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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Schmott 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Exodus, Kap. 1-5; Parascha Schmott         Schabbat, 9. Januar 2020

Die Diskussion über die Autorenschaft der Bibel wird nie zu Ende sein. Ob die Tora von Moses, unserem Lehrer, allein oder mit göttlicher Inspiration verfasst wurde, ob sie aus einzelnen Schriftstücken der Priester der Königreiche Juda und Israel stammen, oder ob sie eine Zusammensetzung durch den Propheten Jeremia oder den Rückkehrern aus der babylonischen Gefangenschaft unter Esra ist, wird man nie klären können. Wir können die Tora als ein zusammenhängendes literarisches Werk behandeln und es immer wieder neu deuten, wie es von (auch von vielen anderen) Bibelkundigen jeweils geübt wird.

Unsere Parascha beginnt mit der Feststellung: „Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wusste nichts von Josef und sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk der Israeliten ist mehr und stärker als wir.“ Das steht nun mal wörtlich so in der Tora (Ex. 1, 8). Bei den vielen Kommentatoren, die ich kenne, wurde nicht die Frage aufgeworfen, ob das überhaupt möglich war. Hätte das gestimmt, wären die Ägypter nicht mehr in der Lage gewesen, dagegen einzuschreiten. Also entsprach diese Aussage wohl nicht der historischen Wahrheit; es war Fake-News, wie man heute so schön sagt. Aus Amerika stammt ein ebenfalls schöner Begriff hierzu: alternative Wahrheit. Nun muss man sich die Frage stellen, was bezweckte der Pharao mit diesen Fake-News? Die seelischen Beweggründe des Menschen Pharao werden wir nicht ergründen können, aber politisch sind seine Handlungen offensichtlich, er wollte durch Angstmachen eine Stimmung im Volk verbreiten, die ein aggressives Vorgehen gegen die Israeliten rechtfertigte.

Ob der „Neue-Pharao“ Ressentiments gegen die Israeliten hatte, sie eventuell ausbeuten wollte, sein eigenes Volk wegen innerpolitischer Erwägungen hinter sich scharen wollte oder andere Beweggründe hatte, werden wir nicht herausfinden können. Dies ist auch nicht notwendig, da es uns nicht um den seelischen Zustand des Pharao geht, sondern lediglich um das politische Handeln und seine Auswirkungen, soweit sie aus dem Text erforschbar sind.

Feststellen können wir mit Sicherheit (auch wenn es keine große Erkenntnis ist), man kann eine Masse von Menschen, auch ein ganzes Volk durch Erzeugung von Furcht manipulieren. Diese Weisheit ist in der Geschichte bereits öfter von machthungrigen Herrschaftsaspiranten angewandt worden. Auch in der jüngsten Geschichte trat diese historische Erfahrung nicht selten in Erscheinung. Interessant, dass die Tora uns das so klar vor Augen hält, aber gleichzeitig auch zeigt, dass diese Praktik letzten Endes scheitert (auch wenn sie manchmal sehr viele menschliche Opfer verursachen kann).

Für die Aktualität der Tora-Deutung spricht auch, dass wir ein Beispiel für diese Taktik gerade gestern in den USA erleben mussten. Seit vielen Monaten hat der amtierende USA-Präsident Furcht gegen die demokratische Partei verbreitet und letztendlich eine große Schar von gewaltbereiten und bewaffneten Anhängern um sich geschart. Gestern hat er sie losgeschickt, um das Machtzentrum der USA zu besetzen. Er hat sich seinen Anhängern nicht angeschlossen, er hat sie nicht angeführt, da er seiner Sache nicht sicher war. Jedoch war es ein Test, um zu prüfen, wie weit das Land gegen einen Putsch stabil ist. Deshalb muss es meiner Meinung nach durchaus als Putsch-Versuch klassifiziert werden.

Die Tora konnte die gestrigen Ereignisse in den USA nicht voraussehen (auch wenn so mancher Mystiker Hinweise dafür finden wird), jedoch waren der Tora die menschlichen Verhaltensweisen durchaus nicht fremd, und sie gibt uns immer wieder Anlass, zu den Ursprüngen unserer Kultur zurückzukehren.


G. Miller