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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Vajischlach 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Genesis, 8. Pericope, Vajischlach;         Schabbat, 5. Dezember 2020

Jakobs Geschichte zu verfolgen ist ein Abenteuer: Wie aus einem moralisch nicht besonders einwandfreien Menschen sich ein integrer, menschenfreundlicher Stammesführer und besorgter Familienvater entwickelt.

Jaakows (Jakob) Geschichte begann bereits vor seiner Geburt, als die Mutter Riwka (Rebekka) schwanger war. Sie litt Schmerzen und sprach, warum geschieht mir das? Und sie ging hin, Jahwe zu befragen. ER sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Schoß (Gen. 25). Als die Geburt anstand, da kam als erster Essaw (laut Luther Esau), danach kam sein Bruder heraus, der hielt mit seiner Hand die Ferse (= Akew) des Essaw, um selbst als Erstgeborener in die Welt zu treten und sie nannten ihn Jaakow (Fersenhalter). Das Wort Jaakow ist also ein Verb (eine Besonderheit der hebräischen Sprache, dass fast alle Wörter aus einer Wurzel von drei Konsonanten stammen).

Es ist in diesem Fall eine Besonderheit, dass neben der Bedeutung „Zurückhalten“ (Jaakow in unserem Fall) aus dieser gleichen Wurzel noch andere Verben stammen, die die gleiche Schreibweise, jedoch eine andere Bedeutung haben. Eines dieser Verben bedeutet Hintergehen, Betrug, hinterhältig. Jaakow handelt auch nicht besonders ehrenvoll, wenn er seinem Bruder, der müde und hungrig von der Jagd zurückkommt, die Rechte der Erstgeburt für einen Teller Linsengericht abkauft; es wäre selbstverständlich, nicht nur anständig, den Bruder uneigennützig zum Essen einzuladen. Es war auch äußerst hinterhältig, sich gegenüber dem fast blinden Vater Isak (Isaak nach Luther) als Essaw auszugeben, um den Segen zu erschleichen, der für den Bruder Essaw gedacht war.

Es könnte sogar sein, dass der Name Jaakow im Laufe der Zeit und in bestimmten Kreisen zu einem Schimpfwort mutiert ist. Der Prophet Jeremias, der zur Zeit des Königs Josia und bis zur Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und der babylonischen Gefangenschaft aktiv und wegen seiner mutigen und ermahnenden Prophezeiungen bekannt war, das Volk mit scharfen Worten wegen der Unmoral anprangerte:

„Betrug über Betrug“ wird Kapitel 9 im Buch Jeremias von Luther betitelt: und im Vers 3 heißt es: Ein jeder hüte sich vor seinem Freunde und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder überlistet (= Jaakow) den andern, und ein Freund verleumdet den andern. Hier wird für das Wort überlisten der Name Jaakow als Verb gebraucht. Jeremia muss also eine Überlieferung gekannt haben, wo dies sprachlich offensichtlich üblich war. Man kann sich schlecht vorstellen, dass Jeremia den Erzvater Jaakow aus eigener Initiative verunglimpfen wollte und sich deshalb dieser Ausdrucksweise bediente.

Nach vielen Jahren kehrt Jaakow mit seinen zwei Frauen, zwei Mägden und elf Kindern und einer großen Herde zu seinem Geburtsort zurück. Sein Bruder Essaw, der ihm noch immer grollt, bekommt das mit und reitet ihm mit einem Regiment von vierhundert Kriegern entgegen. Nun erweist sich, dass Jaakow in all den Jahren sich zu einem klugen Mann entwickelt hat. Er schickt kleinere Vieh-Herden für seinen Bruder als Geschenk voraus und erweicht dessen Herz. Er gibt sich unterwürfig und verhindert damit einen unsinnigen Kampf, und es scheint, dass er letzten Endes der Gewinner ist. (Das geschah lange vor dem Gang nach Canossa.)


G. Miller