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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Studium - Hausarbeiten - Hamurabi

Studium

Matthias Schwab

Die Gesetze Hamurabis und ihr Verhältnis zum jüdischen Recht

Vorgelegt im Seminar "Grundlagen des jüdischen Rechts"
bei Dr. Gabriel Miller
zur Erlangung des Seminarscheins im WS 1998/99

Bemerkung: Durch die Umwandlung des Textes ins Internet-Format sind die Fußnoten verlorengegangen.


Gliederung:

I. Einführung

  • Die sumerische Zeit und ihre Überlieferung
  • Hamurabi und der Aufstieg Babylons

II. Die Gesetze Hamurabis

  • Die Stele mit den Gesetzen
  • Zur Gliederung des Gesetzestextes
  • Übersicht der auf der Stele befindlichen Normen

III. Exemplarische Darstellung einzelner Normen des Hamurabi-Gesetzes und Vergleich mit den entsprechenden Normen des jüdischen Rechts

  • Prozessordnung
  • Vergehen wider das Eigentum
    • Diebstahl
    • Sklaven
    • Raub
  • Das Pachten von Land
  • Ehe und Familie
    • Gesellschaftliche und rechtliche Stellung der Frau
    • Eheschließung
    • Ehebruch
    • Ehescheidung
  • Die Talion
  • Schluss


1. Die sumerische Zeit und ihre Überlieferung

Zwei Ströme , Euphrat und Tigris, fließen zwischen dem zerklüfteten Zagros-Gebirge und der syrischen Wüste gegen Südosten und münden in den Persischen Golf. Das Land zwischen diesen beiden Flüssen erhielt seiner Lage wegen den griechischen Namen "Mesopotamien" (Zwischenstromland). Dieser genauen Übersetzung hat das Deutsche die Bezeichnung "Zweistromland" vorgezogen.

Im Norden dieses Gebietes lebten im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung überwiegend Semiten, im Süden der Tiefebene waren die aus dem westlichen Hinterindien eingewanderten Sumerer sesshaft geworden. Auf der Grundlage eines gut organisierten Bewässerungssystems gelang es, die Ertragskraft der Böden zu steigern. Dadurch begünstigt bildeten sich im späten 4. Jahrtausend v.Chr. eine ganze Anzahl von Siedlungen aus, die bereits städtischen Charakter besaßen und deren Geschicke von einem auch als Oberpriester fungierenden Herrscher gelenkt wurden. Früh im 3. Jahrtausend dann, in der Periode, die von den Archäologen als "frühdynastische Zeit" bezeichnet wird, kann bereits von Stadtstaaten gesprochen werden, d.h. von politischen Gebilden, denen man in dieser Form sonst nirgendwo in dieser frühen Zeit begegnen konnte.

Obwohl sich diese Stadtstaaten durch ihren Individualismus und ihren hartnäckigen Widerstand gegenüber jeglicher zentraler politischer Kontrolle auszeichneten, sollte sich dennoch eines der ersten antiken Großreiche aus ihnen entwickeln.

Kaum nachvollziehbar erscheint nun der Umstand, dass die nahezu drei Jahrtausende währende Hochkultur Mesopotamiens, die zu ihrer Zeit das Bild der östlichen Welt weithin bestimmte, fast vollständig aus dem Gedächnis der Menschheit verschwand. Schon die Historiker der Griechen hatten von den Sumerern nur noch ein recht vages Bild und auch im Alten Testament, einer Schöpfung des 5. vorchristlichen Jahrhunderts finden sich nur wenige Schilderungen. So ist es recht schwer, ein historisch genaues Bild der Ereignisse des 4. Jahrtausends zu zeichnen, deutlich wird es erst kurz vor dem Jahr 3000 v.Chr.

In der nach dem Fundort von bedeutenden archäologischen Zeugnissen so benannten Dschemdet Nasr-Zeit ( 2800-2700) dürfen Tendenzen zur Bildung erster Großreiche vermutet werden. Die dieser folgende Zeit, etwa ein oder anderthalb Jahrhunderte umfassend, wird nach Mesilim, König von "Kisch", als "Mesilim-Zeit" bezeichnet, da dessen Inschrift lange als die älteste erhaltene galt. Kisch erhebt sich in dieser Zeit zu einem zentralen Herrschaftssitz, und auch als der Schwerpunkt der Machtentfaltung später wieder mehr nach Süden verschoben wird, bleibt es bei der Beibehaltung des Titels "König von Kisch" zur Umschreibung der Oberherrschaft.

In den folgenden Jahrhunderten erlangten vor allem Ur, das sich ebenfalls in der Mitte des 3. Jahrtausends zu einem wichtigen sumerischen Handels- und Kulturzentrum entwickelt hatte, und Lagasch Macht und Einfluss. Um das Machtzentrum Umma entstand dann das erste bedeutende Reich von Sumer, dessen Herrscher Lugalzaggesi die bestehenden Rivalitäten der Nachbarstädte geschickt auszunutzen verstand.

Um 2350 v.Chr. bereiteten die nördlichen semitischen Stämme unter Führung Sargons von Akkad diesem sumerischen Reich ein gewaltsames Ende. Allerdings gelang es dessen Nachfolgern nicht, das durch Eroberung des im Norden gelegenen Assyrien und des im Osten angrenzenden Elam erheblich vergrößerte Reich zu behaupten.

Gegen Ende des 3. und zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. drangen westsemitische Völkerschaften ostwärts nach Mittelmesopotamien ein und lösten die Sumerer als die die kulturelle Entwicklung tragende Bevölkerungsgruppe ab.

Als letzte kulturell fortwirkende Tat der Sumerer könnte man die fragmentarisch überlieferte Gesetzessammlung des Begründers der III. Dynastie von Ur, Urnammu, König von Sumer und Akkad, betrachten, die älteste Sammlung von Rechtsvorschriften, die bis heute bekannt ist.

2. Hamurabi und der Aufstieg Babylons

Am Anfang des 2. Jahrtausends entstanden auf dem Gebiet des alten Sumererreiches wiederum eine Reihe von Stadtstaaten, darunter Babylon. Der Name der Stadt dürfte zunächst "Bab ilim" gelautet haben, dabei handelt es sich um eine Übertragung des alten sumerischen Namens der Stadt (Ka-dingir-ra) in die Sprache der semitischen Neubürger. Inhaltlich bedeuten indes beide Begriffe das gleiche, nämlich "Pforte der Götter". Aus "Bab ilim" wurde schließlich, von den Griechen abgewandelt, das bis heute geläufige "Babylon".

Der amoritische Stammesfürst Sumu-abum, der sich um das Jahr 1830 hier niederließ, war der Begründer einer Dynastie, die Babylon unter ihrem sechsten Vertreter Hamurabi eine Blütezeit bescheren sollte.

Als Hamurabi (1792-1750) den Thron bestieg, war Babylon immer noch ein relativ unbedeutender Staat, der sich in einem Umfeld sich ständig wandelnder Bündnisse behaupten musste. So standen die ersten Regierungsjahre des Königs im Zeichen einer Politik des Schwankens und Lavierens zwischen den beiden mächtigen Nachbarreichen im Norden und im Süden Babylons. Die Quellenlage legt nahe, dass sich Hamurabi in seinen ersten Regierungsjahren der Ordnung der Verwaltung seines Landes gewidmet hat. In seinem zweiten Regierungsjahr "richtete er die Gerechtigkeit im Lande auf", ein Hinweis auf die Einleitung von Reformen, die schließlich in seinem berühmten Gesetzescodex gipfelten. In den ersten 29 Regierungsjahren Hamurabis deuten nur drei Jahresnamen auf militärische Unternehmungen hin, erst in den letzten Jahren seiner Regierungszeit stieg Babylon zu einer größeren Machtstellung auf. Im 29. Jahr seiner Regierung bot sich Hamurabi die Gelegenheit zu einer tiefgreifenden Veränderung seiner bislang verfolgten defensiven Politik. Thronwirren in den Nachbarstaaten ermöglichten ihm die Verfolgung einer wesentlich expansiveren Strategie und die Unterwerfung der benachbarten Gebiete. Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die im Jahre 1763 erfolgte Unterwerfung Larsas, die die Eroberung des bisher unter dessen Oberhoheit befindlichen Südbabylonien erst möglich macht. Hamurabi trat dadurch die Nachfolge des traditionsreichen Königtums von Sumer und Akkad an.

Gegen Ende seiner 43-jährigen Regierung hatte Hamurabi fast ganz Mesopotamien unter seiner Herrschaft zusammengeschlossen, allerdings gelang es seinen Nachfolgern nicht, die Einheit des Herrschaftsgebietes zu wahren. Mit der Eroberung Babylons durch die Hethiter um 1530 v. Chr. fand dann eine Entwicklung, die zum Niedergang der Hamurabi-Dynastie geführt hatte, ihren Abschluss. Die politische Erbschaft des Hamurabi-Reiches traten die Kassitten, ein in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends nach Mesopotamien eingewanderter Stamm, an. Damit fand der Abschnitt der mesopotamischen Geschichte ein Ende, der als "altbabylonischer" bezeichnet wird und dessen wichtigstes schriftliches Einzeldokument die Gesetzesstele Hamurabis ist.

1. Die Stele mit den Gesetzen

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts lenkte eine Reihe von spektakulären Funden das Augenmerk der Gelehrten auf sich. Sie stammten aus Susa, wo eine Gruppe von französischen Archäologen zur Jahreswende 1901/02 drei große Blöcke aus Diorit entdeckten. Sie ließen sich zu einer Stele zusammenfügen, die sich konisch verjüngt und eine Höhe von 2,25 m erreicht. Es handelt sich um die längste zusammenhängende Inschrift aus altbabylonischer Zeit, um den Gesetzescodex Hamurabis.

Auf der Vorderseite der Stele ist eine Reliefdarstellung zu sehen, es handelt sich um zwei Männer, von denen der eine in ein langes Gewand gehüllt ist und der seinen Arm in ehrfürchtiger Anrede erhoben hat. Seine Verehrung gilt dem anderen Dargestellten, einem thronenden Gott, dessen erhabene Stellung durch eine vierfache Hörnerkrone angedeutet wird. Nach überwiegender Auffassung handelt es sich bei ihm um eine Darstellung des Gottes Schamasch. Dieser war der Gott der Sonne und, da diese alles ans Licht bringe, auch der Gott des Rechts. Die übrige Stele ist ringsherum mit einer Inschrift versehen, die es den Archäologen ermöglichten, sie Hamurabi zuzuweisen und im Text die Gesetze dieses Herrschers zu erkennen. Damit war auch die Identität des Mannes in der Reliefdarstellung geklärt, es handelt sich um Hamurabi, der von seinem Gott mit den Insignien der königlichen Macht ausgestattet wird. Die Stele befindet sich heute im Pariser Louvre.

2. Zur Gliederung des Gesetzestextes

Der Text der Stele gliedert sich in drei große Abschnitte: Prolog, Gesetze und schließlich einen Epilog. Dabei sind diese Bestandteile als ein einheitliches Ganzes zu verstehen, da sie Bedingungen und Zielsetzungen des Gesetzestextes formulieren.

Der Prolog hat die Gestalt einer umfangreichen literarischen Schöpfung, die die Taten Hamurabis beschreibt und die dadurch zu einer wichtigen Quelle für die Forschung geworden ist. Der Epilog findet –ebenso wie der Prolog- seine Vorbilder in der älteren mesopotamischen Literatur. Er schließt unmittelbar an die gesetzlichen Bestimmungen an und bezeichnet diese als "Rechtssprüche der Gerechtigkeit, die Hamurabi, der tüchtige König festgesetzt und durch die er dem Lande rechte Leitung und gute Führung verschafft hat". Der König bekräftigt hier seine Absicht, mit diesen Gesetzen den Entrechteten, Schwachen, Witwen und Waisen in seinem Lande Recht zu verschaffen.

Die Gesetze Hamurabis sind oft als ein "Codex" bezeichnet worden. Auch wenn es sich mittlerweile um eine eingebürgerte Bezeichnung handelt, so ist sie nicht ganz zutreffend. Die Gesetze Hamurabis streben nämlich nicht an, das gesamte Recht des Landes zu kodifizieren, selbst wenn sie in Prolog und Epilog diesen Eindruck erwecken. Wie sich aus anderen Quellen erschließen lässt, war die juristische Praxis weitaus umfassender als es in der Gesetzessammlung aufscheint. So fehlen zum Beispiel Verwandtenmord, Viehdiebstahl und – soweit nicht auf den Sohn eines Freien bezogen - Menschenraub.

Fraglich ist nun aber auch, inwieweit der Gesetzessammlung tatsächlich eine ausschlaggebende Rolle in der Rechtsprechung zukam. Festgestellt wurde, dass es in den Tausenden von Rechtsurkunden und Gerichtsakten, die erhalten geblieben sind, nicht einen einzigen Fall gibt, in dem auf den Text der Gesetzessammlung Bezug genommen wird. Dies könnte in dem Umstand begründet sein, dass Hamurabi bald nach der Niederschrift des Textes starb und dass sich seine Anordnungen in der Praxis nicht durchsetzen ließen. Eine andere Auffassung kommt hier jedoch zu dem Schluss, dass Hamurabi lediglich selbstverständlich geltende Prinzipien als Recht fixiert habe und dass sich deshalb keinerlei Hinweise auf die Gesetzessammlung in den erhaltenen Quellen fänden. Diese Meinung geht sogar davon aus, dass diese Prinzipien sogar noch mehr als ein Jahrtausend nach der Zeit von Hamurabi Anwendung fanden und belegt diese These mit eben jenem Hinweis auf die nicht vorhandenen Bezüge in den Quellen.

Auf der Gesetzesstele findet sich keine Untergliederung in "Paragraphen", so dass sich eine Unterteilung der 282 Normen anhand der immer wiederkehrenden Formulierung "Wenn...(es folgt der Tatbestand), dann...(es folgt die Strafzumessung) anbietet. Zudem werden eine Reihe von zusammengehörenden Fragenkomplexe nacheinander abgehandelt.

3. Übersicht der auf der Stele befindlichen Normen

Die Normen der ursprünglich aufgefundenen Stele werden in modernen Ausgaben mit Ziffern bezeichnet, Normen, die erst später auf Tontafeln entdeckt wurden, mit Buchstaben. In der Übersicht lassen sie sich wie folgt zusammenfassen:

Rechtsausübung

5 falsche Zeugen/korrupte Richter

Verstöße gegen das Eigentum

14 Diebstahl, einschl. Entführung Minderjähriger

20 Entlaufene und gestohlene Sklaven

25 Einbruch, Raub und Plünderung

Land und Häuser

26-41 Pachtbesitz von Land als Lehen vom König

42-48 Kultivierung von Ackerland durch Pachtbauern

49-52 Bestimmungen über Finanzhilfe für Pachtbauern

53-56 Vernachlässigung von Bewässerungsanlagen

58 Widerrechtliches Überwechseln von Vieh auf

Getreidefelder

59 Unerlaubtes Stutzen von Bäumen

60-65 und A Kultivierung von Palmenplantagen

B-E, G, H Bestimmungen über Mietung, Bau und Reparatur von Häusern

F, J, K (Fragment)

Kaufleute und Agenten

L-R Darlehen von Kaufleuten; Zinssätze

S, T (Fragment)

U Aufteilung von Gewinn und Verlust zwischen Partnern

100-107 Bestimmungen über Transaktionen von Handelsbeauftragten

111 Bestimmungen über Schankwirtinnen (die offensichtlich auch kleine Maklergeschäfte tätigten)

112 Betrug durch einen Boten

113-117 Pfändung wegen Verschuldung

118-119 Übergabe von Dienstpersonal in Schuldhaft

120-126 Speicherung von Waren

Frauen, Heirat, Familienbesitz und Erbrecht

127 Verleumdung einer Hohepriesterin oder einer verheirateten Frau

128 Status der Ehefrau; Kohabitation ohne Vertrag gibt einer Frau nicht den Status einer Ehefrau

129-132 Ehebruch

136 Wiederheirat einer verheirateten Frau: Sie ist bei Abwesenheit des Ehemannes nur unter bestimmten Voraussetzungen gestattet, in jedem Fall aber bei böswilligem Verlassen.

137-143 Scheidung

149 Konkubinat; Voraussetzung , unter der Bigamie statthaft ist Vererbung des der Ehefrau von ihrem Mann geschenkten Besitzes

151-152 Haftung der Ehegatten für Schulden

153 Bestrafung der Ehefrau wegen Gattenmords – Pfählung

154-158 Inzest

159-161 Vertragsbruch nach der Verlobung

162-164 Übergabe der Mitgift nach dem Tod der Ehefrau

165-167 Aufteilung des Erbguts unter den Söhnen

168-169 Enterbung

170 Legitimierung von Söhnen einer Konkubine

174 Rechte einer Konkubine und ihrer nicht legitimierten Söhne, Eigentum der Witwe

175-176 Rechte einer Freien, die mit einem Sklaven verheiratet ist

177 Verfügung über das Eigentum des früheren Ehemanns bei der Wiederheirat einer Witwe

178-184 Anspruch der Priesterinnen auf Mitgift oder väterliches Erbteil

185-193 Adoption

194 Unterschiebung eines fremden Kindes durch die Amme Tätlichkeiten und Körperverletzung

195 Tätlicher Angriff eines Sohnes gegen seinen Vater

196-205 Strafen für Körperverletzung – Talionsrecht, wenn das Opfer ein Freier ist, Geldbußen, wenn es ein Pachtbauer oder Sklave ist

206-208 Wer einen anderen fahrlässig verletzt, muss nur eine Geldbuße oder die Arztkosten bezahlen, ist aber nicht dem Talionsrecht unterworfen

214 Tätlicher Angriff auf eine Frau, der zu einer Fehlgeburt führt

Berufliche Gebührentarife und Pflichten

215-225 Gebührentarif für Ärzte und Tierärzte bei gelungenen Operationen und verwirkte Strafen bei ungünstigem Ausgang einer Operation

215-225 Gebührentarif für Ärzte und Tierärzte bei gelungenen Operationen und verwirkte Strafen bei ungünstigem Ausgang einer Operation

226-227 Strafen für das Herausschneiden einer Sklavenmarke oder für die Vermittlung einer solchen Prozedur

228-239 Gebührentarif für Baumeister und Schiffsführer und Strafen für Fahrlässigkeit

240 Zusammenstoß zwischen einem Ruderschiff und einem Segelschiff

Landwirtschaft

241-249 Pfändung, Mieten, Tod und Verletzung von Ochsen

250-252 Haftung für Schaden, der durch einen mit den Hörnern stoßenden Ochsen angerichtet wird

253-256 Widerrechtliche Aneignung durch einen Verwalter

257-258 Mieten eines Pflügers und eines Rinderhirten

259-260 Diebstahl von landwirtschaftlichen Geräten

261 Mieten eines Viehhüters oder Schäfers

Miettarife

227 Tarife für das Mieten von Tieren, Wagen, Arbeitern, Handwerkern und Schiffen

Besitz und Verkauf von Sklaven

278-279 Haftung für einen verkauften Sklaven, wenn dieser eine Krankheit hat oder ein Vindikationsanspruch besteht

280-282 Auslösung von im Ausland gekauften Sklaven bei ihrer Rückkehr nach Babylonien

1. Prozessordnung

Anklage, Beweisführung und Urteil, die wichtigsten Teile eines Prozesses, sind Gegenstand der ersten fünf Normen. Sie bilden insofern eine Einheit, als dass sie sich auf die "Prozessordnung" beziehen. Sie betreffen den Ankläger (Nrn. 1,2), die Zeugen (Nrn. 3,4) und den Richter (Nr.5).

Prozesse wurden eingeleitet, wenn die Richter die Klage einer Person akzeptierten. Die Anklage wurde von der Partei auf eigene Verantwortung erhoben, da es einen Ankläger von Staats wegen, einen Staatsanwalt, nicht gab. Im jüdischen Recht gab es ebenfalls keinen staatlichen Ankläger , auch hier trat der Verletzte als Kläger auf. Nach biblischer Auffassung hatte der nächste Verwandte als Bluträcher sogar die Pflicht, den Täter seiner Strafe zuzuführen.

Falsche Anklage hatte für den Kläger schlimme Folgen: So sollte bei nicht bewiesener Mordanklage der Ankläger getötet werden (Nr.1), bei der Anklage auf Zauberei hatte er sich einem "Flussordal" zu stellen (Nr.2). Dieses galt als Mittel der Beweisführung , der Ankläger musste sich einer nicht in allen Einzelheiten überlieferten Prozedur unterziehen, die Ähnlichkeit mit den Gottesurteilen mittelalterlicher Hexenprozesse aufweisen soll.

Gegenstand der Normen Nr. 3 und 4 ist die Behandlung eines Zeugen, der vor Gericht die Unwahrheit sagte oder der sein Zeugnis nicht beweisen konnte. Ihm drohte eine Bestrafung je nach der Angelegenheit, um die es ging. So sollte bei einem Kapitalverbrechen der falsche Zeuge getötet werden, in anderen Fällen hatte er die entsprechende Strafe zu tragen.

Ebenso wie der Hamurabi-Codex sieht die biblische Rechtsquelle35 für die falschen Zeugen eine Strafe vor, die entsprechend dem im jüdischen Strafrecht herrschenden Gedanken der Wiedervergeltung (ius talionis) dem gleichen Übel entsprechen soll, das diese mittels ihrer falschen Aussage dem Angeklagten zuzufügen gedachten.

Bei den Regelungen über die Bestrafung von "Falschzeugen" handelt sich um eine der ausgeprägtesten Institutionen des jüdischen Rechts, sie nehmen einen besonders breiten Raum in Anspruch. Während sonst im jüdischen Recht der Versuch nicht strafbar ist, wird bei diesem Sonderdelikt des Falschzeugen gerade der Versuch, einen anderen durch ein falsches Zeugnis schädigen zu wollen, zum verbrecherischen Tatbestand.

Schon die Tatsache, dass die genannten Vorschriften am Beginn des Hamurabi-Codex stehen unterstreicht ihre prinzipielle Bedeutung für die Rechtsausübung in altbabylonischer Zeit. Die Bedrohung des falsch aussagenden Zeugen mit der gleichen Strafe, die den Angeklagten treffen würde, bedeutet das erste Ausgreifen des "lex talionis" auf das Gebiet des "Sinnens". Der Grundsatz, dem Täter das widerfahren zu lassen, " was er seinem Nebenmenschen zu tun gedachte" ist somit von größter Bedeutung für die Rechtsentwicklung in alttestamentarischer Zeit.

Die 5. Norm schließlich stellt den Richter, der seinen Rechtsspruch nachträglich ändert, in den Mittelpunkt. Dieser wird abgesetzt und vom Richterstuhl gestoßen, weil er die Würde der Justiz nicht zu wahren wusste. Streitig ist allerdings die genaue Zielsetzung dieser Norm, so wird teilweise angenommen, sie diene dem Schutz der Rechtsordnung vor korrupten Richtern, teilweise wird in ihr auch ein Schutz vor irriger Rechtsanwendung gesehen.

Im jüdischen Recht sind die Anforderungen an den Richter weiter gefasst und stellen auf Grundsätze der Rechtsausübung und –ausschöpfung ab. So verlangt es vom Richter strengste Unparteilichkeit bei der Rechtsprechung und auch die Vermeidung des Anscheins einer Begünstigung einer Partei. Es ist dies Ausfluss eines der Grundprinzipien des jüdischen Rechts, nämlich dem der Gleichheit vor dem Gesetz.

Dagegen könnte im Codex des Hamurabi lediglich ein Problem, das in zahlreichen babylonischen Prozessen aufgetaucht sein kann, gesetzlich gefasst worden sein. Rückschlüsse auf die der Rechtsprechung zugrundeliegenden Prinzipien lassen sich daher eher aus den den richterlichen Entscheidungen zugrundeliegenden Normen des Codex gewinnen. Einige dieser Normen werden im folgenden Gegenstand einer näheren Betrachtung sein.

2. Vergehen wider das Eigentum

a) Diebstahl

Schutzgut der nächsten 20 Normen des Hamurabi-Gesetzes ist die Unantastbarkeit von Eigentum und Besitz, wobei eine Unterscheidung beider Begriffe in terminologischer Hinsicht nicht getroffen wird .

Auffallend ist zunächst die Tatsache, dass der Unantastbarkeit des Eigentums bei Hamurabi größte Bedeutung zukommt. Unterschieden werden "Tempel- und Hofdiebstahl" (Normen 6-8) bzw. "Gemeiner Diebstahl" (Normen 9-13).

Die genannten Bestimmungen sind weitaus strenger als diejenigen des mosaischen Rechts. Verschiedentlich werden dafür zunächst einmal ökonomische Gründe angeführt: Gerade die Haus- oder Familienwirtschaften und mithin ihr Besitztum waren die Grundlage der altbabylonischen Ökonomie und somit auch der für den König erbrachten Abgaben und Dienstleistungen. Dies allein rechtfertige schon das strenge Strafmaß bei Eigentumsdelikten. Denkbar ist nun aber auch, dass sich der Ursprung der Regelungen schon in der Zeit vor der Errichtung einer herrschaftlichen Organisation finden lässt: Die Ausbildung einer sittlichen und sozialen Ordnung hätte schließlich nur auf der Basis eines unerlässlichen Bestandes von Geboten und Verboten erfolgen können. Somit scheint es zumindest denkbar, dass diese Bestimmungen aus der Zeit der geschlechtsrechtlichen bzw. dynastischen Organisation in die der herrschaftlichen Einrichtung hineinragen. Auf jeden Fall spiegelt sich in der Beschränkung des Codex auf rein wirtschaftliche Fragen, neben denen andere Wertmaßstäbe kaum eine Rolle spielen, die Sozialstruktur Mesopotamiens; so bestand die Gesellschaft zur Zeit Hamurabis im wesentlichen nur aus zwei Gruppen, nämlich derjenigen, der die Produktionsmittel gehörten, und derjenigen, die von der ersteren abhängig war. In diesem Zusammenhang ist denn auch der Umstand, dass vor allem das Eigentum von Palast und Tempel unter den besonderen Rechtsschutz gestellt wurde, bezeichnend. Dies unterstreicht die Stellung des Herrschers als desjenigen, der als Souverän für die Wohlfahrt des gesamten Staates verantwortlich war, der aber auch als großer Grundeigentümer, als Eigner riesiger Herden, als Teilhaber am Handel und wesentlicher Auftraggeber für das Gewerbe in den Wirtschaftsprozess integriert war.

Der Begriff des Eigentums erfährt im jüdischen Recht eine komplexere Ausgestaltung. Auch spiegelt diese die ihr zugrundeliegenden historischen Prozesse wieder: Der hebräischen Gesellschaft der Richterzeit fehlte eine wichtige Bedingung dafür, dass die Anhäufung von Reichtum zu politischer Macht führen konnte, nämlich die Eigentumsgarantie durch eine Zentralinstanz. Verschiedene Faktoren, so beispielsweise die geographischen Gegebenheiten des Landes und seine Lage zwischen größeren Mächten, waren es, die zu einem ausgeprägten Gleichheitsbewusstsein der Israeliten führten. Erst in späterer Zeit veränderten sich die Rahmenbedingungen dergestalt, dass der Wandel der Sozialstruktur die Überwindung dieser erzwungenen Gleichheit ermöglichte. In dem Maße, wie Verpflichtung zur Gastfreundschaft, Unterstützung Notleidender und Teilzwang schwanden, wurden die ökonomischen Reserven der Familien zum Erwerb neuer Güter freigesetzt. So erklärt sich die Tatsache, dass in der jüdischen Lehre das Eigentum zunächst als Grundlage der Existenz des Individuums wie auch des Staates anerkannt ist.

Das jüdische Recht bezeichnet den Eigentümer – wie übrigens auch das babylonische – als den Herrn der Sache, dem diese anvertraut ist. Eine Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz wird getroffen, das Eigentum vermittelt das ausschließliche und unbeschränkte Recht an einer Sache, im Gegensatz zum Besitz, der nur das tatsächliche, nicht das rechtlich begründete Beherrschen einer Sache umfasst. Die Normen des jüdischen Rechts, die dem Schutz des Eigentums dienen sollen, sind stets auch von dem Gedanken geleitet, dass nur das redliche erworbene Eigentum schützenswert ist, da es nicht durch Ausbeutung des Schwachen oder mit unerlaubten Mitteln gewonnen wurde.

Der Begriff des Diebstahls wird im Hamurabi-Gesetz ziemlich weit gefasst, so galt es auch als Diebstahl, wenn jemand ein Kind raubte, die Flucht von Sklaven begünstigte oder die Flüchtigen verbarg, obgleich sie der Herold öffentlich ausrief. Wer "Eigentum des Gottes oder des Palastes" stahl – und in beiden Fällen war letztendlich der König der Bestohlene – sollte getötet werden. Wer gestohlenes Gut weiterverkaufte oder auch nur in Verwahrung nahm, dem drohte die Todesstrafe. In der mosaischen Gesetzgebung fehlen entsprechende Bestimmungen über Hehlerei und verdächtigen Ankauf.

Die widerrechtliche Aneignung fremden Eigentums ergibt sich im jüdischen Recht bereits aus dem 9. Stück des Zehngebots, wo sich durch Schluss aus dem Wortlaut die Unzulässigkeit einer tatsächlichen Wegnahme ohne weiteres ergibt. Eine besondere Statuierung erfährt diese Norm dann noch im 3. Buch Mose, wo es ausdrücklich heißt "Ihr sollt nicht stehlen". Das jüdische Recht entwickelt diese Grundsätze weiter, wobei der Schutz des privaten Eigentums nur ausnahmsweise zurücksteht: Wenngleich zwar das Eigentum als ein von Gott verliehenes Gut betrachtet wird, mit dem der Mensch verpflichtet ist, Liebeswerke zu tun, so ist doch andererseits niemand berechtigt, das Eigentumsrecht eines Dritten zu verletzen. In den Fällen, in denen Eingriffe in das Eigentum zulässig sind, wird dies ausdrücklich bestimmt, wie im Fall des Rechts der Armen auf die Nachlese, die vergessenen Garben, die Ecken des Feldes usw.. Dem Arbeiter wird sogar gestattet, an dem Obst und den Ähren seinen Hunger zu stillen; jedoch ist das Recht ausdrücklich auf Stillung des Hungers beschränkt, hingegen darf keine Sichel über das Getreide geschwungen, kein Obst in einem Gefäß mitgenommen werden.

In den Rechtssprüchen Hamurabis bezüglich Diebstahl und Hehlerei findet sich zum ersten Mal eine an die gesellschaftliche Stellung des Geschädigten anknüpfende Strafzumessung. In der 8. Norm ist niedergelegt, dass Tempel- oder Hofgut dreißigfach, Armengut zehnfach zu ersetzen sei. Kann der Dieb nichts bezahlen, so wird er mit dem Tode bestraft. Hier offenbare sich, dass der "Muschkenum" im Gegensatz zum "Awilum" (Menschen) grundsätzlich benachteiligt gewesen wäre.

Im Gegensatz zum Codex des Hamurabi kennt das mosaische Recht Beschränkungen in dieser Form nicht. Vor dem Gesetz sind hier alle gleich, die Prinzipien des Menschenrechts sind aufrecht erhalten, die Todesstrafe für den Diebstahl ist nicht vorgesehen. Die Strafe für Diebstahl richtet sich vielmehr nach der Stärke des verbrecherischen Willens, wie er in der Tat seinen Ausdruck findet. Sie besteht - wie auch bei Hamurabi - in vermehrter Rückerstattung, jedoch unabhängig von der Person des Geschädigten.

Auch wenn sich diejenigen Normen des Hamurabi-Codex, die sich mit Vergehen am Eigentum beschäftigen, wohl nicht als Produkt einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft begreifen lassen, so sind sie doch auf der Trennlinie zwischen der königlichen Stellung als oberster Richter und Gesetzgeber und seiner Position als Grundherr und Eigentümer anzusiedeln. Dass sie, anders als die entsprechenden Vorschriften des mosaischen Rechts, nicht ausschließlich dem Schutz der Armen und Schwachen dienen sollten, ist demnach evident.

b) Sklaven

In der sozialen Rangordnung standen die Sklaven an letzter Stelle. In wohlhabenden Haushalten der altbabylonischen Zeit konnte es bis zu zwanzig und mehr Sklaven geben, wobei die Zahl der weiblichen stets die der männlichen überwog, sehr reiche Häuser besaßen zuweilen an die hundert. Bei den Sklaven handelte es sich zumeist um Kriegsgefangene, die man sich, zumindest in frühester Zeit, durch Raubzüge ins Bergland, beschaffte. Daher bedeutet auch das Ideogramm für "Sklavin" im wörtlichen Sinn "Frau aus dem Gebirge". Das Sklaventum in Mesopotamien spielte allerdings bei weitem nicht die Rolle, die ihm im römischen Altertum zukam66. Aber auch hier befand sich der Sklave im Prinzip völlig in der Gewalt seines Besitzers und war von seinen Launen abhängig; floh er, so konnte zu seiner Wiedererlangung die Hilfe des Staates in Anspruch genommen werden. Mit eben dieser Materie beschäftigen sich die Normen Nrn.. 14 – 20 des Hamurabi – Codex.. Diese Paragraphen handeln von Menschendiebstahl sowie von der Begünstigung der Flucht der Sklaven oder der Verhehlung der entlaufenen Sklaven. In Nr. 14 ist nicht im allgemeinen von Menschendiebstahl die Rede, sondern von der Entwendung eines minderjährigen Kindes, weil dieser Fall wohl häufiger vorkam.

Die Bestimmungen des jüdischen Rechts hinsichtlich der Sklaven sind wesentlich humaner und sicherlich Ausfluss der Vorstellung, dass es eine Sünde sei, als Sklave zu leben, da Gott die Mensch gleich geschaffen habe. Anders als in der römischen Antike handelt es sich beim Sklaven auch nicht um eine Sache. Dieser menschenfreundlichere Ansatz könnte seine Wurzeln in der Geschichte der Israeliten als Halbsklaven des ägyptischen Pharaos, dem sie direkt Untertan waren, haben. So wird angeführt, dass der Begriff "´ibri" (Hebräer) ursprünglich die Bezeichnung einer sozialen Schicht gewesen sei, die wegen der in ihr enthaltenen landesfremden Elemente oder aus anderen Gründen außerhalb des normalen sozialen und rechtlichen Gefüge Ägyptens stand. Die damit verbundenen kollektiven Erfahrungen der Israeliten in Ägypten könnten sich in den Vorschriften des 2. Buches Mose spiegeln: Dort ist der Menschenraub zwecks Versklavung unter Androhung der Todesstrafe verboten. Anders als im Hamurabi – Codex, wo die Begünstigung der Flucht eines Sklaven mit dem Tode bestraft wird und die Zahlung einer Belohnung an den Sklavenfänger bestimmt ist, verlangt das jüdische Recht sogar seine Nichtauslieferung an den Herren. Der Diebstahl an Sklaven ist nach jüdischem Recht - anders als bei Hamurabi - nicht möglich.

c) Raub

Die Normen Nr. 21-25 behandeln den Raub, den passenden Übergang zwischen Diebstahl und Raub bildet der Einbruch. Dieser steht systematisch zwischen beiden Straftatbeständen, da er, wenn er lautlos durchgeführt wird, als Diebstahl betrachtet wird, wenn sich aber der Besitzer zur Wehr setzt, in Raub ausarten kann. Der Hamurabi-Codex enthält keine Legaldefinition des Raubes, einzig die Todesstrafe als Strafmaß ist genau bestimmt (Norm Nr. 22). Das jüdische Recht dagegen kennt eine besondere Bestrafung für Raub nicht, allerdings ist die gewaltsame, offene Wegnahme einer Sache durch den Räuber vom Eigentümer oder Besitzer in der Bibel ausdrücklich verboten.

3. Das Pachten von Land

Während der altbabylonischen Zeit wurde die Bodenpacht zu einem normalen und häufig angewendeten Mittel, um die Anbauflächen und damit die Einnahmen zu vergrößern. Für diese in den Quellen ablesbare Erscheinung werden mehrere Gründe angeführt, doch dürfte der Hauptgrund die Verknappung des frei veräußerlichen Bodens gewesen sein. Die Praxis der Bodenpacht wird durch zahlreiche altbabylonische Urkunden bezeugt. Es entwickelten sich mehrere Varianten von Pachtverträgen, die in etwa folgendem Muster folgten: Nennung des Pachtobjekts (z.B. Feld, Garten etc.), Größe und Lage des Objekts, Name des Verpächters. Danach folgen Angaben über den Pachtzins: Dieser war seltener in barem Geld, sondern häufiger in Naturalien zu entrichten: Die verbreitetste Form der Entrichtung des Pachtzinses war die Ertragsteilung, wonach der Pächter des Feldes i.d.R. zwei Drittel, der Feldeigentümer ein Drittel der Ernte erhielt. Die übliche Pachtzeit betrug ein Jahr, bei Neubruchpacht (die Pachtung noch zu kultivierenden Landes) betrug sie mindestens zwei, normalerweise sogar drei Jahre.

Im Mittelpunkt der Hamurabi-Normen Nrn. 42 - 47 steht die Pacht und die mit ihr verbundene landwirtschaftliche Arbeit. Auffälliger weise setzt sich der Gesetzgeber in starkem Maße dafür ein, dass eine Bebauung des Bodens auf jeden Fall erfolgt. Erklären lässt sich dieses Verhalten damit, dass die wachsende Bevölkerungszahl und die Tendenz zum Absinken der Felderträge bedingt durch die steigende Bodenversalzung die Notwendigkeit verstärkten, den vorhandenen Boden so gut wie möglich zu nutzen. Eine Vernachlässigung der Feldarbeiten wurde daher als schweres Vergehen geahndet, trotz fehlender Felderträge musste der Schuldige die volle Abgabe in Höhe des Ertrags des Nachbarfeldes leisten.

Anders verhielt es sich bei unverschuldeten Missernten: War bereits ein Pachtzins entrichtet, verblieb er dem Verpächter des betroffenen Feldes, stand aber der Zins noch aus, so trugen die Beteiligten den Schaden im gleichen Verhältnis.

Auch das jüdische Recht unterscheidet mehrere Arten der Pacht: Der eigentliche Pachtvertrag mit der Bestimmung, dass dem Verpächter als Entschädigung für die Überlassung des Grundstücks eine stets gleiche Menge von Naturalien zu übergeben sei, und der sog. Pachtüberwachungs- bzw. -übernahmevertrag. Die zweite Variante ist dadurch gekennzeichnet, dass sich der Pächter verpflichten muss, dass Feld gehörig zu bearbeiten und dem Verpächter einen bestimmten Teil des Ertrages in Naturalien als Pachtzins zu übergeben. Im Falle der ersten Variante muss dagegen ein Pachtzins entrichtet werden, unabhängig davon, ob der Pächter das Feld bearbeitet und einen Ertrag erzielt hat oder nicht. Der Pachtvertrag scheint in talmudischen Zeiten auf eine Reihe von Jahren abgeschlossen worden zu sein. Ist keine bestimmte Zeit vereinbart, so wurde unbegrenzte Dauer vermutet.

Die zweite Variante, die Pachtübernahme, konnte auch in der Form der sog. Gartenpacht, d.h. das Pachten von Gartenland bzw. einzelner Bäume geschehen. Erfolgte sie auf der Basis eines Ertragsanteils, so wurden dem Pächter hier gewöhnlich nur ein Drittel, dem Verpächter dagegen zwei Drittel zugebilligt – also umgekehrt als bei der Feldpacht. Bei dieser Variante, die sich sowohl im jüdischen als auch im Hamurabi-Recht finden lässt, kann der Pächter als Gärtner angesehen werden, der für seine Tätigkeit eine Entschädigung, bestehend in einem Teil des Ertrags, erhält.

Im Falle von Missernten bzw. von Naturkatastrophen kann eine Minderung des Pachtzinses bzw. eine völlige Befreiung von der Zahlungspflicht (beim eigentlichen Pachtvertrag) erfolgen. Beim Pachtübernahmevertrag ist der Pachtzins sogar nur dann fällig, wenn sich der Ertrag einstellt. Das jüdische Recht sanktioniert eine Vernachlässigung der Feldarbeiten durch den Pächter im Rahmen des bestehenden Schuldverhältnisses und nicht - wie bei Hamurabi – durch Zahlung einer hohen Entschädigung an den Verpächter. So kann auch der am Ergebnis des Ertrages nicht interessierte Verpächter vom Pächter fordern, dass dieser das Feld bestellt. Der Pächter kann sich hierbei auch nicht auf den gezahlten Pachtzins berufen, denn der Verpächter könnte dann die Möglichkeit des plötzlichen Abbruchs der Pacht einwenden.

4. Ehe und Familie

Einen Schwerpunkt der Gesetzessammlung Hamurabis bilden die Regelungen, die sich mit der Familie und den damit im Zusammenhang stehenden Besitzproblemen (vgl. Normen 127 ff.) beschäftigen.

Die Familie als sozialökonomische Einheit steht am Ende eines langen Entwicklungsprozesses, der in der Auflösungsperiode der Urgesellschaft begonnen hatte. Sie bildete sich in dem Maße aus, wie die sich verändernden Bedingungen der Sicherung des Lebensunterhalts auch kleineren Gruppen erlaubten, wirtschaftlich und auch gesellschaftlich zu existieren, und wie sich die noch urgesellschaftlich geprägten Bindungen innerhalb von Stämmen, Gemeinden oder Sippen auflösten. An ihre Stelle trat nun die Familie als Grundzelle der babylonischen Gesellschaft. Auch für die frühe hebräische Gesellschaft war die Familie s das Zentrum des gesamten Lebens. Sie stellten sich daher selbst das Menschengeschlecht als eine weitverzweigte Familie vor.

a) Gesellschaftliche und rechtliche Stellung der Frau

Die Frau war dem Mann gegenüber zwar in mancher Hinsicht rechtlich benachteiligt, aber die Urkunden zeigen dennoch ihre volle Rechts- und Geschäftsfähigkeit in altbabylonischer Zeit. Sie kaufte und verkaufte, machte Tauschgeschäfte, vergab Darlehen, mietete und pachtete, machte Schenkungen, trat als Klägerin oder als Zeugin in Prozessen auf. Ihr Ruf wurde durch das Gesetz (vgl. Norm Nr. 127) vor übler Nachrede und Anschuldigung geschützt.

b) Eheschließung

In den nachfolgenden Normen werden die Grundprinzipien des Eherechts statuiert: Danach ist eine Ehe ohne schriftlichen Vertrag nicht gültig (vgl. Nr. 128). Im babylonischen Recht ist nicht nur Gesamt- und Gruppenehe, sondern auch die Zwischenstufe, der Brautraub, überwunden. Der Ehevertrag ist die Quelle des Rechts, welches Mann und Frau verbindet. Er schützt die Frau vor allem dadurch, dass er dem Mann vermögensrechtliche Verpflichtungen auferlegt, die die übereilte Lösung der Ehe verhindern sollen.

Auch das jüdische Recht regelt alle im Zusammenhang mit Schließung, Bestand und Auflösung einer Ehe auftretenden Fragen mit besonderer Genauigkeit. Dies ist auch darin begründet, dass die Ehe im jüdischen Recht - anders als in Mesopotamien – ein religiöses Institut ist. Schon aus dem göttlichen Segen, der in der Bibel dem ersten Menschenpaar zuteil werde, wird der religiöse Charakter der Ehe abgeleitet, insbesondere die religiöse Verpflichtung zur Eheschließung. Anders als in der Gesetzessammlung Hamurabis zeigt das jüdische Eherecht die deutliche Tendenz, die Ehe aus dem Gebiet des privaten Vertragsrechts in die Sphäre der Sittlichkeit hinauszuheben.

c) Ehebruch

Der Ehebruch und seine Konsequenzen werden in der Gesetzessammlung Hamurabis recht ausführlich dargestellt (Normen Nrn. 129-136), wobei für die Frau die Treuepflicht rechtlich fixiert wird, nicht aber für den Mann. Wurde eine Ehefrau mit einem anderen Mann in flagranti ertappt, sollten beide Ehebrecher gebunden und ins Wasser geworfen werden. Wollte allerdings der betrogene Ehegatte seiner Frau das Leben schenken, so war auch der König geneigt, seinem Untertanen – dem Ehebrecher – das Leben zu schenken.

Ehebruch erachteten die Hebräer als Erzsünde, die bewirken konnte, dass ein Volk umkam. Die damit verbundene Strafe war die Unfruchtbarkeit der Menschen und Unterbrechung des normalen Laufes der Natur. Somit waren Naturerscheinungen wie Regen oder Trockenheit sichtbare Folgen menschlichen Ungehorsams gegenüber göttlichen Geboten. Daher fordern auch die mosaischen Gesetze den Tod beider Ehebrecher. Das jüdische Recht verurteilt den Ehebruch ausschließlich auf der Seite der Ehefrau, nicht aber auf der des Mannes, denn im jüdischen Recht ist der Ehebruch begrifflich nur mit einer verheirateten Frau oder mit einer Jungfrau nach ihrer Antrauung möglich, während dem verheirateten Mann der Verkehr mit einer anderen unverheirateten Frau nicht untersagt ist. Dies folgt auch aus der Zulassung der Mehrehe.

d) Ehescheidung

Die folgenden Normen ( 137-143 ) beschäftigen sich mit der Ehescheidung und ihren Folgen. Obwohl die Ehefrau unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit hatte, sich von ihrem Mann zu trennen, steht das Gesetz dennoch ganz auf der Seite des Mannes. Er konnte sich recht leicht von seiner Frau trennen, fasste sie selbst aber einen solchen Entschluss, so durfte sie der Ehemann verstoßen und brauchte ihr nichts mitzugeben. Trennte sich der Mann von seiner Frau, so musste er ihr lediglich den Brautpreis erstatten. In den Eheverträgen wurde die finanzielle Leistung des Mannes für den Fall der Scheidung oft gleich mit vereinbart. Andere Ehekontrakte waren für die Frau mitunter noch ungünstiger, da sie vertraglich harte Bestrafungen festlegten konnten, so konnte sie, falls sie ihrem Mann erklärte, sie betrachte ihn fortan nicht mehr als ihren Gatten, versklavt, ertränkt oder gar von einem Turm hinabgestoßen werden.

Im mosaischen Gesetz und im rabbinischen Recht liegt die Scheidung ausschließlich in der Hand des Mannes. Das jüdische Recht steht auf dem Standpunkt der Zulassung der Auflösung einer Ehe, wenn ein harmonisches Zusammenleben der Ehegatten nicht mehr möglich ist. Allerdings wurden im Laufe der Rechtsentwicklung zu Gunsten der Ehefrau gewisse Scheidungsgründe festgesetzt, die sie berechtigen, von sich aus den Ehemann zur Scheidung zu zwingen.

5. Die Talion

Die Normen 194 –214 sind im Hinblick auf bestehende Zusammenhänge zwischen dem mosaischen Recht und dem Codex des Hamurabi am aufschlussreichsten. Inwieweit ein direkter Zusammenhang erkennbar besteht, ist allerdings umstritten. Teilweise werden die zahlreichen und umfänglichen Sammlungen von Rechtssatzungen, die sich im Alten Testament finden, als Formulierung des ältesten genuinen Gottesrechts Israels begriffen. Dieses sei zunächst mündlich tradiert worden und habe später eine schriftliche Fixierung erfahren, so dass es in die alttestamentarische Überlieferung eingehen konnte. Analogien zu anderen Rechtssystemen seien deshalb nicht denkbar, da das Gottesrecht Israels etwas Besonderes und Einmaliges gewesen sei. Eine andere Auffassung will ebenso keine direkte Beeinflussung des mosaischen Rechts durch andere altorientalische Rechtskodizes annehmen, doch seien die hebräischen Rechtsanschauungen indirekt vom babylonischen Recht beeinflusst, die Hebräer hätten demnach an einer weitgehend gemeinsamen altorientalischen Rechtskultur partizipiert.

Die Normen zeigen zunächst, dass eine Reihe von Körperverletzungen einfach "wiedervergolten" werden sollten. Dieses Prinzip, das ebenso in den mosaischen Gesetzen des Alten Testaments eine klare Formulierung erfahren hat, geht zweifellos auf Verhältnisse zurück, deren Ursprünge in der Zeit der Urgesellschaft vermutet werden. Anerkannt ist darüberhinaus, dass es sich bei dem Codex des Hamurabi um die ältere Ausformung dieses Prinzips handeln muss. Es beinhaltet gewohnheitsrechtliche Vorstellungen, wie sie in beiden Rechtssystemen weitgehend überwunden waren, doch gerade bei nomadischen oder halbnomadischen Gruppen noch fortlebten.

Bemerkenswert ist, dass die Normen 195 – 201 eine Paraphrase der aus dem Pentateuch bekannten Norm der Talion "Seele für Seele, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß" enthalten, wobei Hamurabi der erste gewesen sein muss, der diese uralte Formel in Gesetzesform gebracht hat. Das die Talion in die Gesetze Hamurabis Eingang gefunden hat, könnte mit den oben genannten halbnomadischen Traditionen, Brauchtum und Vorstellungen der Zeit in Verbindung gebracht werden, die mindestens noch bei einem Teil der Bevölkerung Mesopotamiens nachwirkten oder gar lebendig waren.

Für beide Rechtsanschauungen kann jedoch festgestellt werden, dass sich die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse, denen die Talion entstammte , weiterentwickelt hatte, so dass in der Praxis der Rechtsausübung ihre Anwendung weitgehend eingeschränkt bzw. aufgehoben wurde. Dafür spricht schon der Umstand, dass schon im Hamurabi-Codex die Möglichkeit angelegt ist, selbst körperliche Verletzungen mit Geld zu "büßen". So unterschied man sorgsam zwischen Sklaven und Freien; während letztere eine nicht gerade geringe Summe für erlittene Verletzungen erhielten, wurde bei den Sklaven die dadurch erlittene Wertminderung – für den Herrn - taxiert. Wichtig ist indes der Umstand, dass sich in beiden Rechtssystemen ein derartiges Institut finden lässt, wodurch Rückschlüsse auf gemeinsame Quellen erst möglich werden.

6. Schluss

Dieser Umstand spricht – neben den weiter oben gezeigten – dafür, dass beide Gesetze aus einem Urgesetz abgeleitet wurden, dass allerdings in seiner Fassung und Struktur dem mosaischen Gesetz näher gestanden haben muss, und in dem noch die Spuren der Gentilgesellschaft vorhanden waren.

Allerdings sind durch die Tatsache, dass das jüdische Recht – im Gegensatz zur Gesetzessammlung Hamurabis – eine stete Weiterentwicklung erfahren hat und nicht nur, wie es der Hamurabi-Codex tut, einen rechtlichen Status quo abbildet, über den die Zeit hinweggegangen ist, der Vergleichbarkeit beider Rechtsanschauungen Grenzen gesetzt.


Literaturverzeichnis: