Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte - Tora - Wochenabschnitt - Achare Mot, Kdoschim 2021

Rechtsgeschichte

Tora

Levitikus, Kap. 16-20; Parascha Achare Mot, Kdoschim         Schabbat, 24. April 2021

Weshalb war das Christentum in seinen Anfängen so erfolgreich?

Ein wichtiger (vielleicht sogar der entscheidende) Grund war die Tatsache, dass diese neue Religion praktisch keine Pflichten beinhaltete. Sie war eigentlich eine Abwandlung der jüdischen Religion, aber ohne deren Gesetze und Pflichten. Für die damaligen heidnischen Menschen war die Annahme der neuen Religion mit keiner großen Umstellung verbunden. Sie mussten sich neben ihrer Erklärung oder Proklamation, sie seien gläubige Christen, nicht weiter umstellen. Und wenn die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft mit irgendwelchen Vorteilen verbunden war, warum sollte sich ein religiös ungebundener Mensch nicht diesen Vorteil leisten? Es war letzten Endes oft bloß ein Lippenbekenntnis. Andererseits nahm das Christentum heidnische Elemente (Aberglaube wie Toten- und Heiligenkult) auf.

Die Christen sahen sich anfangs als jüdische Erneuerungsbewegung und wurden auch von den Römern jahrzehntelang als Sekte aufgefasst und toleriert. Die jüdischen und christlichen Gemeinden waren im ganzen Imperium Romanum verbreitet. Ihr Erstes Gebot erlaubte ihnen nur die Verehrung ihres eigenen Gottes. Sie lehnten Bilder- und Götzenkulte ihrer Umgebung ab, griffen diese aber nicht an. Das galt Römern zwar als unsozial, wurde aber vom Staat akzeptiert. Erst als die christlichen Gemeinden anfingen, sich in die Politik einzumischen, wurden sie vom römischen Staat bedrängt und verfolgt. Die Christenverfolgung hatte vor allem politische Gründe.

Zu Spannungen zwischen den jüdischen und christlichen Gemeinden kam es, weil sich die Christen als die besseren Juden, als die Gläubigen des Neuen Testaments, das das Alte abgelöst hatte, verstanden. Eine Rechtfertigung fanden sie in der Vertreibung der Juden aus ihrem Land und ihrer Verstreuung in der Diaspora, was als Strafe Gottes für die Missachtung des Neuen Testaments gedeutet wurde. Gott habe die Juden eben verstoßen und sich an ihrer Stelle den Christen zugewandt.

Die Wende im Verhältnis der beiden Religionen zueinander kam mit der Gründung des Staates Israel. Nun erfüllten sich die Aussagen der Propheten über die Rückkehr der Juden zu Gott und seiner Hinwendung zu seinem Volk. Die katholische Kirche machte dies 1965 im Zweiten Vatikanischen Konzil mit der Erklärung Nostra Aetate öffentlich. Darin erkennt die Kirche das Wahre und Heilige in den anderen Religionen an und bestätigt die bleibende Erwählung des Judentums, in dem das Christentum wurzelt. Das war ein Friedensangebot an das Judentum und eine Erklärung zu einem neuen Anfang der Beziehungen zwischen den Religionen.

Die Kirche ist seitdem bestrebt, die Annäherung an das Judentum zu verstärken, was auf der jüdischen Seite nur teilweise begrüßt wird. Die Orthodoxie, eine extrem fromme Richtung, die eine Minderheit im Judentum ausmacht, die sich allerdings eine hegemoniale Stellung im jüdischen Staat erkämpft hat, sieht im Christentum immer noch eine heidnische Religion, begründet durch die Dreifaltigkeit, und aus dem Gefühl der eigenen Erstarkung sucht sie eher die Konfrontation mit dem Christentum als Verständigung.

Dazu gesellt sich unterstützend ein weiteres Merkmal, nämlich das Ausbleiben von aufklärerischen Ideen und Strömungen der letzten Jahrhunderte in der jüdischen Orthodoxie, was mittelalterlichen Aberglauben beförderte. Toten- und Heiligenkult, der von Geistlichen durch Versprechungen zur Erfüllung von Wünschen in Münze umgesetzt wird, findet Ausbreitung mitunter auch bei nicht religiös gebundenen Menschen.

Die Fragen, die zunehmend an Aktualität gewinnen, könnten lauten: Wird sich dieser Trend fortsetzen - könnte der jüdische Glaube in Israel zur Ähnlichkeit mit mittelalterlichem Aberglauben regredieren? Wird sich Israel zu einer Art osteuropäisches Diaspora-Stettel der früheren Jahrhunderte entwickeln? Wird es früher oder später zwei, ein Hightech-Israel und einen rückständigen, unproduktiven Judenstaat geben?


G. Miller