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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Nitzawim 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Nitzawim; 5. Moses Kap. 29 – 31;         Schabbat, 4. September 2021

Im folgenden Satz aus unserer Parascha:

Was verborgen ist, ist des JHWH, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich, dass wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes (K. 29 Vers 28),

fand ich immer eine Stütze für meine Ablehnung der Rabbiner und Rabbis, die gutgläubigen Menschen gegen Bezahlung Versprechungen über Genesung, Heirat, Gelderwerb und dgl. machen, oder aber Talismane verkaufen, die das gleiche bewirken sollen. Anständige Geistliche und gläubige Menschen halten sich an das obige Zitat, was mit einfachen Worten besagt, dass es Dinge gibt, die dem Menschen verborgen bleiben, wie die Geheimnisse der Schöpfung, das Vorhersehen der Zukunft, das Lesen der Gedanken anderer Individuen, die ewiglich in Kenntnis Gottes bleiben werden, während das zur Zeit der Verfassung der Tora und in der Zukunft mit dem menschlichen Verstand Erfassbare, oder mit der Hilfe neuer Erkenntnisse erworbenes Wissen dem Menschen überlassen bleibt.

Dieser Satz wird von verschiedenen Kommentaren allerdings anders verstanden. Die eine Erklärung lautet, dass die verborgenen Sünden, die lediglich Gott, dem alles Seher und Wisser bekannt sind, von Gott verfolgt würden, während die den Menschen offenbar begangenen Sünden von der menschlichen Gemeinschaft bestraft werden sollten.

Eine andere Interpretation meint, dass das Wort „verborgen“ sich auf die Zukunft richtet, also auf die Sünden und Strafen, die sich in der Zukunft ereignen und bestraft werden, die lediglich Gott bekannt sind, während das Wort „offenbar“ sich auf die gegenwärtig den Menschen bekannten Sünden bezieht.

Es gibt noch mehr Deutungen, die ich nicht so interessant fand, vielleicht werde ich aber bei einer anderen Gelegenheit auf sie eingehen. Andererseits entdeckte ich im Vers davor eine sehr interessante Aussage, deren Sinn mir bisher, möglicherweise aus Nachlässigkeit, verborgen geblieben ist.

Und JHWH hat sie aus ihrem Lande gestoßen in großem Zorn, Grimm und ohne Erbarmen und hat sie in ein anderes Land geworfen, so wie es heute ist (K. 29 Vers 27).

Das Kapitel wie auch die ganze Parascha handeln von Lohn und Strafe, jedoch hauptsächlich von den fürchterlichen Strafen und Verfolgungen, die das Volk bei Verstoß gegen die Gesetze erleiden würde. Und im eben zitierten Satz geht es darum, dass das Volk nach einer kriegerischen Niederlage in ein anderes Land, also in die Diaspora, verschleppt würde. Nur ist der Satz am Ende mit den Worten „wie es heute ist“ so formuliert, dass die Autoren zu den Lesern oder Hörern gesprochen haben, die sich bereits in der Diaspora befanden. Daraus ergibt sich ein weiterer Hinweis auf die Zeit und die Örtlichkeit der Verfassung der Tora. Die Verfasser waren nicht darauf bedacht, so zu tun als ob die Tora von Moses im Sinai verfasst wurde. Dieser Anachronismus wurde erst in den Jahrhunderten danach zum Dogma erhoben.

Die Tora wurde nämlich während der Babylonischen Gefangenschaft verfasst und im 6. Jhd. v.d.Z. von den Rückkehrern nach Judäa mitgebracht. Möglicherweise hieß der Verfasser Moses, jedoch war es sicherlich nicht derjenige Moses, dessen Biografie ausführlich in der Bibel beschrieben ist.


G. Miller