Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Vajetze 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Genesis, 7. Pericope, Vajetze;         Schabbat, 28. November 2020

Hier wird die Fluchtgeschichte von Jakob, die uns bereits bekannt ist, in Kürze wiederholt (nachzulesen in Gen. 28, 10 ff). Jakob flieht vor seinem Bruder Essav, nachdem er ihm übel mitgespielt hatte und dessen Rache befürchtet. Unterwegs legt er sich schlafen und träumt vom Himmelstor mit Engeln, die eine Leiter auf- und absteigen. Gott selbst erscheint ebenfalls und wiederholt die Versprechungen, die er Abraham gemacht hatte. Nach dem Aufwachen gießt Jakob Öl auf einen Stein zum Opfer an Gott und spricht die folgenden Worte, die etwas problematisch zu sein scheinen:

Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, auf dem ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll Jahwe mein Gott sein (Gen. 28, 20).

Jakob macht ein Gelübde, was viel bindender ist als ein Versprechen, weil man es nicht allein zurücknehmen kann. Er gelobt also, Jahwe zu seinem Gott zu machen, wenn dieser ihm helfen wird, eines Tages gesund wieder heimzukehren. Es ist also ein bedingtes Gelübde. Er sagt zwar nicht, wer sein Gott sein wird, wenn die Bedingung, die er Gott gestellt hatte nicht erfüllt würde, jedenfalls wird dieser Gott nicht Jahwe sein. Er lässt die Frage, ob er dann überhaupt einen Gott haben und für wen er sich entscheiden wird, für spätere Überlegungen offen.

Es ist schon etwas irritierend, wenn der Vater der zwölf Stämme Israel nicht dem Gott Jahwe bedingungslos treu ist, um nicht zu sagen unverständlich, zumal sein Großvater Abraham Jahwe entdeckt haben und der erste Monotheist gewesen sein soll (das haben wir seit Generationen immer so zu hören bekommen).

Andererseits muss man darüber nicht besonders erstaunt sein. Wir wissen aus den biblischen Büchern, dass es in der Antike und bis mindestens 5. Jhd. v. viele Götter gegeben hat. Die verschiedenen Völker hatten jeweils ihren eigenen Gott oder einige Götter, sogar einzelne Städte hatten mancherorts einen Gott, den sie verehrt und dem sie gedient haben und der für das Heil der Stadt verantwortlich war. Das galt solange er nicht versagte, z.B. wenn die Stadt einen Krieg verlor. Einen Gott zu wechseln war kein Sakrileg. Es gab kein Glaubensbekenntnis, da es auch keinen Monotheismus gegeben hat. Erst in der Zeit nach dem babylonischen Exil erschien in der israelitischen Geschichte der eifersüchtige Gott Jahwe, der keine anderen Götter neben sich duldete. Wie es in den Zehn Geboten heißt -

Du sollst keine anderen Götter haben neben mir (Ex. 20. 3 und Deut. 5, 5).

Auch dieses Gebot verneint nicht die Existenz von anderen Göttern.

Mit der Entwicklung des Monotheismus, als Jahwe nach und nach als einziger Gott der Welt erkannt wurde, sahen die jüdischen Gelehrten der ersten Jahrhunderte n.d.Z., die Gelehrten der Talmudzeit, hier ein Problem. Für die Juden und ihr Selbstverständnis galten die Erzväter als treue Anhänger des Jahwe, und die Formulierung des Gelübdes Jakobs, so wie sie nunmal in der Bibel stand, passte nicht in ihr Weltbild. Sie suchten eine Lösung in einer Umdeutung des Satzes (sie waren ja bekanntlich Meister der Deutungskunst) und die plausibelste Deutung, die mir bekannt ist, lautet: Jakob hatte Gott Jahwe keine Bedingung gestellt, sondern eine logische Erklärung formuliert: für den Fall, dass dieser ihm nicht hülfe gesund zurückzukommen, würde er, Jakob, nicht in der Lage sein, Jahwe zu dienen. Es war also die Feststellung einer Tatsache, nämlich: würde Gott nicht dafür sorgen, dass Jakob heil und am Leben blieb, würde er rein physisch nicht in der Lage sein, Gott Jahwe zu ehren und ihm zu dienen.

Das leuchtet ein, und so wurde der Widerspruch zwischen Text und Glauben aufgehoben.


G. Miller