Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Bamidbar 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Levitikus, Kap. 26-27; Parascha Bamidbar         Schabbat, 15. Mai 2021

In der vorigen Woche war die Rede von den zwei Lehren, der Schriftlichen und der Mündlichen Tora, der schriftlichen und der mündlichen Überlieferung.

Die Schriftliche Tora, die fünf Bücher Moses, hätte wahrscheinlich keine Chance gehabt zu überdauern, gäbe es nicht die mündliche Überlieferung. Diese sorgte mit Auslegungen, Kommentaren und zeitgemäßen Deutungen immer wieder dafür, dass die Bücher Moses nicht im Papiermüll der Geschichte landen. Gesetze wie die Weisung, jeden, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, soll getötet werden (2. Moses 21, 17) wurden bereits bei Ihrer Niederschrift nicht befolgt. Ähnlich verhielt es sich mit vielen anderen nicht zeitgemäßen Geboten, die durch Deutungen außer Kraft gesetzt wurden. Die mündlichen Ergänzungen und Umdeutungen vieler nicht mehr zeitgemäßer Stellen in der Tora, die von Generation zu Generation bei Bedarf hinzugefügt worden sind, haben eine immense Literatur geschaffen, die nur von Kennern überblickt werden kann aber auf diese Art und Weise dem gläubigen Volk das Bewahren der Göttlichen Botschaft ermöglicht.

Wer die gesamte Tora, ohne weitere Kenntnisse und Ausbildung liest, kann leicht zu der Meinung gelangen, sie sei ein Konvolut von steinzeitalten Vorstellungen. Deshalb haben z.B. die alten Gelehrten die Weisung erteilt, dass niemals ein Mensch einzeln die Tora studiere. Die Gefahr für Missverständnisse sei zu groß.

Allerdings konnten die geistlichen Führer des jüdischen Volkes andere Völker nicht daran hindern, den jüdischen Gott auch als ihren Gott zu proklamieren und den jüdischen Glauben und die Religion mit den Büchern Moses zu identifizieren, wobei sie hier Gründe fanden, diese zu verunglimpfen oder gar für hasswürdig zu erklären und auch zu verfolgen.

Unter Nicht-Juden kursieren immer noch Schlagworte, wie „der jüdische Gott ist ein rächender und unbarmherziger Gott“, was auf die ganze „Sippschaft“ abfärbe. Wie sollte ein Jude reagieren, wenn ihm Derartiges vorgeworfen wird? Soll er versuchen, die mündliche Tora zu zitieren oder zu erklären (zumal er sie in den meisten Fällen auch nur fragmentarisch kennt)?

Kein Mensch würde heute dem König Hammurabi von Mesopotamien (18. Jh. vdZ.) vorwerfen, er habe in seinem Gesetzeskodex die Anordnung einmeißeln lassen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. In der Tora steht es auch so geschrieben. Aber genauso wenig wie Hammurabis Gesetzestafel heute zur Anwendung kommt, wird diese Maxime der Tora seit vielen Jahrhunderten befolgt (wobei sie wahrscheinlich so wörtlich auch nie befolgt wurde).

Durch den Mut und die Klugheit der alten Weisen wurde mit der Mündlichen Tora ein neuer Literaturzweig geschaffen, womit die Schriftliche Tora (die fünf Bücher Moses), als Quelle des Glaubens und der vielen moralisch-ethischen Normen und Verhaltensweisen am Leben geblieben ist und weiterhin pulsiert. Allerdings haben sich im Judentum seit dem 20. Jhd. keine charismatischen Gestalten hervorgetan, die eine Weiterentwicklung der mündlichen Tora betreiben könnten. Jedes Gesetz und jede Norm, manchmal sogar ethisch-moralische Normen, erfahren mit der Zeit eine modifizierte Einstellung, und eine Änderung oder Neuformulierung sind von Nöten. Weil das seit langer Zeit nicht geschieht, erfahren wir eine Bildung von mehreren Glaubensrichtungen im Judentum. Die extrem Orthodoxen werden wahrscheinlich als Sekte überleben. Das Schicksal des Judentums als eine Einheit, wie in der Vergangenheit, ist ungewiss. Man muss die weitere Entwicklung abwarten, auch wenn es Jahrzehnte dauern kann.

Allerdings verheißt die Entwicklung des Jüdischen Volkes in Israel nichts Gutes.


G. Miller