Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Truma 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Exodus, Kap. 25-26; Parascha Truma         Schabbat, 20. Februar 2021

Eine Szene in einer Jeschiwa (einem Talmud-Lehrhaus) in einer jüdischen Stadt in Babylonien in den ersten Jahrhunderten. Es sitzen da zwei Gelehrte vor ihren offenen Bibeln, wobei jeder für sich selbst die Tora studiert. Einer von ihnen hält den Kopf zwischen den Händen über das Buch gebeugt, wiegt sich nach vorn und hinten und murmelt etwas Unverständliches.

Was hast du denn? Fragt der andere.

Ich weiß nicht, wie ich den Studenten die nächste Parascha erklären soll. Die ganzen zwei Kapitel beschreiben lediglich technische Einzelheiten über die Errichtung von Utensilien, Gebrauchsgegenständen und Schmuckstücken der Stiftshütte. Es ist äußerst langweilig und zudem nur für die Techniker und Handwerker verständlich. Welche Lehren kann ich daraus ziehen?

Und warum murmelst du dauernd waj, waj, waj, als ob dir etwas weh tun würde?

Darum geht es doch in der Parascha. Wajhi bejom kalot Mosche lehakim et hamischkan… Es war, als Moses die Errichtung der Stiftshütte vollendete. (Die ersten Worte stammen vom 4. Moses K. 7, es geht aber um die gleichen Beschreibungen wie in unserer Parascha.)

Das ist doch eine Idee. Gott beschreibt die Beendigung des Baus der Stiftshütte mit einer Klage „Waj“. Worüber beklagt sich denn Gott?

Da fällt mir ein schönes Gleichnis ein, fuhr der Gelehrte Fort. Ein König hatte eine Frau, die sich nur mit Müßiggang die Zeit vertrieb und sich stets beklagte. Sie machte dem König das Leben schwer. Eines Tages hatte er eine Idee, womit er sie beschäftigen könnte. Er bat sie, ihm einen roten, bestickten Umhang für besondere Anlässe zu nähen.

Die Königin machte sich mit Freuden an die Arbeit. Wochenlang war sie mit der Arbeit beschäftigt. Als die Arbeit vollendet war, präsentierte sie ihrem Gemahl den neuen Umhang. Der König bewunderte den Umhang, jedoch begann er sofort zu wehklagen: oje, oje, waj, waj, waj.

Wieso waj, waj? fragte die Königin. Ich habe mir große Mühe gegeben, Ihre Wünsche zu erfüllen, und nun klagen Sie waj, waj? Ist es nicht richtig gemacht? Gefällts Ihnen nicht?

Die Arbeit ist sehr schön, erwiderte der König, das Gewand gefällt mir auch ausgezeichnet. Jedoch solange Sie mit der Arbeit beschäftigt waren, haben Sie mich in Ruhe gelassen und ich hatte meinen Frieden. Nun, da Sie wieder freie Zeit haben, werden Sie sich dauernd beklagen und ich habe keine Ruhe mehr.

So erging es auch unserem lieben Gott. Solang die Israeliten mit dem Bau der Stiftshütte beschäftigt waren, haben sie nicht geklagt. Die vielen Klagen seit dem Auszug aus Ägypten, über das Fehlen von Trinkwasser, über das langweilige Manna, über das Leben in der Wüste, über das Fehlen der Fleischtöpfe in Ägypten; wären sie bloß dort geblieben…. Da nun die Arbeiten an der Stiftshütte beendet waren, würde das nervige Jammern wieder losgehen, dachte Gott, und deshalb fängt er an mit dem Waj.

Diese Geschichte steht genauso im Midrasch (ausgenommen der Ausschmückung mit den zwei Gelehrten). Die Gelehrten seinerzeit, so scheint es, hielten keine großen Stücke auf ihre Vorfahren zurzeit der Wüstenwanderung und der Volkswerdung.

Schwenkt man den Blick um tausende Jahre in unsere Zeit, ergibt sich ein trauriges Bild. Damals hatten die Israeliten wenigstens eine vernünftige, anständige und wohlgesinnte Führung. Und heute? Waj, waj.


G. Miller