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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Breschit 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Genesis, 1. Pericope, Breschit;         Schabbat, 17. Oktober 2020

Die jüdische Religion geht davon aus, dass die ganze Tora, die fünf Bücher Moses, von Moses selbst aufgezeichnet wurden, und zwar diktiert oder inspiriert durch Gott Jahwe. Jeder Zweifel daran wäre eine Sünde. Allerdings geben die Gelehrten im Talmud zu, dass die Beschreibung des Ablebens von Moses nicht von ihm selbst hätte geschrieben werden können, weshalb sie es dem Nachfolger Joschua zuschrieben. Somit wurde die erste Bresche in die Doktrin geschlagen, was noch andere Interpretationen im Laufe der Geschichte zuließ.

Unter den Gläubigen herrschte die Ansicht, die Tora sei sowohl ein Geschichtsbuch wie auch ein Weisheitsbuch für andere Wissenschaften. Raschi, der bekannteste Bibel-Kommentator (11. Jhd.) hat die ersten Zeilen der Bibel so kommentiert, dass mit diesem Irrglauben aufgeräumt wurde. Es heißt da:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war Tohu va-Wohu (= Chaos, chaotisch), und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. (Die hebräischen Worte Tohu und Bohu sind alt und ihr Ursprung ist nicht bekannt. Sie kommen lediglich an dieser Stelle vor. Ihre Bedeutung, das wird allgemein angenommen, kann nur Chaos oder chaotisch bedeuten.)

Dazu sagt Raschi, noch wissen wir nicht, wann das Wasser geschaffen wurde. Somit ist der Bericht keine präzise Geschichtsschreibung. Daraus ergibt sich, dass die Tora interpretiert und vielleicht sogar ergänzt werden darf. Kommentatoren gibt es noch und noch und immer wieder neue.

Der Bibelforscher Bin-Nun vertritt die These, das gesamte AT enthalte keinen Hinweis auf einen monotheistischen Glauben. Bereits in Kapitel 6 des 1. Moses ist die Rede von anderen göttlichen Wesenheiten: Da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Es gibt noch mehrere Stellen, die von anderen Göttern als Jahwe sprechen.

Der Bericht im 1. Buch Könige, der bezüglich des Götzendienstes wahrscheinlich authentisch ist, berichtet von der Vielgötterei der Israeliten: Aber der König Salomo liebte viele ausländische Frauen: die Tochter des Pharao und moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hetitische… An diesen hing Salomo mit Liebe. Und als er nun alt war, neigten seine Frauen sein Herz fremden Göttern zu, sodass sein Herz nicht ungeteilt war bei Jahwe, seinem Gott… So diente Salomo der Astarte, der Göttin der Sidonier, und dem Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter. Damals baute Salomo eine Höhe dem Kemosch, dem gräulichen Götzen der Moabiter, auf dem Berge, der vor Jerusalem liegt, und dem Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter. Ebenso tat Salomo für alle seine ausländischen Frauen, die ihren Göttern räucherten und opferten. Es gibt noch mehr Stellen in der Bibel, die die Vielgötterei der Israeliten beschreiben.

Dagegen kann man zwar halten, dass mit der Erschaffung der Welt eindeutig von einem einzigen Gott die Rede ist. Jedoch gab es im Laufe der Zeit mehr Menschen, und viele Völker, manchmal auch einzelne Städte, hatten ihren eigenen Gott, und zu einem späteren Zeitpunkt wurde Jahwe der Gott der Israeliten. Jahwe präsentierte sich als einziger Gott, der keine anderen neben sich duldete. Die biblische Geschichte aber lehrt uns (und darauf können wir uns verlassen), dass es ein langer Prozess war, der zum Monotheismus reifte. Dieser begann mit der Babylonischen Gefangenschaft (6. Jhd. v.) und ist nach m.M. (wenigstens unter den meisten in Israel lebenden Juden) nicht abgeschlossen. (Mag sein, dass ich bei meiner Beurteilung zu hohen Maßstäben neige, aber ich selbst kann nicht einsehen, dass ein monotheistischer Glaube mit Aberglauben einher gehen kann, auch wenn viele Menschen darin durchaus keinen Widerspruch sehen). So konnten auch König Salomo und die Israeliten Jahrhunderte lang sowohl Jahwe als auch andere Götter verehren, ohne schlechtes Gewissen dabei zu haben.


G. Miller