Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Vaera 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Exodus, Kap. 6-9; Parascha Va'era         Schabbat, 16. Januar 2021

Ich werde gelegentlich mit dem Problem konfrontiert, ein in der Tora beschriebenes Wunder zu erklären oder zu deuten. Viele Gelehrte haben sich zu dem einen oder anderen geäußert. Auch ich musste mich mit den Begriffen Allegorie oder Metapher behelfen. Unsere alten Weisen (Gelehrten) haben bereits vor zweitausend Jahren die Antwort hierzu in der Tora gefunden.

Nach der Erschaffung der Welt mit allem, was dazu gehört, einschließlich des Menschen, innerhalb von sechs Tagen, sah Gott sein Werk abgeschlossen. „Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das Gott zu wirken geschaffen (Gen. 2, 3).

Der letzte Teil des Satzes besagt, so die Gelehrten, dass Gott nun alles getan hatte, was er tun wollte, und zum weiteren Wirken in der Welt alles Notwendige, auch den Menschen, erschaffen hatte. ER habe sich zurückgezogen und ruhe von nun an. In der physischen Welt sei er nicht mehr gegenwärtig, und auch nicht für die weitere Entwicklung und für das Geschehen in unserer Welt verantwortlich.

Es ereigneten sich zwar im Laufe der weiteren biblischen Ereignisse göttliche Wunder, die auch explizit dokumentiert sind, jedoch nicht durch das unmittelbar gegenwärtige Wirken Gottes, sondern sie wurden bereits, so die Gelehrten, in einem früheren Stadium durch Gott geschaffen und traten später in Erscheinung. „Zehn Dinge wurden am Rüsttag des Schabbat vor Sonnenuntergang geschaffen“ (so die Gelehrten in Sprüche der Väter, Kap. 5, 6). Die Gelehrten erklären somit, dass am Vorabend des Schabbat, am Freitag, in den 13 ½ Minuten der Dämmerung, noch vor dem Einbrechen des Schabbat, als Gott sich von der physischen Welt zurückzog, er diese Wunder erschuf, die erst in späterer Zeit zur Wirkung kamen. Die Gelehrten benennen zehn Wunder, die nur als beispielhaft gemeint sind: Der Regenbogen, die sprechende Eselin von Bileam, die Zehn Gebote, um ein paar zu nennen.

Einige Gelehrte sagten, dass auch die schädlichen Geister, die manchmal in Erscheinung treten, zu dieser Zeit geschaffen wurden (dies bestätigt lediglich unsere Meinung, dass der Aberglaube auch bei manchen Gelehrten heimisch war – was leider auch heutzutage nicht ganz selten so ist). Hingegen gibt es auch eine dritte Meinung zu dem in den Minuten vor dem Beginn des geheiligten Ruhetages Erschaffenen. Und diese Erkenntnis ist von Charles Darwins Theorie nicht sehr weit entfernt.

Diese Meinung beruht auf der naturwissenschaftlichen Beobachtung, dass in unserer Welt (vielleicht sogar im Kosmos) jede Situation mit einer vorhergehenden zusammenhängt oder von ihr begründet ist. Der dritte Gelehrte bringt diese Meinung mit drei Worten zum Ausdruck: „Auch eine Zange wird mit einer Zange erzeugt“. Wenn wir also die Kette der Ereignisse zu einer Situation oder einem Gegenstand zurückspulen, müssten wir auf das erste Ereignis stoßen. Wir haben jedoch für die meisten Erscheinungen in unserer Wirklichkeit keine Möglichkeit, die Kette der Ereignisse bis zum ersten Geschehen zurückzuverfolgen. Der jüdische Gelehrte erkannte vor zweitausend Jahren, dass in unserer Welt eine evolutionäre Entwicklung das Dasein beherrscht. Jede Zange muss von einer vorhergehenden Zange erzeugt worden sein. Um diesen evolutionären Prozess zu verfolgen und zu erklären, hat er in der Zeit, in der er gelebt hat, noch nicht das ausreichende Wissen erlangt. Deshalb hat er diese gesamte Problematik, die mit unserem und dem Dasein des Kosmos zusammenhängt, als eine Funktion der Welterschaffung in ihrer letzten Phase und als ein Produkt der göttlichen Weisheit bestimmt.

Für die erste Zange, für den Antrieb der Evolution, war also Gott in seinem Schöpfungsakt verantwortlich.


G. Miller