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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Noach 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Genesis, 2. Pericope, Noach;         Schabbat, 24. Oktober 2020

Die Geschichte der biblischen Sintflut ist allgemein bekannt. Die Bibel ist kein Geschichtsbuch, was bedeutet, dass die Sintflut-Erzählung eine Legende ist, die der Verfasser bzw. Redaktor der Tora als wahre Tatsache beschreibt. Es ist müßig darüber zu spekulieren, wann und wo die Flut sich ereignete. Bekannt ist, dass ähnliche Geschichten bei vielen Völkern erzählt wurden, angefangen bei den Chinesen, so auch bei europäischen Völkern und bis zu den amerikanischen Indianern. In Vorderasien ist das Gilgamesch-Epos mit seiner eigenen Flutgeschichte bekannt, das etwa zweitausend Jahre vor der Niederschrift der Tora erzählt wurde.

Die Tora bettet diese Legende in einen anscheinend sinnvollen Rahmen: Einige Zeit nachdem das menschliche Geschöpf Gottes sich seinen Gelüsten hingab und in den Augen Gottes sich zum Bösen entwickelte. "Als aber Jahwe sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es Jahwe, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden" (Genesis 6, 5), und er beschloss alles Leben auf der Erde zu vertilgen. So ließ Gott einen riesigen Tsunami über die Erde fluten, wobei ein einziger gerechter Mensch, Noach mit seiner Familie, und ein Grundbestand der Tierwelt in einer Arche gerettet wurden. Aber kurz nach dieser Katastrophe verpflichtet sich Gott, "ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe, denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an" (Genesis 8, 21).

Etwas in der Geschichte ist schwer zu verstehen. Wenn es den einen gerechten Menschen mit seiner Familie gegeben hat, so war nicht die ganze Menschheit verdorben. Dazu kommt die Erkenntnis nach der Sintflut, dass der Mensch von Grund auf, also genetisch bedingt, böse ist. Wozu dann, kann man sich fragen (vorausgesetzt man geht von einem authentischen Bericht aus), diese ganze Bestrafung.

Da diese Erzählung, so wie sie dasteht, auch wenn sie einen wahren Kern enthält, nicht historisch sein kann, da sie erst Jahrtausende nach der Flut nach dem Hörensagen aufgezeichnet und danach Jahrhunderte per Hand, mit den üblichen Schreibfehlern und etwaigen eigenen Korrekturen kopiert wurde, muss man sich fragen, welche Botschaft uns die Tora übermitteln wollte. Es gibt hierfür viele Interpretationen. In jedem Jahrhundert können Kommentatoren unterschiedliche Botschaften erkennen.

Auch wir können einen eigenen Deutungs-Versuch beisteuern:

Die Tora könnte gemeint haben, selbst wenn alle Menschen so geschaffen sind, dass jeder, ohne Rücksicht auf die Mitmenschen (oder auch auf die Umwelt - Flora und Fauna) den eigenen Vorteil sucht, so gibt es immer auch gerechte Menschen, die nicht nur an sich selbst denken. Wie es dazu kommt, dass es auch Gerechte gibt, darauf gibt uns die Tora keine Antwort. Die Antwort hierfür muss sich jeder selbst denken oder erarbeiten. Ob es eher die Umwelt ist oder die Erziehung oder die Gene, darüber sollte sich jeder eigene Gedanken machen. Im besten Fall gelangt dann der Mensch zu der entscheidenden Erkenntnis, dass sowohl das Böse als auch das Gute möglich sind, dass er wählen kann, wie er sein will. Gleichzeitig wird es ihm dämmern, dass er auch die Konsequenzen für seine Entscheidung tragen muss. 

Zwar sagt uns die Tora, dass für Gott eine wiederholte Vernichtung der Menschheit nicht in Frage kommt, aber darauf kann, muss sich der Mensch unserer Generation nicht mehr verlassen. Die totale Vernichtung können heutzutage die Menschen selbst besorgen.

Vielleicht wollte uns die Tora auch davor warnen, dass einzelne Inidviduen immensen Schaden in weltlichem Umfang anrichten können. Aber das erkennen wir selbst nur zu genügend, wenn wir den Blick auf die internationale Politik richten.


G. Miller