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Talmud - Kleinere Beiträge - Darf ein Jude Apfelwein trinken?

Talmud

Kleinere Beiträge

Darf ein Jude Apfelwein trinken?
Jüdische Juristen studieren den Talmud

aus Jüdische Gemeindezeitung Frankfurt, Sep. 1994

Sie treffen sich einmal im Monat, um gemeinsam den Talmud zu studieren - rund sieben jüdische Rechtsanwälte aus Frankfurt. Seit einem Jahr kommen sie regelmäßig zusammen und lesen in der Übersetzung von Goldschmidt ausgewählte Kapitel aus dem Talmud, Kapitel, die für Juristen eine besondere Bedeutung haben. Ursprünglich hatten sie sich in unregelmäßigen Abständen zu einem Stammtisch jüdischer Anwälte getroffen. Dort kam dann der Wunsch auf, sich mit einem typisch jüdischen Thema zu befassen und das Talmud-Studium schien für Juristen eine angemessene und interessante Beschäftigung.

Für Dr. Gabriel Miller, der den Vorschlag machte, gemeinsam den Talmud zu studieren und der jetzt von Treffen zu Treffen die Textstellen vorbereitet, ist die Beschäftigung mit dem Talmud Familientradition. Sein in Tel Aviv verstorbener Vater war Rabbiner und unterwies den Sohn in der überlieferten Lernmethode. So ist es kaum verwunderlich, dass Gabriel Miller sich gern und intensiv auf die Treffen mit seinen Anwaltskollegen vorbereitet, Sekundärliteratur studiert und das historische Umfeld absteckt. Trotzdem unterscheidet sich der Frankfurter Talmudkurs natürlich vom traditionellen Talmudstudium. "Wir studieren den Talmud nicht, um zu lernen, wie wir uns verhalten sollen, sondern um die Regeln des Talmud kennenzulernen. Und schließlich han­delt es sich hier ja auch um jüdisches Erbe." erläutert Gabriel Miller. "Gleichzeitig bleibt es natürlich nicht aus, dass wir Vergleiche mit der heutigen Zeit und mit dem heutigen juristischen System ziehen. Insofern ist das Talmudstudium unbedingt auch eine Bereicherung für unser heutiges Denken."

Um Vergleiche mit heute und mit dem heutigen juristischen Sy­stem ziehen zu können, werden Abschnitte ausgewählt, die gerade für Juristen von Interesse sind, wie der Abschnitt "Elu Meziot", zweiter Abschnitt des Traktats "Baba Mezia", das sich mit zivilrechtlichen Fragen auseinandersetzt. In diesem Kapitel geht es um Fundsachen und um die Frage, wie diese rechtlich behandelt werden sollen, Fragen also, die auch heute noch für Ju­risten von großem Interesse sind. So erfahren die Teilnehmer des Talmudkurses in diesem Zusammenhang zum Beispiel, dass die Talmudgelehrten eine Rechtsinstitution für Härtefälle geschaf­fen haben, die "lifnim mishurat hadin" heißt, also "innerhalb der Rechtslinie". Das bedeutet, dass wenn die Durchsetzung einer Regel für den Mitmenschen eine besondere Härte darstellt, man entgegenkommend handeln sollte, also das Gesetz nicht ganz ausschöpfen soll. Ein Beispiel für diese Einrichtung findet sich in "Elu Meziot": Rabbi Jehuda fragte Mar Schmuel, wie man sich bei dem Fund eines Geldbeutels auf dem Markt verhalten soll. Dieser sagte: Der Finder muss es zurückgeben, nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern lifnim mishurat hadin, also entgegenkommend und aus mildernder Einstellung. Rabbi Jochanan hat diese humane Regel für so wichtig erachtet, dass er die Zerstörung Jerusalems auf ihre Missachtung zurückgeführt hat.

Doch es gibt noch zahlreiche andere Beispiele für Themen, die die Talmudgelehrten genauso beschäftigten, wie heutige Juristen und die oft auch unter den Talmudisten emotionale Diskussionen auslösten. Ein Beispiel dafür ist der Tierschutz. "Im Talmud gibt es eine Auseinandersetzung darüber, ob es sich dabei um ein Gesetz handelt, das in der Torah verankert ist und damit gleichsam Verfas­sungsrang hat oder ob es sich nur um ein rabbinisches Gebot handelt und somit den Rang eines einfachen Gesetzes hat", erklärt Gabriel Miller. "Unstrittig ist dabei jedoch, dass der Tierschutz eine Regel ist, die auf jeden Fall beachtet werden muss." Doch nicht nur die juristischen Probleme, der Pilpul und die Diskussion über Gesetze sind interessant. Denn der Talmud ist ja viel mehr, als nur ein Gesetzeswerk. Er beinhaltet auch Geschichten, Anekdoten, Traditionen und Lehrsprüche. "So lernt man ganz nebenbei eine Menge über das tägliche Leben in der Entstehungszeit des Talmud", erklärt Gabriel Miller. "In Elu Meziot zum Beispiel erfährt man nebenbei, dass die Straßen von Jerusalem täglich gefegt wurden."

Und auch Fragen, die speziell für Frankfurter Juden von Interesse sein können, finden dabei mitunter eine überraschende Antwort.

So wird uns im Talmud folgende Geschichte berichtet: "Einstmals litt Rabbi (Jehuda Hanassi) an Störungen der Verdauungsorgane und sagte zu sei­nen Schülern: Ist jemand unter euch, der weiß, ob der Apfelwein von Nichtjuden zum Genus verboten oder erlaubt ist? Sprach vor ihm R. Ismael bar Jose: Einmal litt mein Vater an gastritischen Störungen, und man brachte ihm Apfelwein von Nichtjuden, und er trank davon und genas. Sagte Rabbi zu ihm: So viel Wissen darüber hast du besessen und hast mich leiden lassen?"

An diesem Beispiel zeigt sich wieder, dass das Meer des Talmud unendlich ist und jede erdenkliche Frage Beachtung findet. Daran zeigt sich aber auch, dass ein Talmudkurs in Frankfurt auch aktuelle Fragen mit Lokalkolorit behandeln kann.