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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Bo 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Exodus, Kap. 10-13; Parascha Bo         Schabbat, 23. Januar 2021

Schon immer verspürte ich einen Widderwillen, diese Parascha zu besprechen. Zwar gibt es in dieser Parascha mehrere Stichworte, auf die man ein Thema zur Besprechung aufbauen kann. Jedoch hat mich das beherrschende Thema, der Auszug aus Ägypten, abgeschreckt. Es sind zehn Plagen, die Gott über die Ägypter gebracht hatte, ehe Pharao die Israeliten gehen ließ. Fast vor jeder Plage heißt es: „Aber Jahwe verstockte das Herz Pharaos, dass er die Israeliten nicht ziehen ließ“ (Ex. 10, 20). Und so ergab sich ein Grund, König Pharao und das ägyptische Volk immer wieder erneut zu bestrafen.

Es waren schlimme Plagen. Heuschrecken, die das ganze Land kahlfraßen. Alles Wasser und Gewässer wurden in Blut verwandelt. Die Pest, die gewütet hat, und wie gesagt noch sieben andere. Aber der Höhepunkt war die letzte Plage, der Tod aller Erstgeborenen: „Und alle Erstgeburt in Ägyptenland soll sterben, vom ersten Sohn Pharaos, der auf seinem Thron sitzt, bis zum ersten Sohn der Magd, die hinter ihrer Mühle hockt…. Und zur Mitternacht schlug Jahwe alle Erstgeburt in Ägyptenland vom ersten Sohn Pharaos…. bis zum ersten Sohn des Gefangenen im Gefängnis (Ex. 11, 5 ff).

Diese Sätze müssen wohl in einem Hassanfall geschrieben worden sein. Gott hat sie bestimmt nicht veranlasst und auch die Anweisungen dazu nicht gegeben. Wer immer diese Schilderungen verfasst hat, dachte nicht daran, dass es auch gute Menschen unter den Ägyptern gab, wie die Hebammen, die ihr Leben riskierten, um männliche Säuglinge der Israeliten vor dem Ertrinken im Meer zu retten.

Abgesehen davon, warum sollte eine Sklavin, die Schwerstarbeit leistete, oder ein Sträfling im Gefängnis mit dem Tod des Sohnes bestraft werden?

Das war noch immer nicht das Ende der Bestrafungen. Gott verhärtete erneut das Herz des Pharao, und er nahm seine Kavallerie und verfolgte die ausziehenden Israeliten, um sie zurückzuholen. Er wurde in die Falle gelockt, und er selbst und seine gesamte Gefolgschaft wurden vom Meer verschluckt.

Nicht dass mir der Pharao und seine Soldaten besonders leidtun, warum musste aber das ganze Volk der Ägypter, einschließlich der Armen und Leidenden, die selbst unter dem Pharao litten und sich sicherlich nicht selten mit den Israeliten solidarisch fühlten, diesen schrecklichen Plagen unterzogen werden?

Obschon man für alles noch so Absurde eine Erklärung findet wie auch für die beschriebenen Ereignisse, wie zum Beispiel, dass es sich um eine dreitausend Jahre alte Kultur handelt und die Redakteure und das Publikum, an das diese Erzählungen gerichtet waren, anders dachten als heutzutage, hinterlässt der Text einen sehr schlechten, um nicht zu sagen verheerenden Eindruck.

Was mich aber doch noch bewog, dieses Thema aufzugreifen, war die kritische Meinung der alten Gelehrten, die in einem Midrasch versinnbildlicht wurde: Als Pharao und seine Armee im Meer versanken, wollten die Engel im Himmel einen Lobgesang anstimmen. Gott tadelte sie aber mit den Worten: Meine Geschöpfe versinken im Meer und ihr wollt singen? Die Gelehrten meinten somit, dass Gott der Tötung von Menschen gegenüber nicht gleichgültig ist. In der Bibel heißt es:

„Freu dich nicht über den Sturz deines Feindes, dein Herz juble nicht, wenn er stürzt, damit nicht Jahwe es sieht und es schlecht findet“ (Sprüche 24, 17).


G. Miller