Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Schmini 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Schmini; 3. Moses 9,1-11,47          Schabbat, 18. April 2020

In unserem Wochenabschnitt finden wir eine etwas sonderbare, mindestens erstaunliche Geschichte, die einer genaueren Betrachtung wert ist.

3. Moses, Kap. 10: 1 Und Aharons Söhne Nadav und Avihu nahmen ein jeder seine Pfanne und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten so ein fremdes Feuer vor den HERRN, das er ihnen nicht geboten hatte.

2. Da fuhr ein Feuer aus von dem HERRN und verzehrte sie, dass sie starben vor dem HERRN.

Was ist also geschehen: Es gab eine Feierlichkeit zur Fertigstellung der Stiftshütte in der Wüste. Während der Feier zur besonderen Belobigung Gottes haben die zwei ältesten Söhne des Hohenpriesters Aharon, die zum Nachfolger ihres Vaters bestimmt gewesen wären, ein zusätzliches Räucherwerk dem HERRN geopfert und wurden dafür nicht gelobt oder ausgezeichnet, sondern wurden von Gott mit dem Tode bestraft. Weil, wie es heißt, sie ein „fremdes Feuer“, das ihnen nicht geboten ward, darbrachten.

Viele Kommentatoren hatten ein Problem mit dieser Bibelstelle. Wie sollte das zu verstehen sein, was wollte uns die Tora damit sagen, mindestens andeuten?

Der NaZIV (Naftali Zvi Jehuda Berlin), einer der bekanntesten Rabbiner des 19. Jhds., gab zu dieser Stelle eine schöne, tiefsinnige und einleuchtende Erklärung. Die Söhne Aharons haben nichts Böses getan, sie haben keinem fremden Gott geopfert oder gedient; sie haben aber ein fremdes Feuer, ein zusätzliches Opfer ihrem Gott geweiht, sie haben in ihrem Eifer, Gott zu dienen, mehr getan als ihnen befohlen wurde. Die Schlussfolgerung daraus lautet: Der Dienst an Gott, wie er in den Geboten der Tora beschrieben ist, soll strikt eingehalten werden, nicht weniger soll man tun aber auch nicht mehr, als die Tora befiehlt. Und das sollte auch für die kommenden Generationen gelten.

Das Beten ist heutzutage ein Ersatz für die Opfer, die im Tempel dargebracht wurden. Wenn also ein Gläubiger seinen Gottesdienst in feuriger Begeisterung darbringt, ist das ein fremdes Feuer, das nicht Gott dient, sondern vermutlich eher dem eigenen persönlichen Drang, sich zu verwirklichen, aus sich herauszugehen.

Der NaZIV bringt in diesem Zusammenhang eine Stelle aus dem 5. Moses, Kap. 10, 17: 
Er ist der große Gott… Er lässt kein Ansehen gelten und nimmt keine Bestechung an.

Kann man denn Gott überhaupt bestechen, indem man ihm z.B. mehr Opfer bzw. mehr Gebete oder mit mehr Begeisterung und Eifer anbietet als geboten ist?

Hierzu zitiert der NaZIV aus unserem Wochenabschnitt Kap. 9, 6: 
Das ist's, was der HERR geboten hat…, auf dass euch des HERRN Herrlichkeit erscheine.

Bei manchem Gottesdienst in Israel kann es, besonders unter Strenggläubigen und jungen Menschen, zu Freudenausbrüchen, Tanz, fast Ekstase ähnlichem bis zu einer Trance kommen, aber auch bei anderen Geboten neigen strengorthodoxe Menschen dazu, in der Ausübung mancher Gebote strenger vorzugehen, als es in der Vorschrift lautet, wobei man sich fragen kann, was der NaZIV dazu gesagt hätte.


G. Miller