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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Korach 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Numeri, Kap. 16 - 18; Parascha Korach        Schabbat, 12. Juni 2021

Die Geschichte von Korach hier kurz erzählt: Korach gehört wie Moses ebenfalls zum Stamm Levi. Er ist sogar ein Vetter von Moses. Er sieht nicht ein, dass Moses und sein Bruder Aaron an der Spitze des Volkes stehen, und er schart 250 Männer um sich, teils in führenden Positionen, und verlangt von Moses, ihn und seine Leute an der Macht zu beteiligen. Die Geschichte endet nicht gut für Korach und seine Anhänger. Man war versucht, das Empören als einen Volksaufstand zu werten, andererseits spricht der Text eher dafür, dass es ein Aufbegehren des „Adels“ war, um die Macht mit dem „Herrscher“ zu teilen.

Wie dem auch sei, Korachs Begründung für die Ablösung Moses‘ als alleiniger Herrscher war: Alle sind heilig, die ganze Gemeinde, und der HERR ist in ihrer Mitte (4. Moses 16, 2).

Es mag zweifelhaft sein, ob Korach die Bedeutung des Begriffs Heiligkeit richtig verstanden hat, er wollte wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, dass alle gleich vor Gott sind (offensichtlich gab es seinerzeit noch keine Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen), und mit seiner Begründung trug er zu dem falschen Glauben bei, dass Menschen heilig sein können. Dieser Aberglaube (oder Irrglaube) hat im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Formen angenommen. Zunächst gingen die Menschen davon aus, man habe als heilige Gemeinschaft eine besondere Beziehung zu Gott, das Volk würde von Gott beschützt. Wahrscheinlich war damit auch der Glaube verbunden, man sei etwas Besonderes, vielleicht Besseres, erhaben über andere Völker. Dieser Aberglaube erlitt eine tiefe Niederlage mit der Zerstörung von Jerusalem (6. Jh. vor) und mit der babylonischen Gefangenschaft, dann mit der Zerstörung des zweiten Tempels (2. Jh.) und mit dem Exil.

Im Exil erwies sich dieser Irrglaube als ganz nützlich, weil man so nicht den Mut und das Selbstbewusstsein bei den Anfeindungen und Verspottungen seitens der besonders ungebildeten Nichtjuden, häufig Analphabeten, verlor. So konnte man als Individuum und auch als Gemeinschaft überdauern. Selbst wenn sich gelegentlich dieser Irrglaube bei manchen Juden in unangenehmen Erscheinungen von Überheblichkeit ausdrückte, so blieb es doch im Rahmen des Akzeptablen.

Ein typisch psychologisches Phänomen kann festgestellt werden: die Menschen, als Individuen oder auch als Gruppen, neigen dazu, sich einzubilden, etwas Besseres zu sein und dem entsprechend berechtigt zu sein, mehr Privilegien für sich zu fordern, wobei diese Neigung von dem Selbsterhaltungstrieb gestärkt und unterstützt wird. Dieses Phänomen hat in der Geschichte bereits viel Unheil hervorgebracht.

Als die in der Diaspora zerstreuten Juden die Möglichkeit sahen, eine eigene nationale Selbständigkeit in einem eigenen Land zu errichten, haben viele von ihnen diese Chance ergriffen und sind nach Palästina ausgewandert. Hier fanden sie einen günstigen Nährboden, dem Irrglauben zu folgen, der vorgefundenen einheimischen Bevölkerung gegenüber privilegiert zu sein. Nur ein geringer Anteil der Einwanderer war durch Erziehung und Bildung soweit aufgeklärt, dem nicht anzuhängen. Der größte Teil der Einwanderer, gestärkt durch den gelungenen Aufbau einer starken militärischen Macht, die den Nachbarstaaten weitüberlegen ist, kann nun ungehemmt seine privilegierte Stellung entfalten und sich selbst das Gefühl gönnen, von Gott auserwählt zu sein und das Recht auf seiner Seite zu haben. Zwar sind bei weitem nicht alle Mitglieder dieser Nation gottgläubig, was viele trotzdem nicht daran hindert, mehr Rechte als die anderen zu beanspruchen. Wenn es trotz allem noch eine aufgeklärte intellektuelle kleine Bevölkerungsschicht in Israel gibt, so mangelt es ihr an Einfluss, der allgemeinen stets stärker und radikaler werdenden Strömung Einhalt zu gebieten. Nicht zuletzt, weil die nationalistische Rechte mit der propagandistischen Behauptung operiert, sie müsse den Staat gegen feindselige Bestrebungen, ihn von innen und außen aufzulösen, verteidigen.


G. Miller