Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Studium - Protokoll Situzng 06.12.2005

Studium

Protokoll der Sitzung vom 06.12.2005

Fragen und Stellungnahmen zum Talmud

Als Textgrundlage diente die „Einführung in den Talmud“ von Chaim Eisenberg.

Einige Teilnehmer formulierten als Vorbereitung Fragen, die im Seminar diskutiert und zum Teil beantwortet wurden.

  • Wie wird die Einheit und göttliche Herkunft von schriftlicher und mündlicher Tora aufrechterhalten, wenn es in der mündlichen Überlieferung verschiedene Meinungen zu einzelnen Themen gibt?
    Nach dem vorliegenden Text, ist das Gesetz eher der Talmud als die Tora, da es ja auf die Interpretation ankommt? Ist diese Schlussfolgerung sinnvoll?
    • Der Talmud ist, neben der Tora, die Hauptgrundlage des jüdischen Rechts und des Glaubens.
    • Die Tora ist einerseits wichtiger, weil sie das Wort Gottes ist. Allerdings ist der Talmud in der Vergangenheit nicht erstarrt, sondern lebt als Quelle für Rechtsgedanken und Lehre, die  auch heute noch Ideen und Wege bei der Suche nach Lösungen aktueller Probleme zu liefern vermag.
  • Wie entsteht im Talmud rechtliche Autorität (Personen, Argumente, Lehrhäuser)?
  • Nach jüdischer Tradition hat doch jeder die Pflicht, das Wort Gottes zu studieren. Warum hätte Hillel bezahlen sollen, um im Lehrhaus teilnehmen zu können?
  • Wenn Hillel nicht kurz erläutern kann, was das Wesen des Judentums ist, stellt sich die Frage, welche Bedeutung das Lernen im Judentum hat. Es lässt sich vermuten, dass im Gegensatz zum Christentum nicht eine feste Lehre im Zentrum der Religion steht, sondern der Prozess des Lernens.
  • Wie wird die religiöse Bedeutung jüdischer Gesetzgebung definiert?
  • Wurde die Lehre aus dem Talmud am Anfang ihrer Entstehung schon als Religion empfunden?
  • War der Talmud das einzige Werk, das alle Lebensbereiche des Judentums umfasste?
  • Weshalb wurden die von der Mehrheit abweichenden Meinungen dokumentiert?
    • Es ist typisch für den Talmud, dass auch die Meinung der Minderheit zum Ausdruck kommt. Abweichende Meinungen wurden dokumentiert. Dies war auch wichtig, denn vielleicht änderte sich das Meinungsbild, so dass die Minderheitsmeinungen in der Zukunft Geltung erhalten würden. Abschließend sind wir noch auf die zwei wichtigsten Rechtsschulen des Talmud zu sprechen gekommen. Diese sind die Rechtsschulen von Hillel und Schamai. Eine Regel im Talmud besagt, dass die Rechtsschule von Hillel immer die entscheidendere sein muss: „Sowohl die eine als auch die andere haben göttliche Qualität Gottes. Aber entscheidend ist die Schule Hillel.“
  • Was geschah mit Juden, die nicht den Talmud lernen wollten?
  • Warum hielten die Juden die Toten für unrein und wohin wurden sie gebracht?
  • Chaim Eisenberg spricht von der „Sichtung des Materials“ für die Mischna. Aber wie wurde das Material gesichtet, wenn es sich lediglich um mündliche Überlieferungen handelte? Diese konnten weder komplett noch richtig sein.
  • Der Talmud ist eine Protokollsammlung der Diskussionen über 200 Jahre. Wie wurde diese weitergegeben ohne unterzugehen?
    • Zur Weitergabe von Wissen diente damals der Tana. Der Tana („Gelehrter der    Mischna“, neben dem es jedoch auch den Tana gab, der kein Gelehrter war, sondern ein erstaunliches Erinnerungsvermögen hatte und assoziativ zu den diskutierten Fragen andere Gelehrte oder Lehrmeinungen rezitieren konnte). Einige Themen waren zudem schon verschriftlicht und anderes wurde nach der mündlichen Überlieferung niedergeschrieben.
  • Es erschien nicht klar, ob der Babylonische Talmud auf derselben Grundlage wie der Palästinische (Mischna) basiert. Außerdem sei es interessant, ob die babylonischen Gelehrten den Palästinischen Talmud gesichtet haben.
    • Die Mischna, als Grundlage des Talmud, wurde in Babylon und Palästina diskutiert. Ein Austausch dieser Schulen fand statt.
  • Zur Notwehr: Sind Notwehr und Notstand ausgeschlossen nach dem Grundsatz: „Du sollst dich töten lassen und nicht das Verbrechen begehen, da dein Blut nicht röter ist als das Blut des anderen“?
    • Dieser Grundsatz gilt nur dann, wenn man gezwungen wird, einen anderen Menschen zum Tode auszuliefern. Die Notwehr im jüdischen Recht wird ähnlich wie in unserem Strafgesetzbuch behandelt. Die Verteidigung des eigenen Lebens ist nicht nur berechtigt, sie gilt sogar als Pflicht.
    • Interessant war in diesem Zusammenhang der Begriff „Din-Rodef“.
    • Definition: Din-Rodef
    • Din ist hebräisch und bedeutet Recht oder Gesetz. Din-Rodef ist dass Gesetz des Verfolgers. Din-Rodef ist ein Thema das in Israel vor allem in der Orthodoxie diskutiert wurde. Nach Meinung extremistischer Gruppen ist es auch auf Politiker anwendbar; „Berufung auf göttliches Recht“ (Jigal Amir, der Mörder des Ministerpräsidenten Rabin). Es stellt kein geltendes Recht dar.
  • In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche drei Sünden darf man auf keinen Fall begehen?
    • Götzendienst, Mord, Verleumdung Gottes.

Eine Studierende hat sich mit dem Text mit folgendem Ergebnis auseinandergesetzt:

  • Am Beispiel Rabban Gamliels wurde ausgeführt, dass man sich in seiner Position generell an die Mehrheitsmeinung zu halten hat, auch wenn man diese nicht vertritt. Chaim Eisenberg wertet dieses Prinzip als eine demokratische Einrichtung. Ihrem Erachten nach gebietet eine Demokratie aber vor allem das Recht auf freie Meinungsäußerung. So könne man als deutscher Jurist durchaus vor Gericht eine Mindermeinung vertreten, und sie würde von den Richtern auch anerkannt werden, wenn sie gut begründet ist.
  • Die Methode, mit der Rabban Gamliel doch noch seinen Willen durchsetzte, obwohl er offiziell Unrecht hatte, könne mit der deutschen juristischen Auslegungsmethode gleichgesetzt werden. Jedes Gesetz enthalte Regelungslücken und Interpretationsspielraum. Im Prinzip könne jeder „gute“ Anwalt die Gesetze so zu seinen Gunsten herumdrehen, dass er erreicht was er will. Im Falle des Rabban Gamliel werde die Methode der Gesetzesauslegung sehr geschickt angewandt.
  • Gibt es im Jüdischen Recht eine Regelung für Notsituationen?
    • In dem Text wird auf die Ehrwürdigkeit des Menschlichen Lebens nach jüdischem Recht hingewiesen. So sind die Gesetze und Gebräuche des Talmuds zwar heilig, aber das Leben eines Menschen ist immer noch wichtiger als deren Einhaltung. Dieses jüdische Prinzip entspricht dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Es wäre auch nach jüdischer Sitte niemals angemessen, einen Menschen ohne Hilfe sterben zu lassen mit der Begründung es sei Schabat und am 7. Tage solle man ruhen. Auch im jüdischen Recht existiert ein solcher Verhältnismäßigkeitsgrundsatz und das menschliche Leben ist höchstes Gut.
  • Auch familienrechtlich ist der Text interessant. So hat der jüdische Mann ein Recht auf Scheidung wenn seine Frau ihm keine Kinder gebären kann. Wird die Unfruchtbarkeit als Strafe Gottes gewertet? Warum hat der Stammvater Abraham seine unfruchtbare Frau nicht verlassen?
    In diesem Zusammenhang sind wir darauf zu sprechen gekommen, dass die pharisäischen Juden, meist aus dem Volk kamen und eher modern eingestellt waren. Die Sadduzäer hingegen waren meist Adelige und fundamentalistisch eingestellt. Das Judentum hatte in der Antike eine starke Anziehungskraft auf Gebildete und Philosophen. Besonders reizvoll erschien ihnen vor allem ein monotheistischer Gott, der keinen Anfang und kein Ende hat. Mit der Begegnung des Judentums wurden ihnen völlig neue Perspektiven eröffnet. Viele Römer bekannten sich zum Judentum. Dies bedeutete natürlich auch sich den Regeln und Gebräuchen anzupassen.

Ein Studierender hat folgende Überlegungen angestellt:

  • Chaim Eisenberg mutmaßt, dass der gegenüber dem Jerusalemer Talmud größere Einfluss des Babylonischen Talmuds im Judentum möglicherweise auf seinen größeren Umfang oder seine spätere Entstehung zurückzuführen sei. In der Einführung von Stemberger habe er jedoch gelesen, dass zunächst das blühende Judentum in Babylonien einen vor allem an erzählenden Texten reicheren und deshalb auch beliebteren Talmud hervorbrachte, der dann gegen Ende des ersten Jahrtausends durch aufkommende Reisetätigkeit der babylonischen Rabbinen weithin Verbreitung fand.
  • In der Einführung von Chaim Eisenberg wird aus einem Traktat des Talmuds, „Sprüche der Väter“ (Awot), Folgendes zitiert: "Moses bekam die Tora vom Sinai und gab sie weiter dem Josua und der gab sie weiter den Ältesten, dann wur­den sie den Propheten weitergegeben. "In der Einführung von Stemberger wird aus "Erubin 54 b" folgendes zitiert: Es lehrten die Rabbanan: Wie wurde die Lehre weitergegeben? Mose lernte aus dem Mund der Macht. Aaron trat ein und Mose lehrte ihn seinen Abschnitt Aaron trat ab und setzte sich zur Linken Moses. Seine Söhne traten ein und Mose lehrte sie ihren Abschnitt. Seine Söhne traten ab: Eleazar setzte sich zur Rechten Moses und Itamar zur Linken Aarons... Die ältesten traten ein und Mose lehrte sie ihren Abschnitt. Die Ältesten traten ab. Das ganze Volk trat ein und Mose lehrte es seinen Abschnitt. Aaron hatte somit vier Abschnitte gelernt, seine Söhne drei, die Ältesten zwei und das ganze Volk einen." (Danach lehren Aaron, seine Söhne, die Ältesten und das Volk sich gegenseitig ihre Abschnitte. Somit bekommt die Tradition eine gleichrangige Bedeutung neben der Tora und die Rabbinen haben für ihre Schulen eine überragende Legitimation.) Besteht nun ein Widerspruch zwischen den zitierten Stellen aus Eruwin und Awot?
  • Als besonders interessant sei ihm aufgefallen, dass neben dem (demokratischen) Mehrheitsprinzip, mit dem eine Meinung autoritäre Geltung erlangt, so lange über ein Problem diskutiert wird, bis eine einheitliche für fast alle tragbare Erklärung und Entscheidung eines Problems gefunden wird. Dieses Prinzip, dem schlichten demokratischen (in dem die Minderheit verliert, sich nicht vertreten fühlt, einfach den Kürzeren zieht) gegenüberstehend, weist der einzelnen Person das Potenzial, etwas Wichtiges beitragen zu können und somit dem einzelnen Gelehrten eine größere Bedeutung zu. Diese Harmonisierung und gleichzeitige fortwährende Auseinandersetzung mit dem Gesetz scheint ein Weg zu sein, möglichst viele Menschen von der aktuellen Richtigkeit (und Bedeutsamkeit) einer Regelung zu überzeugen, die Gesetze also nachvollziehbar und somit greifbar zu machen, anstatt ihnen ein Gesetz zu oktroyieren, das sie nicht teilen und nicht verstehen.