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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Schlach 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Schlach; 4. Moses Kap. 13 – 15;         Schabbat, 13. Juni 2020

Betrachtet man die biblische Geschichte als die authentische des jüdischen Volkes, so begegnet uns in dieser Parascha eines der bedenklichsten Ereignisse in der jüdischen Geschichte.

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will, aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. Moses befolgte diesen Befehl: Da sandte sie Mose ….

Die Kundschafter kehren nach vierzig Tagen zurück. Zehn von den Zwölf erzählen von den mächtigen Bewohnern des Landes und machen dem Volk Angst.

Das Land, durch das wir gegangen sind, frisst seine Bewohner…. Wir sahen dort auch Riesen…. Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie…. Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron…. Ach dass wir gestorben wären in Ägyptenland oder in dieser Wüste…. Warum führt uns der HERR in dies Land, damit wir durchs Schwert fallen und unsere Frauen und unsere Kinder ein Raub werden?

Man wird sich kaum wundern, wenn Gott bei dieser Aufmüpfigkeit und Undankbarkeit genug hat und das ganze Volk auslöschen und nur Moses überleben lassen will. Ihn will Gott zu einem großen Volk machen.

Wie ist diese ganze Geschichte zu verstehen? Gott hat mit großen Wundern das Volk aus Ägypten herausgeführt, es zum Berg Sinai geführt, ihm die Tora verliehen und es bis vor der Grenze zu Kanaan gebracht und überlässt es nun seinem Schicksal. Es soll das Land auskundschaften und sehen, wie es weiterkommt. Das könnte bedeuten, dass für Gott die Besiedlung von Kanaan durch die Israeliten nicht so wichtig war. Sie sollten die Tora erhalten und zum Lebensinhalt machen, sie der Welt vermitteln. Das war die eigentliche Aufgabe der Israeliten in der Weltgeschichte, das Paradigma, das Gott diesem Volk vorgesehen hatte. Da das Volk sich aber als unwürdig erwies und in den Augen Gottes nicht fähig war, diese Aufgabe zu erfüllen, war Gott an den Israeliten nichts mehr gelegen, Moses allein (mit seinen Frauen Zippora, der Midianiterin und der Kuschitin, der Äthiopierin) wollte Gott zu einem großen Volk werden lassen, und er sollte die Botschaft Gottes in die Welt bringen.

Dass das so nicht gekommen ist, wissen wir. Moses ist es gelungen, Gott zu beschwichtigen und sogar zu überzeugen, dass solch eine Tat seinem Ansehen bei den anderen Völkern schädigen würde. Und so setzte sich die Geschichte der Israeliten, mit allen Tiefen und Höhen, fort. Das Volk wurde aber bestraft: es musste vierzig Jahre in der Wüste wandern, bis alle Auszügler aus Ägypten gestorben waren.

Diese Erklärung könnte als eine plausible textuelle Interpretation der Kundschafter-Affäre betrachtet werden. Aber selbst die Wissenschaftler, die den Auszug aus Ägypten im wesentlichen für eine Legende halten, werden zugeben, dass die vielen Schreiber und Redaktoren, die während Jahrhunderten die Bibel von Generation zu Generation kopiert und absichtlich oder aus Versehen den Text gestaltet haben (man bedenke, dass die älteste handschriftliche Bibel, der Codex Leningrad, im Jahr 1008 in Kairo geschrieben wurde), durch diese Geschichte eine Erkenntnis vermittelt haben: Die Aufgabe des israelitischen Volkes in der Menschheitsgeschichte war es, Gottes Wort der Menschheit zu überbringen. Es heißt auch u.a. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein (2. Moses 19, 6). Sollte man diesen Gedanken fortsetzen, ergäbe sich die Frage, ob das jüdische Volk seine Aufgabe, die Gott vorgesehen hatte, ernst genommen hat.


G. Miller