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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Studium - Protokoll Sommersemester 2004

Studium

Protokoll Sommersemester 2004

Seminar: Quellen des Jüdisches Recht

Protokoll: Meryem Buz u.a.


Protokoll der 1. Arbeitssitzung

Der Einstieg in die Entstehungsgeschichte des jüdischen Rechts wurde für einen späteren Zeitpunkt angekündigt, stattdessen teilte Dr. Miller die Geschichte von Kain und Abel, Kapitel 4, Genesis aus, da dieser Brudermord allgemeine rechtliche Aspekte beinhalte und eine gute Einstiegsgrundlage böte:

Genesis, Kapitel 4

1 Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.  12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. 13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. 14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Nach der Lektüre wurden zunächst allgemeine Verständnisfragen geklärt, da die Übersetzung des alten Testaments noch auf Luther zurückgeht und sprachlich nicht immer verständlich ist.

So wurde gesagt, dass mit Erstlinge Erstgeborene gemeint seien, siebenfältig nicht genau übersetzbar sei, da unklar ist ob damit „bis ins 7. Glied“ ,das siebenfache oder etwas anderes gemeint sei, was  jedoch für das Textverständnis auch nicht relevant wäre. Unstet bedeute ruhelos, das Land Nod sei geographisch nicht genau zuzuordnen.

Anschließend wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich in dreier-, bzw. vierer Gruppen mit folgenden Themen auseinandersetzten:

  • Die Widergabe der Geschichte im Zusammenhang
  • Die gesellschaftlichen Bezüge, die in ihr zum Ausdruck kommen und zu welcher Zeit sich so etwas abspielen könne
  • Die Moralvorstellung des Erzählers und seine Vermittlungsabsicht
  • Die in der Erzählung hervortretenden Rechtsvorstellungen und Rechtsnormen.
  • Nach einer Phase der Stillarbeit stellten die einzelnen Gruppen ihre Ergebnisse vor.
  • Die erste Gruppe schilderte den Brudermord aus Eifersucht in heutiger Sprache.

Die zweite Gruppe ging insbesondere auf die sehr gottgeprägte Gesellschaft ein, die in Leben und Arbeit nach Gott ausgerichtet ist. Zeitlich ordnete sie die Erzählung etwa 5000 v. Chr. ein, da Ackerbau schon bekannt und demnach bereits Sesshaftigkeit vorlag womit das Frühstadium einer Kultur gegeben war.

Der Vortrag der dritten Gruppe regte eine Diskussion an, da sowohl die Arbeitsgruppe an sich wie auch die anderen Seminarteilnehmer uneinig waren ob Gott als Übermacht willkürlich von dieser Gebrauch mache oder den einzelnen Menschen eine Prüfung auferlege. Dies entzündete sich an der Reaktion auf das Opfer des Kain, das von Gott nicht mit dem gleichen Gefallen wie das von Abel entgegengenommen wurde.

Der Seminarleiter machte darauf aufmerksam, dass das Seminar seinen Schwerpunkt auf dem rechtlichen Aspekt, nicht auf religionswissenschaftlichen Betrachtungen habe.

So schloss die letzte Gruppe mit ihrem Vortrag, dass Neid und Missgunst den Brudermord initiiert hätten und der Mord eine Auflehnung gegen Gott darstellen würde. Dies fand nur eingeschränkt Zustimmung.

Jedoch wurde danach auf die Bitte Kains um Milderung an Gott besprochen und erwähnt, dass Talion, also die frühe Praxis, eine Tat mit der gleichen Tat zu sühnen, hier nicht möglich sei.

Zuletzt wurde noch der Begriff der Vogelfreiheit geklärt, der den Ausstoß aus der Familie und somit jeglichen Rechts- und Schutzverlust bedeutete, da Schutz nur innerhalb des Familienverbandes gewährleistet war. Mit der abschließenden Erklärung über die Blutrache, die das wichtigste Instrument der Familien zur Verteidigung ihrer Mitglieder darstellte, indem für jedes getötete Mitglied der Familie ein Mitglied der anderen Familie getötet werden musste, endete die Seminarsitzung.

Protokoll der 2. Arbeitssitzung

In der dritten Sitzung der Seminargruppe wurde zu Beginn an die Ergebnisse der letzten Stunde angeknüpft. Dabei wurde erwähnt, dass bei der Bearbeitung  der Geschichte von Kain und Abel der strafrechtliche Aspekt nicht geprüft worden sei.  Der Vergleich von damals und heute zeigte, dass Kain sich des Mordes schuldig gemacht hat, wobei er unter heutigen strafrechtlichen Gesichtspunkten die Mordmerkmale Habgier und niedrige Beweggründe realisiert hätte, sowie heimtückisch durch das locken auf das Feld und mit Verdeckungsabsicht bezüglich des Abstreitens seiner Tat gehandelt hätte.

Die Beschreibung, dass die „Tat zum Himmel schreie“ und der Boden durch das Blut „verseucht“ sei, stehe für die atavistische Vorstellung, dass der Boden durch das auf ihm begangene Verbrechen unfruchtbar und verdorben geworden wäre.

Atavismus meint primitives, noch vorheidnisches Verhalten, dass durch die Vorstellung zum Ausdruck kommt, Gutes wie Böses würde den jeweiligen Gegenständen und Personen innewohnen.

Auf dieser Einstellung beruhte beispielsweise auch die Bestrafung von Sachen oder die Verurteilung von Tieren im Mittelalter, da man ihnen die Verantwortung für die vorliegende Tat zuschrieb.

Bei Kain und Abel sei jedoch verwunderlich, dass Kain relativ mild bestraft wurde, während nach den gültigen Maßstäben des alten Testaments Gleiches mit Gleichem hätte vergolten werden müssen, Kain also auch hätte umgebracht werden müssen.

Die Strafe Gottes, oder des sinnbildlichen „Richters“ ist jedoch eine Kompromissbildung. Eines der wichtigsten Prinzipien des Rechts allgemein und das „Metaprinzip“ des jüdischen Rechts stellt die Annehmbarkeit des Rechts dar, d.h. der Mensch (= die Gesellschaft) muss damit leben können.

Somit wäre eine andere Strafe nicht denkbar gewesen, da es zum einen keine vergleichbaren Beispiele gab und nicht schon im Voraus festgesetzt war, welche Strafe auf welche Tat folgen sollte.

Solch ein festgeschriebenes Sanktionssystem wurde z.B. durch den Codex Hammurapi überliefert, der auf den 5. babylonischen König Hammurapi (1728- 1686 v. Chr.) zurückgeht. Diese Kodifikation regelte anhand von knapp 300 auf einem freistehenden Pfeiler festgeschriebenen „Paragraphen“ die für die damaligen Verhältnisse bedeutendsten Rechtsgrundsätze und gilt als die älteste vollständig erhaltene Gesetzessammlung. Sie ist im Pariser Louvre ausgestellt.

Zurück zum Ausgangsfall von Kain und Abel wäre als Erklärung für die Herabsetzung des Strafmaßes allerdings ebenso denkbar, dass Kain rein geschichtspraktisch  überleben musste, da von anderen Menschen außer Adam und Eva in der Schöpfungsgeschichte bislang keine Rede war und nach Abels Tod die weitere Fortpflanzung der Menschheit nur von Kain fortgeführt werden konnte.

Nähere Informationen zur Geschichte von Kain und Abel sind auf den neuen Seiten der Homepage www.juedisches-recht.de zu lesen.

Nach dieser abschließenden Besprechung folgte der zweite Text, Adam und Eva.

In Arbeitsgruppen wurden folgende Fragestellungen  bearbeitet:

  • Was hat die Schöpfungsgeschichte mit Recht zu tun?
  • Wie verbinden sich der Grundgedanke der Nächstenliebe und das Recht?
  • Wie verbindet sich der Grundsatz der Solidarität mit dem Recht?

Zunächst wurde festgestellt, dass es zwei Interpretationen der Bibel zur Schaffung der Frau gibt. Während die eine Interpretation davon ausgeht, dass Gott Mann und Frau gleichzeitig und damit auch gleichwertig schuf, geht die andere Ansicht davon aus, dass zunächst der Mann geschaffen worden war und die Frau erst aus dessen Rippe später folgte.

Uneinig war die Gruppe darüber, ob das Verhältnis der Geschlechter zwischen beiden Varianten variiert oder in beiden Versionen gleich ist.

Zum Teil wurde die Auffassung vertreten, dass in der zweiten Variante der Mann zwar zunächst überlegen sei, jedoch durch die ihm auferlegten Pflichten, sein Elterhaus zu verlassen und die Familie zu versorgen, der Frau wieder gleichgestellt würde.

Eine andere Ansicht war, dass die Frau in dieser Version die untergebene Position einnehmen würde, da sie keine eigenständige Person verkörpert, sondern aus dem Mann entstanden ist und damit nur ein Teil dessen darstellt.

Des Weiteren fiel auch die Meinung, dass die Frau in der zweiten Interpretation sogar im Vorteil sei, da sie nicht nur nach dem Vorbild des Mannes und ihm damit ebenbürtig geschaffen worden sei, sondern weiterhin über die zusätzliche Rippe des Mannes verfügen würde.

Zu der ersten Ansicht wurde angemerkt, dass die Pflicht des Mannes, seine Familie zu verlassen, eher untypisch und fortschrittlich sei, da die Frau in vielen Kulturen in die Familie des Mannes aufgenommen werden würde. Allerdings gab es auch Völker, bei denen der Mann der Familie der Frau beitrat.

Diese Fragen bezüglich der Ein- oder Unterordnung zeugen jedoch von einem modernen Vorstellungsbild des Verhältnisses der Geschlechter untereinander, da diese hierarchische Betrachtung früher keine Rolle spielte, sondern schwach und stark sich davon unabhängig verbanden.

So hatten zwar Männer und Frauen in Israel nicht die gleichen Rechte und Pflichten, doch ihre Gleichwertigkeit als Mensch wurde dadurch nicht ausgeschlossen.

Denn während der Mann die Familie nach außen vertrat, sorgte die Frau sich um die häuslichen Pflichten, so dass sie zusammen eine untrennbare Gemeinschaft bildeten.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zur 1. Frage, dem Zusammenhang von  Schöpfung und Recht, lauteten wie folgt:

Demnach wären basierend auf dem Fundament der Nächstenliebe Gebote und aus diesen Rechte entstanden, welche dazu dienen sollten die Gleichheit in der Gesellschaft zu wahren.

So hätte sich zum Beispiel durch das Recht auf Leben, körperliche Integrität u.ä. der Gleichheitsgrundsatz entwickelt.

Dazu wurde die Frage aufgeworfen, wozu man Gesetze bräuchte, wenn wir Menschen alle gleich wären.

So wäre es unnötig, Gesetze zu erlassen, da sie eine Kodifizierung göttlichen Rechts verkörpern würden, die eigentlich Grundvoraussetzung seien.

Daraufhin wurde jedoch erwidert, dass man bei allgemeiner Gleichheit gucken müsse, wo Gleichheit anfange und aufhöre, wie dies auch  in unserer heutigen Verfassung festgeschrieben sei.

Außerdem stelle das rechtliche Gefüge eine Ausgleichsordnung dar, weshalb man die Gesetze bräuchte um die Gleichheit  überhaupt zu garantieren.

Die Behauptung, alle Menschen seien gleich, verkörpere einen Imperativ, der nicht haltbar sei, da es immer Menschen gäbe, die sich gleicher verhielten als andere.

Dazu wurde das Beispiel zweier Wassertropfen gebracht, bei denen man von Gleichheit sprechen könne, nicht aber bei Menschen.

Die Frage, was Gleichheit sei und wo sie beginne, sei jedoch nicht juristisch oder rechtshistorisch zu definieren, sondern eine hochphilosophische Angelegenheit und könne im Seminar nicht beantwortet werden.

So folgte die zweite Gruppe mit ihrer Ergebnispräsentation bezüglich des Zusammenhangs von Nächstenliebe und Recht.

Dabei wurde gesagt, dass am Beispiel des ehemals gültigen Grundsatzes im englischen Recht, Mann und Frau gegenseitig keine Verträge eingehen oder Forderungen geltend machen konnten, da sie rechtlich als eine Person galten. Das common law war demnach von einer sehr eigenen Interpretation der Schöpfungsgeschichte oder eventuell auch von Idealvorstellung der Nächstenliebe ausgegangen, wobei durch den Zusammenschluss der Eheleute zu einer Person rechtliche Ausgleichansprüche überflüssig werden sollten.

Allerdings führte dies in seiner praktischen Ausgestaltung zu einer rechtlich untergeordneten und unselbstständigen Stellung der Frau, aus der sie demnach zu keiner eigenständigen Handlung in der Lage war.

Diese Unterordnung der Frau unter den Mann gab es früher zwar auch im jüdischen und im deutschen Recht, wonach eine Frau ohne ihren Ehemann oder Vater nicht erben, klagen oder anderweitig rechtlich aktiv werden konnte, doch war diese Ungleichbehandlung nicht auf die Auslegung der Schöpfungsgeschichte zurückzuführen.

Weiterhin wurde in Bezug auf das Prinzip der Nächstenliebe auf den Gedanken der Naturalrestitution gemäß § 249 BGB verwiesen, wonach die Wiederherstellung der Situation des Geschädigten vor dem schädigenden Ereignis anzustreben sei, was ebenfalls eine Abstraktion des Begriffs der Nächstenliebe wäre, da es gleich dem Rechtsspruch der „Sorgfalt in eigenen Angelegenheiten“ und Getreu dem Motto „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ einer Schädigung des Nächsten entgegenwirken solle. Ebenso seien auch heute noch mehr biblische Grundsätze in unserem heutigen Recht verankert, wenn sie auch oftmals auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar wären, wie zum Beispiel die zehn Gebote in den allgemein gültigen Bestimmungen, nicht stehlen oder töten zu dürfen.

Zudem könne man den Bund zwischen Mann und Frau in der Geschichte von Adam und Eva als Sinnbild für die kleinste soziale Einheit und somit als Repräsentant der Gesellschaft betrachten, die als „Kernfamilie“ die Idealvorstellung von einem gleichberechtigten und auf Nächstenliebe basierenden Miteinander darstellen würde.

Daraufhin folgte eine kurze Erörterung des Streits zweier Gelehrter im 2. Jhd. n. Chr. über die Rangordnung der Werte im Judentum, wobei Rabbi Akiba die Nächstenliebe für nicht direkt aus der Schöpfungsgeschichte ablesbar hielt, sie aber trotzdem gemäß des Mottos „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (3. Moses 19, 18) zum wichtigsten Element der Rechts erklärte, während sein Widersacher Ben-Asaj die Anschauung vertrat, dass noch wichtiger als Nächstenliebe Gleichheit und Solidarität wären.

Die Gleichheit leitete er aus dem Gedanken ab, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde geschaffen und dies als Mann und Frau getan habe, gemäß Moses 1, 27, woraus die Gleichheit aller Menschen resultiere.

Dieser Ansicht folgt auch die Midrasch, eine erzählerische Form der Bibelauslegung, die den göttlichen Wille nach Gleichheit unter allen Menschen auch in der Schöpfungsgeschichte sieht, da sie allen einen gemeinsamen Ursprung einräumt anstatt die Entstehung der Menschheit durch die Schöpfung Gottes anhand mehrerer Völker zu initiieren.

Die Frage vom Zusammenhang zwischen Solidarität und Recht wurde von der 3. Arbeitsgruppe behandelt.

Diese begann ihren Vortrag mit der Bildung einer Formel, indem sie Solidarität als die Summe von Nächstenliebe addiert mit Gleichheit beschrieb.

<>Das damalige Recht sei primär Strafrecht gewesen, wobei es durch den Grundsatz der Solidarität an Gerechtigkeit gewann, da es zur Prüfung des Einzelfalls führte, während der Grundsatz der Gleichheit generelleren, abstrakteren Regelungen folgte./p>

Heutzutage würde man mehr nach letzterem Prinzip strafen, allerdings anschließend auch den Einzelfall zu berücksichtigen versuchen, um gegebenenfalls mildere Umstände walten zu lassen.

Solidarität entstünde als erstes durch Ableitung der Nächstenliebe getreu dem Grundsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

Dementsprechend käme Solidarität mehr von Nächstenliebe als von Gleichheit und würde zu dieser keinen Gegensatz, sondern eine Ergänzung darstellen.

Dazu kam die Frage auf, ob Solidarität nur unter Gleichen möglich wäre. Dies wurde von der Gruppe zunächst bejaht, jedoch mit dem Einwurf korrigiert, dass sie unter Umständen auch mit Ungleichen möglich sein könne, allerdings sei dafür eine genauere Definition der Solidarität erforderlich, die sich jedoch nicht fand. 

Abschließend folgte stattdessen eine Geschichte aus dem jüdischen Recht, die eine Entscheidung aus dem Tagesgeschehen  des 2. Jhd. n. Chr. darstellte, als das jüdische Recht noch geltendes Recht war.

Damals gab es eine Art Staatskasse im Tempel zu Jerusalem, in die Opfergaben und Spenden in Form von Geld eingezahlt werden konnten.

Allerdings warf diese Praxis die Problematik auf, dass nicht nur Geld in den Tempel hinein, sondern auch auf diesem Wege ebenso hinausgebracht werden konnte.

Deshalb überlegte man, die Menschen beim Verlassen des Tempels generell zu durchsuchen. Dies warf jedoch eine große Diskussion unter den Rechtsgelehrten auf, da einige von ihnen die Meinung vertraten, dass dies nicht mit der Würde des Menschen vereinbar sei, da dadurch  jeder Spender potentiell des Diebstahls beschuldigt werden würde.

Die Würde des Menschen wurde wie unter dem Punkt der Gleichheit direkt aus der Schöpfungsgeschichte abgeleitet, da nach dieser Anschauung der Mensch im Antlitz Gottes geschaffen worden war.

Diese Auffassung hatte mit der Begründung Erfolg, dass die Würde des Menschen unantastbar sei und die Durchsuchung der Menschen deshalb unterbunden werden müsse.

Bei einem Fall vor einigen Jahren, bei der in Israel wegen einer Durchsuchung durch die Polizei auf offener Straße geklagt wurde, wurde diese Geschichte erneut aufgerollt und als Beispiel eines der drei Richter gebracht, obwohl das jüdische Recht in Israel nicht mehr geltend ist.

Protokoll der 3. Sitzung vom 13.05.2004

Zu Beginn der Seminarsitzung wurden zunächst Unklarheiten der letzten Sitzung besprochen.  So wurde der Begriff des Metarechts als übergeordnete Prinzipien erklärt,  anhand derer die einzelnen Rechtsnormen geprüft werden. Ähnlich wie bei unserer heutigen Gesetzgebung in Bezug auf die Beachtung des Grundgesetzes. Die einzelnen Rechtsnormen müssen sich mit den Metanormen vertragen. Die Würde des Menschen ist eine Metanorm im jüdischen Recht.

Weiterhin wurde klargestellt, dass nicht in der Bibel stehe, dass alle Menschen gleich seien, dies jedoch die Interpretation der Rechtsgelehrten ergebe, insbesondere durch Adam, den gemeinsamen Vater.

Zudem ist diese Interpretation ein Versuch der Rechtsgelehrten, einen Grundsatz für die Metanorm der Gleichheit zu finden.

Versuche innerhalb der Gesellschaft, diese Gleichheit auch zu leben, gab es immer wieder. Als Beispiele wären die Essener zu Zeiten Jesu, die Modellvorstellungen von Kommunismus und Sozialismus, der Kibbuz in Israel oder die Kommune in Frankreich zu nennen.

Anschließend begann das erste Referat über die Halacha als Einleitung in das jüdische Recht.

Als Vorbemerkung zum jüdischen Recht fiel die Tatsache, dass es die meiste Zeit ein Recht ohne Staat war bzw. ist, sich jedoch auch ohne exekutive Gewalt manifestieren konnte.

Nach seinen Anfängen im Staat konnte es sich in der Diaspora teilweise durch römische Exekutivgewalt, größtenteils jedoch durch den starken Zusammenhalt der Gemeinde durchsetzen. Bis zur Zeit Jesu gab es unter römischer Herrschaft einen funktionierenden Staat, in dessen Gemeinschaft jüdisches Recht praktiziert wurde. Euphrat und Tigris waren die größten jüdischen Gemeinschaften, die das Recht studierten und fortbildeten. Ab 200 nach Christus befand sich das jüdische Volk allerdings nur noch in der Diaspora.

Diaspora meint die Zeit der Vertreibung der Juden aus Israel, wörtlich „in der Fremde zu sein, bzw. in der Fremde zu leben“ und umschreibt auch andere Religionen oder Völker außerhalb ihres Herkunftsgebietes.

„Halacha“ kommt von  Halach, dem hebräischen Wort für „gehen“, „wandeln“ und ist ein sehr allgemeiner Begriff, der das gesamte gesetzliche System des Judentums umschreibt. Er unterscheidet nicht zwischen Säkularem und Religiösen, sondern stellt mit seinen Anweisungen in Form von schriftlicher und mündlicher überlieferter Gebote vielmehr eine Art Wegweiser und Richtschnur für eine sittliche und vorbildliche Lebensgestaltung dar.

Die Halacha fängt an mit der Tora und den fünf Büchern Moses, wobei das zweite, dritte und fünfte darunter maßgebend sind. Neben diesem geschriebenen Recht entwickelte sich das mündliche Recht, dass zwar erst später hinzukam, Moses jedoch parallel zum schriftlichen Recht am Berg Sinai erhalten haben soll. Dazu zählten auch Rechtstraditionen wie Kauf und Bestimmung, die im täglichen Leben von Bedeutung, allerdings nicht in der Tora festgehalten waren, sowie später noch Dekrete der Patriarchen und die Rechtsprechungen der Gerichte, die erst im Talmud dazukamen.

Die Torainterpretation und die Rechtsfortbildung hatte eine große Tradition und Bedeutung im Judentum.

Die Tora war in ihrem Grundwerk ca. 400 v. Chr. fertig geschrieben und stellt die schriftliche Überlieferung dar. Erst  um 200 n. Chr. folgte die erste Niederschrift der mündlichen Überlieferung in Form der Mischna.

Mischna bedeutet „Wiederholung“ und war die erste Kompilierung der Talmudinterpretation. Die Mischna bildet damit den ersten Teil des Talmuds, die Interpretation und Kommentierung dessen entstand allmählich nach 200 und wird Gemara genannt, was aus dem aramäischen kommt und soviel wie Lehre, Wissenschaft bedeutet. Beide Teile zusammen verkörpern den Talmud. Diese Niederschrift der mündlichen Überlieferung besitzt kaum weniger Autorität als die Tora, die Moses am Berg Sinai von Gott erhalten habe.

Die Tora musste vor Gericht ausgelegt werden und da sie nicht wie heutiges Recht in Paragraphen verfasst ist, mussten die Rabbiner sich den Interpretationen und Überlieferungen bedienen, wobei damals wie auch noch heute in den Gemeinden, in denen jüdisches Recht gelehrt wird, gilt, dass alles, was ein Rabbiner sagt, ihm durch Gottes Wort an Moses zugetragen worden sei und er sein Urteil im Namen Moses spreche, alle Entscheidungen der Rabbiner theoretisch also schon von Moses überliefert wurden.

In Babylonien wie auch in Palästina wurde der Talmud geschrieben, wobei sich in Palästina das Christentum sehr schnell durchsetzte, während er sich in Babylonien langsamer entwickeln konnte. Deshalb stellt der „Babylonische Talmud“ auch den  inhaltlich wichtigeren und umfangreicheren Talmud als der „Palästinensische“ (oder auch „Jerusalemer“ genannt) dar. Die Anfänge des babylonischen Talmuds gehen der jüdischen Tradition zufolge auf die Zeit ab 589 v.Chr., die Zeit des babylonischen Exils, zurück. Die Endredaktion beider Werke wird auf 500-600 n. Chr. geschätzt.

Die juristischen Texte des Judentums nehmen teilweise eine Epochenteilung vor. Gesetzgeber waren Rabbiner und Weise, die später in große Schulen unterteilt wurden.

Die Referentin erläuterte, dass das jüdische Recht stets bestrebt sei, ein homogenes, einheitliches Rechtssystem zu errichten, auch wenn es durch die einzelnen Schulen , die sich im Laufe der Zeit gebildet hatten, teilweise sehr unterschiedlich sei.

Nach der Zerstörung des Tempels blieben letztendlich nur Pharisäer übrig, die das Recht entscheidend prägten. Pharisäer, was auf Hebräisch „Abgesonderte“ bedeutet, waren eine theologische Ausrichtung innerhalb des Judentums. Sie richteten sich nicht nur nach dem in der Tora niedergeschriebenen Gesetz Moses, sondern auch nach den „Vorschriften der Vorfahren“ die mündlich überliefert waren. Deshalb wurden sie von den Essener und den Sadduzäern abgelehnt, die in der Befolgung der mündlichen Überlieferung eine Flexibilisierung der traditionellen Lehre sahen.

Letztendlich setzten sich jedoch die Pharisäer bei den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen jüdischen Strömungen des 1. Jahrhunderts durch und prägten das Judentum seitdem bedeutend.

Ein Beispiel für die unterschiedlichen Rechtsauffassungen stellten jedoch die Schulen von Hillel und Schammai dar. Hillel und Schammai standen an der Spitze des Synhedrion, des obersten Gerichts, das aus 71 Gelehrten bestand und sowohl die Legislative als auch die Exekutive darstellte. Diese Gelehrten trafen sich traditionsgemäß im heiligen Tempel, bzw. nach seiner Zerstörung an anderen Orten. Das Synhedrion verkörperte eine festeingerichtete Institution seit vorchristlicher Zeit und hielt sich bis etwa 200 n. Chr., vermutlich fiel es in der Christianisierung zum Opfer.

Schammai und Hillel begründeten zwei Schulen, die nach ihnen benannt wurden und unterschiedliche Ansichten bezüglich einiger Rechtsfragen vertraten.

Die Schammaischule war in vielen religiösen Fragen strenger als die Hillelschule, weshalb letztere mehr Anhänger im Volk fand. Da zudem schwierige Zeiten herrschten, konnte sich die kultische Lehre der Schammaischule nicht durchsetzen und löste sich 140 n. Chr. mit der Zerstörung des 1. Tempels auf.

Die Mischna entstand unter der Leitung von Rabbi Jehuda. Als Bindeglied zwischen Tora und mündlicher Überlieferung sollte sie eine umfassendere, zeitgemäßere Einheit des Rechts schaffen. Sie wurde auf neuhebräisch verfasst und hat einen sehr eigenen Aufbau.

So hat jede Seite des Talmuds einen Kern, einen kleinen Teil, der teilweise nur wenige Zeilen umfasst, zu denen jedoch viel gesagt wurde, was sich auf folgenden Seiten ebenfalls mittig platziert in Form eines kleinen Kästchens befindet. Diese Interpretationen, die sich nur auf die wenigen Zeilen beziehen, erstrecken sich über etliche Seiten bis zum nächsten Abschnitt, in dem ein neuer Abschnitt beginnt. Um die Kästchen herum befinden sich später die angefügten Kommentare, die Gemara, die den jeweiligen Inhalt erklären. Sie wurden von den Amoraim („Ausleger“) in Babylonien verfasst und um 600 zusammengefasst und ergänzt.

Auch diese Kommentierungen werden auf die Überlieferung und Autorität Moses zurückgeführt. Diese Vorstellung basiert auf dem Glauben der Universalität der Tora. Ihr Text war von Gott gegeben und durfte in keiner Weise verändert oder umgedeutet werden, egal ob es sich um Rechtsbegriffe, Ehe- oder Speisegesetze oder andere Gebote und Verbote handelte.

Der Aufbau der Talmudseite gleicht mit seinen verschiedenen Ebenen und Formaten einer Zwiebel, die sich aus verschiedenen Schichten zusammensetzt und trotzdem eine homogene Einheit bildet.

Die Rechtsdogmatik des jüdischen Rechts verfügt im Vergleich zu unserem Rechtssystem über eine weitaus stärker ausgeprägte Normenhierarchie.

Dementsprechend genießen die Rechte, die sich direkt aus der Bibel ableiten lassen, eine größere Autorität und Qualität als das von Rabbinern entwickelte Recht.

Somit hat das sinaitische Recht eine Art Verfassungscharakter, während das rabbinische Recht diesem untergeordnet ist.

Allerdings gibt es auch Gesetze, die durch Rechtsgelehrte begründet wurden und sich trotzdem gegen das sinaitische durchsetzen konnten, wie zum Beispiel das Verbot Verwandter untereinander in bestimmten Konstellationen zu heiraten, was sich zwar nicht konkret aus der Bibel ableiten ließ, aber dennoch als Gesetz verabschiedet wurde.

Zudem gibt es auch Fälle, in denen das rabbinische Recht gegen sinaitisches Recht verstieß, da Rabbiner teilweise nicht sehr dogmatisch waren, sondern primär die Annehmbarkeit des Rechts anstrebten.

So hatte beispielsweise Hillel zu Zeiten Jesu das biblische Recht außer Kraft gesetzt, da er es mit den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen für unvertretbar hielt. So galt damals nämlich laut biblischem Recht das Gebot, dass Frauen nach der Geburt ein Opfer bringen sollten, was ihnen in ihrer damaligen Lage wirtschaftlich jedoch kaum möglich war und deshalb zum Geburtenrückgang führte, woraufhin  Hillel die Aufhebung dieses Rechtsgrundsatzes veranlasste.

Auch Ezechiel hob einen Grundsatz nach der Zerstörung des 1. Tempels in der babylonischen Diaspora ca. 500 v. Chr. auf, indem er den allgemeinen Glauben, dass die Sünden der Eltern auf ihre Kinder bis in die 7. Generation übertragen würden, für unwahr erklärte.

Denn selbst wenn Moses als größte gesetzliche Autorität galt, so geht sein Leben der Vorstellung nach auf den Zeitraum um 1300 v. Chr. zurück und so waren nicht alle Traditionen seiner Zeit später noch vertretbar.

Zur Zeit des Ezechiel war das jüdische Volk in der babylonischen Gefangenschaft dermaßen verzweifelt und sah aufgrund des Glaubens an die Erbschuld keine weitere Zukunftsperspektive, weshalb Ezechiel erklärte, dass Söhne weder für ihre Eltern noch umgekehrt einstehen müssten.

Jahrhunderte später wurde diese Änderung im Talmud nur durch einen kurzen Satz festgehalten, in dem die Änderung des Wortes Moses durch Ezechiel, einem sehr viel späteren und weniger bedeutenderen Propheten, als eine Selbstverständlichkeit behandelt wurde.

Dementsprechend hatten auch andere Rabbiner und Rechtsgelehrte schon immer Möglichkeiten und die Legitimation gefunden, das Recht zu gestalten.

Insgesamt besteht die Halacha neben mündlichem und geschriebenem Recht noch aus der Kabbala, Richtersprüchen und Aussagen von Weisen und Gewohnheitsrecht.

Kabbala stellt heute einen Trend dar und wird oft mit jüdischer Mystik übersetzt, entstammt aber dem hebräischen Verb kabal, was soviel wie aufnehmen, empfangen, bekommen heißt und rechtsgeschichtlich einfach nur die Empfangnahme durch Moses und die Überlieferung an die späteren Generationen bedeutet.

Die Halacha wird in Israel heute noch in jüdischen Gemeinden gelebt. Sie bildet die Basis in Schutzfragen der jüdischen Religion und liefert die praktische Auslegung der Tora So gibt es neben den weltlichen Gerichten noch religiöse Gerichte, die aber nur in Personenfragen wie im Bezug auf Eheschließungen zuständig sind. Gerade bei Eheschließungen gibt es oft Probleme und Differenzen zwischen religiösen und staatlichen Gerichten, da Mischehen nicht zugelassen sind. Finden sie trotzdem statt, indem auf Zypern, in Deutschland oder an einem andern Ort geheiratet wird, können weitere Probleme zutage treten, da zum Beispiel das Judentum nur über die Mutter vererbt wird, der Islam jedoch über den Vater weitergegeben wird, und ein Sohn einer Jüdin und eines Moslems demnach gleichzeitig Jude und Moslem ist.

Ein aktueller Gesetzentwurf, der die standesamtliche Hochzeit in Israel ermöglichen sollte, wurde erst neulich durch Mehrheit des Parlamentes abgelehnt.

Protokoll der 4. Arbeitssitzung

Diese Sitzung des Seminars zum jüdischen Recht thematisierte Gleichnisse zum Thema Nächstenliebe und Vergeltung des Alten sowie auch des Neuen Testaments.

Zunächst wurden die folgenden Texte ausgegeben und in Gruppenarbeit untersucht:


Arbeitstexte:

3. Moses, Kap. 19

Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der HERR. 17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest. 18 Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR. c

a: 2. Mose 23,7  b: Ps 141,5;  Mt 18,15  c: 2. Kön 6,22;  2. Chr 28,9-15;  Mt 5,43-48;  22,39;  Lk 10,25-37>;  Joh 13,34;  Röm 13,9;  Gal 5,14<>;  Jak 2,8 

3. Moses, Kap. 24

17Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben. 18Wer aber ein Stück Vieh erschlägt, der soll's ersetzen, Leben um Leben.  19Und wer seinen Nächsten verletzt, dem soll man tun, wie er getan hat, 20Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einen Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun. 21Wer ein Stück Vieh erschlägt, der soll's erstatten; wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben. 22Es soll ein und dasselbe Recht unter euch sein für den Fremdling wie für den Einheimischen; ich bin der HERR, euer Gott.


Klagelieder Jeremias, Kap. 3

27Es ist ein gutes Ding für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage. 28Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es ihm auferlegt, 29und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch Hoffnung. 30Er dbiete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun. 31eDenn der HERR verstößt nicht ewig; 32sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. 33Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.


Matthäus, Kap. 5

38Ihr habt gehört, dass gesagt ist: «Auge um Auge, Zahn um Zahn.» 39Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.a 40Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.


Der Talmud berichtet:

Einst trat ein Nichtjude vor Hillel und spracht zu ihm: Ich will Jude werden unter der Bedingung, dass du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Fuße stehe. Hillel sprach zu ihm: „Was dir zuwider ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung, geh und lerne sie!“ (b. Schabbat 31a).

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Hillel Gottes Weisung auf das irdische, das menschliche Dasein konzentrierte, um nicht zu sagen reduzierte. Nicht dass alle anderen Aspekte der Tora nicht wichtig wären, jedoch steht bei ihm, und nach seiner Auffassung wohl auch bei Gott, das menschliche Miteinander, das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, kurzum die friedliche Gesellschaft an erster Stelle. Die ganze Tora wurde demnach dem Volk Israel, und mittelbar auch den Völkern der Erde, verkündet in der Absicht, eine menschliche Gesellschaft zu schaffen, in der Frieden und das Verständnis füreinander herrschen.

Warum hat Hillel nicht den bekannten Satz aus der Bibel zitiert "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"? Dies wäre nahe liegend, zumal dieses Wort von Gott wörtlich Moses gesagt wurde. Darüber hinaus könnte man die Frage stellen, warum sich Hillel die Mühe machte, einen eigenen Satz  zu formulieren, wenn dieser sich von dem biblischen nicht wesentlich unterscheidet. Hillel muss also einen schwerwiegenden Grund gehabt haben, nicht auf das Wort Gottes und auf das Gebot der Liebe zurückzugreifen, sondern eine eigene Maxime aufzustellen.>


Anschließend wurden die Ergebnisse zusammengetragen und diskutiert.

So wurde zu Beginn das Zitat von Hillel („Was dir zuwider ist, das tu auch deinem Nächsten nicht“) mit dem Ausspruch Moses („du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“) verglichen, wobei angemerkt wurde, dass Hillels Formulierung durch den Verzicht auf das Wort „Liebe“ annehmbarer wirke, da es nicht auf eine zu persönliche Ebene ginge, jedoch trotzdem vermitteln würde, dass man seinem Nächsten kein Leid zufügen solle.

Die nächste Gruppe sah in der Auflistung der Zitate eine Entwicklung, wonach in dem ersten Moseszitat zunächst die Grundnorm genannt würde, aus der sich im zweiten Moseszitat die Rechtsfolge ergeben würde.

Dazu wurde jedoch gesagt, dass die Reihenfolge der Zitate rein willkürlich gewählt worden sei und keinerlei Bedeutung habe, obschon dies im Bezug auf die beiden Moseszitate seine Richtigkeit habe.

Des Weiteren wurde die Formulierung „ich bin der HERR“ als Warnung erklärt. Dieser in den beiden Moseszitaten, sowie allgemein in der Bibel oft verwendete Ausspruch besitzt somit eine Appellfunktion, die die Macht Gottes und mögliche Sanktionen seinerseits ausdrücken soll.

Die Übersetzung „Herr“ geht auf Luther zurück, eigentlich wurde Gott als Jehova bezeichnet. Die Übersetzung dessen ist bis heute allerdings unklar. Man geht davon aus, dass es die (falsche) Leseart Jahwes ( die hebräische Bezeichnung für Gott „ich bin der, der ich bin und der ich sein werde“) sei, die sich aus der aus Gottesfurcht entstandenen  Abkürzung JHW und der Einfügung der Vokale von „adonai“ (mein Herr, gebräuchliche Anrede Gottes im Alten Testament) entwickelt habe.

Das Gebot der Nächstenliebe, bzw. die allgemeinen Verbote im Umgang mit Mitmenschen, die aus 3. Moses, Kap. 19 hervorgehen, stellen ethische Verhaltensnormen dar. Auch wenn sie keine wirkliche Strafe Gottes erwarten lassen, konnten sie sich in Bezug auf umgängliches und sozialverträgliches Verhalten bis heute etablieren.

Zwar glaubte man früher an die Sanktion Gottes, die einem Fehlverhalten unmittelbar folgen konnte, was heute weitestgehend überholt ist, dennoch sind die Zitate wie „du sollst deinen nächsten Lieben“ oder „wenn jemand auf deine rechte Backe schlägt, dann biete die andre auch dar“ noch heute den meisten Menschen ein Begriff.

Somit verankerte Moses durch die Androhung göttlicher Sanktionen ethische Verhaltensnormen, die bis heute in keiner anderen Kodifikation vorkommt.

Zu dem zweiten Moseszitat (3. Moses, Kap. 24) wurde angemerkt, dass die Formulierung „Schaden um Schaden“ Ausgleich statt Rache bedeuten würde.

So würde eine allgemeine ausgleichende Gerechtigkeit angestrebt, die nicht  unmittelbar durch Rache des Geschädigten, wohl aber durch Wahrung der Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft erreicht würde, sei es zum Beispiel in Form von wirtschaftlicher Kompensation, indem ein getötetes Tier mit einem Neuen ersetzt werden musste, was auch das Zitat „Leben um Leben“ zum Ausdruck bringt.

Dementsprechend stellt der Grundsatz „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ die allgemeine Strafe als logische Konsequenz des vorangegangenen Tuns dar, und nicht die wortgetreue Vergeltung von Gleichem mit Gleichem.

Die Rechtsgelehrten des Talmuds argumentierten in der Ausdehnung des Kompensationsmaßes außerdem auch damit, dass schon aufgrund von möglichen physischem Unterschieden die wortgetreue Anwendung des Grundsatzes von „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ nicht immer möglich sei, beispielsweise wenn der Schädigende selbst schon zahnlos oder blind wäre.

Das nächste Zitat (Klagelieder Jeremias, Kap. 3) stammt von Jeremias, der zur Zeit der Zerstörung des 2. Tempels prophezeite.

Er lebte um 586 v. Chr. zur Zeit der Zerstörung Jerusalems, sowie auch in der ägyptischen Diaspora. Besonders durch seine Klagelieder und seine Rolle als Tröster und Hoffnungsspender gilt er als einer der großen Propheten des Alten Testaments.

In dem vorliegenden Klagelied brachte Jeremias zum Ausdruck, dass Gott gütig sei und zum Verzeihen bereit („Denn der Herr verstößt nicht ewig“), da jeder Schaden auch eine Prüfung darstellen würde und überwunden werden könne.

Das Matthäuszitat (Matthäus, Kap. 5) stammt aus der Zeit gegen Ende des ersten Jhd. n. Chr. und stellt eine Verbindung älterer Verhaltensnormen aus dem Alten Testaments dar.

Das Matthäusevangelium (ca. 70 n. Chr.) ist das am meisten jüdische der vier Evangelien, das von der Vorstellung geprägt ist, dass Jesus der neue Moses sei, der nicht gekommen wäre, um das jüdische Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.

Auch bei Hillel im Talmud kamen die ethischen Verhaltensnormen wieder zum Ausdruck gemäß einer konkreten Verhaltensaufforderung: „Pass auf und achte auf dein Handeln!“

Besonders für Hillel beruhte das ganze Alte Testament auf Solidarität zwischen den Menschen als wichtigstes Fundament. Einer seiner Leitsprüche lautete „Sei einer von den Jüngern Aarons, einer der den Frieden liebt und dem Frieden nachjagt, der die Geschöpfe liebt und sie der Tora nahe bringt“.

Diese Aussage findet sich auch in dem Zitat „Was dir zuwider ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur Erläuterung, geh und lerne sie!“ (b. Schabbat 31 a) wieder, die sogar Jesus als Orientierung gedient haben soll.

Der Grund, weshalb Hillel im vorliegenden Gespräch nicht das Zitat Moses über die Nächstenliebe verwendet habe, sondern seine eigene Formulierung, wurde damit begründet, die abgewandelte Form liefere eine  konkretere Aufforderung an sein Gegenüber, sich ethisch korrekt zu verhalten.

Denn die Aufgabe von Rechtsgelehrten sei es nicht, nur bekannte Zitate zu verbreiten, sondern deren Inhalt weiterzugeben und diesen auch zu leben.

Ratschläge, Weisheiten und Verhaltensregeln gab es in fast allen Kulturen, jedoch fehlte ihnen die verbindliche Rechtskraft, um tatsächlich praktische Wirkung zu entfalten. Darin zeigte sich jedoch die besondere Leistung Hillels und seiner Nachfolger, da sie diese Sprüche nicht nur übernahmen, sondern auch zu verbindlichem Recht formten.

Sie stellten in den ethischen Normen wie „du sollst nicht hassen“ allgemeingültige, moralische Grundsätze auf, die man verinnerlichen und als verbindlich für jegliches Handeln ansehen sollte, auch wenn diese nicht sanktionierbar waren.

Protokoll der 5. Arbeitssitzung

Der Handel

Die fünfte Stunde wurde mit einem Referat über den Handel unter Berücksichtigung der Unterpunkte Leihe, Darlehen, Zins und Wucher eröffnet.

Die Referentin erwähnte in ihrem Vortrag, dass die Auffassung weit verbreitet wäre, dass die Juden den Handel erfunden hätten, was jedoch nicht mit der Wirklichkeit übereinstimme.

Tatsächlich war der Handel im alten Israel nicht besonders entwickelt, da die jüdische Gesetzgebung vielmehr den Ackerbau begünstigte.

Die Mehrheit lebte von der Landwirtschaft oder vom Handwerk, nur eine geringe Zahl der Bevölkerung war im Handel tätig, der hauptsächlich von den Phöniziern und den Griechen beherrscht wurde.

Die Phönizier verbanden mit ihren Schiffen die Küsten des Mittelmeers untereinander und gründeten neue Handelsniederlassungen. Sie entwickelten auch eine Handelsflotte, die im Bündnis mit König Salomo (961- 931 v. Chr.) den Handel Israels nach Afrika und Arabien ausweitete.

Doch obwohl Israel am Schnittpunkt vieler Handelswege lag, die Kleinasien im Norden und Mesopotamien, Persien und Indien im Osten mit Arabien im Süden verbanden, hatten sie zunächst  wenig Interesse an Handelsgeschäften, da sie zunächst sesshaft werden und ihr Staatswesen sichern mussten.

Zudem warfen religiöse Vorschriften wie die Einhaltung des Sabbats, das Zinsverbot sowie Beschränkungen im Umgang mit Heiden Schwierigkeiten auf, als Jude im Handel tätig zu werden.

So waren beispielsweise Banken, die es in Mesopotamien schon gab, in Israel weitgehend unbekannt.

Das wirtschaftliche Leben spielte sich auf den Märkten ab, auf denen Bauern und Kleinhändler ihre Waren anboten, was in den Gassen oder auf öffentlichen Plätzen vor den Stadttoren geschah.

Erst im 5. Jahrhundert kam der Fernhandel unter den Juden auf, begünstigt durch ihre internationalen Beziehungen und die Vielsprachigkeit.

Diese Handelstätigkeit erblühte im 8. und 9. Jahrhundert besonders durch die Handelsbeziehungen in den Orient.

Im 10. Jahrhundert bekamen die jüdischen Händler allerdings starke Konkurrenz durch die Italiener, die sie letztendlich auch fast vollständig verdrängten.

Weitere Einschränkungen kamen durch die Kreuzzüge im 11. Jahrhundert hinzu, wonach es den Juden untersagt wurde, christliche Berufe auszuüben.

Da ihnen keine andere Perspektive blieb, waren sie schließlich gezwungen, sich dem Geldgeschäft zu widmen, was ihnen aufgrund des allgemeingültigen und religionsübergreifenden Zinsverbotes jedoch nur noch mehr Ablehnung und Verachtung einbrachte.

Nach dem die Juden aus dem Süden Europas vertrieben wurden, zog es Großteile von ihnen nach Osten, insbesondere nach Polen und Litauen.

Im 14. Jahrhundert wuchs so der Handel im Schwarzen Meer, wobei vor allem die polnischen Juden den Orienthandel wieder stark ankurbelten.

Während der großen Kreuzzüge im Wege der Christianisierung im 15. und 16. Jahrhundert, die besonders stark in Spanien stattfand und der viele Juden auf grausame Art und Weise zum Opfer fielen, konnten einige flüchten und anderer Orts ein neues Leben beginnen, bevorzugt in Handelsstädten wie Amsterdam, Bremen und Hamburg.

Andere ließen sich taufen, um so ihre Heimat nicht verlassen zu müssen.

Viele der Täuflinge behielten jedoch insgeheim ihre jüdischen Traditionen bei, die sich im Laufe der Jahrhunderte unbewusst in die Gebräuche der Menschen integrierten.

Diese Juden wurden auch Maranen bezeichnet, ein Schimpfwort, was soviel wie „Schweinesöhne“ bedeutet.

In deutschen Städten hatten Juden von je her eine schwierige Stellung. Zwar wurden sie im Laufe des Mittelalters nicht mehr ausgeschlossen sondern in das wirtschaftliche Leben integriert, da sie in der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa durch das Aufkommen der Börse und dem Finanzmarkt eine wichtige Rolle zugewiesen bekamen und diese auch wahrnahmen, doch waren sie entsprechend unbeliebt und jüdische Bürger bis 1918 gesellschaftlich nicht gleichberechtigt.

Erst in der zunehmenden Industrialisierung bekamen Juden Eintritt in freie Berufe, jedoch blieb ihnen eine gesellschaftliche Randposition vorbehalten.

Wenn auch die Schilderung der jüdischen Handelsbewegungen von den Phöniziern bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts den Eindruck erweckt, als hätten sie im Handel immer eine führende Rolle gehabt, so ist wichtig hervorzuheben, dass dies nur eine Entwicklung am Rande war, während andere Völker und Kulturen das Handelsgewerbe weitaus stärker dominiert und verbreitet haben.


Das Darlehen

Weiter wurde der Begriff des Darlehen erläutert. So hieß es, man habe nach biblischem Recht mit zinsfreien Darlehen die Armut bekämpfen wollen, in dem das Verleihen von Geld nicht nur eine verdienstliche Tat, sondern eine Rechtspflicht darstellte.

Es wurde zum einen durch einen mündlichen Vertrag vor Zeugen, und zum anderen schriftlich durch eine Urkunde begründet.

Ein Darlehen konnte auch in Form von Nahrungsmitteln gewährt werden, außerdem war ein Rücktritt möglich.

Eine zeitliche Rückgabefrist war ursprünglich nicht vorgesehen, es galt aber der Brauch die Frist von 30 Tagen einzuhalten, außerdem stellte die Tilgung eine ethische Pflicht dar.

Das in der Bibel verordnete Erlassjahr, auf Hebräisch auch Schmitta oder Schvi´it genannt, gilt als eine der revolutionärsten Einrichtungen der Antike, die eine soziale Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft wiederherstellen sollte.

Diese Regelung besagte, dass ab dem 7. Jahr alle Schulden erlassen würden.

Allerdings führte dies in der Praxis dazu, dass vor dem Erlassjahr kein Geld mehr verliehen wurde, was in 5. Mose 15, 9 auch schon befürchtet wurde „ Hüte dich, dass nicht in deinem Herzen ein arglistiger Gedanke aufsteige, dass du sprichst: Es naht das 7.Jahr, das Erlassjahr-, und dass du deinen armen Bruder nicht unfreundlich ansiehst und ihm nichts gibst; sonst wird er wider dich zu dem HERRN rufen, und bei dir wird Sünde sein;“.

Eine der wichtigsten Reformen, Prosbul genannt, wurde daher von Hillel durchgeführt. Diese Reform hob das biblische Erlassjahr auf, da die Leute kein Geld mehr verliehen, weil die Gläubiger befürchteten, ihr Geld nicht zurückzubekommen.

In dem Hillel diese Regelung aufhob, wollte er also die Armen schützen, da sie sonst vermutlich gar kein Geld mehr erhalten hätten.


Der Leihvertrag

Der Leihvertrag unterscheidet sich kaum von dem des deutschen Rechts. Er umfasst die unentgeltliche Überlassung einer Sache durch formellen Erwerb, wobei es sich um mobiliare sowie immobiliare Sachen handeln konnte.

Ein Leihvertrag war auch über Sklaven möglich, allerdings galten besonders strenge Haftungsvorschriften. So haftete der Entleiher auch bei zufälligem Schaden an der Sache, es sei denn, der Entleiher war während dessen zugegen.

Im Todesfall ging der Leihvertrag auf die Erben über.


Das Zinsverbot

Das Zinsverbot galt außer im Judentum auch im Christentum und im Islam.

Im Judentum gab es jedoch stärkere Differenzierungen, indem es zwar innerhalb der Gesellschaft verboten war, Zinsen zu nehmen, Fremden gegenüber jedoch erlaubt, wobei erneut zwischen Volks- und Landesfremden unterschieden wurde.

In der talmudischen Periode wurde das Zinsverbot sehr ernst genommen und sogar noch verschärft.

So war jeder Vorteil, der dem Gläubiger zufallen sollte, verboten und Darlehensurkunden, die Zinsen enthielten, für nichtig erklärt.

Das Zinsverbot galt fortan als lebensfremd, außerdem fanden sich auch bei strengen Verfechtern Möglichkeiten, diese Regelung zu umgehen, zum Beispiel durch Zahlung eines Arbeitslohns.


Wucher

Der Begriff des Wuchers geht auf die starken gesellschaftlichen Unterschiede zwischen arm und reich zurück.

Etymologisch bedeutet es „jemandem etwas aus dem Fleisch schneiden“, was die Verletzung der Würde und des Sozialgefüges im christlichen Recht ausdrücken soll. Dieses Motiv wurde auch in der Literatur in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ verwendet.

Die Juden wurden als Wucherer bezeichnet und dementsprechend ausgegrenzt, lange Zeit stand Zinsnahme sogar auf gleicher Stufe mit Verbrechen wie Brandstiftung oder andere Kapitalverbrechen.

Der Seminarleiter gab einen Überblick über die neueren anthropologischen Erkenntnisse zur Entwicklung des Rechts und des Rechtsbewusstseins.


Jäger- und Sammlergesellschaft - die Kleinfamilie 50.000 bis 500.000 Jahren.

Es gibt kein Privateigentum, keine Benachteiligung der Frau

Neben Verwandtschaft und Egalität, gegenseitiger Gabentausch zur Lösung von Konflikten.

Negative Reziprozität: Handel mit Fremden, Feilschen, Täuschen, Überfall

Konfliktlösungsmechanismen: Diskussion in kleinem Kreis. Keine Sanktionen.

Delikte: Verletzung der Person, Ehebruch, Diebstahl, (= Beleidigung)

Kein öffentliches Strafrecht, nur Privatstrafrecht

Segmentäre Gesellschaften:

Zusammengesetzt aus mehreren Segmenten. Verwandtschaftsgruppen.

Sesshaftigkeit. Kinder werden existenziell wichtig. Brautpreisleistung als Ausgleich für die Kinder. Verwandtschaftseigentum die Regel.

In kephalen Gesellschaften verstärkt sich die Unterdrückung der Frau, weil die Männer selbst von einer zentralen Herrschaftsinstanz unterdrückt werden.

Religion und Magie verstärken sich.

Konfliktlösungen: Selbsthilfe, Rache, Fehde, Verhandlungen, Orakel, Privatrecht und Strafrecht gehen noch ineinander über

Protostaaten:

Keine einheitliche Theorie über die Entstehung von Staaten.

Eigentum von Land. Prozess der Entsegmentierung.

Keine Verhandlung und Schlichtung bei der Konfliktlösung.

Staatliche Gerichte: deliktisches Privatstrafrecht verwandelt sich in reines Strafrecht.


Dieser Überblick sollte auf die Suche nach Konfliktlösungsmechanismen bis zur heutigen Zeit aufmerksam machen. In der Geschichte des jüdischen Rechts fanden wir die Maxime des Hillel, die bereits in der vergangenen Stunde erörtert wurde. Ein aktuelles Beispiel hierfür liefert die Philosophin Martha Nussbaum.

Die amerikanische Philosophin Martha Craven Nussbaum, lehrt Rechtsphilosophie an der Universität Chikago, stelle in ihrem Buch

Poetic Justice: The Literary Imagination and Public Life, Beacon Press (1. April 1997)
die These auf, dass ein moralisches Empfinden weitgehend mit empathischer Phantasie zusammenhängt. Wenn der Mensch diese Phantasie besitzt, entwickelt er ein Verständnis für das Anderssein seines Mitmenschen, was zu mehr Gerechtigkeit in den Beziehungen beiträgt. Sie empfiehlt deshalb Richtern, Anwälten, Polizisten, Ärzten und anderen Personen des öffentlichen Lebens, Romane zu lesen. Im Kurrikulum dieser Studienfächer sollte eine Einleitung oder Übung beim Lesen von realistischen Romanen eingebaut werden.

Nussbaum demonstriert ihre Thesen anhand von 3 Romanen, die sie analysiert:

Harte Zeiten von Charles Dickens 1812-1870; die Geschichte enhält Kritik an den Oberschichten der Gesellschaft zur Zeit der Industriellen Revolution, die die unteren Klassen ausbeuten.

Sohn dieses Landes von Richard Wright 1908-1960; es geht um die Diskiminierung der Schwarzen in den USA.

Morris von A. M. Forester; der Homosexuelle in der konservativen englischen Mittelstandsgesellschaft.

Man kann darüber diskutieren, ob im Erwachsensein Einstellungen dieser Art überhaupt noch möglich sind. Ob Romane hier wirklich einen erzieherischen Einfluss haben können, oder wie mehr Empathie und mehr Empfinden für Gerechtigkeit erzeugt werden kann, ist eine Frage, die die Autorin anhand von Beispielen zu beweisen versucht. (Jedenfalls sollte man nicht damit angeben, dass man nie einen Roman gelesen hat, wie es unser zukünftiger Präsident von sich sagte.) Der Kerngedanke der Idee von Martha Nussbaum ist doch, dass man die Menschen zu mehr Solidarität oder solidarisches Empfinden führen kann und soll.

An was erinnert das?

An die Maxime Hillels. Der ganze Inhalt, die ganze Bedeutung der Lehre, der Tora, ist in der einen Vorstellung ausgedrückt, dem Nächsten nichts anzutun, was einem selbst zuwider ist. Das heißt, zu überlegen, was der Nächste empfindet oder empfinden kann und sein Handeln danach auszurichten. Mit anderen Worten: Solidarität mit dem Mitmenschen. Alle anderen Fragen und Lehren des Judentums und des mosaischen Rechts müssen dann noch gelernt werden (das ist, was Hillel gesagt hat).

Die anschließende Diskussion, ob man durch Empathie mehr Solidarität unter den Menschen hervorrufen könne, war sehr kontrovers.

Ob Solidarität und Empathie miteinander verbunden wären oder auch unabhängig von einander wirken könnten, war umstritten.

Es sei das eine für das andere nicht unbedingt notwendig, bzw. kein Garant, doch ließe sich Solidarität leichter ausüben, wenn Empathie vorläge, die wiederum oft aus gefühlter oder vorliegender Gleichheit entstünde.

Auch wurde der Standpunkt vertreten, dass alle Menschen allein schon physisch gleich seien und der Ansatz, dieses durch Empathie bewußt werden zu lassen, sinnlos wäre.

Weiter wurde gesagt, dass es zu spät wäre, den Studenten erst während ihres Studiums anhand von Romanen Mitgefühl vermitteln zu wollen, da dies bereits im Kindesalter durch eine ethische Erziehung mitgegeben werden müsse und im Erwachsenenalter zu spät sei.

Dazu wurde jedoch der Gedanke aufgeworfen, dass es vielleicht nicht die geeigneteste Möglichkeit sei, jedoch immerhin ein Weg, durch Romane oder ähnliches den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb der Gesellschaft wieder zu stärken.

Denn dass ein gesellschaftliches Bedürfnis nach mehr Gerechtigkeit und Mitgefühl besteht, beweisen die wissenschaftlichen Untersuchungen wie die Martha Nussbaums, die nach einem Mittel für mehr Mitgefühl innerhalb der Gesellschaft forschen.

Dementsprechend ist Solidarität zu Hillels Zeiten wie auch heute ein entscheidender Begriff im gesellschaftlichen Miteinander.

Protokoll der 6. Sitzung vom 08.06.2004

Thema dieser Sitzung war eine Übersicht über die historische Entwicklung des jüdischen Rechts, die der Seminarleiter anhand folgender Zeittafel und eines Vortrags darstellte (s. Anlage Zeittafel).

Da das Judentum eine sehr lange Geschichte hat, hat auch das jüdische Recht eine weitreichende Vergangenheit.

Die Anfänge werden auf das 17. und 18. Jahrhundert vor der Zeitrechnung datiert, wobei es bei Hammurabi genaue zeitliche Belege gibt, die aus der 1902 gefundenen Stele, der Gesetzessammlung Hammurabis hervorgehen, während zu Abrahams Leben nur Schätzungen vorliegen.

Allerdings gibt es zwischen beiden erhebliche Parallelen, so dass man von zeitlichen Überschneidungen ausgeht.

Auch geografisch geht man von einem ähnlichen Ursprung aus. Der Kodex Hammurabi stammt aus Babylonien, das auch unter den Namen Zweistromland, Mesopotamien oder „Halbmond“ bekannt ist. Diese Gegend zwischen Euphrat und Tigris gilt auch als die „Wiege der Menschheit“, da sie aufgrund ihrer fruchtbaren Beschaffenheit die ersten festen Siedler begünstigte.

Die Stadt Ur, von der aus Abraham zur Wanderung nach Kanaan aufbrach, lag ebenfalls in diesem Gebiet.

Wer jedoch zuerst wirkte oder wen beeinflusste ist bis heute ungeklärt, doch entsprach die Lebensführung Abrahams, dem Urvater der Juden, der Vorgabe des Kodex Hammurabi, wonach die Ehefrau die Geliebten ihres Mannes aussuchen durfte und die Verantwortung für die aus dieser Beziehung entsprungenen Kinder trug.  Abraham lebte dieses Modell mit seiner Frau Sara und der Geliebten Hagar. Da Sara kinderlos blieb, gebar ihre Magd ihr den Sohn Ismael.

Zwar gab es damals noch kein jüdisches Recht, aber Rechtsverhältnisse, die später als Quellen dienten.

Auf das 13. Jahrhundert vdZR wird die Empfangnahme des Gesetzes Gottes in Form der Tora auf dem Berg Sinai von Moses geschätzt.

Damit begann das mosaische Recht, das schon Gesetze und Verfahrensregeln beinhaltete.

Sämtliche Rechtsakte der folgenden Epochen wurden nun auf diese Ge- bzw. Verbote gestützt, wobei die  später folgenden Könige im ersten Königreich (11 Jhdt-586 vdZR) zugleich als Gesetzgeber und oberste Richter fungierten.

Geltend war damals ausschließlich mosaisches Recht, wobei umstritten ist ob dies schriftlich vorlag oder mündlich überliefert war.

Saul als erster König vereinigte zunächst die Stämme im Lande Kanaan. Dies geschah jedoch mehr aus Verteidigungszwecken gegen den Einfall der Philister im Lande, die durch ihre militärische Überlegenheit eine große Gefahr darstellten, weshalb im Volk der Wunsch nach einem Oberhaupt aufkam.

Durch die Wahl eines gemeinsamen Königs der Stämme wurde somit schließlich Saul zum regieren bestimmt, doch handelte er im Namen Gottes und nicht im eigenen Namen.

Saul regierte zwar erfolgreich, doch der Sieg über die Philister gelang erst David, seinem Nachfolger. 

586 vdZR begann die Zeit der Verfolgung und die Flucht ins babylonische Exil, die bis zur Rückkehr 537 vdZR andauerte. Dort hörte die Souveränität des jüdischen Volks in Kanaan auf, das Königreich Judäa gab es nicht mehr.

In Babylonien konnten die Flüchtlinge zwar ihre Religion ausleben und ihre Traditionen pflegen, doch war das Volk durch die vorhergehenden Erlebnisse erschüttert und im Glauben verunsichert.

Bis 460 vdZR dauerte die Restauration im 2. Bund.

Als ersten Bund bezeichnet man die Verbindung zwischen Gott als dem Gesetzgeber und dem Volk durch Moses, der zweite geht zum Großteil auf Esra zurück.

Esra war ein jüdischer Priester und Schriftgelehrter, der der Überlieferung nach im Jahre 398 v. Chr. vom persischen König Artaxerxes II. nach Jerusalem gesendet wurde, um dort das jüdische Gesetz wieder in Kraft zu setzen und eine Verwaltung zu initiieren.

Nachdem dort Abkehr von der Religion und Ungerechtigkeiten Einzug gehalten hatten, setzte sich Esra stark für die Rückkehr zu den jüdischen Wurzeln ein, was er zum Beispiel mit dem Verbot von Mischehen auch erreichte.

Das 2. Königsreich vom 2. Jhdt vdZR bis zum 1. Jhdt. ndZR ist rechtsgeschichtlich besonders durch den Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern geprägt.

Während die Pharisäer eine Rechtsfortbildung und Anpassung durch Aufnahme mündlicher Überlieferungen befürworteten, lehnten die Sadduzäer dies strikt ab, sondern wollten weiterhin nur den Vorschriften der Tora Rechtsverbindlichkeit zubilligen.

Im Laufe der Zeit konnten sie sich mit ihrer Einstellung jedoch nicht behaupten, was auch die Entwicklung des Talmuds zeigt.

Der Talmud gliedert sich in die drei dargestellten Entwicklungsstufen, die im Laufe der Jahrhunderte aufgeschrieben, kommentiert und fortgeführt wurden.

Die Mischna war der erste Versuch, die oben beschriebene mündliche Entwicklung der Tora nun auch schriftlich zu fixieren, um ihr ebenfalls Autorität zu verleihen.

Gerade nach der Zerstörung des Tempels und zwei verlorenen Kriegen um die staatliche Unabhängigkeit wollte man Traditionen und Gesetze des jüdischen Glaubens genauer definieren und festhalten.

Die Mischna sollte daher ein umfassendes Buch werden, das neben dem bürgerlichen Recht auch das ganze Leben regeln konnte, also neben Anweisungen auch eine Interpretation der schriftlichen Lehre darstellen sollte. Zurück geht sie auf Hillel, dessen bahnbrechende reformatorische Leistungen erst später wirklich bewusst wurden.

So war er in der Rechtsfortbildung aktiv, setzte gleichzeitig aber auch bestehende Gesetze wie das Erlassjahr außer Kraft und konnte mit seiner Lehre Menschen an sich binden und begeistern.

In der schwierigen gesellschaftlichen Zeit war das Verlangen nach einem geistigen und geistlichen Führer groß, was Hillels Reformationsmöglichkeiten begünstigte, doch musste er auch eine sehr charismatische Person gewesen sein, um die Menschen während der Unterdrückung durch die römische Macht und andere Völker trösten und an die Religion binden zu können.

Noch Jahrhunderte später herrschte Verwunderung aber auch Kritik über die Möglichkeit zur Durchsetzung seiner Reformen.

Die Mischna wurde unter Rabbi Jehuda fertiggestellt, der ein leiblicher Nachfolge des Hillel in der 7. Generation war, was übrigens lange Zeit auch Voraussetzung in Israel war, um dort das Amt eines Vorsitzenden bekleiden zu können.

Um neben der schriftlichen Überlieferung Legitimation zu erlangen, wurde gesagt dass die mündliche mit der schriftlichen eine Einheit bilden würde. Beide wären gleichbedeutend, was auch schon von der Bekanntgabe auf dem Berg Sinai deutlich würde. Begründet wurde dies mit den „Sprüchen der Väter“ (6. Mischna Avot 1,1.): „Moses hat die Tora auf dem Sinai empfangen und sie Joshua überliefert und Joshua den Ältesten und die Ältesten den Propheten und die Propheten haben sie den Männern der großen Versammlung überliefert..“

Da die Mischna selbst aber auch weiterentwickelt und diskutiert wurde, entstanden mit den Problemen und Veränderungen der Zeit die beiden weiteren Talmude, der jerusalemer in Palästina (200-400 ndZR) und in Babylonien der babylonische Talmud (200-500 ndZR).

Sie sind mehr als eine bloße Kommentierung der Mischna, sondern eine Weiterentwicklung dessen, so dass sie ebenfalls dieselbe Autorität besitzen.

Da die babylonische Gemara allerdings längere Wirkungs- und Entstehungszeit hatte, ist meist sie zusammen mit der Mischna gemeint, wenn heute die Rede vom Talmud ist.

Nach dieser zeitlichen Übersicht wurde auf die noachidischen Gesetze der letzten Sitzung erneut Bezug genommen.

Die noachidischen Gesetze sollten eine Art Naturrecht für die Völker darstellen, eine Keimzelle der späteren Rechtsordnung, die die Völker zwischen „wilden“ und „zivilisierten“ überspitzt formuliert unterscheiden sollte.

Da innerhalb der Juden die Frage aufgekommen war, weshalb Gott keine die gesamte Menschheit umfassenden, sondern nur an die Juden gerichtete Gebote aufgestellt hatte, suchten die Gelehrten nach ursprünglichen Geboten, die universelle Gültigkeit haben sollten.

Da Noah den Anfang und die Entstehung neuen Lebens darstellt, wurden die Gebote als noachidisch bezeichnet.

So war es nicht der Wunsch der Gelehrten, wissenschaftlich zu forschen, sondern das Ziel, die Allgemeingültigkeit der Gebote darzustellen und dies anhand von Bibelversen zu belegen.

Dies machten sie, wie im beigefügten Text ersichtlich, in dem sie einzelnen Worten eine bestimmte Bedeutung zumaßen, die einzeln unbedeutend erschienen, jedoch für sich genommen  eine tiefergehende, enorme Symbolkraft besaßen.

Die Begründung für die noachidischen Gebote fanden die Gelehrten in einem biblischen Schriftvers.

"Und es gebot JHWH, Gott, dem Menschen folgendes:

Von jedem Baum des Gartens darfst du essen“ (Gen 2,16).

An diesen ersten Vers der Bibel, der eine Weisung Gottes an den Menschen formuliert, knüpfen die talmudischen Weisen die im Judentum klassisch gewordenen sieben Gebote an die universale Menschheit. Welche Tora es sei, die der Gott Israels der Völkerwelt zudenkt, soll bereits in dem ersten biblischen Gebot an den Menschen erinnert werden können. Es kann bei diesem Vers, so die rabbinische Logik, nicht einfach um Obstessen im paradiesischen Garten gehen, denn das Essen der Baumfrüchte hat Gott dem Menschen schon vorher (Gen 1,29) erlaubt. Dieser Vers in Gen 2,16 lädt also ein zu einer weiteren Deutung über seinen direkten Wortsinn hinaus (die Rabbinen klammern sich nie fundamentalistisch an den Wortlaut eines Bibelwortes, sondern suchen in ihm das für sie Lebenswichtige). Sich an das Gute und Lebenswichtige erinnern mit Hilfe der Bibel - das führen die Rabbinen im Talmud vor. Wort für Wort geht Rabbi Jochanan im Talmudtraktat sanhedrin 56b dem hebräischen Wortlaut in Gen 2,16 entlang und schleppt von irgendwoher in der Schrift ähnlich lautende Wendungen, Anklänge heran und findet mittels lockerer Assoziationen in diesem einen Vers alle sieben überlieferten noachidischen Grundsätze wieder. Nicht das Pochen auf den historischen Wortlaut, sondern das kreative Hören auf das, was jeweils gut tut - das praktizierten und lehrten die Rabbinen. 

(1.) "Und es gebot" - das deutet auf das Gebot der Rechtspflege, denn es heißt: "Dazu habe ich (Gott) ihn (Abraham) erkannt (erwählt, bestimmt), dass er seinen Kindern und seinem ganzen Hause nach ihm gebiete, Gerechtigkeit und Recht zu tun (Gen 18,19).

(2.) "JHWH“ - das weist auf das Verbot der Gotteslästerung, denn es heißt: "Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben" (Lev 24,16).

(3.) "Gott" - das deutet auf das Verbot des Götzendienstes, denn es heißt:  "Du sollst keine anderen Götter bzw. keinen anderen Gott haben neben mir" (Ex 20,3).

(4.) "dem Menschen" - das weist auf das Verbot des Blutvergießens, denn es heißt: "Wer das Blut des Menschen vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden" (Gen 9,6).

(5.) "folgendes" - das deutet auf das Verbot der Unzucht, denn es heißt: "Folgendes! Wenn sich ein Mann von seiner Frau scheidet und sie geht von ihm und gehört einem anderen, darf er sie auch wieder annehmen? Ist's nicht so, dass das Land unrein würde? Du aber hast mit vielen Unzucht getrieben und solltest wieder zu mir kommen? spricht der HERR." (Jer 3,1).

(6.) "Von jedem Baum des Gartens" - das spielt auf das Verbot des Raubes an. Von jedem Baum, der keinen Raub darstellt, insofern er zum Garten gehört und ausdrücklich zum Genuss freigegeben ist.

(7.) "essen, ja essen darfst du" - das weist hin auf das Verbot, ein Körperglied vom lebenden Tier zu essen. Essen darfst du, was zum Essen direkt bereit steht, also icht ein Stück vom Lebendigen.

Abschließend wurde erklärt, dass JHWH der Name des Gottes der Hebräer war. Da damals ohne Vokale geschrieben wurde, ist daraus im Laufe der Zeit Jehova oder auch Jahwe entstanden. Religiöse Juden haben statt dieser Bezeichnung meistens von Gott als „adonaj“, was mein Herr bedeutet, sprechen. Auch Luther hat diese Bezeichnung übernommen, die in heutigen Bibeltexten oft mit Großbuchstaben dargestellt wird.  Strenggläubige Juden  würden hingegen auch dieses Wort ablehnen, da es eine Darstellung des Namen Gottes wäre und sprechen von „haschem“ (der Name).

Bei Orthodoxen Juden aber auch bei Christen wird manchmal das deutsche Wort „Gott“ nicht ausgeschrieben, sondern die Schreibweise G“tt, um die Ehrfurcht vor Gott auszudrücken.

Protokoll der 7. Arbeitssitzung

In der letzten Sitzung wurden zunächst die noachidischen Gebote der letzten Stunde durchgesprochen.

Dabei wurde zu Nr. 6 „Von jedem Baum des Gartens“ gesagt, dass dies nicht mehr nur die zielorientierte Interpretation wie bei den vorangegangenen Geboten sei, sondern durch logische Herangehensweise zustande gekommen sei, so wie man heute auch an Gesetze oder andere Texte herangehen würde.

So auch das 7. Gebot „essen, ja essen darfst du“, dass auf normale Verhaltensweisen hindeuten solle, so dass man essen dürfe, was essbar sei.

Im Bezug auf verschiedene Auslegungsmethoden erwähnte Dr. Miller einen berühmten Talmudsatz, der in diesem oft verwendet wird und die Einstellung zu den immer wieder aufkehrenden Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck bringt: „Der eine Herr ist dieser Meinung, der andere Herr denkt anders“.

Anschließend wurde ein Arbeitsblatt zur Hermeneutik ausgeteilt.

Hermeneutik bedeutet Auslegung und erlangte durch die schriftliche Fixierung des Alten Testaments ab 450 vor Christus Bedeutung.

Hillel verfasste dazu sieben Regeln, die er niederschrieb, um auch seinen Schülern ein Werkzeug zu geben, mit dem sie operieren konnten.

Die erste Regel, „a minori ad maius“ meint, vom Leichten auf das Schwere zu schließen.

Untermalt wurde dies mit einem Beispiel, wonach ein ehrlicher Finder, der den Fund ordnungsgemäß im Fundbüro abgibt, in einer folgenden Situation wohl eher nicht des Diebstahls beschuldigt werden würde, als ein anderer ohne diese Vorgeschichte.

Die zweite Regel, der uns auch bekannte Analogieschluss besagt, dass von einer bekannten Stelle auf eine ähnliche andere geschlossen wird.

Die dritte Regel beinhaltete die Verallgemeinerung eines bestehenden Gesetzes, was am Beispiel von Ochs und Esel, die man nicht gemeinsam vor einen Pflug spannen solle, erklärt wurde. Dies sollte unabhängig von den Tieren auf ihre Unterschiedlichkeit in Bezug auf Wesen und Kraft hinweisen, weshalb man sie nicht zusammen bringen sollte, was wiederum auch auf Menschen zu übertragen sei.

Die vierte Regel stellte die Verallgemeinerung, die auf zwei Bibelstellen begründet wurde, dar.

Demnach musste ein Sklave freigelassen werden, wenn er einen körperlichen Schaden erlitten hatte und nicht nur beim Verlust eines Zahnes oder eines Auges. Auch musste nach sieben Jahren freigelassen wurde. Nach diesen sieben Jahren stand ihm auch eine Abfindung zu, die aus der Bibel hergeleitet wurde und die erste arbeitsrechtliche Maßnahme dieser Art überhaupt war. Der Begriff des Sklaven ist auch nicht dem Bild des Sklaven zu späterer Zeit gleichzusetzen, viel mehr umfasste dieser Begriff damals die Angestellten und Hilfsarbeiter auf den Höfen.

An dieser Stelle wurde die Bearbeitung der hermeneutischen Regeln allerdings unterbrochen und es folgte das Referat über den Vertrag, Pacht und Darlehen im jüdischen Recht.

Der Vertrag

Zunächst wurde mit dem Vertrag begonnen und erwähnt, dass es im jüdischen Recht kein Wort für Vertrag gäbe. Ähnlich wurde jedoch das Wort „Bund“ verstanden, dass die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel darstellte.

Erst später versuchte man, den Begriff des Vertrages zu erklären.

Die Vertragsauffassung sei wie bei uns, allerdings gab es ursprünglich Unterschiede in ihrer Begründung.

Während man im römischen Recht beispielsweise zwischen Verbal-, Literal-, Konsensual- und Realverträgen unterscheiden würde, kannte das jüdische Recht ursprünglich hauptsächlich Real- und teilweise Literalverträge.

Fiktives gab es nicht, Einigung und Übergabe mussten gleichzeitig stattfinden.

Da dies jedoch den Handel erschwerte und verlangsamte, führte man fiktiv neue Vertragstypen ein.

Man begründete ein- oder mehrseitige Verträge, die in ihrem Prinzip der Obligation aus dem römischen Recht glichen. Diese enthielten Verpflichtungen und Forderungsrechte, sowie die Konsequenz der persönlichen Haftung, allerdings konnte diese sich nur auf materielle Dinge beziehen, die zur Zeit des Vertragsschlusses im Besitz des Schuldners standen.

Für die Verpflichtung aus dem Vertrag gab es kein eigenes Wort, nur die Formulierung „ich hafte dir/ ich bin dir verpflichtet“.

Jedoch gab es große Bedingungen an die Gläubigersicherheit. So galt bei einem Vertrag, der durch eine Urkunde festgehalten war, eine starke Vermögenshaftung mit Haus und Hof, solange der Vertrag rechtmäßig zustande gekommen war.

Verschiedene Vertragsarten wie Ehe-, Erb-, Schenkungs- und Darlehensverträge gab es wie bei uns, höchstens im Bezug auf moralische Vorstellungen lagen unterschiedliche Auffassungen zugrunde.

Tauschverträge spielten in Zeiten ohne Geld eine Rolle, wobei die zu tauschenden Gegenstände sich gleichwertig gegenüber standen.

Mit der Zeit nahm man Abstand vom Realvertrag und kam zum Erwerbsvertrag, der oft symbolisch vonstatten ging.

Er wurde auch „Akt des Mantelgriffes“ genannt, wobei fiktiv ein Mantelstück als Zeichen für Einigung und Übergabe übertragen wurde.

Sobald ein Teil übergeben wurde, erwarb der andere gleichzeitig das Recht am anderen Teil, gleichgültig, wo es sich gerade befand.

Das Modell der Fiktion findet sich übrigens in jedem Rechtssystem wieder, da es sonst nicht funktionieren könnte.

Schenkung

Schenkung meint die freiwillige unentgeltliche Vermögenszuwendung an einen anderen, wobei der Freiwilligkeitsaspekt zwingende Vorraussetzung ist.

Die Schenkung ist einseitig verpflichtend und war nicht sehr angesehen, so findet sich im Alten Testament im Buch der Sprüche der Spruch „Wer Geschenke hasst, der soll Leben“, ein Motto, dass, wie eingeworfen wurde, auch Minister öfters beherzigen sollten.

Die Schenkung konnte auch durch einen auftragslosen Dritten angenommen werden, solange der Beschenkte damit einverstanden war.

Nicht gleichzusetzen ist sie mit dem Erlass, da für den Erlass das gesprochene Wort ausreichend ist, die Schenkung jedoch die Zueignung verlangt.

Leihe

Bei der Leihe findet sich kein Unterschied zum deutschen oder römischen Recht, sie ist an beweglichen und unbeweglichen Sachen möglich und entspricht der Miete ohne Entgelt. Im Gegensatz zum Darlehen darf die Sache auch nur gebraucht werden, muss jedoch anschließend selbst wieder dem Entleiher zurückgeben werden.

Die Haftung des Entleihers fiel sehr streng aus, so dass er selbst für den Zufall haftete, es sei denn, der Verleiher war während dessen anwesend.

Darlehen

Darlehen meint die Übergabe einer Sache zu dessen Eigentum, wobei es sich meistens um Geld handelt. Die Rückzahlung findet in Form einer Sache nach gleicher Art und Güte statt, wobei es sich aber nicht um die Sache selbst handelt.

Es gab auch ein Vereinbahrungsdarlehen, dass zum Beispiel die Stundung des Darlehens festsetzte.

Außerdem gab es zwei Formen, mündlich und schriftlich, die sich in ihrem Haftungsumfang unterschieden.

Bei der mündlichen Form wurde die Haftung vereinbart, schriftlich galt das Darlehen nur in Anwesenheit und mit Unterschriften von Zeugen als zustande gekommen.

Die Rückzahlung galt als ethische Pflicht, doch konnte sie frühestens nach dreißig Tagen fällig werden, da man davon ausging, dass es dem Darlehensnehmer früher nicht möglich sein würde, eine ähnliche Sache in vergleichbarer Art und Güte aufzutreiben, vor allem da man davon ausgehen musste, dass es sich bei dem Darlehensnehmer um eine sozial schwache Person handelte.

Aus diesem Grund galt die Gewährung eines Darlehens auch als sozial und wichtiger als die Leihe, weshalb auch die Abschaffung des Erlassjahres dem Erhalt der Darlehenspraxis dienen sollte.

Das Darlehen musste stets zinsfrei gewährt werden, eventuelle Zinsen zurückgezahlt, oder unter dem Deckmantel einen Miet- oder Kaufvertrages berechnet werden.

Der Pachtvertrag

Der Pachtvertrag war ein gegenseitiger, direkter und indirekter Vertrag, der neben dem Gebrauch der unbeweglichen Sache, also eines Grundstücks oder ähnlichem, auch die Fruchtziehung mit einschloss.

Der Pachtzins war in Form und Höhe frei zu bestimmen, entweder fand er als reiner Pachtvertrag in Geld- oder einer Ertragssumme statt, oder aber es gab einen Pachtübernahmevertrag, auch Quotenpacht genannt, der eine Ertragsquote festlegte, was allerdings eine Gefahr für den Pächter darstellte wenn nichts wuchs, da er in einem solchen Fall Ersatz liefern musste.

Die Verträge waren stets dispositiv, sie konnten zum Beispiel die Nutzung des Bodens festlegen oder nach Ortssitte bepflanzen lassen, wobei die Sitte ein wichtiges Gebrauchsmodell darstellte. Ein wichtiges Motto lautete dementsprechend „ Wollen wir sehen, wie das Volk handelt“.

Verwahrung

Verwahrung bedeutet die Hinterlegung einer beweglichen Sache in das Gewahrsam eines anderen, der sich verpflichtet, diese zurückzugeben.

Dieses konnte entgeltlich oder auch unentgeltlich geschehen.

Der Verwahrer musste behutsam sein und auch evtl. Zuwachs herausgeben. Als Gegenleistung dafür musste der Lohn pünktlich gezahlt werden.

Bei unentgeltlicher Verwahrung haftete der Verwahrer nur für grobe Fahrlässigkeit gemäß unserem § 276 BGB, bei entgeltlicher Verwahrung hingegen auch für den „Quasifall“, also ein unwahrscheinliches und unverschuldetes Eintreffen eines Falls, der aber kausal war, z.B. wenn ein Tier weglief oder ähnliches, was im Talmud genauer beschrieben wurde.


Protokoll der 8. Arbeitssitzung

Die 8. Sitzung des Seminars im jüdischen Recht widmete sich dem

Referat über das Eigentum im jüdischen Recht.

Eigentum und Besitz

Zunächst wurde die Differenzierung zwischen Eigentum und Besitz im mosaisch-talmudischen Recht erläutert, wobei Eigentum alles für den persönlichen Gebrauch darstellte, während Besitz nur die tatsächliche Gewalt über eine Sache bedeutete.

Jedes Eigentum wurde auf Gott zurückgeführt, ihm gehörte Land und Boden, weshalb den Menschen zunächst auch kein Eigentum an diesem möglich war, sondern sie nur ein Nutznießungsrecht besaßen.

Das Land Kanaan war ursprünglich in 12 Stämme aufgeteilt worden, die wiederum Land zugeteilt bekamen, das sie wieder gleichmäßig an die zu ihrem Stamm gehörenden Familien aufteilten. Diese Aufteilung sollte den einzelnen Familien ihre Existenz sichern und für Gerechtigkeit sorgen, da jeder gleich viel Land und die Möglichkeit der Bodennutzung besaß.

Die moralische Grundhaltung der Bibel, die ein friedliches und gerechtes Leben der Menschen miteinander bezwecken sollte, kam in solchen und anderen ethischen Normen zum Ausdruck.

Mobilare und immobilare Güter

Weiter wurde erwähnt, dass es ebenfalls eine Trennung zwischen immobilarem und mobilarem Recht gab.

So wurde bereits in der Mischna zwischen beweglichen Gütern und Grundstücken unterschieden, wobei Grundstücke größeren Schutz genossen. In Zweifelsfällen musste der Besitzer sein Recht am Land beweisen, wobei es eine Dreijahresfrist gab. Diese Frist ging auf die Vermutung zurück, dass ein Eigentümer, der drei Jahre lang kein Recht am Grundstück geltend machte, dies wahrscheinlich auch später nicht tun würde, machte er es aber doch, so trug er die Beweislast. Er musste beweisen, das Grundstück durch Schenkung, Kauf oder auf sonstige Weise erlangt zu haben.

Insoweit gab es auch im jüdischen Recht die Institution der Ersitzung.

Sklaven wurden wie Immobilien behandelt, bei Mobiliarsachen galt die Rechtsvermutung zugunsten des Besitzers allerdings uneingeschränkt.

Ausnahmen bezüglich der Rechtsvermutung wurden jedoch in Bezug auf Handwerker, Vormunde, Pächter und ähnliche Personengruppen gemacht, da diese schon berufsmäßig zeitweise über fremdes Eigentum verfügten, was ihnen nicht zugerechnet werden sollte.

Auch bei Ehegatten galt dies nicht, da Gütergemeinschaft vermutet wurde, allerdings wurde hierzu angemerkt, dass es im jüdischen wie auch im deutschen Recht neben dem gemeinsamen Eigentum auch weiterhin Privateigentum beider Ehepartner gab.

Des Weiteren wurde auch bei Exilarchen, den Häuptern der jüdischen Gemeinschaft in Babylonien, keine Rechtsvermutung zugunsten ihres Besitzes angenommen, da sie eine besondere Machtstellung besaßen und man nicht davon ausging, dass eine Person es wagen würde, gegen diese Protest einzulegen.

Diese Regelung ging auf Maimonides zurück, der zahlreiche Regeln aufstellte, die später zu Gesetz wurden.

Diese Art der Gesetzesentstehung gab es in den meisten Rechtssystemen, in dem durch Annahme bestimmter Prinzipien durch das Volk im Laufe der Zeit Gesetz entstand.

Verlust und Erwerb von Eigentum

Dabei wurde zwischen dem derivativen und dem originären Aneignungsakt unterschieden.

Während der originäre Erwerb den ursprünglichen Akt bezeichnet, fand beim derivativen Erwerb eine symbolische Übertragung statt.

Ein Beispiel ist die Übergabe eines Schuhs beim Grundstückserwerb, die in Rut 4,7 erwähnt wird, weshalb man von dieser Tradition ausgeht.

Im Buch Ruth im Alten Testament wird eine Geschichte aus der Urzeit des jüdischen Volkes erzählt. Erzählt wird der Mythos zweier heidnischer Moabiterinnen, Ruth und Orpa, die sich nach dem Tod ihrer israelitischen Ehemänner mit der Schwiegermutter in das Land der Israeliten ziehen. Zu dieser Zeit herrschte in Bethlehem eine große Hungersnot. Die Heidin Ruth geht auf das Feld des reichen Boas, um auf dem frisch gepflügten Feld Ähren zu sammeln. Während Ruth die Ähren gesammelt hatte, wurde sie vom Grundstücksbesitzer Boas gesehen und sie verliebten sich, heirateten und bekamen einen Sohn, Obed, der der Vater Isais und somit der Großvater König Davids wurde (ca. 1000 v. Chr.).

Das Aufsammeln der Ähren ging auf den Brauch zurück, dass die Eigentümer nach der Bestellung des Feldes abfallende Ähren den Armen überlassen sollten, da das Land ursprünglich Gott gehörte und seinem Willen nach auch die Armen von diesem profitieren sollten (heute würde man dazu sagen „Eigentum verpflichtet“).

Das besondere an dieser Geschichte ist Gottes Wirken durch einen Heiden und einer Frau, was daran erinnern sollte, das Jahwe der Gott aller Menschen ist.

Für das Referat relevant ist die Stelle jedoch hauptsächlich deshalb, da Boa später das Grundstück erwarb, wobei die oben erwähnte Schuh-Übergabe praktiziert wurde.

Wiederholt wurde auch der bereits im letzten Referat erwähnte Mantelgriff aufgegriffen.

Allerdings wurde darüber diskutiert, ob der Erwerber neben der Geldzahlung auch noch ein Stück Mantel übertragen sollte, was nicht ganz logisch klang, oder ob er das Mantelstück nicht etwa als Urkundenersatz vom Veräußerer als Gegenleistung bekommen sollte.

Im Nachhinein wurde der Ursprung dieses Brauchs geklärt: Er geht zurück auf das Tauschgeschäft. Wenn A eine Kuh gegen einen Ochsen des B eingetauscht hat, ging der Echse in das Eigentum des A über, sobald B die Kuh ergriffen hatte. Nach diesem Muster verhält es sich beim „Mantelkauf“. Sobald A (der Käufer eines Grundstücks in einer anderen Stadt) dem B (dem Verkäufer) ein Gewand überreicht und B es in die Hand nimmt, geht das Grundstück in das Eigentum des A über. (Das Gewand wird nach dem Abschluss des Geschäfts dem Käufer zurückgegeben.)

Im Laufe der Zeit wurde auf diese symbolische Handlung verzichtet.

Erwerb von Moblilien

Für den Erwerb von Mobilien gab es verschiedene Möglichkeiten:

Zum einen gab es die Okkupation, die als älteste Erwerbsart zählt und die eigene Besitzergreifung an herrenlosen Sachen umschreibt. Als herrenlos galten verlassene Sachen, die sich in der Wüste, im Wasser oder im Wald befanden. Bei der Okkupation galt die Rechtsvermutung zugunsten des neuen Besitzers, es sei denn jemand anderes konnte etwas Gegenteiliges beweisen.

Zweite Möglichkeit war der Fund, der die Aneignung verlassener Sachen bedeutet. Eine Sache galt dann als verlassen, wenn der vorherige Eigentümer durch schlüssiges Verhalten seinen Besitz an der Sache aufgab. Als Beispiel wurde der Verlust eines Schirms genannt, bei dem man davon ausgeht, dass der bisherige Eigentümer konkludent seinen Verzicht erklärt, indem er  ihn stehen gelassen und innerhalb einer bestimmten Zeit nicht abgeholt hat. Hierbei bediente man sich also der Fiktion.

Die Abgrenzung zwischen herrenloser Sache und Fund ist nicht immer eindeutig. Bei herrenlosen Sachen geht das Eigentum über, während beim Fund Abgabepflicht herrscht. Auch wird bei Fund eines Gegenstandes mit charakteristischen Merkmalen (Bsp. Ausweis) der Verzicht nicht vermutet, genauso wie wenn der Eigentümer noch davon ausgehen kann, die verlorene Sache aufgrund eines beschränkten Personen- oder Ortskreises zurückzuerlangen.

Auch durch Veränderung (Verarbeitung von Stoff in ein Kleid) konnte konnte Eigentum erworben werden, allerdings musste dafür Wertersatz geleistet werden.

Hierbei war jedoch Vorrausetzung, dass die Sache nicht wieder in ihren ursprünglichen Zustand gebracht werden konnte.

Auch durch Tausch konnte Eigentum erworben werden, wobei dieser durch den Austausch zweier gleichwertiger Sachen vollzogen wurde.

Erwerb von Immobilien

Wie bereits oben angeführt gab es im Lande Kanaan zunächst nur ein Nutznießungsrecht des unter den Stämmen verteilten Landes. Mit der Zeit weitete dies sich aber immer weiter aus. Zunächst durfte Land nur zeitweise gekauft werden, später dann auch für immer.

Aus einer Überlieferung des Propheten Jeremias aus dem 6. Jhd. v.Chr. geht hervor, dass es damals schon eine Art Grundbuchtradition gab, nach der die Menschen angehalten wurden, ihr erworbenes Land eintragen zu lassen.

Allerdings gab es die Tradition des Jobeljahrs, die besagte, dass spätestens nach 50 Jahren das Eigentum wieder an den ursprünglichen Besitzer zurückfallen sollte.

Diese Regelung war in Gedanken an das alleinige Eigentumsrecht Gottes am Land sowie der Vermeidung von der Entstehung von Großgrundbesitz entstanden.

Das Jobeljahr war das Jahr nach Ablauf von sieben mal sieben Jahren, wobei schon jedes siebte Jahr eine besondere Bedeutung genoss.

Als eine Art Jahressabbat sollte das Land nach sechs Jahren der Bearbeitung ruhen, eine Tradition die auch aus agrarwirtschaftlichen Gesichtspunkten zur Regeneration des Landes empfehlenswert war.

In diesem Jahr durften Eigentümer und Fremde die Erträge fei verzehren. Es durfte nicht groß geerntet und eingelagert werden, sondern es galten die allgemeinen Sabbatregeln.

Auch Sklaven wurden in diesem Zyklus regelmäßig frei, allerdings gibt es unterschiedliche Überlieferungen ob zu jedem siebten oder erst zu jedem Jobeljahr.

Diese Handhabung galt jedoch nur im Lande Kanaan und wurde im 2. jüdischen Staat aufgehoben, da sie zwar einen sozialen Zweck verfolgte, wirtschaftlich aber nicht mehr tragbar war.

Besondere Regelungen

Besondere Regelungen gab es beim Verkauf des Grundstücks, wobei der Nachbar grundsätzlich ein Vorkaufsrecht besaß. Bedeutsam waren auch die Vorschriften bezüglich nachbarschaftlicher Rücksichtsnahme in Bezug auf Lärm und Gerüche, aber auch Bauweise und Licht.

Mundraub gab es nicht. Wie in der Geschichte von Ruth erwähnt, hatten Arme ein Recht auf Mitverpflegung in bestimmtem Rahmen.

Bei dem Eigentumserwerb an Gebäuden gab es einen Unterschied, ob es in oder außerhalb befestigter Städte stattfand.

In Städten konnte es innerhalb eines Jahres vom ursprünglichen Eigentümer zurück erworben werden, bevor das Geschäft entgültig abgeschlossen war, während dies in nicht umgrenzten Städten auch später noch möglich war.

Häuser von Leviten galten jedoch prinzipiell als unverkäuflich und konnten nur durch Erbe übertragen werden.

Leviten waren Priester, die die Gottesdienste organisierten und leiteten, für die Tora verantwortlich waren und stellvertretend für das Volk die Opfer erbrachten. Sie bekamen kein Land zugewiesen, da sie das ganze Jahr über für Gott da sein sollten. Die Leviten waren in 24 Priesterklassen eingeteilt, wobei sie in einer durch Los bestimmten Reihenfolge verpflichtet wurden, am Tempel in Jerusalem Dienst zu leisten. Die restliche Zeit lebten sie über das ganze Land verstreut in ihren Dörfern und verdienten sich ihren Lebensunterhalt.

Geistiges Eigentum

Der Begriff des geistigen Eigentums im heutigen Sinne war nicht bekannt. Die Weitergabe der Lehre und die Erwähnung des Verfassers galt als gute Tat; es war auch die Pflicht zur Erhaltung des kulturellen Erbes, das letztendlich ja nur durch präzise Überlieferung am Leben erhalten werden konnte.

In neuerer Zeit hat man den Talmudspruch, „wer etwas im Namen eines anderen zitiert, tut etwas Gutes für die Welt“, und die Einstellung der alten Weisen dazu benutzt, urheberrechtliche Ansprüche rechtlich zu begründen.

Protokoll der 9. Arbeitssitzung

1. Referat: Der Kauf im jüdischen Recht

Die Seminarsitzung begann mit einem Referat über den Kauf im jüdischen Recht.

Schon früh war der Kauf gängige Erwerbsform. Er bezeichnet das Umsatzgeschäft Ware gegen Geld, in Abgrenzung zum, wobei zunächst abgewogenes Silber und ab ca. 500 v. Chr. geprägte Münzen als Zahlungsmittel dienten.

Heute besteht der Kauf aus dem Konsensualvertrag, der strikt genommen nur das Verpflichtungsgeschäft umfasst, während damals der Realvertrag vorherrschte. Nach jüdischer Auffassung begründete somit das „einig sein“ an sich noch keinen Vertrag, sondern erst die Übergabe der Sache.

Bei größeren Entfernungen zwischen den Vertragsparteien gab es bezüglich des Übergabeaktes jedoch oftmals Schwierigkeiten, weshalb man sich des symbolischen Mantelgriffes, wie auch im letzten Protokoll näher erläutert, bediente.

Den Abstraktionsbegriff kannte das jüdische Recht nicht.

Allgemeine Wirksamkeitsvoraussetzungen zum Abschluss eines Kaufvertrages waren die Rechtsfähigkeit und die Geschäftsfähigkeit.

Die Rechtsfähigkeit erlangte man wie bei uns durch die Geburt, wodurch man bis zum Tode Träger von Rechten und Pflichten wurde.

Bei der Geschäftsfähigkeit unterschied man wie bei uns in absolute, beschränkte und Geschäftsunfähigkeit, wobei man die absolute Geschäftsfähigkeit jedoch nicht durch das Erreichen des 18. Lebensjahrs als objektives Merkmal zugesprochen bekam, sondern sie neben einer obj. Altersgrenze von subjektiven Anzeichen körperlicher Reife abhängig war.

Die Bezeichnung „Verschwender“ aus dem Talmud war gleichzusetzen mit geisteskrank oder geschäftsunfähig, allgemein waren Menschen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen in ihrer Geschäftsfähigkeit beschränkt. So konnten Taubstumme und Taube zwar bewegliche Sachen erwerben, Stumme unterlagen hingegen keinen Beschränkungen, waren mithin geschäftsfähig.

Der Kauf an sich konnte formfrei geschlossen werden, allerdings mussten Grundstückskäufe ähnlich zu unserer heutigen notariellen Beurkundung schon schriftlich festgehalten werden.

Der Kaufpreis sollte dem tatsächlichen Wert entsprechen. Lag der Preis über 1/6 des Werts, so konnte der Käufer ein Wahlrecht geltend machen, ob er Ausgleich fordern oder vom Vertrag zurücktreten wollte.

Diese Vereinbarung galt jedoch hauptsächlich für bewegliche Sachen. Bei Grundstücken sowie der Frage, ob es nur zwischen Privatleuten oder auch bei Kaufleuten gelten sollte, herrschte Uneinigkeit.

Bei Sklaven war diese Regelung nicht anwendbar.

Die Hauptpflicht des Käufers war die Kaufpreiszahlung, der Verkäufer trug die Sachgefahr, die mit der Übergabe auf den Käufer überging. Ein vergleichbares Sachmängelgewährleistungsrecht wie bei uns gab es nicht, eventuelle Ansprüche wurden aus den Mängeln selbst hergeleitet, wenn der Käufer sie nicht kannte oder sie sich im Nachhinein bemerkbar machten.

Fehler in Maß oder Gewicht begründeten ein Rücktrittsrecht, wie auch Irrtümer bezüglich der Eigenschaft einer Sache.

Beim Irrtum bei der Abgabe einer Willenserklärung ging man nach der Willenstheorie nur vom Willen des Erklärenden aus, hatte er sich geirrt, so kam keine vertragliche Bindung zustande.

Auch Stellvertretung und Botenschaft im Bezug auf Kaufverträge gab es wie bei uns, wobei die Stellvertretung die Erklärung im eigenen Willen meinte, während die Botenschaft die Überbringung fremden Willens darstellte, weshalb auch Minderjährige als Bote fungieren konnten.

Nach diesem Referat folgte der zweite Vortag, das Referat über den Ehevertrag im jüdischen Recht.

2. Referat: Der Ehevertrag im jüdischen Recht

In der jüdischen Tradition stellt die Ehe ein sittliches Gebot und eines der wichtigsten Feste im Leben eines Juden dar.

Die Referentin erläuterte, dass das Gesetz jeden Juden verpflichten würde, eine Ehe einzugehen, ausgenommen nur die Leute, die das Gesetz studieren wollten, was sie zeitweise von dieser Pflicht befreite.

Hierzu wurde jedoch angemerkt, dass die Eheschließung mehr eine Empfehlung war, jedoch nicht zwingend, weshalb auch nicht vorgeschrieben wurde, in welchem Alter geheiratet werden sollte.

Die Ketuba war die Urkunde, die den Mann zu einer Geldzahlung im Falle einer Trennung verpflichtete oder der Frau finanzielle Absicherung im Falle seines Ablebens garantieren sollte.

Hauptsächlich sollte diese Urkunde der Frau Rechte und Vorsorge zusichern, da der Mann die Ehe nach seinem Belieben einfach auflösen konnte.

Durch die aus der Ketuba hervorgehenden Forderungen sollte eine leichtsinnige Scheidung vermieden werden, auch wenn sie keinerlei Sicherheit gegen böswillige Zahlungsverweigerung darstellte.

Oft hatten die Erben nur die Möglichkeit, nach dem Tod des Ehemannes sich aus dem Nachlass Befriedigung ihrer Forderungen zu verschaffen.

Die Ketuba wurde zunächst beim Vater der Frau aufbewahrt, doch änderte man diese Handhabung, da der Mann sonst schon durch die bloße Aufforderung, die Frau solle zu ihrem Vater gehen, die Scheidung einreichen konnte.

Die Ketuba haftete gesamthypothekarisch mit dem ganzen Vermögen, wobei zunächst Mobilien und später Immobilien belastet wurden.

Sie wurde fällig bei Scheidung oder dem Tod des Ehemannes, der bewiesen sein musste.

Während der Mann sehr leicht die Scheidung einreichen konnte, war es für die Frau praktisch fast unmöglich.

Zwar konnte sie die Scheidung beantragen, doch musste der Mann ihr zur Bewilligung die Scheidungsurkunde persönlich übergeben, weshalb er sein Einverständnis ohne Weiteres verweigern konnte. Allerdings konnte er bei seiner Verweigerung bestraft werden, gemäß auch der symbolischen Beschreibung des Talmuds, die aufführt, man müsse ihn solange hauen bis er zustimme. Eine gleichberechtigte Zustimmungserfordernis in die Scheidung durch die Frau gab es jedoch erst um 1000 n. Chr.

In Ehesachen gilt in Israel ausnahmsweise noch heute jüdisches Recht. Danach ist es noch heute möglich, dass ein Mann zur Strafe sogar ins Gefängnis kommt, wenn er sich nicht scheiden lassen will.

Voraussetzung für die Heirat war die Ehefähigkeit der Ehegatten, was sich nach der allgemeinen Handlungsfähigkeit bestimmte. Demnach durften weder psychische noch physische Beeinträchtigungen bei der Willensbildung vorliegen, weshalb stumme oder taube Menschen nicht miteinbezogen waren.

Die Pflicht des Ehemanns, für seine Frau zu sorgen, leitete man aus Exodus 21, 10 ab.

In dieser Geschichte sollte  eine Magd mit dem Sohn ihres Herrn verheiratet werden, der, nach dem er eine andere Frau heiratete, für die Magd trotzdem unterhaltspflichtig blieb.

Dieser Grundsatz wurde in Mischna und Talmud erweitert und galt für alle Frauen ab dem Zeitpunkt an dem sie sagten, sie wären bereit im Hause des betreffenden Mannes zu wohnen, auch wenn dieser sie dann doch nicht aufnahm.

Die Pflichten des Ehemanns umfassten

  • den ehelichen Verkehr
  • die Kleidung (auch Schminke, Schmuck, Heizmittel und Wohnbedarf)
  • die Wahrung der ehelichen Treue
  • ärztliche Behandlung im Krankheitsfall
  • Befreiung in Not
  • Bestattung im Todesfall
  • Errichtung des ehelichen Hauses
  • Haftung für ihre Schulden

Der Hauptzweck der Ehe war jedoch die Fortpflanzung. Die Häufigkeit des Beischlafes richtete sich nach Gesundheit und Beruf des Mannes, so konnte die Frau auch Einspruch gegen den Beruf oder eventuell damit verbundene Reisen einlegen. 1x die Woche galt als unverzichtbare Pflicht, der Entzug des Mannes musste nur eine Woche lang geduldet werden, sonst konnte die Frau die Scheidung beantragen.

Umgekehrt konnte sich der Mann aufgrund der Verweigerung durch die Frau auch scheiden lassen und gleichzeitig die Ansprüche aus der Katuba aufgrund dessen kürzen lassen.

Das Vermögen der Frau wurde in die Ehe eingebracht und von ihrem Mann verwahrt. Gleichzeitig war er auch der Nutznießer daraus, nur Güter blieben im Privateigentum der Frau.

Ehebruch wurde streng bestraft, jedoch nur von Seiten der Frau, da es den Männern rechtlich zustand, wie auch die Möglichkeit der Mehrehe.

Somit endete das zweite Referat der Sitzung.

Moses

Anschließend wurde die hypothetische Figur Moses angesprochen.

Es wurde gesagt, dass Moses durch seine bedeutende Rolle als Gesetzgeber in einer Zeit, in der die Menschen Götzen anbeteten und kein Verständnis für göttliche Moralgesetze hatten, eine Art Revolutionär gewesen sei. Wenn auch die fünf Bücher Moses vermutlich nicht auf ihn zurückgehen, so könnte man ihm doch die Gesetze und ethischen Normen zuschreiben.

Auffällig ist besonders die Verflechtung ethischer Grundsätze in seinen Texten, die allgemeine Gültigkeit erlangten.

In Moses 2, 21 wird angedeutet, dass dies die Rechtsvorschriften und Gebote seien, die Gott durch ihn dem Volk ausrichten ließ. Anstatt allgemeiner Grundsätze, die man als erste Gesetze vermuten würde, enthält der Text Vorschriften bezüglich der Sklaven.

Bevor sich in Gruppenarbeit diesen Texten zugewandt wurde, deren Ergebnisse in der nächsten Stunde vorgestellt werden, wurde noch von einer aktuellen Kunstausstellung in Dresden erzählt, die die zeitgenössische Umsetzung der zehn Gebote zum Thema hatte.

Dieses Projekt kann ebenfalls als Indiz für die Zeitlosigkeit, bzw. fortwährende Aktualität der zehn Gebote Moses gewertet werden.

Mit der Aufgabe, sich bis zur nächsten Sitzung mit dem Unterschied zwischen den jüdischen Sklaven im Vergleich zu anderen Sklaven und ihren Rechten und Pflichten auseinander zusetzen, endete die Seminarstunde.

Protokoll der 10. Arbeitssitzung

In diser Sitzung wurden zwei Referate gehalten.

Das erste Referat widmete sich Hillel, der in einigen Stunden des Seminars bereits angesprochen wurde.

Referat: Hillel

Der Referent erläuterte anhand eines Übersichtsblattes zunächst den historischen Rahmen des Lebens und Wirkens Hillels, bevor er auf seine Person zu sprechen kam.

Hillel, der angeblich wie Moses 120 Jahre gelebt haben sollte, lebte tatsächlich, so vermutet man, eher von 25 v.- 30 n. Chr.

332 v. Chr wurde Jerusalem durch Alexander den Großen eingenommen und befand sich nach dessen Tod auch weiterhin in den Händen der Griechen. In den Nachfolgekriegen blieb das Israel auch weiterhin unter griechischem Einfluss durch die sich bekriegenden Seleukiden (Syrien unter griechischer Herrschaft) und die Ptolemäer (Ägypten unter griechischer Herrschaft).

Einer dieser Griechen, Ephiphanes, soll auch für die Zerstörung des Tempels 165 v. Chr. verantwortlich gewesen sein.

63 v. Chr. wurde das Land durch die Römer besetzt.

Nach dem Überfall der Parther auf Israel flüchtete der mit den Römern verbündete Herodes nach Rom und wurde dort vom Senat zum König ernannt.

Herodes sah in Rom die Erlösung Welt, weshalb er seinen Staat an der unbedingten Treue zu Rom orientierte.

Auch fühlte er sich angeblich in erster Linie als Freund der Römer und nur sekundär als Jude.

„Herodes der Große“, wie er auch genannt wurde, (37- 4. v. Chr.) hatte großes Misstrauen gegenüber allem und jedem, weshalb er Polizeitrupps aufstellte, Spitzel einsetzte und sogar vor Morden an seiner ersten Frau und einigen seiner Kinder nicht zurückschreckte.

Nach den politischen Unruhen der vorangegangen Jahrhunderte trugen auch diese Maßnahmen und die Brutalität, mit der Herodes jegliche Opposition unterdrückte, dazu bei, dass im Volk eine verängstigte Atmosphäre herrschte. Dies führte zu einer Abwendung von der Politik und zu einer Hinwendung zum Religiösen und Privaten.

Auch dies erklärt den großen Einfluss Hillels, als Religion/Rechtsgelehrter, auf seine Mitmenschen.

Hillel war zunächst selbst Schüler von Awtalion und Schemaja gewesen, den derzeit führenden Gelehrten.

Durch seine Entscheidung der Pessachlammfrage, die sich darum drehte, ob das Pessachlamm auch geschlachtet werden dürfe, wenn Vortag Pessachfest auf einen Sabbat fiel, oder ob dies als Arbeit gegen das Sabbatgebot verstoße, wurde er schließlich zum Nassi, dem Gemeindeoberhaupt, ernannt.

Er begründete eine Schule, die als Gegenschule zu der des Schamai galt. Durch seine sehr fortschrittlichen  Reformen und sein charismatisches Auftreten bekam er in der Gesellschaft sehr viel Zuspruch und Anerkennung, ohne die seine Ideen wie der Prosbul oder das Gebot der Nächstenliebe sich auch nicht hätten durchsetzen können.

Der Referent erzählte eine Legende, wonach zwei Männer wetteten, ob es möglich wäre, Hillel aus der Ruhe zu bringen. Der eine rief Hillel der grade beim Baden war, mehrmals aus auf die Straße und stellte ihm dümmliche Fragen. Worauf Hillel jedoch jedes Mal ruhig und besonnen antwortete: „Gut dass du diese Frage stellst“, bis letztendlich der Fragende die Fassung und zugleich die Wette verlor.

Anhand dieser Erzählung kann man sich eine gute Vorstellung von Hillels Person machen, auch wenn er damals wie noch heute auch Widersacher hatte.

Ein zeitgenössisches Beispiel ist Davidmann, der Hillel nicht als Menschenfreund, sondern als Freund und Vorteilsgewährer der Reichen sieht und meint, er würde von der Thora wegführen.

So gab er den hermeneutischen Regeln die Schuld an der Entfremdung von der Thora und den Auslegungsschwierigkeiten.  Dazu wurde jedoch angemerkt, dass Auslegung immer mit der Vorlage eines schriftlichen Textes einhergeht.

Auch in der goldenen Regel: „Was du nicht willst, das man dir tut, das tu auch deinem Nächsten nicht“ sieht Davidmann durch die doppelte Negation keine Grundlage für eine positive Aussage. Sie würde nach Davidmann auch dazu führen können, dass  Perverse oder auch Leute die sich selbst verletzen, dies ohne mit der Regel in Konflikt zu geraten, anderen tun könnten.

Insgesamt bieten die Thesen Davidmanns jedoch wenig Argumentationsgrundlage als das man ihnen, als ernsthafte Kritik an Hillel, Beachtung schenken könnte.

Das zweite Referat widmete sich der Rechtsvergleichung zwischen jüdischen und römischem Recht.

Die Rechtsvergleichung

Zunächst wurde erläutert, dass Gesetze immer Ausdruck von Traditionen und Ethik seien, die in einer Gesellschaft eine Rolle spielten.

Im Jüdischen sei das Wort „Gesetz“ das gleiche wie Thora, weshalb die fünf Bücher Moses auch das Gesetz darstellen würden.

Gesetzgebung hieße auch „Schenkung der Thora“.

Bevor die Juden sesshaft wurden, waren sie ein Volk Halbnomaden, die sich in 12, bzw. eigentlich 13 Stämme aufteilten. In diesen Stämmen war der Familienverband sehr wichtig. Die Ältesten bildeten einen Ältestenrat und hatten eine sehr hohe Stellung.

Allerdings wurde hierzu angemerkt, dass diese Feststellung sehr undifferenziert sei, da sie sich auf die frühste Zeit bezöge und nicht für alle historischen Epochen gelten würde. Die frühen Stämme der Germanen waren auch Nomaden und hatten ähnliche Stammes- und Familienhierarchien.

Dennoch verfügten die Ältesten über das Spruchrecht, sie konnten Streitigkeiten schlichten, was ein wichtiges Konfliktlösungsinstrument der Zeit war, außerdem konnten sie stellvertretend für das ganze Volk Verträge mit Gott schließen und Bündnisse eingehen.

In unserer letzten Arbeitssitzung des Seminars hörten wir zunächst ein Referat zum Eid im jüdischen Recht.

I. Begriff

Das jüdische Recht kannte den Eid als Rechtsmittel in Abgrenzung zur lediglich feierlichen Bekräftigung einer Behauptung im Alltag. Der Eid stellt eine bedingte Selbstverfluchung des Schwörenden dar. Falls er nicht die Wahrheit sagte oder das Versprochene nicht hielt, drohte Gottes Strafe. Somit bewirkte der Eid für denjenigen, dem gegenüber er ausgesprochen wurde, eine Stärkung seines Vertrauens in den beeideten Inhalt. Der Eid diente zur Beweisführung.

II. Eidesarten

Die verschiedenen Eidesarten waren jeweils Ausdruck von Geistesentwicklungen und Aberglauben.

1. Erklärungseid: Der Falscheid ist gleichbedeutend mit dem vergeblichen Eid.

Durch diesen Eid wurde etwas Unrichtiges, Unmögliches, Ungesetzliches oder Selbstverständliches beschworen. Der Missbrauch stand unter Strafe. Die Strafe bestand bei Vorsatz in einer Geißelstrafe, bei Fahrlässigkeit trat Straffreiheit ein.

2. Depositeneid: Ein Depositar ("Hüter") leugnete eine Forderung. Der Depositeneid war insbesondere für Schuldner relevant. Als veruntreute Güter waren Verwahrungsgüter, Darlehen, geraubte Güter und der Fund denkbar. Dieser Eid wurde durch ein Schuldopfer und Zahlung von einem Fünftel Zugabe gesühnt.

3. Bezeugniseid: Jemand, der in einer Streitsache als Zeuge vor Gericht geladen war beschwor, da er nichts wusste und beobachtet hatte, kein Zeugnis ablegen zu können. Ein Missbrauch wurde scharf getadelt.

4. Gerichtseid: Der Gerichtseid wurde im Einzelnen biblischer, mischnischer oder Hesset-Eid genannt. Dieser Eid wurde dem Beklagten von einem Richter auferlegt und diente als Beweismittel für eine bestimmte Tatsache im Prozess. Neben Geständnis, Zeugen- und Urkundenbeweis war der Eid ein weiteres Beweismittel im Zivilprozess, das nur zur Anwendung kam, falls die übrigen Beweismittel versagten. Im Strafprozess bediente man sich nicht des Eides als Beweismittel. Im Einzelnen gelangte der Gerichtseid als Tora-Eid zur Anwendung. Der Tora-Eid wurde von Personen geleistet, auf denen ein gewisser begründeter Verdacht ruhte, der durch den Eid beseitigt werden sollte. Der Schwörende wurde in Folge dessen von seiner Leistungspflicht befreit. Dieser biblische Eid war vom Beklagten bei einem teilweisem Geständnis, bei der Begründung der Klage durch einen Zeugen sowie beim Verlust eines Verwahrungsgutes zu leisten. Der Eid beim Verlust eines Verwahrungsgutes nennt sich Eid der Verwahrung. Er wurde vom jeweiligen Hüter geleistet, der sich dadurch von seiner Haftung befreien konnte. Das jüdische Recht kannte den Gratishüter und den Lohnhüter.

A. Der Gratishüter haftete nur für grobe Fahrlässigkeit. Er konnte sich von jeder Haftung befreien, indem er schwor, dass das Gut nicht infolge einer leichten Fahrlässigkeit untergegangen war.

B. Der Lohnhüter und Mieter haftete hingegen auch für leichte Fahrlässigkeit. Er musste schwören, dass das Gut durch Zufall untergegangen war.

5. Der rabbinische Eid war von allen Eidesarten der leichteste und daher auch der geläufigste. Dieser Eid wurde durch eine rabbinische Anordnung demjenigen auferlegt, der die geltend gemachte Forderung leugnete, damit er darüber nachdenke, ob er nicht doch die Forderung schuldet. Orthodoxe Juden legen keinen Eid ab.

6. Der Ausspruch-Eid hatte einen unerheblichen, gleichgültigen Ausspruch zum Inhalt. Er bezog sich auf ein Tun oder Unterlassen, sein Inhalt konnte bejahend oder verneinend sein (z. B. "ich werden essen" oder "ich werde nicht essen"), sich auf die Zukunft oder Vergangenheit ("ich habe gegessen") beziehen. Als Strafe für einen falschen Ausspruch-Eid wird in der Mischna bei Vorsatz die Geißelstrafe, bei Fahrlässigkeit ein Opfer vorgesehen.

7. Judenneid: Der Judenneid war ab etwa 531 n.Chr. gängig. In Mainz gab es den Judenneid ab dem 12 Jhd. und wurde 1869 in Preußen abgeschafft. Der Judenneid hatte die Diskriminierung zum Zweck. Im Mittelalter war die Diskriminierung der Juden vorwiegend wirtschaftlich motiviert. So mussten Juden bei einem solchen Eid z.B. mit nackten Füssen auf einer Sauhaut stehen.

8. Im alten Testament kannte man den Abraham- Schwur.


III. Die Technik der Eide:

Durch die Technik der Eide kam die besondere Beziehung zu Gott zum Ausdruck. Im Laufe der Zeit wurde die Eidesformel reduziert. Der Eid war somit gültig, ohne dass der Name Gottes ausdrücklich angerufen wurde.

I Anschluss an das Referat, stellten wir uns die Frage nach der Gleichbehandlung von jüdischen und nicht jüdischen Sklaven im alten Testament. Die Israeliten galten als Sklaven Gottes. Sie sollten deshalb nicht versklavt werden, da sie sonst Sklave vom Sklaven wären. Ein Sklave der die Freiheit ablehnte wurde mit einem Schandmal versehen. Im Allgemeinen wurden Sklaven im jüdischen Recht nicht als Sachen ihres Herren angesehen, sondern sie wurden vielmehr als Knechte/Bedienstete betrachtet und behandelt.

Die unterschiedliche Behandlung zwischen hebräischen und anderen Sklaven war durch den Grundsatz der Gleichbehandlung (andere Völker versklavten Juden und behandelten sie schlecht) motiviert.

Anschließend reflektierten wir über unser Seminar zum jüdischen Recht. Die Schlagwörter waren dabei insbesondere Gleichheit und Menschlichkeit. Gerade für Juristen sei es von Bedeutung Vorbilder zu haben, wie auch moralische Wertsetzungen, die es zu verwirklichen gilt. Auch war es interessant sich mit dem alten Testament auseinander zu setzen, da auch das Christentum im alten Testament wurzelt. Abschließend wurde gesagt, dass das Seminar auch aus anthroposophischer Sicht reizvoll war, da Rechtsgeschichte auch zugleich Menschheits- und Kulturgeschichte ist.