ist, nämlich wie der Jude überhaupt mit diesem Gesetz, das so weitläufig ist, zu Rande kommt. Es gibt nach einer Zählung im Talmud 613 Vorschriften. Viele dieser Gesetze stehen mit dem Opfer- und Priesterdienst im Zusammen­hang und können daher seit der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 n.Z. nicht mehr befolgt werden. Die übrigen sind in Kraft und werden von prak­tizierenden Juden beachtet.

Der Jude bewegt sich gleichsam in einem von den göttlichen Vorschriften bestimmten Koordinatensystem, und man könnte sich fragen, ob dieses Leben nach dem Gesetz nicht schrecklich ist.

Die Gesetze schränken das Leben ein, aber sie bieten ihm auch den notwendigen Schutz. Wenn das Leben in Gefahr ist, so fallen alle Einschränkungen weg, die Entweihung des Heiligen Tages ist nicht nur gestat­tet, sondern dringendste Pflicht. Wir haben schon darüber gesprochen, dass man das Leben nach dem talmudischen Recht über alle Gesetze zu stellen hat. Jedoch dass man das eigene Leben nicht auf Kosten eines fremden Leben retten darf, macht der Talmud mit der Frage deutlich: „Wer sagt dir, dass dein Blut röter ist als das Blut des anderen? Vielleicht ist das Blut der anderen röter d.h. kostbarer als das deine." Auf der anderen Seite darf man sich gegen einen Attentäter oder einen Feind im Krieg zur Wehr setzen. Denn wer uns unmittelbar bedroht, gegen den dürfen, ja müssen wir nach biblischem Recht auftreten. Es ist ein bisschen kom­pliziert. Wenn wir bedroht werden, dürfen wir uns verteidigen, wenn aber jemand von uns verlangt, wir sollen einen Dritten töten, sonst werden wir unser Leben verlieren, dürfen wir das nicht.

Und nun noch etwas zum Talmud. Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen jetzt erläutern würde, dass nach dem Talmud eine ganze Reihe von anderen Gesetzeswerken geschaffen wurden: Mischne Tora von Maimonides, die Arba Turim, der Schulchan Aruch - das sind alles Gesetzesbücher, die auf dem Talmud basieren, zugleich aber die Diskussionen, die sich noch nach dem Talmud entwickelt haben, miteinbeziehen und dann bestimmte Entscheidungen für bestimmte Zeiten bringen. Aber auch jedes dieser Werke wurde nachher kommentiert, wurde nachher weiterbehandelt, bis in die heutige Zeit.

Vielleicht ein Wort nur zu diesen Beschäftigungen mit dem Gesetz in der heutigen Zeit. Es gibt die so genannten Responsen. Das sind Anfragen, die der Jude an einen Rabbiner stellt, indem er ihn über ein be­stimmtes Problem befragt. Ich will Ihnen ein Beispiel hier vorlesen. In den Anfragen an Moses Maimonides heißt es folgendermaßen: „Unser Meister, lehre uns! Im Hofe eines Juden steht eine Dattelpalme nahe bei einer Mauer neben der Straße. Sie wächst schnell und breitet sich immer mehr aus. Wir befürchten, dass im Winter, wenn es stürmt und regnet, Passanten durch abbrechende Zweige zu Schaden kommen. Zudem werden während der Reifezeit der Datteln Steine auf den Baum geworfen, damit die Früchte herunterfallen. Auch hier ist eine Gefährdung von Menschen nicht auszuschließen. Dürfen wir den Baum fällen?

Diese Frage scheint seltsam, warum sollte man den Baum nicht fällen dürfen? Im 5. Buch Mose heißt es im Zusammenhang mit einer Belagerung einer Stadt, dass man einen Baum oder einen Fruchtbaum nicht zerstören darf. Nun antwortet Maimonides in Kürze und sagt: „Man muss den Baum fällen, damit Gott behüte, niemand in seinem Umkreis verletzt wird." Außerdem gewinnt der Besitzer Platz in seinem Hof. Die Bibel hat im 5. Mosesbuch nur das sinnlose Umhauen eines Fruchtbaumes untersagt. Damit würde man nämlich zum Zerstörer der Natur und zum Übertreter des Verbotes: "Vernichte den Baumbestand nicht!". Das ist eine sehr kurze, sehr einfache Response und sie ist außerdem schon einige hundert Jahre alt.

Aber es gibt heute Fragen in den modernsten Bereichen: Fragen zur Geburtenkontrolle, zu Schwangerschaftsunter­brechungen, der Sektion von Leichen, Organtransplan­tationen, künstliche Befruchtung. Alle diese Fragen werden behandelt. Entweder fragt wirklich jemand den Rabbiner oder der Rabbiner stellt sich selbst die Frage und schreibt eine Response, eine Antwort basierend auf dem gesamten Wissen, das sich beginnend mit dem Talmud im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hat. Dabei kann es sein, dass sich verschiedene Stellen mit derselben Frage befassen, dieselben Quellen verwen­den und trotzdem möglicherweise zu anderen Antworten kommen, sodass dieser Prozess der dauernden Diskussion eigentlich nie zu Ende ist.

Faszinierend an dieser Responsen-Literatur ist der Ernst, mit dem die vielen Probleme behandelt werden, die den Rabbinern vorgetragen werden. Denn jeder Rabbiner weiß um die hohe Verantwortung, die sein Amt ihm auferlegt. Er sieht sich als Glied in einer lange Kette von Gesetzeslehrern, die sich in die Schriften des Judentums vertieft und immer wieder nach dem Sinn des am Sinai offenbarten Gotteswortes geforscht haben. Wie schon gesagt, heißt es im Traktat „Sprüche der Väter“: „Moses empfing die Tora am Sinai und gab sie weiter dem Josua, Josua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, die Propheten an die Männer der großen Versammlung“. Und so ist das eigentlich weitergegangen bis heute. Natürlich schreibt nicht jeder Rabbiner seine eigenen Responsen auch tatsächlich auf, aber es gibt viele Rechtsgelehrte, bekannte Rabbiner, deren Wort etwas zählt, und die ihre Responsen niederlegen. Die sind dann für die nächste Generation, die sich mit einem neuen Problem beschäftigt, wieder eine Grundlage für Diskussionen, für das Weiterforschen in der Lehre.

Das Wesentliche am Talmud – um das noch zu betonen - ist, dass er gelernt wird von Kindheit auf bis zum hohen Alter, dass es Juden gibt, die ihn in hunderten von Bet- und Lehrstuben studieren.  In manchen stehen hohe Bücherregale an den Wänden, die nicht der Dekoration dienen. Manche dieser Menschen sitzen von morgens bis spät in der Nacht hinter den Talmudfolianten und den vielen anderen Werken, um täglich aufs Neue die Lehren der Weisen zu diskutieren. Sie verfolgen Diskussionen, die vor bald 2000 Jahren in den Akademien Palästinas und Babyloniens geführt worden sind.

Das Verstehen dieser Diskussionen ist nicht leicht und bedarf der größten Konzentration. Allein mit ent­sprechender Schulung und mit der Kenntnis der aramä­ischen Sprache kann das Ziel erreicht werden. Wer zum ersten Mal eine solche Bet- und Lehrstube betritt, fühlt sich vom Lärm irritiert. In solchen Räumen diskutieren die Menschen mit erheblicher Lautstärke. Sie lesen den Talmud in einem seltsamen Singsang. Doch keiner stört sich am Wirrwarr der Stimmen. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, wenn es still wäre, würde ihnen das wahrscheinlich die Konzentration rauben. Der Einzelne wird sozusagen durch das Lernen der Vielen wie auf einer Welle mitgetragen.

Der erste Ministerpräsident des Staates Israel, David ben Gurion, hat in seinem Buch „Erinnerungen und Vermächtnis“ den Talmud so gewürdigt: „Die Juden haben durch den Talmud und durch ihre Traditionen eine Art bewegliche Heimat geschaffen, die sie während ihrer 2000-jährigen Wanderungen zusammengehalten und ihnen schließlich ermöglicht hat, heimzukehren in das Land ihrer Vorfahren.“