Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Ki Teze 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Ki Teze; 5. Moses Kap. 21, 10 – 25;         Schabbat, 21. August 2021

In unserer Parascha steht folgende Verhaltensregel: Wenn du unterwegs auf einem Baum ein Vogelnest findest … mit Jungen … und die Mutter sitzt auf den Jungen …, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen nehmen, sondern du darfst die Jungen nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass du lange lebest (K. 22). Diese Regel ist eigentlich eine erzieherische Maßnahme. Der Mensch soll sich von Grausamkeit Lebewesen gegenüber abwenden; und wenn er sich entsprechend verhält, wird er mit langem Leben belohnt.

Ein bemerkenswertes Gebot, über das man sich viele Gedanken machen kann; und das taten auch die Gelehrten der ersten Jahrhunderte. Einer der großen Gelehrten Anfang des 2. Jahrhunderts war Elischa ben Avoja (E.b.A.), ein Kollege von Rabbi Akiva. Der Talmud erzählt die folgende Geschichte, von der man nicht sagen kann, ob sie sich so oder überhaupt ereignet hatte, oder lediglich ein fabulierender Midrasch ist:

An einem Schabbat saß E.b.A. in seiner Stadt und sah, dass ein Mann auf einen großen Baum geklettert war und sich aus einem Nest einen Vogel mit seinen Jungen holte. Dieser Mann hat gleichzeitig zwei schwere Sünden begangen. Er hat gegen das Ruhegesetz des Schabbats verstoßen und gleichzeitig gegen die obenerwähnte Regel, dass man nicht den Vogel mit seinen Jungen rauben darf.

Nach dem Ausgang des Schabbats sah er einen Mann mit seinem Sohn vorbeigehen, und der Vater sagte seinem Sohn, er solle vom Baum ein Nest holen. Der Junge kletterte den Baum hoch, nahm die Jungen eines Vogels aus einem Nest und verjagte die Vogelmutter. Als der Junge dann den Baum hinunterkletterte, stürzte er tödlich. Der Junge hat zwei Tora-Gebote befolgt (Einhaltung des Gebots Vater und Mutter zu ehren und der obigen Nestregel), während der Mann, der gegen zwei wichtige Regeln verstieß (und sich schwer versündigt hatte), sich seines Lebens erfreuen konnte.

Diese Erlebnisse stießen E.b.A. in einen Glaubenskonflikt. Er zweifelte an der Richtigkeit der jüdischen Religion, wandte sich von ihr ab und wurde zum Häretiker. Aus diesem Grund, so der Talmud, wurde E.b.A., wann immer die Rede von ihm war, nicht mehr mit seinem Namen erwähnt, sondern als „der andere“ bezeichnet. Ob diese Ereignisse tatsächlich so stattfanden, wird man nie sagen können, jedoch die Maßnahme der Gelehrten, E.b.A. nicht beim Namen zu erwähnen, sondern nur als „der andere“, ist eine Tatsache.

Das Problem von Belohnung und Bestrafung hat die Menschen schon immer beschäftigt. Ein ganzes Bibel-Buch, Hiob, ist diesem Thema gewidmet. Für den gläubigen Juden stellt sich die Frage nach Gottes Gerechtigkeit und inwiefern die Zusagen der Tora von Lohn und Strafe ernst zu nehmen sind. Warum geht es dem Bösen gut, und der Gerechte muss oft leiden; ein Phänomen, das fast jeder Mensch schon beobachtet hat. Das sind schwerwiegende Fragen, mit denen sich die Gelehrten beschäftigt haben, und wahrscheinlich hat jeder von ihnen für sich selbst eine Antwort gefunden, mit der er leben und seinen Glauben behalten konnte. Jedoch gilt das nicht für die sogenannten einfachen, ungebildeten und im Denken ungeschulten Menschen. Der ungebildete Gläubige könnte auf folgenden Gedanken kommen: Wenn der große Gelehrte E.b.A. dem Glauben, der dies geschehen lässt, den Rücken kehrte, dann muss doch etwas daran sein. Dann sind Zweifel bezüglich der Zusagen von Lohn und Strafe angebracht. Und außerdem - wo bleibt Gottes Gerechtigkeit?

Obschon den Gelehrten die Problematik des Themas bewusst war und sie auch wussten, dass das Beispiel von E.b.A. Gläubige zu Zweifeln und zur Abkehr von Gott führen könnte, hatten sie den Mut, diese Geschichte unter das Volk zu bringen. Vielleicht erkannten sie, dass das Prinzip der Freiheit im Denken bar jeden Dogmas für das Individuum sehr wichtig ist und für den Fortbestand der Gemeinschaft und für ihren Fortschritt von entscheidender Bedeutung sein könnte. Vielleicht erkannten sie auch, dass man nicht gegenüber mündigen Bürgern kontroverse Themen totschweigen sollte.


G. Miller