Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Schoftim 2021

Rechtsgeschichte

Tora

5. Moses, Kap. 16, 19 - 21, 9; Parascha Schoftim       Schabbat, 14. August 2021

Vorwort:
Der Midrasch ist eine besondere und vielleicht sogar eine sonderbare literarische Gattung, die - nach meinem Wissen - ausschließlich in der jüdischen Kultur entwickelt wurde.
Der Begriff Midrasch bedeutet auf Hebräisch Exegese. Es ist aber viel mehr als das. Es ist eine Bibel-Deutung, die keine Regeln hat. Er besteht eigentlich aus Diskussionen oder auch Predigten, die hauptsächlich in den ersten sechs Jahrhunderten im Talmud, aber auch in anderen Schriften dokumentiert wurden.
Es gibt im Midrasch zwei Teile: Die Gesetzes-Exegese, die biblische Normen diskutiert, und die fabulierende Exegese (die mich besonders interessiert). Hier erfinden die Gelehrten Storys, die manchmal wie Kindermärchen anmuten, jedoch verbergen sie oft eine Meinung, die man nicht direkt aussprechen kann. So z.B., wenn mit Gott (oder über ihn) diskutiert wird, um dem Leser oder dem Hörer zu verdeutlichen, dass eine bestimmte Stelle in der Bibel etwas zweifelhaft sein könnte. Eine zutreffende Demonstration dieser Technik wird in der heutigen Parascha klar.

__________________________

Eine Regel, wohl aus der frühen Periode des israelitischen Volkes, die wahrscheinlich nie Anwendung fand, zeigt interessante Aspekte, die einer Betrachtung wert sind.

Es geht um die Sühne eines Mordes von unbekannter Hand. Wenn man einen Erschlagenen auf freiem Felde findet und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat, so sollen die Ältesten der nächstgelegenen Ortschaft eine junge Kuh hinabführen in einen Talgrund und sie opfern durch ihr Schlachten. Und die Ältesten sollen ihre Hände waschen über der jungen Kuh und sagen: Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen; lege nicht das unschuldig vergossene Blut auf dein Volk Israel!

Bemerkenswert ist, dass die Ältesten um eine Entsühnung nicht nur für ihre Gemeinde, sondern für das ganze Volk bitten. Hier kommt die kollektive Verantwortung für ein abscheuliches Verbrechen eines einzelnen Individuums zum Ausdruck. Diese Regel wird in der alten Literatur „die geschlachtete junge Kuh“ genannt.

Die alten Gelehrten waren mit der Idee der kollektiven Schuld nicht einverstanden. Sie nutzten die Midrasch- Form, um Gott diesbezüglich herauszufordern. Zu diesem Zweck bediente sich der Midrasch der folgenden biblischen Geschichte: Ein junger Held aus dem Stamm Benjamin, namens Saul, schuf eine gemeinsame Armee aus Freiwilligen aller israelitischen Stämme, um gegen die Amalekiter zu kämpfen, die Jahrzehnte lang die Siedlungen der Israeliten terrorisierten. Er wurde vom Propheten Samuel, dem inoffiziellen, charismatischen Führer der Stämme, zum ersten israelischen König gesalbt. Beim Kampf gegen die Amalekiter befahlt Samuel dem König im Namen Gottes: „So zieh nun hin und schlag Amalek…. vollstreckt den Bann an allem, was er hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel“ (1. Samuel, K. 15).

Der König und seine Armee folgten der Anweisung jedoch nicht genauestens. Sie nahmen Agag, den König von Amalek, gefangen, und über das Volk vollstreckte Saul den Bann mit der Schärfe des Schwerts. Aber über die besten Schafe und Rinder und das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war, wollten sie den Bann nicht vollstrecken. Samuel, für den Saul zu selbständig wurde, nahm diese Gelegenheit zum Anlass, den König zu entmachten und sprach zu ihm: „Weil du das Wort JHWHs verworfen hast, hat er dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seist über Israel…. Und als sich Samuel umwandte, um wegzugehen, ergriff ihn Saul bei einem Zipfel seines Rocks; aber der riss ab. Da sprach Samuel zu ihm: JHWH hat das Königtum Israels heute von dir gerissen und einem andern gegeben, der besser ist als du“.

Hier setzt der Midrasch an und konstruiert eine Diskussion zwischen König Saul und Gott. Saul beschwert sich über die schwere Bestrafung, die er zu Unrecht erlitten habe und sagt: Wenn ein einziger Mensch getötet wird, verordnet die Tora die Sühnezeremonie die geschlachtete junge Kuh, aber hier, wo es um viele Seelen geht, sollte dieser Fall umso mehr wiegen. Wenn ein Mensch gesündigt hat, was kann das Vieh dafür? Wenn Erwachsene gesündigt haben, womit haben sich dann die Kinder strafbar gemacht? Daraufhin sprach eine Hallstimme: Sei nicht allzu gerecht (Zitat aus Prediger K. 7). Die Antwort, die der Midrasch Gott in den Mund legt, kann verständlicherweise nicht sachlich sein, es ist eine fast spöttische Bemerkung, die den König zum Schweigen bringen soll. Dieser Midrasch ist eigentlich eine Fabel, die eine moralische, erzieherische Botschaft auf leicht verständliche Weise übermittelt.

Die Absicht der Gelehrten mit diesem Midrasch war, ihre Ablehnung von Kollektivstrafen zu verdeutlichen, wobei sie sogar in Kauf nahmen, Gottes Handlung zu kritisieren. Die Schlussfolgerung: Gottes Handlungen sind nicht immer richtig, weshalb sie nicht immer nachgeahmt werden sollten. Ob Gott gerecht war, als er eine Kollektivstrafe verhängte? Jedenfalls sollten sich die Menschen hüten, Kollektivstrafen zu verhängen.


G. Miller