Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Jitro 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Exodus, Kap. 18-20; Parascha Jitro         Schabbat, 6. Februar 2021

In der Tora finden wir unterschiedliche Vorstellungen von Gott, um nicht zu sagen Göttern. Das war schon immer so, seit die menschliche Sprache diesen Begriff erfand.

Nach der Lektüre meiner Interpretationen zu den letzten beiden Paraschot stellte sich die Frage nach der Art von Gott, den wir hier vorfinden. Zweierlei sollte man bedenken: Die neuzeitigen Überlegungen von Gott, der keine Eigenschaften hat, die bereits vor eintausend Jahren von Maimonides herausgearbeitet wurden; und nicht zuletzt, dass die Tora selbst dem Leser mehr als eine Vorstellung von Gott bietet.

Bei der Behandlung der letzten beiden Paraschot ging es um die Ägypter und um die Amalekiter. Es fällt auf, dass Gott in seiner Wesenheit über Eigenschaften verfügt, fast würde man sagen menschliche Eigenschaften. Gott hat sozusagen Rache- wie auch andere Gefühle. Gott ist nicht allmächtig, wie man es üblicherweise erwartet, seinen Wunsch, Amalek zu vernichten, kann er nicht in einem einzigen Kampf und in einer Generation vollbringen. Kurzum, Gott erscheint in diesen Kapiteln des Exodus ziemlich menschlich. Selbst Moses hält Gott mindestens für menschenähnlich. Moses geht davon aus, dass Gott eine menschenähnliche Gestalt hat. Er bittet Gott, ihm sein Gesicht zu zeigen. Jedoch Gott erklärt Moses: „Du kannst mein Angesicht nicht schauen; denn kein Mensch kann mich schauen und am Leben bleiben“ (Ex. 33, 20). Also zieht Gott (während Moses in einer Felsenspalte steht) an Moses vorbei, bedeckt ihm mit seiner Hand die Augen, bis er vorbeigezogen ist, und lässt Moses seine Rückseite sehen.

Das erinnert an die Beschreibung der Erschaffung von Adam: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, im Ebenbild Gottes schuf er ihn“ (Gen. 1, 27). Nur könnte man diesen Satz umkehren, und er wäre genauso richtig, vielleicht sogar noch richtiger: Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild. Diese Vorstellung trifft für die meisten monotheistischen Religionen zu. Jede Religion, angefangen bei den Heiden im Altertum, die sich Götzen errichtet und sie angebetet hatten und bis zur Neuzeit. Auch wenn die Christen, die Moslem und die Juden denselben Gott haben, da es letztlich nur einen geben kann, haben sie unterschiedliche Vorstellungen von diesem Gott. Wobei es bei den Juden, wenn man die Tora befolgt, mehr als nur eine Idee von Gott gibt.

Der Platz hier reicht nicht aus, um all die Tora-Vorstellungen von Gott niederzuschreiben, zumal die Analyse und die Differenzierungen eine Sisyphusarbeit erfordern.

Dies alles aus meiner Perspektive, die sich an dem hebräischen Text der Tora orientiert, wobei viele Juden das nicht so sehen. Die alten Weisen, die Gelehrten in den ersten Jahrhunderten n.d.Z. haben für unverständliche und widersprüchliche Stellen in der Schrift eine wunderbare hermeneutische Regel formuliert: „Die Tora sprach in der Sprache der Menschen“. Wenn es z.B. heißt, Gott sprach, sah, roch, saß etc. war die Erklärung hierfür: wie sollte man den Menschen, die noch nicht soweit abstrahieren konnten, schwierige Sachverhalte erklären, also musste sich die Tora der einfach zu verstehenden Sprache der Menschen bedienen, auch wenn sie es anders meinte, so wie wir es heute verstehen.

Mit dieser Formel, die meiner Meinung nach absolut genial ist, konnte man viele problematische Stellen in der Bibel umschiffen, und das wirkt bis zum heutigen Tag. Obschon diese Formel in der Tat zauberhaft ist, glaube ich, dass sie den Sachverhalt auf den Kopf stellt. Die Tora sprach nicht in der Sprache der Menschen, um sich bei den Ungebildeten und Analphabeten verständlich zu machen, sondern weil die Bibel, genauer gesagt die Autoren der Bibel genauso schrieben, wie sie gedacht haben. Sie wussten es auch nicht besser. Sie konnten auch nicht so denken, wie es spätere Generationen taten.


G. Miller