Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Studium - Fragen zum Seminar

Studium

Warum interessieren sich heute Jurastudenten für jüdisches Recht ?

Die meisten Studenten kommen ins Seminar, ohne Vorkenntnisse oder eine Vorstellung zu haben, was sie erwartet. Man könnte das als gesunde Neugierde bezeichnen. Im Laufe des Seminars oder auch schon sehr bald merken sie, dass die Geschichte des jüdischen Rechts auch als eine Geschichte des Rechts überhaupt betrachtet werden kann.

Welche Themen werden vorgenommen ?

Im geschichtlichen Überblick streifen wir die Zeit des Rechts vor der Kodifizierung, des Geschlechtsrechts. Wir vergleichen die Gesetze Hammurabis (17. Jh. v.Chr.) mit dem Recht der frühbiblischen Zeit, der Zeit Abrahams im 18. Jh. v.Chr. Dann gehen wir ein auf den großen Gesetzgeber Moses, ca. 13. Jahrhundert v.Chr. Aber der wichtigste Teil unserer Betrachtung ist der Talmud, das große Gesetzeswerk, das während der ersten fünf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung entstand. Da gibt es Berührungspunkte mit dem römischen Recht, mit frühchristlichen Weltanschauungen und mit den Anfängen der westlichen Geschichte und Rechtsgeschichte.

Ist nicht der Talmud eine Art kanonisches Buch, in dem die Religionsgesetze beschrieben werden? Warum soll das für einen Jurastudent so interessant sein?

In erster Linie behandelt der Talmud das Zivil- und Strafrecht, das jus humanum. Das jus divinum macht nur einen kleinen Teil aus. Das Seminar beschäftigt sich jedoch nur mit Fragen des Zivilrechts.

Trotzdem möchte man sich fragen, warum sich der Jurastudent von heute für die Grundlagen des jüdischen Rechts, für den Talmud, interessieren sollte?

Die Welt des Talmud scheint weit entfernt und fremd zu sein. Wenn man jedoch in diese Welt eintaucht, fällt es auf, wie nahe uns die Menschen des Altertums stehen, wie oft ihre Probleme auch die unseren sind. Aber es ist sogar noch mehr als das: die ausführlichen und oft ausufernden Diskussionen, die manchmal spitzfindig erscheinen, fordern dazu auf, selbst Stellung zu beziehen und eigene Gedanken zu entwickeln. Man fragt sich, was würde man heute dazu sagen und wie würde man entscheiden? Wenn Fragen von Unterprivilegierten (Frauen und Fremde) behandelt werden und die Gelehrten diesen Gruppen besonderen Schutz und besondere Fürsorge gewähren, wird man nachdenklich. Wenn Fragen der Marktwirtschaft, der Konkurrenz, der ungerechtfertigten Bereicherung, der Weinvermischung u.ä.m. behandelt werden, dann merkt man, dass das auch uns alle etwas angeht. Bei der Frage, ob der Tierschutz im jüdischen Recht ‘Verfassungsrang’ hat, also in der Tora begründet und Gottes Gebot ist, denkt man an ähnliche Diskussionen in Deutschland.

Werden im Seminar auch Vergleiche zwischen jüdischem und deutschem Recht gezogen?

Wenn ein Thema wie "der Fund" behandelt wird, das im Talmud über mehrere Seiten eingehend, und man könnte sogar sagen sehr aufgeregt, diskutiert wird, zieht man zum Vergleich die entsprechenden Paragraphen des BGB heran. Es werden auch brisante Themen wie z.B. die Frage der Kollektivschuld und Kollektivverantwortung besprochen. Die Kollektivschuld ist ja nicht nur ein juristisches, sondern auch ein politisches Thema und belastet die jüngste deutsche Geschichte ganz erheblich, es ist aber auch in der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft ein aktuelles Problem. Die humanen und fortschrittlichen Rechts- und ethischen Normen des Moses und des darauf aufbauenden Talmud sind ein Teil des kollektiven Bewusstseins der jüdischen Menschen und spielen deshalb eine wichtige Rolle im Leben und in der Geschichte Israels.

Das Seminar wäre dann also auch für Nicht-Juristen interessant ?

Durchaus, und neben Jurastudenten nehmen an dem Seminar vereinzelt auch Politologie- und Geschichtsstudenten teil. Es ist aber vor allem ein rechtshistorisches Seminar.