Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Studium - Protokoll Januar 2006

Studium

Protokoll zweier Seminarsitzungen im Januar 2006

Einleitung

Beschäftigt man sich mit dem jüdischen Recht, wird stets die Frage gestellt, wie dieses Recht mit den überalterten Gesetzen des hebräischen Testaments, der Tora, umgegangen ist. Konnten Rechtsnormen wie Auge um Auge in späterer, gar in unserer Zeit aufrechterhalten werden? Wir haben im Seminar an einem Beispiel gelernt, wie die in der Tora geregelte harte Bestrafung eines ungezogenen Kindes im Talmud durch eine methodische Analyse und Interpretation außer Kraft gesetzt wurde. Das Eintreten eines Falles des „widerspenstigen Sohnes“ ist unmöglich gemacht worden. Am Ende der Behandlung dieses Themas heißt es im Talmud: Den widerspenstigen Sohn hat es nie gegeben und wird es nie geben.

Teil I

DAS FÜNFTE BUCH MOSE (DEUTERONOMIUM) 21. Kapitel

(18) Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, (19) so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes (20) und zu den Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist widerspenstig und ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Prasser und Trunkenbold. (21) So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe, und du sollst so das Böse aus deiner Mitte wegtun, dass ganz Israel aufhorche und sich fürchte.

Der Fall scheint klar zu sein: Ungehorsame Kinder werden hingerichtet. Erstaunlicher-, oder klugerweise hat diese Maxime eine ganz andere Bedeutung erhalten.

Teil II

Sanhedrin

Abschnitt VIII

1. Mischna

„Der unbändige und widerspenstige Sohn“. Von wann ab kann er als ein unbändiger und widerspenstiger Sohn verurteilt werden? Von der Zeit an, da er zwei Haare zeigen kann, bis ringsherum (um sein Glied herum) ein Bart gewachsen ist. Damit ist das untere nicht das obere Haar gemeint, nur haben sich die Weisen eines reinen Ausdrucks bedient (da sie das Wort Schamhaare nicht benutzen wollten). Es heißt "Wenn Jemand einen Sohn hat" (5. Moses 21, 18), dies sagt: einen Sohn und nicht eine Tochter, einen Sohn und nicht einen Mann[1]. Der Unmündige ist frei von Strafe, da er noch nicht dreizehn Jahre alt ist und die Religionsgebote nicht einhalten muss.

2. Mischna

Wann ist er schuldig? Wenn er ein Tritemor (1/3 Mine) Fleisch gegessen und einen halben Log italienischen Wein getrunken hat. R. Jose sagt: Eine Mine (ca. 371 Gramm) Fleisch und ein Log (ca. ¼ Liter) Wein. Hat er bei einem gebotenen Gastmahle gegessen, hat er bei der Festlegung des Schaltmonats[2] (Fleisch und Wein) gegessen[3], hat er vom zweiten Zehnt zu Jerusalem gegessen[4], hat er Aas, Gerissenes, Geschmeiß und Gewürm[5] gegessen, hat er Unverzehntetes[6], oder den ersten Zehnt, dessen Hebe[7] noch nicht abgesondert war, oder den zweiten Zehnt oder Geheiligtes, die nicht ausgelöst waren, gegessen, hat er überhaupt durch sein Essen ein Gebot oder eine Übertretung ausgeübt, hat er allerlei Speisen, jedoch kein Fleisch gegessen, hat er allerlei Getränke, jedoch kein Wein getrunken; so wird er nicht als unbändiger und widerspenstiger Sohn gerichtet, sondern nur dann, wenn er Fleisch gegessen und Wein getrunken hat, denn es heißt "Ein Schlemmer und ein Säufer" (5. Moses 21, 20). Wenn dies auch kein Beweis ist, dass Fleisch und Wein gemeint sind, so wird es angedeutet in dem Verse "Sei nicht unter den Weinsäufern und Fleischfressern" (Sprüche 23, 20).

3. Mischna

Hat er seinen Vater bestohlen, das Gestohlene auf dem Gebiete seines Vaters verzehrt[8], oder hat er andere bestohlen[9] und es auf dem Gebiete anderer verzehrt, oder hat er andere bestohlen und es auf dem Gebiete seines Vaters verzehrt so wird er nicht als unbändiger und widerspenstiger Sohn verurteilt, sondern nur, wenn er seinen Vater bestiehlt und es auf dem Gebiete anderer verzehrt[10]. R. Jose, Sohn des R. Jehuda, sagt: Nur wenn er seinen Vater und seine Mutter[11] bestiehlt.

4. Mischna

Will der Vater ihn anklagen, aber die Mutter will es nicht; oder will der Vater nicht und die Mutter will es, so wird er nicht als unbändiger und widerspenstiger Sohn verurteilt, sondern nur, wenn beide es wollen. R. Jehuda sagt: Wenn die Mutter nicht für den Vater geeignet ist[12], so wird er nicht als unbändiger und widerspenstiger Sohn verurteilt. Ist Einer von den Eltern einhändig, lahm, stumm, blind oder taub, so wird er nicht als unbändiger und widerspenstiger Sohn verurteilt, denn es heißt (5. Moses 21, 19 – 20): "Es sollen sein Vater und seine Mutter ihn ergreifen", sie seien also nicht einhändig, "ihn hinausführen", also nicht lahm, "und sprechen", also nicht stumm, auf ihn zeigen "dieser unser Sohn," also nicht blind, "gehorcht nicht unserer Stimme", also nicht taub. Sie sollen ihn warnen, vor Dreien ihn geißeln lassen[13]. Ist er dann wieder ausgeartet, so wird er von dreiundzwanzig Richtern gerichtet, und er wird nur dann gesteinigt, wenn die drei ersten (die ihn geißelten) zugegen sind, denn es heißt "Dieser unser Sohn" (5. Moses 21, 20), also dieser, der vor euch gegeißelt worden ist. Entflieht er, bevor das Urteil über ihn gefällt worden ist, und hernach ist ihm unten ringsherum das Haar gewachsen, so ist er frei[14]. Ist er aber entflohen, nachdem das Urteil über ihn gefällt war, so bleibt er schuldig, auch wenn ihm nachher unten ringsherum das Haar gewachsen ist.[15]

Teil III

Am Ende dieser Disputation blieben seitens der Studenten zwei Fragen offen:

  • Wenn die in der Bibel beschriebene Regel zum ungehorsamen Sohn nicht gilt, nicht wörtlich zu verstehen ist, wie ist sie sonst zu verstehen? Warum steht sie überhaupt in der Bibel?
  • Ist es legitim, wenn die Gelehrten eine biblische Regelung so umdeuten, dass von dem Wortlaut kaum etwas übrig bleibt? Könnte man dann nicht viele Stellen in der Bibel, gar die ganze Bibel, nach Belieben und Zeitgeschmack uminterpretieren? Wer entscheidet, welche Interpretation legitim sein soll?

Zur ersten Frage:

Bereits den Talmudisten hat sich diese Frage aufgezwungen. Sie wiesen darauf hin, dass die Bibel hier mahnend vergegenwärtigen wollte, was geschehen könnte, wenn man den Kindern allzu freien Lebenswandel gewährte. Zwar würde man sie nicht steinigen, aber das Abgleiten vom rechten Weg könnte dann in die Sucht und anschließend in die Kriminalität führen. (Zu welch schlimmen Folgen eine Sucht führen kann, erfahren auch heutzutage nicht selten Eltern von Jugendlichen.)

Zur zweiten Frage:

Mit dieser Frage haben sich seit vielen Jahrhunderten Theologen und jüdische Rechtsphilosophen beschäftigt. Es ist daher im Rahmen dieses Seminars nicht möglich, auf diese Frage ausführlich einzugehen. In aller Kürze könnte man folgende Richtschnur geben: Die jüdischen Gelehrten hielten sich seit der Zeit des Talmud an die bereits in der Bibel erwähnte Maxime:

„Man richte sich nach der Mehrheit.“

Der genaue Wortlaut der biblischen Stelle (2. Moses 23, 2) lautet: „Folge nicht der Menge zum Bösen, und sage nicht aus in einer Streitsache, (so) dass du das Recht beugst (indem du) dich nach der Mehrheit richtest“. Wörtlich bedeutet das, dass man sich nicht der Mehrheit anschließt, wenn die Mehrheit das Böse beabsichtigt oder wenn dadurch das Recht gebeugt wird. Die Rechtsgelehrten haben diesen Satz so ausgelegt: 1. man soll sich der Mehrheit nicht anschließen, wenn sie Böses oder Unrecht vorhat, was im Umkehrschluss heißt, dass man sich im übrigen stets nach der Mehrheit richten soll. 2. Die Gelehrten haben den letzten Halbsatz des Verses als für sich allein stehend behandelt und gesagt, dass du „dich nach der Mehrheit richtest“ (s. Raschi zur Stelle). Diese Maxime ist seit jeher zum Allgemeingut im jüdischen Recht geworden und betrifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, ob Gerichtsurteile, Gemeindeentscheidungen oder dergleichen.

Diese Prinzip hatte solch maßgebende Bedeutung, dass selbst bei einem Streit zwischen den Mischnahgelehrten (Mitte des 2. Jahrhunderts), als die meisten Gelehrten sich gegen die Meinung eines Einzelnen wandten und dieser (R. Elieser) die himmlische Stimme zur Unterstützung seiner Meinung mobilisieren konnte, der Mehrheitsführer (R. Jehoschua) sagte: „Wie hören nicht auf die himmlische Stimme, denn bereits in der Tora hast DU geschrieben, wir sollten uns nach der Mehrheit richten“ (nachzulesen: http://www.juedisches-recht.de/Rechtsgeschichte-Schlangenofen.htm)


[1] Nach Vollendung des unteren Haarwuchses ist er aber bereits ein Mann. Das bedeutet, dass der widerspenstige Sohn 13 Jahre und 1 Tag alt sein und mindestens zwei Schamhaare haben muss, um strafbar zu sein. Wenn jedoch sei Schamhaar voll gewachsen ist, gilt er als Erwachsen und ist ebenfalls nicht strafbar. Im Talmud wird man bei der Behandlung des Themas zum Schluss kommen, dass der Fall des widerspenstigen Sohnes lediglich in einer Zeitspanne von drei Monaten auftreten kann.

[2] Die Berechnung, ob ein Monat 29 oder 30 Tage haben soll. Ein Monat von 30 Tagen heißt ein Schaltmonat (ein interkalierter Monat).

[3] Die Bestimmung des Schaltmonats wird von mindestens 10 Männern vorgenommen, die gemeinsam ein Pflicht-Mahl einnehmen.

[4] Wie in 5. Moses 14, 16 geboten ist.

[5] Diese sind verbotene Speisen laut mosaischem Recht.

[6] Wenn von den Lebensmittelprodukten die Abgaben (ein Zehntel) für den Tempel noch nicht abgesondert worden sind. Da aber Fleisch nicht verzehnt wird, so kann hier nur vom Wein die Rede sein.

[7] Der Zehnt vom Zehnten, 4. Moses 18, 26

[8] also in Haus oder Hof des Vaters; denn da geht man davon aus, er fürchte sich vor dem Vater und würde nicht zu einem Wiederholungstäter werden.

[9] Man geht davon aus, dass er nur selten Gelegenheit dazu hat und es deshalb beim ihm nicht zur Gewohnheit wird.

[10] Wenn er seinen Vater bestiehlt, wozu er leicht die Gelegenheit dazu hat und das Fleisch und den Wein in der Nachbarschaft verzehrt, wo er vom Vater nicht gesehen und nicht zu fürchten hat, geht man davon aus, dass er leicht diesem Laster verfallen werden kann. Und dies gilt es zu verhindern

[11] R. Jose versucht, den Tatbestand noch weiter einzuengen, indem er verlangt, dass der Sohn beide Elternteile bestehlen muss, wobei die Mutter ihr eignes Vermögen haben muss. Seine Meinung wird jedoch von der Mehrheit der Gelehrten nicht geteilt.

[12] Dem einfachen Sinne nach ist damit gemeint, dass die Mutter dem Vater zur Ehe verboten war. Im babylonischen Talmud wird das so interpretiert, dass die Mutter dem Vater in der Stimme, im Aussehen und in der Größe gleichen muss. Damit will R. Jehuda die Möglichkeit eines widerspenstigen Sohnes praktisch ausschließen. Die Meinung des R. Jehuda wird von der Mehrheit der Gelehrten nicht geteilt.

[13] Nach babylonischem Talmud muss der Text lauten: "Man warnt ihn vor Zweien und lässt ihn vor Dreien geißeln". Das bedeutet: Sobald die Eltern merken, dass der Sohn droht, dem Fleisch- und Weingenuss zu verfallen, warnen sie ihn in der Gegenwart von zwei Zeugen, ihn vor Gericht zu bringen, wenn er von dieser Gewohnheit nicht ablässt. Blieb diese Warnung erfolglos, wird der Sohn vor ein Gericht aus drei Richtern zitiert und gegeißelt. Wird er auch danach rückfällig, wird er vor das Gericht aus dreiundzwanzig Richtern zitiert.

[14] Da er nun in einem Alter ist, in dem man ihn nicht mehr als Jugendlichen (als „Sohn“) verurteilen kann. Er wird so behandelt, als ob er jetzt das Verbrechen verübt hätte.

[15] Nachdem er zum Tode verurteilt ist, hängt der Tod stets über ihm. Eine später erreichte Mannbarkeit kann ihn nicht mehr vor dem Vollzug der Strafe retten.