Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Ki Tavo 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Ki Tavo; 5. Moses Kap. 25 – 29, 8;         Schabbat, 5. September 2020

Unsere Parascha hat traditionell den Beinamen Ermahnung erhalten, also die Ermahnungsparascha. Ein Fünftel des Kap. 28 führt die Segnungen auf, die Gott dem Volk zukommen lassen wird, wenn es sich an die Gebote der Tora hält, aber vier Fünftel des Kapitels enthalten die fürchterlichsten Flüche und Strafandrohungen bei Zuwiderhandlung.

Verflucht wirst du sein in der Stadt… Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes… Der HERR wird unter dich senden Unfrieden, Unruhe und Unglück in allem, was du unternimmst, bis du vertilgt bist und bald untergegangen bist… Deine Leichname werden zum Fraß werden allen Vögeln …. und allen Tieren … dazu wird der HERR alle Krankheiten und alle Plagen, die nicht geschrieben sind in dem Buch dieses Gesetzes, über dich kommen lassen, bis du vertilgt bist…. Der HERR wird ein Volk über dich schicken von ferne, vom Ende der Erde, ein Volk, dessen Sprache du nicht verstehst… Es wird dich belagern in allen deinen Städten, bis es niedergeworfen hat deine hohen und festen Mauern…. Du wirst die Frucht deines Leibes, das Fleisch deiner Söhne und deiner Töchter, essen in der Angst und Not…. Und nur wenige werden übrig bleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Denn der HERR wird dich zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Erde bis ans andere… und deine Füße werden keine Ruhestatt finden.

Die Strafen, die hier angedroht werden, sind fast die schlimmsten, die man sich ausdenken kann. Viel schlimmer ist es noch, sollte man denken, dass diese das ganze Volk betreffen. Eine Kollektivstrafe, wobei jeder weiß, dass es immer Individuen gibt, die sich nicht schuldig gemacht haben. Eine moralisch-ethische und eine philosophische Problematik entstehen hiermit und dazu die Frage, wie konnte Moses diesen Text sich selbst gegenüber rechtfertigen. Es war zwar von Gott so angeordnet, aber Moses war sich doch der Bedeutung seiner Worte bewusst. Dazu muss man bedenken, dass Moses selbst (5. M. Kap. 24, 16) die Selbstverantwortung betont: Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben. Und im Kapitel 27 verpflichtet Moses das Volk, und zwar jeden einzelnen des Kollektivs, bei verschiedenen Androhungen seine Zustimmung mit dem Wort Amen (= so soll es geschehen) zu geben. Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht… Und alles Volk spreche und sage: Amen. Die gleiche Formel wurde wiederholt für die Irreführung eines Blinden, für die Beugung des Rechts von Fremden, Waisen und Witwen, für das Blutvergießen von Unschuldigen etc. Also wieder eine persönliche Verpflichtung, die eine persönliche Haftung mit sich bringt.

Das alles vorausgesetzt muss man sich fragen: Was hat sich Moses bei der Kollektivstrafe gedacht, bei der Bestrafung von Unschuldigen zusammen mit den verantwortlichen Schuldigen? Wahrscheinlich wusste er, dass das der Gang der Geschichte ist. So kam es auch später bei der Zerstörung des ersten Tempels zu Jerusalem und so kam es auch bei dem Aufstand gegen die Römer nach der Zerstörung des zweiten Tempels. Die römischen Söldner kannten kein Erbarmen. Jeder, dessen sie habhaft werden konnten, wurde niedergemetzelt. Durch glückliche Umstände kam es nicht zu einer endgültigen Auslöschung des jüdischen Volkes.

Moses kannte den Gang der Geschichte und das Verhalten der Völker in Kriegs- und Krisenzeiten. Aber er könnte sich auch gedacht haben, dass es sehr schwierig ist, aus Kollektiven, die sich versündigt oder Untaten begangen haben, einzelne Personen oder kleine Gruppen auszusondern, die nicht ein Teil des allgemeinen Stroms waren, es sei denn (und dafür gibt es auch Vorbilder in der Frühgeschichte wie auch in der Neuzeit), sie haben ihre Ablehnung der allgemeinen Einstellung und Handlungen deutlich kenntlich gemacht oder sich sogar von diesem Kollektiv abgesondert.


G. Miller