Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Emor 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Levitikus, Kap. 22-24; Parascha Emor         Schabbat, 1.Mai 2021

Im Kapitel 24 werden drei besondere Festtage erwähnt, die mit den Jahreszeiten zusammenhängen:

Pessach, das Frühjahrsfest, sieben Wochen danach das Wochenfest (fällt zusammen mit Pfingsten) und das Laubhüttenfest am Ende des Sommers, das man auch als das Erntedankfest bezeichnen kann. Das sind die Pilgerfesttage, an denen man nach Jerusalem pilgern muss, um dem Tempel Opfer darzureichen.

Zum Laubhüttenfest steht im Kapitel 24:

Ihr sollt am ersten Tage Früchte nehmen von prächtiger Baumfrucht (könnte eine Art Zitrusbaum gewesen sein), Palmwedel und Zweige von Laubbäumen und Bachweiden und sieben Tage fröhlich sein vor…. Gott.

Weitere Auskunft erhält man nicht. Was sollte mit dieser Flora geschehen? Generationen von Bibelforschern haben versucht, einen Sinn in dieser Bestimmung zu finden, und es gibt hierzu zahlreiche Interpretationen. Ich selbst habe eine sehr schöne Erklärung der alten Weisen (Gelehrte zurzeit des Talmud) gefunden, die möglicherweise nicht ganz so ernst gemeint war, jedoch dieser Verordnung tiefen Sinn verleiht und über die Erfindungsgabe der Gelehrten und über ihre Gesinnung Aufschluss gibt.

Die Gelehrten übernehmen in einem Midrasch (fabulierende Exegese), wie schon so oft die Rolle Gottes und suggerieren ihm ihre Gedanken. Gott habe in diesen vier Gewächsen das Volk Israel symbolisiert. Und ER hat sich gedacht, in seinem Volk vier Eigenschaften zu finden, die diese Gewächse darstellen.

Die vier Gewächse stellen vier Charaktertypen im jüdischen Volk dar. Unter den Israeliten befinden sich Menschen, die wie die Zitrusfrucht, die einen wohligen Duft versprüht und gut schmeckt, gut in ihrer Gelehrsamkeit sind und gute Taten vollbringen.

Die Frucht der Palme (Datteln) verfügt über einen guten Geschmack, versprüht aber keinen Duft. So ähnlich ist es bei einem Teil der Israeliten – sie sind gelehrt und fleißig beim Studieren der Bibel, jedoch an guten Taten erbringen sie keine Leistung.

Laubbäume können sehr gut duften, ihre Früchte, so sie welche haben, haben keinen Geschmack. Ähnlich findet man bei den Israeliten Menschen, die gute Taten vollbringen, jedoch von der Lehre (Tora) sie nur wenig Ahnung haben.

Und schließlich gibt es Bachweiden, die weder eine essbare Frucht produzieren, noch einen guten Duft versprühen, so gibt es im jüdischen Volk Menschen, die nichts gelernt haben, ungebildet sind und auch keine guten Taten aufweisen können.

Nun fragt sich Gott, so die Weisen, was mache ich mit diesem Durcheinander von Charakteren? Wie soll ich mit ihnen verfahren? Ich kann sie doch nicht teilweise auslöschen, es sind doch meine Geschöpfe. Also entschied sich Gott, alle zu einem Bündel zu binden und in einen Kasten zu legen und die einen würden den Ausgleich für die anderen bilden. Also ergänzen die positiven Menschen die fehlerhaften Teile und Gott kann das Volk als eine Einheit akzeptieren. Das ist wahrhaftig ein fortschrittlicher Gedanke der Gelehrten – ein Kollektiv mit gegenseitiger Verantwortung. Es stellt sich mir eine dringende Frage: Wären die Juden in Israel bereit, als ein Kollektiv zu handeln, sich gegenseitig zu ergänzen? Ich fürchte – nein!

Die zweite Frage bezieht sich auf die Akzeptanz dieser Einstellung, da die Weisen wussten, dass Menschen zu Verallgemeinerungen neigen. Sie meinten wohl (augenzwinkernd), dass die Menschen Gott nachahmen und nicht gleich eine ganze Gemeinschaft verdammen sollen, ohne die positiven Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Und ich muss gestehen, dass auch ich dazu neige, bei den Juden in Israel das Negative zu sehen und zu kritisieren (vielleicht wegen meiner zu anspruchsvollen Erwartungen), während ich nicht immer genügend differenziere. Meine Freunde würden das nur allzu sehr bestätigen.

Es ist schwer mit diesem Volk!


G. Miller