Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Studium

Geschichte und Entwicklung des jüdischen Rechts

Seminar: "Grundlagen des jüdischen Rechts"

Wintersemester 1999/2000

Inhaltsangabe

Inhalt

Einleitung

1. Chronik der Geschichte des Judentums

2. Die Entwicklung des jüdischen Rechts

3. Die Geschichte der Responsenliteratur

Quellen- und Literaturverzeichnis


Einleitung

Die Entstehung der mosaischen Gesetze lässt sich über so eine lange und unruhige Zeit hinweg nicht sicher rekonstruieren. Es heißt Mose erhielt am Sinai neben der schriftlichen Thora, auch die "mündliche Lehre". Um diese "mündliche Lehre" zu bewahren wurde sie in der Mischna schriftlich festgehalten. Die Mischna und ihre Diskussion, die Gemara, sind zusammen der Talmud, eines der wichtigsten Werke des Judentums. Auch wenn seine Bedeutung für das liberale Judentum nicht so groß ist, wird vom Talmud als eine der Säulen des Judentums gesprochen. In der heutigen Zeit befasst man sich vor allem mit dem Babylonischen Talmud, dem Talmud Bavli. Daneben gibt es jedoch noch den Talmud Yerushalmi, der in Israel entstanden ist.

Diese Arbeit will einen Überblick über die Geschichte und Entwicklung des jüdischen Rechts und mit ihr der Responsenliteratur vermitteln.

Der erste Teil der Arbeit beginnt mit einer Chronik der Geschichte des Judentums. Dabei wurde nicht so sehr auf die Vollständigkeit der Chronik, als auf die wichtigsten Ereignisse bis zur Entstehung des Talmud, Wert gelegt.

Im zweiten Teil soll die Entwicklung des jüdischen Rechts vertieft und die Ordnungen der Mischna kurz erläutert werden.

Im letzten Teil soll die Geschichte und die Bedeutung der Responsenliteratur beleuchtet werden. Dabei wird näher auf die Verfahrensweise bei Responsen eingegangen.


1. Chronik der Geschichte des Judentums

20.Jh. v.Chr. Nach der Überlieferung in der Genesis stammen die Vorfahren der Israelis (Juden) aus der Stadt Ur (Yr) im südlichen Babylonien, welche mehrfach zerstört worden sein soll. Sie waren hebräischer Abstammung und verwandt mit den sogenannten Amoritern (Die aus dem Westen), welche vom Mittelmeer bis in den Irak herrschten. Jene hebräischen Halbnomaden scheinen in einer Massenwanderung ihre Heimat verlassen zu haben, um im späteren Israel die Stadt Harran zu gründen. Sie wurde bei Ausgrabungen als wohlentwickelte Stadt eingestuft. Der geographische Raum des heutigen Israel war wahrscheinlich nicht nur durch die Hebräer besiedelt. Auch andere nomadische Stämme scheinen vorhanden gewesen zu sein. Dies ist für den Rechtsanspruch der Juden auf das Land Israel von Interesse. Die hebräische Sprache dürfte sich über die amoritische aus der semitischen entwickelt haben. Auch gab es zu jener Zeit nur vereinzelte Stadtstaaten, die durch Wirtschaftsbeziehungen unter der Kontrolle Ägyptens standen. Die Beweglichkeit, selbst der Halbnomaden, blieb hoch. So kam es zur Vermischung der Überlieferungen, welche erst Jahrhunderte später schriftlich festgehalten wurden.

17. Jh. Der nahöstliche geographische Raum wurde häufiger von Dürreperioden heimgesucht. Die Semiten (Hykos) zogen in den ägyptischen Raum und übernahmen die Herrschaft. Unter ihrer Herrschaft konnten die Hebräer ebenfalls von Ägypten profitieren, so dass auch sie bei Notzeiten dorthin auswanderten. Der Patriarch Abraham wanderte mit seiner Sippe ebenfalls nach Ägypten aus, wahrscheinlich mehrere Male. Es geht aus den Überlieferungen nicht hervor, wie viele hebräische Sippen es zu jener Zeit gab. Sie beschreiben lediglich Abraham als den Anführer der frühen Israelis. Die eigentliche Bedeutung Abrahams zu seiner Zeit bleibt fraglich.

1550 bis ? Die Ägypter erobern ihr Land zurück. Hier beginnt wahrscheinlich die Leidenszeit des hebräischen Volkes in Ägypten, von dem in den Überlieferungen berichtet wird. Die Hebräer (darunter die Abrahamsippe) sollen als Sklaven den Ägyptern an der Errichtung prachtvoller Städte (Rahmes) und Bauten gedient haben.

13. Jh. Das genaue Datum des Exodus ist nicht überliefert, jedoch kann er sich wegen Parallelität anderer Ereignisse nicht früher als in der Mitte des 13. Jh. v.Chr. ereignet haben. Mit dem Exodus wird die Befreiung von Hebräern durch Mose (arabischer Name) beschrieben, welcher sie ins damalige Kanaan, in die heutige israelische Region, führte. Mose gilt als der Verfasser der Thora (Weisung), der heiligen Schrift der Juden, welche ihren Platz im Alten Testament findet und die zehn Gebote einschließt. Nachweislich verschmolzen dort die hebräischen Sippen mit anderen ansässigen Sippen, schon aufgrund der Heirat Mose mit einer Andersstämmigen. Befestigte Städte wurden bei der "Rückeroberung" oft notgedrungen umgangen und wurden erst über Generationen in die sich neu entwickelnde Kultur eingegliedert. Andererseits schlossen sich bereits aus alter Zeit mit Hebräern durchsetzte Städte kampflos ihren "Brüdern" an. Das spezielle Motiv für weitere Kampfhandlungen lag nicht vor. Es bleibt schleierhaft, warum eine Eroberung Kanaans sein musste, zumal die dort lebenden Sippen semitischer Abstammung waren.

ca. 1020 - 1000 Aufgrund langjähriger feindlicher Übergriffe vieler Völker, wie z.B. der Philister und Ammoniter, rief Saul das Heer der bis dahin verstreut lebenden künstlich eingeteilten 12 Stämme zusammen und ging zum Gegenangriff über. Nach dem ersten Erfolg in Jabes wurde Saul von Samuel zum israelischen König gesalbt. Sauls Charakter führte allerdings im Verlauf dazu, dass er auch von Samuel wieder verworfen wurde. Zudem erwuchs ein neuer Anwärter, der in der Zeit neuer israelischer Rückschläge Hoffnung versprach.

ca. 1000 - 960 Davids Geschichte ist widersprüchlich überliefert. Er heiratete Sauls Tochter und musste vor Sauls Eifersucht zu den Philistern fliehen. Jene stürzten Saul, ohne Davids Beisein. David ließ sich in Hebron nieder und wurde dort zum König über das Haus Juda gesalbt. Die Judäer aus Bethlehem (und offenbar weiterer Südstämme zugehörig) gehörten zur israelischen Mischkultur. Die Judäer sonderten sich stärker ab, während Sauls Sohn Esbaal (Baal ist; eine Kanaäische Gottheit) zum Führer über die nordischen restlichen Israeliten wurde. Durch den Überlauf des Vertrauten Abner verlor Esbaal an Stärke. Zwei seiner eigenen Soldaten ermordeten ihn. Einige Jahre später wurde David in Hebron (Grabstätte Abrahams) das Königtum über die restlichen Stämme übertragen. Als Hauptstadt wählte er die bis dahin noch nichtisraelitische Stadt Jerusalem, da sie keinen Zwist unter den 12 Stämmen hervorrufen konnte. Er holte die heilige Bundeslade nach Jerusalem auf den Berg Zion, welcher zur heiligsten Stätte der Juden wurde.

ca. 96 - 922 Davids Söhne bekriegten sich um die Nachfolgeschaft, so dass David gezwungen war, einen seiner Söhne in der Schlacht zu Fall zu bringen. Salomo erlangte den Thron und konnte Davids Qualitäten nicht erreichen.

ca. 922 - 915 Salomos Sohn Rehabeam mißglückten die Verhandlungen um den Thron mit den Nordstämmen. So teilte sich das Land in Israel im Norden und Juda im Süden. Der israelische Führer Jerubeam führte eigene Kultstätten ein, um zu unterbinden, dass die Israelis weiterhin das jüdische Jerusalem aufsuchten.

ca. 869 - 721 Nach Jahrzehntelangen Streitigkeiten, Kriegen und Versöhnungen sowohl zwischen Juda und Israel als auch den Nachbarstaaten kam es zu einem schicksalhaften Krieg zwischen Juda und Israel, in dem Israel zum ersten Mal siegte und den Tempel in Jerusalem ausraubte. Israel behauptete sich als mächtigstes Land der Region. Juda konnte im Verlauf noch einmal Selbstständigkeit erreichen, allerdings nicht mehr in den alten Dimensionen. Darauf kam es zur Verbindung von Israel und Damaskus gegen Juda. Juda bat die Assyrer um Hilfe, welche die Verbündeten schlugen und unter Tribut stellten (wie den gesamten Orient). 721 v.Chr. wurde Israel endgültig von den Assyrern eingenommen und verschwand bis 1948 n.Chr.

ca. 705 - 681 Der judäische König Hiskia riskierte nach blühender Zeit die Übernahme von Nachbarreichen im Hinblick auf die Auflehnung gegen die Assyrer. Jene jedoch nahmen Juda ein und forderten einen derart hohen Tribut, dass Hiskia selbst seine Töchter und die Vergoldung des Tempels hergeben musste. Das Land wurde zu einem großen Teil philistrischen Fürsten geschenkt. Jerusalem soll wegen Ausbruchs der Pest verschont und als Residenz verblieben sein.

ca. 625 - 587 Die Babylonier befreiten sich von den Assyrern und schwächten diese derart, dass unter Josia das davidische Israel wieder eingenommen werden konnte. Dies soll ohne Kampfhandlung geschehen sein. Ägypten beschloss, den in Harran ansässigen Assyrern gegen die neu entstehende babylonische Großmacht zu helfen, Josia fiel bei der Einnahme Judas. Die Ägypter unterlagen zunächst im Norden, doch als die Babylonier ihr Reich mit den Verbündeten aufteilten, kämpfte Ägypten gegen die Chaldäer. Babylonien eilte zur Hilfe, übernahm zudem Juda und begann mit Deportationen. Jerusalem wurde nach erneuten judäischen Aufständen 587 eingenommen und zerstört. Es begann die Diaspora (Zerstreuung), welche z.T. durch die Babylonier inszeniert, z.T. durch eigenständige Auswanderung der Juden nach Ägypten erfolgte (unfreiwillig unter ihnen der Prophet Jeremia). Zudem scheint der Namenswechsel Judäa für das Land Juda erfolgt zu sein. Die nach Babylon verschleppten Judäer hatten hebräische Schriften im Besitz, die als der Grundstock des späteren Alten Testaments gelten. Die "Fremde" und die "Sehnsucht" ließen zum ersten Mal in historischen Dokumenten den jüdischen "Universalismus" und den göttlichen Anspruch auf das Land Israel durchdringen.

ca. 555 - 420 Die Perser übernahmen das babylonische Reich. 538 erhielten die Juden die Erlaubnis, den Tempel wieder zu errichten. Er wurde 515 eingeweiht. Ende des fünften Jahrhundert wurde Esra von den Persern zum jüdischen Priester gesegnet. Er verlas die Thora Mose, welche bereits wenige Jahrzehnte nach Mose durch die fortlaufenden Konflikte in Vergessenheit geraten war. Hebräisch war ebenfalls bereits größtenteils in Vergessenheit geraten, so dass es aramäischer Übersetzer bedurfte. Esra ging etwas über Moses eigene Verhaltensweisen hinaus und versuchte, beim Wiederherrichten des jüdischen Glaubens zunächst die eigentliche Judenfrage zu klären. Durch sein unbeabsichtigt rassistisches Verbot der Mischehe und den Versuch, nichtjüdische Heiligtümer für Juden auszugrenzen (wie es in der Vorzeit bereits erfolglos versucht wurde), schuf er eine wichtige Grundlage für die jüdische Dogmatik in den Überlieferungen.

ca. 332 - 280 Alexander der Große (Hasmonäer) eroberte unter den Makedoniern das persische Israel auf seinem Weg nach Ägypten und etablierte die hellenistische Kultur. Ihm folgten Ptolemäus und Seleukos.

ca. 175 - 160 Der seleukidische König Antiochis IV ging als "Prototyp" des Judenverfolgers in die Überlieferungen ein. Er plünderte den Tempel, weihte ihn Zeus, ließ Götzen errichten, plazierte eine syrische Festung (Akra) gegenüber dem Tempel und verkaufte das Hohepriesteramt an den Hellenisten Jason. Im Sommer 167 wurde die jüdische Lehre verboten. Dies führte zum Aufstand. Der Hasmonäer Juda wurde neuer König Jerusalems. Er führte kleine Aufstände in der Region. Als er jedoch die Akra stürzen wollte, belagerte der Regent Lysias Jerusalem. Kurz vor der Einnahme erfuhr Lysias, daß der sterbende König Antiochus V einen Rivalen zum Nachfolger benannt hatte, welcher den Juden Glaubensfreiheit zubilligte. Lysias lies von Jerusalem und unterzeichnete einen Friedensvertrag. Darauf galt die Thora wieder als Gesetzbuch.

ca. 141 - 76 Der hasmonäische Priester, Feldherr und Anführer der Juden - Simon - zerstörte die Akra und bahnte einen Weg zum Mittelmeer. Ein Jahr später wurde er Führer Judäas. 134 wurde Simon ermordet. Sein Sohn Johannes konnte sich gegen Antiochus VII nicht zur Wehr setzen. Zwar blieb die Autonomie der Judäischen Provinz, Jerusalems Befestigungen wurden allerdings geschliffen. Wenig darauf starb Antiochus VII, und Johannes nutzte die Thronwirren, um das davidische Land größtenteils zu erobern und das Hasmonäische Reich zu gründen, welches sich unter Alexander Jannai auf das alte davidische Israel ausdehnte und der hellenistischen Lehre zuwendete.

ca. 69 - 4 Die Nachfolger Hyrkan II und Aristobul stritten sich um das Königreich und wandten sich beide an Pompejus. Dieser nahm Jerusalem ein, richtete ein Blutbad an und übergab das von ihm auf die alten judäischen Grenzen beschnittene Territorium Hyrkan II zur Verwaltung. 49 drängten Caesars Armeen Pompejus in den Osten, der 48 ermordet wurde. 47 ernannte Caesar Hyrkan II zum römischen Prokurator über Judäa, womit die römische Aera in Israel eingebrochen war. Im März 44 wurde Caesar ermordet. Von 40 bis 37 konnte Antigonus, ein Sohn Aristobuls, Jerusalem zurückerobern, doch suchte der vertriebene Herodes Unterstützung beim römischen Kaiser Antonius, welcher die Hasmonäische Aera endgültig beendete. Herodes galt als heidnisch-hellenistischer Tyrann, der von den Juden aller bis dahin entwickelten Glaubensneigungen gehasst wurde. Er mordete übrige Hellenisten, darunter sogar seine Frau, und finanzierte durch Steuern seine griechisch-römisch geprägte Bauwut und die Kolonialisierung durch Migranten. Antonius verschenkte Gebiete an Kleopatra, worauf Herodes sich Augustus zuwandte.

0 Geburt Jesu Christi. Er wurde von den Juden nicht als der Messias anerkannt und gründete eine neue religiöse Lehre anhand der alten Überlieferungen.

64 - 70 Der Prokurator Gessius Florus ließ aus dem Tempelschatz siebzehn Talente rauben und verhaftete darauf eine jüdische Delegation. Schließlich gab er Jerusalem der Plünderung und des Mordes frei. Die bereits nationalistisch aufgeheizten Juden schritten zur Revolte gegen Rom. Unter dem Auftrag Neros zog Titus gegen die Juden zu Felde. Zwar ergaben sich diese teils, doch nationalistische Gruppen hielten den Tempel belagert. 70 ging beim Gefecht der Tempel in Flammen auf. Seitdem gilt die Synagoge als Verkörperung des Tempels.

70 - 131 Jochanan ben Zakkai ließ sich während der Belagerung Jerusalems in einem Sarg herausschmuggeln. Später stellte er sich den Römern und erhielt die Erlaubnis, in Jawne eine jüdische Lehrstätte zu unterhalten. Sein Ziel war es, den Juden Mut und Einheit zu bringen. Verschiedene Richtungen verloren tatsächlich an Bedeutung. Nach ihm führte Rabban Gamaliel die Versammlung von Jawne weiter.

ca. 132 - 135 Die Juden erhoben sich erneut und eroberten ganz Judäa zurück, doch verloren sie es wieder. Jerusalem wurde als Aelia Capitolina wieder aufgebaut, und den Juden wurde der Zutritt untersagt. Judea war verwüstet, so schufen die Juden im weiteren Verlauf ein neues Zentrum in Galiläa. Babylonien nahm religiös den Haupteinfluß an. Die Diaspora wurde fortgesetzt, und die Juden erlebten in den nächsten Jahrhunderten ihre goldenen Zeitalter außerhalb Israels.

ca. 200 Gemäß jüdischer Überlieferung erhielt das jüdische Volk nicht nur die schriftliche Tora, sondern auch die mündlichen Halacha und Aggada, welche das jüdische Leben und seine Legenden beinhalteten. Aus diesen drei Überlieferungen beendete der Rabbi Jehuda ha Nassi die endgültige Version einer leicht zu befolgenden Vereinfachung (Überspitzung?) mit den sechs Ordnungen über Landwirtschaft, Festzeiten, Ehe- und Familienrecht, Zivil- und Strafrecht, Opfer im Tempel und Reinheitsgebote. Sie nannte er Mischna (Wiederholung, Lehre). Das rabbinische Judentum entstand.

425 Aus den Diskussionen über die Mischna entstand der israelische Talmud (Lernen, Studium). Er enthält die Mischna und die Gemara (Vollendung).


2. Die Entwicklung des jüdischen Rechts

Die tatsächliche Entstehung des heute bekannten Alten Testaments ist nicht geklärt. Es wurde anscheinend als ein Sammelsurium über die Zeit ergänzt, überarbeitet und ebenso entrümpelt. Damit ist gemeint, dass eine selektive Auswahl stattfand, was die falsche Lehre, der falsche Prophet war und keinen Platz im Alten Testament finden sollte. Die Wege der Überlieferungen sind ebenfalls unklar, da in den Wirren der Diaspora Erzählungen auf unterschiedliche Weise überliefert und von den Verfassern neu zusammengefügt sein dürften. So gilt es auch für den Grundstein der jüdischen, sowie christlichen und muslimischen Lehre, die fünf Schriften Mose, mit der Genesis und der Beschreibung des Leben Abrahams, sowie der Flucht aus Ägypten und dem Sesshaft werden. Die Thora (Weisung, Gesetz) gilt als einziges zusammenhängendes Werk im Alten Testament und als Basis aller weiteren prophetischen Schriften, die im Alten Testament überdauert haben. Es ist allerdings nicht garantiert, dass sie (in der bekannten Form) von Mose selbst verfasst wurden oder vielleicht erst von Esra oder gar einem anderen Propheten.

Die Thora berichtet von der Zeit der Urväter Abraham, Isaak und Jakob, welche mit ihren Familien als Nomaden zusammen lebten und einen Gott verehrten, welcher mit ihnen wanderte. Dieser nomadische Gott erwies sich als verlässlicher Begleiter, welcher die Abrahamsippe vor Gefahren warnte und ihnen weise Ratschläge erteilte. Jener Gott schien darüber hinaus nicht mit anderen zu konkurrieren. Gott und die Sippe harmonierten in einem familiären, freundschaftlichen Bund. Dies änderte sich in der Erzählung erst zu Mose, welcher als Sprecher Gottes strenger zu seinem Volk sprach und ihnen Regeln und Gebote erteilte, wie Gottes Grundgesetze: Die Zehn Gebote. Zu dieser Zeit wurde der Widerstreit der Lehren zu einem besonderen Thema. Durch die Ablösung von der ägyptischen polytheistischen Herrschaft und die kriegerische Eingliederung in das ebenfalls andersgläubige, teils polytheistische, gar tief okkultistische Kanaan (Baal-Kult), mit seinen vielen verschiedenen Sippen, Stämmen und Stadtbewohnern, erlangte der Ausdruck Gottes eine boshafte, strenge und unterwerfende (eifersüchtige) Qualität. Sie schien zwar in den Kriegswirren unter der Zersplitterung der jüdischen Stämme und der Vermischung mit anderen Kulturen unterzugehen, wurde jedoch durch Moses prophetische Vertreter nach Beginn der Diaspora als wirksames Bindemittel wieder aufgegriffen.

Wie die Zehn Gebote, so sind auch die anderen Unterweisungen eher allgemeiner Art. Sie betreffen Forderungen bezüglich eines gesellschaftliches Reglements und einer persönlichen Bemühung um Güte und Herzlichkeit (seelische Reinheit), um Gott, ihrem Beschützer, zu gefallen. Das Detail ist allerdings nur selten ausgeführt (z.B. beispielhafte Geschichten um Vorfälle und deren Ausgang). So lebten die frühen Juden noch sehr flexibel und gegenüber fremden Einflüssen aufgeschlossen. Mose selbst zeigte sich durch Viel- und Mischehe seiner Zeit entsprechend. Wichtig war nur, dass die Glaubensfreiheit eines jeden nicht dazu führte, dass ein Jude neben seinem Gott noch andere Gottheiten verehrte. Sein nichtjüdischer Partner konnte dieses allerdings durchaus tun.

Die Entwicklung des heute eigentlichen Judentums ist daher eine Spätentwicklung. Es wird auch als nach dem Alten Testament erfolgtes Spätjudentum bezeichnet (ca. 200v.Chr. bis 200n.Chr.). Gleichenteils gilt für diese Zeit auch der Begriff des Frühjudentums in Anbetracht der maßgebenden Entwicklung des Rabbiner-Judentums. In dieser Zeit entwickelten sich neue Grundgedanken (jüdische Dekadenz: Stemberger, S. 26), wie sie zunächst missachtet und dem Christentum (Neues Testament) zugeordnet wurden (z.B. apokalyptisches Gedankengut, wie es auch im Alten Testament nur durch Daniel vertreten ist). Doch spätestens durch die Versammlung von Jawne und die Prägung des Rabbiners (pharisäisch) als jüdischen Geistlichen wurde die alte jüdische Lehre einer grundlegenden Überarbeitung unterzogen, wie sie letztlich in der Mischna ihren Platz fand.

Die Mischna (Wiederholung, Lehre) entstand aus der rabbinischen Forderung, die mündliche Lehre stärker zu beachten. Diese Lehre bestand aus Religionsgesetzen für alle Bereiche (Halachah) und aus ergänzendem Material bestehend aus Geschichten, Gleichnissen und Begebenheiten ethischen Charakters (Agadah).

Jehuda ha Nasi ordnete die mündliche Lehre und hielt sie schriftlich fest, was eigentlich für halachisch bedenklich gehalten wurde. Um jedoch die mündliche Lehre nicht zu verlieren oder zu verändern schuf man also die Mischna (Wiederholung)- die Sammlung der mündlichen Lehre. Die Mischna wurde in sechs Ordnungen aufgeteilt,

Seraim (Saaten), Moed (Festzeiten), Naschim (Ehe und Familienrecht), Nesikin (Beschädigungen; Zivil und Strafrecht), Kodaschim (Heilige Dinge - Tempel und Opferriten), Toharot (Reinheitsgebote).

Diese Ordnungen haben im wesentlichen folgenden Inhalt (Stemberger, S. 69,70):

1. Seraim (Saaten) enthält alle Gesetze, die mit der Landwirtschaft zusammenhängen, besonders Vorschriften über die Verzehntung, über verschiedene Abgaben, das Sabbatjahr, wann das Land brachliegen muss usw. Da verschiedene Segenssprüche besonders vor dem Essen von Früchten und anderen landwirtschaftlichen Produkten vorgeschrieben sind, beginnt die Ordnung Zeraim mit einem ausführlichen Traktat über das Gebet insgesamt und die verschiedenen liturgischen Vorschriften.

2. Moed (Festzeiten) enthält zuerst eine ausführliche Regelung der Sabbatruhe und der am Sabbat erlaubten Arbeiten, außerdem liturgische Vorschriften für Ostern, den Versöhnungstag, das Laubhüttenfest, Festtage und Halbfesttage, Neujahr und Fasttage. Dazwischen kommt ein eigener Traktat über die Tempelabgaben, die den Gottesdienst im Tempel zu finanzieren hatten.

3. Naschim (Ehen- und Familienrecht) regelt die Rechtslage kinderloser Witwen, die Schwagerehe, sowie das gesamte Heirats- und Scheidungsrecht einschließlich der Vermögensfragen und des Erbrechts. Da die Geltung von Gelübden bei Frauen, die nicht voll über sich verfügen können, besondere Probleme aufwirft, wird die gesamte Problematik der Gelübde, auch solcher, die nur Männer ablegen können, hier behandelt.

4. Nesikin (Beschädigungen; Zivil- und Strafrecht ) umfasst das Schadens- und Strafrecht, Bestimmungen über Gerichte, Strafen, Schwur und Zeugenschaft sowie Folgen irriger Rechtsentscheidungen. Doch auch die Bestimmungen über den Götzendienst und den Umgang mit Heiden sind hier eingereiht, sowie, was noch auffälliger ist, der einzige nichtgesetzliche Traktat der Mischna, Pirqe Abot ("Kapitel der Väter") genannt, der den Zusammenhang der rabbinischen Tradition von Mose bis zur Zeit der Mischna aufzeigen will.

5. Kodaschim (Heiliges) behandelt die Vorschriften bezüglich der verschiedenen Opfer bestimmter Tiere, die Ablieferung der Erstgeburten beim Vieh an die Priester, Ersatzleistungen für Gelübde, Mißbrauch geheiligten Guts; außerdem enthält diese Ordnung auch ein Traktat über Maße und Einrichtung des Tempels.

6. Toharot (Reinheitsgebote) umfasst die komplexen Vorschriften, wodurch etwas rituell unrein wird, welche Unreinheit die Frau während ihrer Regel und nach der Geburt trifft, die Unreinheit durch Aussatz (im weiten Sinn: eine Vielzahl von Hautkrankheiten) und Geschlechtskrankheiten, ebenso die Bestimmungen über das zur Reinigung bestimmte Tauchbad.

Der Talmud besteht aus der Mischna und ihrer Diskussion, der Gemara. Beide gemeinsam sind der Talmud. Sie sind der Grundtext des Talmuds. Den Talmud gibt es in zwei Ausfertigungen. Zunächst erfolgte ein palästinensischer Talmud (425n.Chr.), der als etwas voreilig abgeschlossene Version gilt, da ihm Traktate fehlen und er Wiederholungen beinhält. Sinn und Unsinn dieses Tatbestandes sind nicht geklärt. Im 6. Jh. folgte ein babylonischer Talmud, welcher als erheblich umfangreicher gilt. Er umfaßt im Original etwa 6.000 Folio-Seiten. Dies liegt auch daran, dass Babylonien zur Zeit der Diaspora zum jüdischen Zentrum wurde und dies über Jahrhunderte neben anderen Zentrenbildungen bleiben sollte. Im Laufe der Geschichte wurden aber auch diese Texte kommentiert und besprochen. Deshalb ist in jeder Ausgabe des Talmuds auch der Kommentar Rabbi Schlomo ben Jitzchak, 1040 in Troyes geboren und 1105 nach reger Tätigkeit gestorben. Ohne diesen Kommentar, wäre der Talmud ein versiegeltes Buch für uns, schrieb Rabbi Jitzchak bar Schesches (Rivasch). Die Arbeiten Raschis, ein Akronym für Rabbi Schlomo ben Jitzchak, zum Talmud und zur Thora gelten als unvergleichlich. Der schriftlichen Niederlegung des jüdischen Rechtes folgte gewissermaßen die Entwicklung der Responsenliteratur.

3. Die Geschichte der Responsenliteratur

Responsen sind die schriftlichen Entscheide und Antworten jüdischer Gelehrter oder Rabbiner auf die schriftlichen Anfragen jüdischer Gerichte, Gemeinden oder Gemeindemitglieder. Am Anfang der Responsenliteratur stand der Unterschied zwischen dem schriftlichem und dem mündlichen Recht. Das schriftliche Recht war, die von Gott offenbarte, unveränderliche Thora, das mündliche Recht die von den Menschen ausgearbeitete Halacha, in die freie Interpretation eingebracht werden konnten. Um eine Missachtung des schriftlichen Rechtes zu vermeiden musste beides streng voneinander getrennt werden. Der Lehrer sollte die Halacha mündlich dem Schüler weitergeben, Probleme sollten durch Boten an andere Gelehrte übermittelt werden. Diesen Maßnahmen lag die Auffassung der strikten Trennung von schriftlichem und mündlichem Recht zugrunde. Einige Rabbiner waren sogar der Meinung, eine schriftliche Niederlegung des Rechtes käme einer Mißachtung der Thora gleich. Das mündliche Recht ließ den Kommentatoren eine gewisse Freiheit der Auslegung und der Interpretation. Es war also, bis zur Redaktion der Mischna durch Jehuda ha Nasi, für die jüdischen Gelehrten durchaus nicht üblich, das geübte Recht schriftlich niederzulegen, oder gar brieflich darüber zu diskutieren. Es gab gegen beides strikte halachische Bedenken. Diese konnten nur durch das mündlich dargelegte Recht selbst ausgeräumt werden. So greift der Talmud das Problem auf, indem er die Notwendigkeit diskutiert, dass Gelehrte die in weiter Entfernung voneinander lebten, auch schwierige Rechtsfragen beraten mussten, wenn einer von ihnen als Experte für den entsprechenden Sachverhalt galt. Spätestens im zweiten Jahrhundert nach Chr. standen den halachischen Bedenken jedoch eine hohe Anzahl rechtlicher Entscheidungen gegenüber, die drohten vergessen zu werden, würden sie nicht gesammelt werden. Zusätzlich trug die unsichere politische Situation der Juden innerhalb des römischen Reiches dazu bei, den Weg für eine schriftliche Ausarbeitung des rabbinischen Rechtes freizumachen. Juristischer Korrespondenz stand kein religiöser Einwand mehr entgegen. Den Gelehrten des zweiten Jahrhunderts, wurde klar, dass sich die Thora nicht im Himmel befand und somit auch problemlos diskutiert werden konnte.

Wenn man der Auffassung des Abraham Ibn Daud Glauben schenkt, erfolgte die endgültige Redaktion des babylonischen Talmud gegen Ende des 7. Jahrhundert. Damals lagen den Gemeinden zwar eine Fülle von Rechtsentscheiden vor, diese ließen sich in der Lebensrealität jedoch nicht immer umsetzen. Auch entstanden Zweifel über die Verbindlichkeit der rabbinischen Aussagen, weil viele dieser Fragen im Talmud kontrovers behandelt wurden.

Das bisher Prinzip der Ordination von Gelehrten, die Semicha, ging mit dem Untergang der Schulen Palästinas verloren. Weil der von Moses an Aaron durch Handauflegen weitergegebene Segen nur in Israel stattfinden durfte, wurde er in dieser Zeit nicht mehr praktiziert. Die Geonim in Pumbedita und Sura galten bis zum 11. Jahrhundert als führende Autoritäten des unter islamischen Einfluss lebenden Judentums. Auch am Hof des Kalifen fand ihre Rechtsprechung Anerkennung.

Schon unter römischer Herrschaft in Palästina entwickelt, ließ sich das System jüdischer Selbstverwaltung auch auf die dortigen Verhältnisse übertragen und fand Berechtigung und Akzeptanz. Zu dieser Selbstverwaltung gehörte auch eine eigene Gerichtsautonomie. Durch diese Gerichtsautonomie brachten die rabbinischen Schulen in Mesopotamiem eine eigene Diskussionsmethode hervor, die auch Grundlage der europäischen Responsenliteratur wurde. Ein Fall wurde als erstes ausführlich dargelegt, anschließend wurden ähnliche Präzedenzfälle und die aus ihnen hervorgegangenen Urteile studiert. Der aus den ersten beiden "Arbeitsgängen" gezogene Schluss wurde dann im Responsum festgehalten (Günter Stemberger, Geschichte der jüdischen Literatur, eine Einführung, München 1977, S.105). Auch weil die wenigsten Exilgemeinden eine Ausgabe des Talmud besaßen, bekamen die Responsen durch die Stellung der Schulen innerhalb des Judentums, der Zentren jüdischer Gelehrsamkeit, beinahe den Status eines Dekrets. Zudem wurde mit der Übermittlung des Kommentars zugleich eine gewisse Kenntnis des Inhalts weitergegeben, was zu einer besseren Verbreitung des jüdischen Rechtes führte.

Die Kontakte der rabbinischen Schulen reichten bis nach Tunesien. Das zeigt sich unter anderem im Lehrbrief des Sherira Gaon. Dieser Lehrbrief ist in gewisser Hinsicht ein Responsum, auch wenn es wahrscheinlich nie eine konkrete Anfrage aus der Gemeinde von Kairuan gegeben hat (Stemberger S.15). Die Kritik der Bewegung der Karäer, die allein die Thora als Grundlage ihres religiösen Lebens ansahen, stellt er die nachlassende Gelehrsamkeit der Rabbiner entgegen. Die babylonische Arbeitsmethode wurde aber auch durch aus dem Irak ausgewanderte Gelehrte, die neue Schulen in Nordafrika gründeten, verbreitet. Durch den Untergang der großen rabbinischen Lehranstalten im Irak, wuchs das Bedürfnis, rechtliche Entscheidungen durch Anfragen an mehrere Gelehrte abzusichern. Wichtige rechtliche Entscheidungen mussten nun auch vor Ort gefällt werden. Es entstanden neue rabbinische Schulen in Südspanien und Nordafrika. Diese neuen Schulen brachten große Gelehrte mit Vorbildfunktion hervor, so etwa Samuel ha-Nagid im 11. Jahrhundert. Viele dieser Gelehrten erreichten im islamischen Einflußbereich hohe politische Ämter und so war es ihnen möglich, die Ausbildung von Philosophen und Theologen zu fördern. Durch Gelehrte die zudem noch eine medizinische Ausbildung besaßen, konnten neue wissenschaftlich geprägte Impulse in die Auslegung des Rechtes einbracht werden. Die Gelehrten in Spanien und Nordafrika bewegten sich innerhalb der orientalischen Traditionen und verloren auch nicht ihre Bindung an die babylonischen Geonim. Auch herrschte reger Austausch mit den jüdischen Schulen in Frankreich und Deutschland. Im christlichen Einflußgebiet, entwickelte sich ein zunehmend eigenständiges Judentum, das sich stark mit der Ausbildung eigener Gelehrter beschäftigte. Anders als im islamischen Einflußgebiet bekamen diese jedoch kaum Unterstützung von ihrer nichtjüdischen Umwelt. Wichtige Zentren jüdischer Gelehrsamkeit in Frankreich und Deutschland waren die Schulen in Troyes und Paris und in Speyer, Mainz und Worms. In der Auslegung der Halachah bildeten diese Schulen eine Einheit. Die Arbeitsmethode der Rechtsfindung blieb unverändert, doch der weichte der Dekretcharakter der Responsen, einem Rechtsgutachten ohne bindende Autorität. Die Verläßlichkeit des Urteils der Responsen, wurde nunmehr vor allem aus der Person ihres Verfassers und dessen Anerkennung als Rechtsgelehrter gestützt. Viele Juden legten gerade im Exil großen Wert auf eine sehr genaue Einhaltung des religiösen Rechts. Als Folge der Kreuzzüge begannen sich bereits im 12. Jahrhundert zwei Wege jüdischer Frömmigkeit herauszuformen. Zum einen entwickelte sich die jenseitig orientierte Mystik, beispielsweise geprägt durch die Zionslieder von Jehuda ha-Levy. Sie ermöglichte den Juden ihrer zunehmend schlechteren realen Lebenslage, in mystische Vorstellungen zu entfliehen. Zum zweiten entwickelte sich eine an der Auslegung des Rechtes orientierte Richtung des Judentums. Ihre Ursprünge sind in den tosaphistischen Schulen Nordfrankreichs zu suchen. Durch Isaak ben Mosche, dem Verfasser des Or Sarua, wurde diese Lehrmethode auch in Deutschland angewandt. Die Richtung widmete sich der Auslegung des Talmud, dessen rechtliche Autorität auch in der Diaspora erhalten bleiben sollte. Dies hatte zum Ziel, nicht bis zum Verlust der eigenen religiösen Identität in der Gesellschaft der Diasporaländer aufzugehen.

Eine weitere wichtige Station in der Entwicklung der Responsenliteratur war die Kodifizierung der Halacha, also die Zusammenfassung des Rechtsstoffes der einzelnen Sachgebiete. Sie begann bereits mit den Kommentar Raschis aus dem 11. Jahrhundert, der das Studium des Talmud durch seine begleitenden Erklärungen vereinfachte. Auch die Kommentarwerke des Moses Maimonides trugen zur Kodifizierung des jüdischen Rechtes bei. Seine Exegese bekam in den großen Rechtsschulen Deutschlands viel Zuspruch. Nicht zuletzt durch Meir von Rothenburg und seinen Schülern wurde seine Rechtsauslegung ein Bindeglied zwischen den Juden Europas und des Mittelmeerraumes. Daneben stellte sich Meir von Rothenburg in seinen Werken vor allem in die Tradition zweier Gelehrter, Jehuda ha-Levy und Isaak ben Mosche. Meir von Rothenburg beschäftigte sich mit diesen beiden Richtungen jüdischer Frömmigkeit, die sich ja auch durchaus miteinander verbinden ließen. Besonderes Interesse hatte er aber an der halachischen Literatur. Er führte damit das Werk seines Lehrers Isaak Or Sarua fort. In der Tat schien Meir von Rothenburg auf das Recht spezialisiert gewesen zu sein und so machte er sich schon zu seiner Lebenszeit einen Namen als Rechtsgelehrter. Sein Ruf als Autorität in halachischen Fragen und seine Anerkennung als Rechtsgelehrter reichte weit über Deutschland hinaus. In der Studienzeit des Meir von Rothenburg wurden die Schüler beim Lernen der Halacha noch mit einer Flut an ungeordneten Rechtsentscheiden konfrontiert. Diesem Zustand wirkte Meir von Rothenburg entgegen, indem er seine Schüler die eingehenden Responsen nach Themen geordnet sammeln ließ. So sind allein im Bereich der Responsenliteratur etwa tausend Gutachten des Meir erhalten. Sicher befaßten sich auch andere Rabbiner sehr mit Rechtsprechung, doch durch den erleichterten Zugriff auf die Rechtsgutachten des Meir, bietet das das Studium seiner Rechtsentscheide weitaus mehr Material. Meir von Rothenburg gehörte zu den letzten Tosafisten und fand noch in den folgenden zwei Jahrhunderten häufig Erwähnung in den Rechtsentscheiden der aschkenasischen Gelehrten. Auch die Schüler des Meir machten sich einen Namen als Rechtsgelehrte und gelangten zu Anerkennung selbst außerhalb Deutschlands. So beispielsweise Ascher ben Jechiel, der in Spanien lehrte. Oder Mordechai ben Hillel Aschkenas, dessen Talmudkommentar die Rechtsentscheide Meirs auch im sefardischen Raum bekannt machte.

Die Verfahrensweise des Ordnens der verschiedenen Responsen wurde im Laufe der Zeit allgemein üblich. Schüler vieler anerkannter Rechtsautoritäten kopierten, die an ihren Lehrer eingehenden Fragen, bevor sie mit einer Antwort zurückgeschickt wurden. Auch sammelten sie die Anfragen samt Antwort nach Themen geordnet. Dies erleichterte dem Gelehrten, bei ähnlich gelagerten Fällen erneut auf einen älteren Rechtsentscheid zurückzugreifen und half den Schülern zudem bei ihrem eigenen Studium der Halacha. Stellt man sich vor, dass ein anerkannter Rechtsgelehrter Anfragen aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern erhielt, kann man sich denken welche Erleichterung dies für seine Arbeit bedeutete.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bokovoy, D./ Wolffsohn, M.: "Israel", Leske + Buderich Verlag, Opladen 1996

Ehrlich, Ernst Ludwig: "Geschichte Israels", Walter de Gruyter & Co., Berlin 1980

Stemberger, Günter: "Geschichte der jüdischen Literatur", C.H. Beck Verlag, München 1977

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