Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Vayakhel 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Exodus, Kap. 35-40; Parascha Vajakhel/Pkudej         Schabbat, 13. März 2021

Das goldene Kalb. Wer kennt diese Worte nicht? Dieses Schlagwort. Es ist immer negativ besetzt, die Bedeutungen sind der viele.

Der Text ist eigentlich klar: Ein ungebildetes Sklavenvolk wird aus Ägypten durch die Wüste in Richtung Kanaan geführt. Unvorbereitet und ahnungslos wird das Volk allein gelassen, ohne Führer und auch Gott ist nicht mehr anwesend. Es sind zwar keine Kinder, aber in dieser Situation ähneln sie ganz eindeutig den von ihren Eltern oder Leitern verlassenen Unmündigen.

Sie sind verzweifelt. Den Führer Moses, der ihnen schon seit langem vertraut war und auf den sie sich bisher verließen, ist weg, verschwunden, er ist auf den Berg gegangen, jedoch ist er schon seit über sechs Wochen verschollen. Wie soll es weitergehen, wer soll ihnen sagen wie es weitergeht?

Die Menschen werden unruhig. Was sollen sie tun? Ihnen fällt noch ein, dass sie immer Abbildungen von Göttern sahen und kannten. Von Gott Jahwe hatten die Menschen zwar keine Abbildung und auch keine Vorstellung, aber sie hörten seine Stimme, sahen das Feuer und vor allem – sie hatten einen Vermittler, Moses. Die Menschen erlebten und sahen die Wunder, die Gott ihnen beim Auszug aus Ägypten veranstaltet hatte. Jedoch wirken Wunder bekanntlich nur kurzfristig auf die Erinnerung, sie beeindrucken kurzfristig sehr stark, verlieren aber bald ihre Wirkung. Nun wollten die Menschen eine Abbildung von Gott haben – das wäre zwar kein Ersatz, sollte auch keiner sein, aber wenigstens „etwas“. Ein goldenes Kalb hat vielleicht der eine oder andere von den Götzendienern in seinem Sklavendasein in Ägypten gesehen (diese Darstellungen gab es in der Antike). Also wäre es bestimmt nicht unehrenhaft, von Gott eine Darstellung als Kalb aus dem teuren und schönem Material Gold anzufertigen. Und der Hohepriester Aaron, der Bruder von Moses, wäre bestens dafür geeignet. Jedenfalls ist der Gedanke oder das Wort von Abkehr von Gott Jahwe nicht gefallen. Es war keine Rede von einer Rebellion gegen Jahwe. Es sollte lediglich ein Sinnbild von ihm da sein, damit man sich seine Anwesenheit und seinen Schutz vorstellen konnte. Und die zehn Gebote? Diese wurden der Welt, der Menschheit, nicht diesen armseligen, geplagten, verirrten, kein Kollektiv, schon gar kein Volk bildenden Menschen verliehen. Also gesagt getan….

Und auf einmal soll alles nicht richtig gewesen sein? Ein goldenes Kalb als Ersatz für Gott war ja nicht gemeint. Jedoch sah Gott darin eine große Sünde, eine Tat wider seine Herrschaft und den Glauben. Jahwe wurde zornig, zweifelte an seinem Volk, und drohte, das ganze Volk zu vernichten und statt seiner, Moses und seine Nachkommen zu seinem auserwählten Volk zu befördern. Letzten Endes wurde das Schlimmste abgewendet. Moses gelang es, Gott zu überreden, von seinem Vorhaben abzusehen.

Zur Haltung und Gesinnung von Moses wurde im Talmud und bei den alten Gelehrten vieles gesagt. Es herrschte im Allgemeinen die Meinung, dass Moses das Volk Israel geliebt hatte. Unter anderem wird im Talmud erzählt, dass einst ein einfacher Mensch einem Rabbi vorgerechnet hatte, dass die Wanderung durch die Wüste nur wenige Wochen hätte dauern müssen.

„Warum hat er sie dann vierzig Jahre durch die Wüste geschleppt?“, fragte der Mann.

„Meinst du, Dummkopf“, antwortete der Rabbi, „er hätte ihnen die ganze Tora in einem kurzen Geschwätz, wie es bei euch üblich ist, beibringen können?!“


G. Miller