Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Reeh 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Reeh; 5. Moses Kap. 11, 26 – 16, 18;         Schabbat, 15. August 2020

Landläufig herrscht die Vorstellung, die Hebräische Bibel sei ein monotheistisches Werk, der Gott der Juden sei der einzige Universalgott, während alle anderen Völker zur biblischen Zeit Heiden waren und Götzen dienten.

Andererseits wird Gott in der Bibel mit Attributen bezeichnet wie mächtig, barmherzig, rachsüchtig, liebevoll etc., was auf menschliche Eigenschaften hinweist. Vermehrt machen sich Bibel- und Geschichtsforscher daran, diesen Widerspruch zu erforschen. Jedoch müsste jedem einleuchten - der Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus wie auch die Akzeptanz eines Universalgottes, der keine Gestalt und keine menschlichen Eigenschaften hat, ist ein langwieriger Prozess.

Am Beginn unserer Parascha finden wir ein Thema, das beispielhaft für die Entwicklung solcher Ideen (Monotheismus, Gotteswesen) dienen kann: Es geht um Lohn und Strafe (das Thema wurde bereits hier behandelt).

Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute gebiete…. (5. M. 11, 26).

Dass das Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf der Basis eines Vertrages beruhen soll, wobei Belohnung und Bestrafung die wichtigste Komponente für die Einhaltung der Gebote sein sollen, war für die geistigen Führer des jüdischen Volkes in der nachbiblischen Zeit, da heidnisch, nicht akzeptabel.

Es handelt sich auch teilweise um Gebote, für die keine logische Begründung zu finden ist. So die Regel, dass das Tier nach ganz bestimmter Art am Hals geschächtet werden muss. Die Gelehrten des Talmuds stellten die ironische Frage: Was interessiert es Gott, ob das Tier am Hals oder am Nacken geschächtet werde? Tatsächlich interessiert es Gott nicht. Warum soll man demnach die unverständlichen Gebote einhalten? Die Antwort hierauf steht bereits im Talmud. Die Gebote sind geeignet, die Menschen zu läutern. Durch die Einhaltung der Gebote, so Maimonides (12. Jhd.), sucht der Mensch die Nähe Gottes, und da in Gott die Vollkommenheit manifestiert ist, strebt er somit die seelische Vollkommenheit an.

Rabbi Chaim ben Attar (1. Hälfte des 18. Jhd.) gab zum Thema Lohn und Strafe eine interessante Erklärung: Nach R. Attar heißt es im hebräischen Text der Tora nicht „den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten“, sondern, der Segen, dass ihr gehorcht, was nach R. Attar keine Bedingung darstellt, sondern dem Inhalt nach bedeutet, die Tatsache, dass Ihr die Gebote befolgt, ist bereits der Segen. Die Befolgung der Anweisungen der Tora ist eine so wunderbare Erfahrung, dass man allein deshalb schon Gott Dankbarkeit erweisen sollte. Gott selbst hat nichts davon, wenn man sich nach seinen Geboten richtet. Ähnlich soll es sich mit der Bestrafung verhalten. Für die Nicht-Befolgung der Gebote wird man nicht explizit bestraft, sondern die Nicht-Befolgung ist bereits die Strafe, der Mensch bestraft sich selbst.

So wie sich die Vorstellung von Lohn und Strafe im Verhältnis zu Gott im Laufe der Jahrhunderte veränderte, so hat sich auch die Vorstellung von Gott selbst und vom Monotheismus verändert und befindet sich noch immer in einem Erkenntnisprozess. Da fromme Menschen, ob Juden oder Andersgläubige, eher konservativ eingestellt sind, schreiten diese Prozesse nur zögerlich voran.


G. Miller