Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Tasria 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Tasria; 3. Moses 12 -13          Schabbat, 25. April 2020

Die dieswöchige Perikope beschäftigt sich mit Regeln, die die rituelle Reinheit bzw. Unreinheit betreffen. Es beginnt mit hygienischen Anweisungen für die Wöchnerin, und wie sie aus der durch die Geburt verursachten Unreinheit wieder rein wird. Darauf folgt eine ausführliche Beschreibung von Hautkrankheiten, wie Aussatz, Geschwür, Brandmal, Furunkel, Flechte etc. und wie sie vom Priester (Kohen), der neben seinem Dienst an Gott und im Tempel auch medizinische Funktionen ausübte, behandelt werden sollten.

Man fragt sich natürlich, was hat all das mit der Tora zu tun? Wieso findet man Krankheitsbeschreibungen und medizinische Anweisungen in der Tora, die ja bekanntlich als konstitutive Plattform der israelitischen Religion konzipiert wurde? Und in welcher Beziehung stehen diese Themen zu den religiösen Anordnungen, deren wichtigste Aufgabe es ist, den Gläubigen den Gottesdienst zu erläutern?

Es entsteht der Eindruck, dass Moses eine grundlegende Vorstellung von dem Menschen hatte. Während andere Kulturen wie z.B. die griechische davon ausgingen, dass der Mensch aus Geist und Materie, Fleisch und Seele besteht, geht die Tora von Moses (die Lehre des Moses) von einem ganzheitlichen Menschen aus, die keine Differenzierung zwischen dem Fleischlichen und dem Geistigen kennt.

Daher wird es verständlich, dass die mosaische Religion annimmt, dass der Gläubige den Dienst an Gott nicht nur mit dem materiellen Anteil in ihm, und auch nicht nur mit dem geistigen Anteil verrichtet, sondern mit seinem ganzen Wesen. Deshalb ist es geboten, dass der Gläubige, nicht nur während des Gottesdienstes, in jeder Beziehung so gesund und rein wie möglich ist. Deshalb enthält die Tora ein Konglomerat von religiösen Normen, die neben den Geboten zum direkten Dienst an Gott auch eine Unmenge von Anweisungen bezüglich des körperlich-geistigen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Lebens enthalten, ob es sich nun um Hautkrankheiten, das Verdauungssystem, Hygienevorschriften, Verhaltensregeln in der Klein- und Großfamilie handelt. Da der Mensch neben seinen religiösen Verpflichtungen in einem komplexen sozialen System lebt, ist er ein soziales Wesen mit gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen, die geordnet sein sollten; auch darum kümmerte sich die Tora von Moses.

Das Christentum hat von Beginn an die antike Idee übernommen, die zwischen Körper und Seele trennt, wobei für Christen das körperliche, weltliche Leben unbedeutend war und lediglich die Seele den Menschen ausmachte. Demnach war es auch wichtig, den Menschen mit allen Mitteln zum Glauben zu bekehren, selbst wenn der Körper dabei zugrunde gehen sollte. Der mosaische Glaube wurde als Gesetzesreligion verspottet und verachtet, während das Christentum als Religion der Liebe propagiert wurde. Um als Christ anerkannt zu werden, reichte es oft, ein mündliches Glaubensbekenntnis (ein Lippenbekenntnis) abzugeben.

Fast mutet es als jüdischer Witz an, dass viele heutzutage in Israel lebende Menschen, sich als strenggläubige Juden bezeichnen, jedoch von den zwischenmenschlichen Pflichten in der Tora nichts wissen wollen (s. die Schutzmaßnahmen gegen das Corona-Virus!).


G. Miller