Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Ki Tavo 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Ki Tavo; 5. Moses Kap. 26 – 29, 8;         Schabbat, 28. August 2021

Unsere Parascha spricht viele Themen an, über die man nachsinnen kann. Die Qual der Wahl hat mich zu einem umstrittenen Thema geführt, das ich, wie auch alle anderen, nicht erschöpfend behandeln kann.

Es betrifft das „auserwählte Volk“. JHWH hat dir heute zugesagt, dass du sein besonderes Volk sein sollst und dass Du seine Gebote wahrst. Diese Zusage Gottes ist nicht bedingungslos. Das besondere Volk muss seinerseits die Gebote einhalten. Als nächstes wird zugesagt: Dich über alle Völker zu erheben, zum Ruhm, zur Ehre und zur Herrlichkeit, und dass du ein heiliges Volk dem JHWH, deinem Gott sein sollst … (K. 26, Vers 18-19).

Es ist ein wunderbares Gefühl, sich in solchen Zusagen zu sonnen, und möglichst an die Verpflichtung nicht zu denken, dass man im Gegenzug die Gebote Gottes (der Tora) wahren muss. Die erste zu stellende Frage ist die nach den einzuhaltenden Tora-Geboten. Nicht unwichtiger ist die Frage nach dem bevorzugten Volk. Die spontane Antwort darauf wäre: die Juden. Jedoch welche? Es gibt die in Israel Lebenden, die sich oft nicht nur über die anderen Völker, sondern auch über die in der Diaspora lebenden Juden erhaben fühlen und stolz darauf sind, dass ihre Eltern oder Großeltern als Pioniere nach Palästina einwanderten und ihre alte Heimat sozusagen wieder aufbauten. Die unter nicht jüdischer Mehrheit lebenden Juden werden sich wohl kaum als wertvollere Menschen fühlen, da sie einen objektiven Blick auf die Verhältnisse haben.

Es bleibt noch die Frage nach den Tora-Geboten, die in tausenden Jahren eine Wandlung erfahren haben. Die meisten Gebote behandeln die Opfergaben in Form von Lebewesen oder auch Speisen. Mit der Zerstörung des zweiten Tempels zu Jerusalem gab es eine Wandlung bezüglich der Opfergaben, sie wurden als Gottesdienst durch Gebete ersetzt. Diese Wandlung bedeutete einen kulturellen Fortschritt in der jüdischen Geschichte. Es entwickelte sich ein Literaturzweig, der nebenbei auch dichterisch beeindruckende Leistungen aufzuweisen hat, nicht zuletzt konnten die Gebete psychologisch positive Akzente bei breiten Schichten der Bevölkerung bewirken. Jahrhunderte blieb der Gottesdienst ein wichtiger Faktor im Leben des Individuums, aber insbesondere im Leben der Gemeinschaft. Die Neuzeit mit der Aufklärung, die zunächst eher die gebildeten Schichten ergriff, begann allmählich ihren Einfluss flächendeckend auszubreiten. Theologen begriffen als erste, dass Gebete keine direkte Kommunikation zu Gott bewirken und dass Gott keine persönlichen Schicksale verfolgt und leitet. Diese Erkenntnisse verbreiten sich immer mehr. Die Gebete, die inhaltlich hauptsächlich von zwei Themen bestimmt sind: An Gott gerichtete Bitten und die Preisung und die Verherrlichung Gottes gewinnen langsam einen anachronistischen Beigeschmack. Trotzdem ist es immer noch zum Beispiel sinnvoll, sich bei Gott für die Speisung zu bedanken, auch wenn man nicht direkt an Gott denkt, sondern sich lediglich wiederholt bewusst macht, dass man diesbezüglich (auch ohne an die Menschen in Afghanistan zu denken) privilegiert ist.

Trotz all dieser Bedenken zu den Möglichkeiten, Gott zu dienen und die Gebote der Tora einzuhalten, hatte Moses auch für unsere Zeit sinnvolle Verordnungen formuliert. Es sind die Regeln für den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen. Gottesdienst leistet man auch, wenn man sich an die Verordnung hält, Waisen, Witwen und Fremdlinge rücksichtsvoll zu behandeln. Solches Verhalten ist, so die alten Gelehrten, nicht nur eine soziale Rücksichtnahme oder ein Zeichen der Solidarität, sondern in erster Linie ein direkter Dienst an Gott. Es ist unverständlich, dass die Orthodoxie in Israel keine diesbezügliche Theologie ausgearbeitet hat, und dass junge orthodoxe Menschen in Israel ihren Glauben mit einer Kippa auf dem Kopf und mit wehenden Schaufäden, die von ihren kleinen getragenen Gebettüchern herunterhängen, aller Welt zur Schau stellen, anstatt zu überlegen, wie man wahrhaftig dem Gott, an den sie glauben, dienen könnte. Stattdessen bilden sie sich ein zu wissen, dass Gott von seinen Gläubigen praktisch die Wiederholung der Landnahme Kanaans vor dreitausend Jahren erwartet, mit mehr oder weniger all ihren Konsequenzen.


G. Miller