Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Bhaalotcha 2020

Rechtsgeschichte

Tora

Wochenabschnitt Bhaalotcha; 4. Moses Kap. 8 – 12;         Schabbat, 6. Juni 2020

Fast jeder religiöse Jude fragt sich irgendwann, ob es einen Sinn hat, ein bestimmtes von den vielen religiösen Gesetzen und Anordnungen einzuhalten, spätestens mit der Bar-Mitzwa im Alter von 13 Jahren, wenn man sozusagen erwachsen ist und die Religionsgesetze befolgen soll. Wenn man morgens nach dem Aufstehen, anstelle zur Schule zu gehen, erst einmal Tefilin (Gebetsriemen) anlegen und das Morgengebet halten soll. Es ist eine harte Gewissensfrage!

Ähnliche Fragen wurden bereits in der Zeit des Talmuds von unseren Gelehrten gestellt. Auch sie haben nicht den Sinn eines jeden Verbots oder Gebots verstanden. Nicht immer wird ein Verbot in der Tora begründet oder erklärt. Man kennt bis heute nicht den Grund für die Trennung zwischen Milch- und Fleischprodukten. Warum ist es verboten, Milchprodukte mit Fleisch zu essen? Warum das Verbot von Schweinefleisch? Spekulationen dazu gibt es jede Menge, doch keine ist überzeugend. Es gibt jedoch noch mehrere Gesetze, für die die Gelehrten keine passable Begründung fanden. Unsere Parascha beginnt bereits mit solch einer Anordnung:

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Rede mit Aaron und sprich zu ihm: Wenn du die Lampen aufsetzt, so sollen die sieben Leuchter nach der Vorderseite scheinen. (4. Moses 8).

Die Gelehrten hatten bei manchen Themen eine besondere Art, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Midrasch stellten sie eine rhetorische Frage aus dem Bereich der Fantasie: Die Israeliten fragten Gott, wozu benötigst Du denn Licht. Du bist doch der Schöpfer des Lichts. Und die rhetorische Antwort Gottes lautet: Nicht weil ich euer Licht benötige, sage ich Euch, im Tempel Licht anzuzünden.

Also gingen die Gelehrten davon aus, dass das Licht nicht für Gott angemacht wird. Ähnliche rhetorische Fragen stellte der Midrasch auch zu anderen unerklärbaren Anordnungen.

Zum Thema der Opfergaben heißt es im Midrasch: Gott sagte zu Moses, sage den Israeliten, dass nicht, weil ich eure Opfergaben benötige, sagte ich euch Opfer zu bringen. Denn Gott speist natürlich nicht und genießt auch nicht den Duft der Myrrhe.

Zum Thema des Schächtens, das sehr komplizierte Regeln enthält und besondere Kenntnisse voraussetzt, fragt der Midrasch: Was interessiert es Gott, ob das Tier aus der Halsseite oder vom Nacken her geschlachtet wird? Und tatsächlich würde sich jeder vernünftige Mensch die Frage stellen, was hat Gott davon, dass das Tier so oder so geschlachtet wird. Und auch zur Stiftshütte sagte Gott, laut Midrasch: Nicht, weil ich eine Wohnstätte benötige, sagte ich euch, eine Stiftshütte zu bauen.

Mit solchen scherzhaften Fragestellungen machten die Gelehrten klar, dass der Sinn Zweck von vielen unbegründeten und unerklärbaren mosaischen Anordnungen sie beschäftigte. Schließlich ist ja der Gott der Israeliten ein monotheistischer Gott und kein Götze, den man mit Geschenken versöhnen und milde stimmen, gar bestechen kann. Gott braucht von den Menschen nichts. Warum hat er uns also die Tora gegeben? Die großen Gelehrten folgerten daraus, Gott hat die vielen Anordnungen und Gesetze für die Israeliten zu ihrem Vorteil gegeben. Sie sollten davon profitieren, und zwar, so Rav, einer der bedeutendsten Talmudgelehrten, damit sie durch die Einhaltung der Gesetze geläutert würden. Die Läuterung ist verbunden mit der Mühe zur Erreichung der Vollkommenheit. Damit korrespondiert die Bemühung, sich Gott zu nähern, da Gott ja die Vollkommenheit ist. Das Streben nach Vollkommenheit macht den Menschen zu einem besseren Menschen im mosaischen Sinne und, so könnte man folgern, zu einem besseren sozialen Wesen.


G. Miller