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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Reeh 2021

Rechtsgeschichte

Tora

5. Moses, Kap. 11, 26 - 16, 18; Parascha Reeh       Schabbat, 7. August 2021

Es geht um das Thema Prophet in der Bibel. Um es vorweg zu sagen, da es noch die Vorstellung gibt, der Prophet sei ein Wahrsager, und es manchmal auch fälschlicherweise so übersetzt wird, der Prophet ist auf keinen Fall jemand, der in die nahe oder ferne Zukunft von Individuen oder Gruppen sehen kann. Nebenbei bemerkt: Die Wahrsagerei wird in der Tora verboten. Welche Vorstellung die Tora von einem Propheten hat, wird uns klar mit dem Hinweis Gottes an Moses, dass ER „einen Propheten, wie du bist, erstehen lassen … und meine Worte in seinen Mund geben wird; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde“ (5. Moses 18). Der Prophet ist also ein Sprachrohr Gottes und - was ich betonen möchte – er soll so sein wie Moses selbst. Wie war Moses eigentlich?

Moses verkörperte in Wirklichkeit einen Führer. Einen fürsorglichen väterlicher Führer, der sein Volk trotz dessen störrischen und ärgerlichen Verhaltens liebt. Bei den alten Gelehrten wird er manchmal mit König tituliert. Allerdings spricht hier die Tora die Problematik des falschen Propheten (Hebräisch – Lügenprophet) an, und erklärt in den folgenden Sätzen, „wenn der Prophet redet in dem Namen JHWHs und es … tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das JHWH nicht geredet hat“. Es ist wichtig, zwischen dem wahren und dem falschen Propheten zu unterscheiden, denn, „wenn ein Prophet … in meinem Namen redet, was ich ihm nicht geboten habe … dieser Prophet soll sterben“ (ebenda). Das Unterscheidungskriterium zwischen dem wahren und dem falschen Propheten soll der Eintritt oder Ausfall der Prophezeiung sein.

Andererseits heißt es im Kapitel 13, „wenn ein Prophet … dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt und das Zeichen oder Wunder trifft ein, … und er spricht: Lasst uns anderen Göttern folgen, die ihr nicht kennt … so sollst du nicht gehorchen den Worten eines solchen Propheten“. Demnach soll der Eintritt der Prophezeiung nicht maßgeblich sein.

Es kann also einen Propheten geben, dessen Voraussage sich bewahrheitet, und er ist trotzdem ein falscher Prophet. Und wie erkennt man ihn als solchen? Wenn er die Menschen zu verführen versucht, anderen Göttern zu folgen. Scheinbar ist die Unterscheidung zwischen dem wahren und falschen Propheten einfach. Wenn aber der neue Prophet oder Führer (ein König oder vom Volk legitim gewählter Führer) die Menschen überzeugt, dass ein anderer Gott (z.B. der Mammon oder eine neue Ideologie) der wahre Gott sei, wie sollen die Menschen oder das Volk die Wahrheit erkennen und die richtige Entscheidung treffen?

Der Prophet Jeremia (7. Jhd. v.d.Z.) erkannte ebenfalls dieses Problem, und bei seinem Kampf gegen die falschen Propheten, die das Volk mit ihren falschen Versprechungen ins Verderben führten, machte er folgende Unterscheidung: Jeremia sagt im Namen Gottes, „wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren“ (Jeremia 23, 22). Das ist nun ein anderes Unterscheidungsmerkmal. Das Volk soll die falschen Führer daran erkennen, dass sie bei ihren Handlungen und Weisungen die Menschen zu unmoralischem und zu unanständigem Verhalten führen. Wenn das so einfach wäre….

Die Bibel, erweitert durch die Auslegungen und die Deutungen der Gelehrten, war tatsächlich bestrebt (so scheint es mir) für alle Probleme des menschlichen Daseins und des menschlichen Miteinander einen passenden Vorschlag anzubieten. Jedoch waren damals die gesellschaftlichen Systeme, in denen das Volk seine Führer selbst wählen konnte, noch nicht bekannt, weshalb noch keine Antwort auf ein heutiges spezifisches Problem angeboten werden konnte. Wenn es Führern wie Donald Trump und Benjamin Netanjahu, die nicht in erster Linie das Wohl des Volkes vor Augen haben, trotzdem gelingt, ein Großteil des Volkes, darunter gerade auch einen hohen Prozentsatz von gottesfürchtigen Menschen, davon zu überzeugen, dass ihr korrumpiertes Verhalten und unehrliches Regieren ihrer Unterstützung würdig sind, dann haben sowohl die biblische wie die säkulare Moral ihre Grenzen erreicht.


G. Miller