Rechtsgeschichte
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
Der Schlangenofen
eine Talmudlegende und ihre rechtliche Relevanz
gehalten
an der Rabbiner-Akademie
Mevasseret
Zion, Jerusalem
Der
Talmud, der Protokolle aus den Lehrhäusern von fünf Jahrhunderten
wiedergibt, berichtet nicht nur von juristischen Diskussionen und rechtlichen
Regeln, er enthält auch viele Erzählungen, die teilweise durchaus
juristische Inhalte haben und zur sich Klärung von Rechtsnormen und
-prinzipien eignen. Einer Erzählung im Talmud, die von vielen als eine Perle
der jüdischen Literaturgeschichte betrachtet wird, soll hier besondere
Aufmerksamkeit zuteil werden. Es ist nicht nur die Schönheit und die
dramatische Kraft dieser Kurzgeschichte, die diese Aufmerksamkeit verdienen,
es ist vielmehr die juristische und geschichtliche Analyse, die über den
Talmud Aufschluß geben und das jüdische Recht verständlicher machen.
In
der folgenden Erzählung, die wörtlich zitiert wird, geht es um einen Streit
zwischen Rabbi Elieser und den übrigen Gelehrten. Es geht in diesem Streit um
Grundsätzliches, das anläßlich einer Meinungsverschiedenheit über die
Reinheit des sogenannten Schlangenofens, eines transportablen Backofens aus
Lehmziegeln, ausgetragen wird. Dieser Ofen kann für Ritualzwecke maklig, also
unrein werden. Rabbi Elieser meint jedoch, wenn man den Ofen in einzelne Teile
zerlege und diese wieder zusammenbaue, würden sie durch Sand getrennt,
wodurch der Ofen nicht mehr ganz sei, sondern als zerbrochenes Gerät gelten
und nicht maklig werden könne (zerbrochene Teile können nämlich nicht
unrein werden). Die Gelehrten meinen jedoch, der äußere Anstrich mit Lehm
mache ein einziges Gerät daraus, und als solches könne er maklig werden. In
der Gemara wird der Streit wie folgt beschrieben:
Wir haben in der Mischna
gelernt: Hat man ihn in einzelne Ringe zerlegt und Sand zwischen die Ringe
getan; Rabbi Elieser erklärt ihn so für tauglich und die Weisen erklären
ihn für maklig. Das ist der Schlangenofen.
Weshalb heißt er
Schlangenofen? Rabbi Jehuda erwiderte im Namen Schemu'els: Weil man ihn mit
Argumenten umringte gleich einer Schlange.
Schließlich erklärten die
Gelehrten den Ofen als untauglich.
Es wird gelehrt: An jenem
Tage brachte Rabbi Elieser alle Einwendungen (Argumente), die in der Welt möglich
sind, vor (zum Nachweis der von ihm vertretenen Ansicht). Aber sie nahmen
diese nicht an (alle seine Begründungen wurden von der Mehrheit abgelehnt).
Hierauf sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht,
so mag dies dieser Johannisbrotbaum beweisen. Da rückte der Johannisbrotbaum
hundert Ellen von seinem Orte fort; manche sagen, vierhundert Ellen. Sie aber
erwiderten: Man bringt keinen Beweis von einem Johannisbrotbaum. Hierauf
sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht, so mag
dies dieser Wasserlauf beweisen. Da zog sich der Wasserlauf zurück. Sie aber
erwiderten: Man bringt keinen Beweis von einem Wasserlauf. Wiederum sprach er
zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht, so werden es die Wände
des Lehrhauses beweisen. Also neigten sich die Wände des Lehrhauses und
drohten einzustürzen. Da schrie sie Rabbi Jehoschua an und sprach zu ihnen:
Wenn die Gelehrten sich um die geltende Norm streiten, was geht dies euch an!
Sie stürzten hierauf nicht ein, wegen der Ehre Rabbi Jehoschuas, und sie
richteten sich auch nicht auf, wegen der Ehre Rabbi Eliesers; und noch immer
stehen sie geneigt da. Wiederum sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm
meiner Meinung entspricht, so werden sie dies aus dem Himmel beweisen. Da
erscholl eine himmlische Stimme und sprach: Was habt ihr gegen Rabbi Elieser;
die geltende Norm ist stets wie er sagt. Da stand Rabbi Jehoschua auf und
sprach: Nicht im Himmel ist sie.
Was bedeutet: Nicht im Himmel
ist sie? Rabbi Jirmija erwiderte: Die Tora ist bereits vom Berge Sinai
herabgegeben worden (und befindet sich nicht mehr im Himmel). Wir achten nicht
auf die himmlische Stimme, denn bereits am Berge Sinai hast du in die Tora
geschrieben: Nach der Mehrheit muss man sich richten.
Rabbi Nathan traf den
Propheten Elija und fragte ihn, was der Heilige (Gott), gelobt sei er, in
dieser Stunde tat (wie reagierte er darauf)? Dieser erwiderte: Er schmunzelte
und sprach: meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.
Man erzählt, dass die
Gelehrten an jenem Tage alles holten, was Rabbi Elieser für tauglich erklärt
hatte, und es im Feuer verbrannten. Alsdann stimmten sie über ihn ab und
sprachen den Bann über ihn. Danach fragte man: Wer geht hin und teilt es ihm
mit? Da sprach Rabbi Akiwa: Ich will gehen, denn es könnte sonst ein
ungeeigneter Mensch hingehen und es ihm mitteilen, und er würde (im Zorn oder
durch seine Trauer) die ganze Welt zerstören. Was tat Rabbi Akiwa? Er legte
schwarze Kleider an und hüllte sich schwarz; alsdann ließ er sich vor ihm in
einer Entfernung von vier Ellen nieder. Da sprach Rabbi Elieser zu ihm: Akiwa,
wieso heute anders als sonst? Dieser erwiderte: Meister, mich dünkt, die
Kollegen haben sich von dir abgewandt. Da zerriß auch er seine Kleider, zog
die Schuhe aus und ließ sich auf die Erde nieder, und Tränen rannen aus
seinen Augen. Da ward die Welt geschlagen ein Drittel an den Oliven, ein
Drittel am Weizen und ein Drittel an der Gerste. Manche sagen, auch der Teig
gor unter den Händen der Frauen und verdarb.
Es wird gelehrt: Ein großes
Weh gab es an diesem Tage, denn jede Stelle, worauf Rabbi Elieser seine Augen
richtete, verbrannte. Rabban Gamliel reiste zu jener Zeit mit einem Schiff,
und eine Woge erhob sich und drohte ihn zu versenken. Da sagte er: Ich glaube,
dass dies nur wegen des Rabbi Elieser ben Hyrkanos geschieht. Er stand auf und
sprach: Herr der Welt, offenbar und bewusst ist es dir, dass ich dies nicht
wegen meiner Ehre, auch nicht wegen der Ehre meines väterlichen Hauses getan
habe, sondern deiner Ehre wegen, damit sich keine Streitigkeiten in Israel
mehren. Da ließ das Meer von seinem Toben ab.
Imma Schalom, die Frau Rabbi
Eliesers, war die Schwester Rabban Gamliels, und seit diesem Ereignis ließ
sie ihn beim Tachnun, einem Bitt-Gebet, bei dem man niederkniet und mit dem
Gesicht den Boden berührt, nicht mehr aufs Gesicht fallen (bei diesem Gebet
klagt man sein Leid, und sie hatte Angst, wenn er sein Leid dem Himmel klagte,
würde dieser ihren Bruder bestrafen). Eines Tages glaubte sie, es sei Neumond
(an dem dieses Gebet nicht gesprochen wird), denn sie verwechselte einen vollzähligen
mit einem unvollzähligen Monat, manche erzählen auch, ein Armer habe vor der
Tür gestanden, und sie trug ihm Brot hinaus, und als sie zurückkehrte fand
sie Rabbi Elieser beim Tachnun mit dem Gesicht am Boden. Da sprach sie zu ihm:
Steh auf, du hast meinen Bruder getötet. Währenddessen verkündete eine
Posaune aus dem Hause Rabban Gamliels, dass er gestorben sei. Rabbi Elieser
fragte sie: Woher weisst du dies? Sie erwiderte: Es ist mir aus meinem väterlichen
Hause überliefert: Sind auch alle Tore des Himmels verschlossen, so doch
nicht die Tore der Kränkung.
Erster Teil des Schlangenofens
Zunächst
wollen wir uns mit dem ersten Teil dieser Geschichte beschäftigen, und zwar
bis zu der Stelle, wo der Prophet Elija berichtet, dass Gott über die
Auflehnung des Rabbi Jehoschua gegen die himmlische Stimme geschmunzelt habe.
Zwar
endet dieser Teil der Geschichte mit väterlicher Liebe und Milde, diese können
aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein hochdramatisches Ereignis ihnen
voranging. Ein Mensch, der Sprecher einer Gelehrtengruppe, lehnt sich gegen
ein von Gott gesprochenes Wort, gegen eine ausdrückliche Entscheidung Gottes
auf. Dass diese Stelle im Talmud seit ihrer Niederschrift vor eintausendundfünfhundert
Jahren immer wieder bis zum heutigen Tag interpretiert und analysiert wurde,
wird niemanden wundern. Hier sollen die Schlußfolgerungen, die am
bemerkenswertesten sind, wiedergegeben werden.
1.
Die Herrschaft des Rechts
Ganz
offensichtlich und offensiv wird hier die Meinung vertreten, dass die Halacha
(die Regel, das Gesetz, das Recht) von der Mehrheit bestimmt wird. Diese
Meinung stützt sich auf die Tora, die von Gott gegeben wurde, von dem selben
Gott, der im vorliegenden Fall Rabbi Elieser gegen die Mehrheit der Gelehrten
unterstützen will. Das wird ihm jedoch verwehrt, und er gibt auch nach. Er
ist also dem von ihm einmal verabschiedeten Gesetz genauso verpflichtet wie
seine Untergebenen, denen er dieses Gesetz verliehen hat. M. Silberg, Richter
am Obersten Gericht Israels, entdeckt in dieser Legende den besonderen
Charakter des Jüdischen Rechts. Er spricht von "The Rule of the Law, von
der Herrschaft des Rechts im absoluten Sinne dieses Ausdrucks. Es ist die
Herrschaft des Gesetzes über den Gesetzgeber. Der Gesetzgeber unterwirft sich
dem Gesetz und der Instanz, die in Zweifelsfragen zur Auslegung dieses
Gesetzes geschaffen wurde - der Mehrheit -, auch wenn er die umstrittene Frage
anders beurteilt. Der Begriff der Herrschaft des Rechts ist zwar modern, doch
im Zusammenhang mit der Halacha ist die Idee der Herrschaft der Tora über
ihren Verleiher größer als unser einfacher Verstand zu begreifen
vermag".
Zwar
gibt es Rechtswissenschaftler wie Itzhak Englard, die nicht soweit gehen möchten,
in dieser Geschichte das Prinzip der Herrschaft des Rechts zu erkennen, sie
schließen diese Deutung jedoch nicht aus. Ob auch die Idee der Demokratie im
Judentum sich aus dieser Geschichte ableiten lässt, was ebenfalls versucht
wurde, ist weniger wichtig. Ansätze für demokratische Gedankengänge finden
sich nämlich bereits in einer viel früheren Zeit, namentlich im mosaischen
Recht und später auch an verschiedenen Stellen im Talmud, weshalb im
vorliegenden Zusammenhang dieses Thema nicht behandelt werden muss.
2.
Die Rolle der Wunder im Jüdischen Recht
Zu
den von Rabbi Elieser eingeführten Wundern haben die jüdischen Gelehrten von
Zeit zu Zeit Erklärungen gesucht. Zwei Richtungen mit unterschiedlichen
Intentionen lassen sich bei den Kommentatoren herauskristallisieren.
Nach
der einen Richtung handelte es sich in Wahrheit nicht um echte Wunder, sondern
es war alles ein Traum. Einer der Gelehrten in der Lehrstube sei eingeschlafen
und habe von diesen geträumten Ereignissen berichtet. Diese Richtung
versucht, die vielen Wundergeschichten im Talmud rational zu erklären, indem
sie als Träume deklariert werden. Diese Richtung erfuhr nicht wenig Kritik,
manchmal sogar Beschimpfungen von anderen bekannten Gelehrten, die darauf
bestanden, dass man den Talmud wörtlich nehmen müsse und dass die Weisen in
der Talmudzeit selbstverständlich in der Lage waren, Wunder zu vollbringen.
Eine
andere Richtung sieht in der Geschichte eine Allegorie. Die Objekte der
Wunder, der Johannisbrotbaum, der Wasserlauf und die Mauer symbolisieren
entweder menschliche Eigenschaften von Rabbi Elieser oder von den Gelehrten,
oder aber, nach anderen Kommentatoren, dienen diese Objekte als Symbole für
die gebrachten Argumente.
Auf
die hier und andernorts berichteten Wunder, auf Gottesurteile, Ordal, soll
ausführlich an anderer Stelle eingegangen werden. Hier nur soviel: Im jüdischen
Recht haben Wunder und Gottesurteil keinen Platz. Ansätze dazu gab es zwar in
der frühen Periode des mosaischen Rechts, später wurden diese Ansätze nie
ernst genommen und verschwanden im Mystischen. Als in Europa Gottesurteile an
der Tagesordnung waren, erfuhren sie bei den Juden bereits seit vielen
Jahrhunderten die Einschätzung, die sie verdienten. Hier soll jedoch den in
dieser Geschichte berichteten Wundern soviel Aufmerksamkeit geboten werden,
wie sich aus der Geschichte selbst ergibt.
Die
Geschichte mit dem Schlangenofen ereignete sich am Anfang des 2. Jh.n.d.Z. Sie
wurde wahrscheinlich mündlich überliefert, vielleicht gab es auch
irgendwelche Aufzeichnungen darüber, von denen man nichts mehr weiß.
Niedergeschrieben wurde sie irgendwann ab der Mitte des 5. Jh., als Rav Aschi
mit der Redaktion der Gemara begann. Wenn auch in späterer Zeit die Gelehrten
der Talmudzeit als "große Weise", als Wundertäter oder gar als
"Heilige" verklärt wurden, so kannten sich die Redakteure des
Talmud im Stil der damaligen Zeit sehr wohl aus. Sie wussten genau, wie ernst
man so etwas nehmen musste. Dass sie rational denkende Menschen waren, ist
hinreichend bekannt. Sie kannten den Humor und die Ironie, die im Talmud
reichlich verstreut sind und die sie übernahmen oder gar selbst produzierten.
Dass sie die Wunder in dieser Geschichte nicht ernst nahmen, das haben sie in
einer scheinbar nebensächlichen Redewendung zu vermitteln versucht. In leicht
ironischem Stil bemerken sie zum Wunder mit den Wänden des Lehrhauses, die
nicht einstürzen und sich auch nicht aufrichten wollten:
"Und noch immer stehen
sie geneigt da". Wenn die
Redakteure diese Bemerkung hinzufügten, kann es nur eins bedeuten: Dass die Wände
nach dreieinhalb Jahrhunderten immer noch geneigt da stehen, das würde doch
kein vernünftiger Mensch glauben, und schon gar nicht der rational denkende
Gelehrte in der Talmudzeit, und wenn jemand auf die Idee kommen sollte, zu
fragen, ob die Wunder sich tatsächlich wie berichtet ereignet hatten, so
antworten die Redakteure augenzwinkernd: "Natürlich, geh hin, du kannst
dich selbst überzeugen, die Wände stehen immer noch geneigt da". Diese
eingeführte Bemerkung projiziert geradezu die zwingende Frage, die nur auf
eine Art und Weise - wie eben beschrieben - beantwortet werden kann.
Sollte
diese Analyse Anstoß erregen, so soll die vorgetragene Betrachtungsweise mit
einer kurzen Bemerkung ergänzt werden: Eine nüchterne Lesart des Talmud wie
auch des Alten Testaments macht diese Werke glaubwürdiger und liebenswerter,
macht sie eigentlich für jeden Menschen, nicht nur für den Gläubigen,
lesenswert.
3.
Theologische Auslegungen
Es
ist auffallend, wie schwer sich die Gelehrten in der nachtalmudischen Zeit,
besonders im Mittelalter, taten, diese Stelle theologisch zu erklären. Einige
Richtungen der Erklärungsversuche sollen kurz skizziert werden.
Eine
Auflehnung Rabbi Jehoschuas und der Gelehrten gegen Gott gab es gar nicht
erst, denn Gott hat es nicht so gemeint. Er wollte die Gelehrten nur in
Versuchung führen, er wollte sie prüfen, ob sie von ihrer Meinung, von ihren
Prinzipien, von ihrer Lehre wegen einer himmlischen Stimme abrückten. In
ihrem Widerspruch zur himmlischen Stimme sollen sie sich also bewährt haben.
Ob diese Erklärung nicht ein weiteres theologisches Problem aufwirft?
Eine
andere Meinung versucht es mit der Semantik. Die himmlische Stimme habe nicht
Rabbi Elieser in diesem besonderen Fall recht gegeben. Sie habe allgemein
gesagt:
Die geltende Norm ist stets wie er sagt.
Die
Auflehnung war also gar keine Auflehnung, weil die himmlische Stimme und die
Gelehrten sich nicht im Widerspruch befanden
Eine
interessante theologische Exegetik befasst sich mit dem Ausspruch Gottes:
Meine Kinder haben mich besiegt. Da es nicht denkbar sei, dass Gott seine Meinung geändert hat, kann es ja
nur so sein, dass er sich verhielt wie eben ein liebender Vater zu seinen
Kindern. Der Vater freut sich über das Verhalten der Kinder (die sich in
unserem Fall auf die Tora beriefen), identifiziert sich mit ihnen und
akzeptiert ihren Willen.
Zum zweiten Teil vom Schlangenofen
Sieht
man von den geschilderten Wundern im ersten Teil, in etwas beschränkterem Maße
auch im zweiten Teil ab, so ist die Geschichte durchaus historisch. Jedenfalls
beschreibt sie eine historische Situation, die aus anderen Quellen innerhalb
und ausserhalb des Talmud belegt ist.
Authentizität
der Personen und der Ereignisse
Die
handelnden Personen sind authentisch. Der geschichtliche Rahmen, in dem sie
wirkten, soll kurz beschrieben werden. Nach der Zerstörung des zweiten
Heiligen Tempels zu Jerusalem um 70 n.d.Z. bekam Rabban Jochanan ben Sakaj von
der römischen Macht die Erlaubnis (mit der sich die Römer dafür erkenntlich
zeigten, dass er ein Gegner des Aufstandes gegen sie gewesen war), in Jawne
ein geistiges Zentrum zu errichten. Mit der Hilfe des von ihm geführten
Synhedrions hat er den Fortbestand des Jüdischen Rechts (und
wahrscheinlich des Judentums überhaupt) gesichert. Der begabteste und
bekannteste Schüler von Rabban Jochanan ben Sakaj war Elieser ben Hyrkan,
auch Rabbi Elieser der Große genannt. Rabban Jochanan ben Sakaj hat seinen
Schüler Elieser so sehr geschätzt, dass er sein Lob mit dem folgenden überlieferten
Ausspruch ausdrückte: "Wenn alle Gelehrten Israels in der einen Schale
der Wage wären und Elieser ben Hyrkan in der anderen Schale, würde die
zweite Schale überwiegen".
Zu
dieser Zeit gab es in Israel zwei Rechtsschulen, die Schule Hillel und die
Schule Schamaj. Rabban Jochanan ben Sakaj gehörte der Hillel-Schule an, während
sein geliebter Schüler Elieser in seinen Ansichten der Schamaj-Schule anhing.
Rabbi Jehoschua, der Wortführer der Gelehrten in unserer Geschichte, war zwar
mit Rabbi Elieser befreundet, vertrat jedoch die Richtung der Hillelisten in
ihrer Purheit. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Gelehrten über
Fragen der Halacha (Recht, Regel, Gesetz) findet man in der Mischna zur Genüge.
Obwohl die Gründer dieser Schulen, Hillel und Schamaj (sie lebten in der Zeit
vor dem Beginn der Zeitrechnung), einsichtige und friedliebende Gelehrte
waren, kam es mit der Zeit nach und nach zu einer Entfremdung zwischen
diesen beiden Richtungen.
Man
begegnet im Talmud oft Diskussionen und Streitigkeiten, man könnte sogar
sagen, dass der Talmud von diesen Auseinandersetzungen lebt. Warum musste es
also bei dem Streit um die Reinheit oder Tauglichkeit des Schlangenofens zu
einer solch dramatischen Wendung kommen?
Um
die Antwort darauf zu verstehen, muss man von der doppelten Funktion des jüdischen
Rechts Kenntnis haben. Dieses Recht, begründet in der Bibel durch Gottes
Wort, von Moses vermittelt, war dazu bestimmt, die Verhältnisse zwischen den
Menschen zu regeln, aber auch eine festgelegte Ordnung in Fragen des Ritus,
des Gottesdienstes, der Speiseregeln und der Reinheit zu schaffen, also eine
Art profanes Recht einerseits und eine Art kanonisches Recht andererseits -
ius humanum und ius divinum. In Fragen des säkularen Rechts konnten sich die
Parteien noch und noch streiten, und auch ohne eine Einigung zu treffen
konnten sie miteinander weiterleben. Viele Beispiele im Talmud zeugen von
Meinungsverschiedenheiten, die keine Lösung oder Einigung fanden. Die Regeln
des Ritus waren aber im Judentum von immanenter Wichtigkeit, sie wurden aufs
peinlichste beachtet, eine Abweichung bedrohte die Einigkeit der Gläubigen.
Obschon es im Talmud heißt, dass die Anhänger der Schule Schamaj und der
Schule Hillel sich nicht weigerten, miteinander Ehen zu schließen, so zeigt
doch gerade diese Bemerkung, dass solch eine Gefahr in der Tat bestand, dass
es eigentlich nur eine Frage der Zeit war, bis die beiden Schulen
feststellten, dass jeweils die andere Schule von der Halacha, vom religiösen
Recht so weit abgewichen sei, dass ein Zusammenleben nicht mehr möglich wäre.
Bezeichnend
in unserer Geschichte und gleichzeitig konsequent ist die Tatsache, dass der
Streit zwischen den Wortführern der beiden Schulen an einer Frage des Ritus,
namentlich der Reinheit, entbrannte. Ein Nachgeben war keiner Partei möglich,
denn das wäre einem Verzicht auf ein Glaubensbekenntnis gleichgekommen.
Um es dem zeitgenössischen
Leser anschaulich und verständlich zu machen, nehmen wir uns ein Beispiel aus
dem jüdischen Alltag in Israel vor. In den letzten Jahren hat sich die
Erscheinung verbreitet, dass junge Menschen aus nicht religiös eingestellten
Familien den Weg zur mosaischen Religion "zurück"finden. Diese
"Rückkehrer" nehmen bei einem Besuch bei ihren Eltern keine Speisen
zu sich, die von den Eltern zubereitet wurden, weil die Eltern keine
ausgesprochen koschere, die religiösen Reinheitsregeln beachtende Küche
halten. Umgekehrt speisen religiöse Eltern nicht bei ihren Kindern, wenn
diese ihre religiöse Gesinnung aufgegeben haben.
Der
Talmud hat an einer anderen Stelle (b. Syn. 88b) diesen Zustand schonungslos
und glasklar formuliert: "Seitdem sich die Schüler Schamajs und Hillels
mehrten..., mehrte sich Streit in Israel und die Tora ist wie zweit Torot
(Mehrzahl von Tora) geworden". Ein Schisma sollte verhindert werden. Die
Gefahr einer Spaltung des Volkes war zu groß. Die Schule Schamaj musste
deshalb endgültig zerschlagen werden. Die Entscheidung hierfür wurde höchstwahrscheinlich
von Rabban Gamliel, Präsident des Synhedriums und Nachkomme von Hillel, im
Rat mit der Mehrheit der Gelehrten gefällt. Rabban Gamliel bringt dies zum
Ausdruck, als er von einer Wasserwoge verschluckt werden soll, sich an Gott
wendet und die Motive seiner Handlung erklärt, und zwar "damit
sich keine Streitigkeiten in Israel mehrten". So schmerzlich und traurig es auch war, insbesondere für seinen Schüler
Akiwa (den späteren geistigen Führer des Bar-Kochba-Aufstandes in den Jahren
133-136 n.d.Z.), Rabbi Elieser musste konsequenterweise verbannt und folglich
mussten auch alle seine Entscheidungen revidiert werden. Wie wir sahen, haben
die Gelehrten alles, was er für tauglich erklärt hatte, verbrannt. Der
Bannspruch gegen Rabbi Elieser wurde erst kurz vor seinem Tod aufgehoben.
Allgemeine Betrachtungen zu dieser Erzählung
Nicht
nur der Inhalt der Erzählung des Schlangenofens bietet die Möglichkeit,
Wesentliches zum Jüdischen Recht zu erfahren, auch der allgemeine Rahmen, in
den diese Geschichte eingebettet ist, gibt Einblicke in die jüdische Lehre
und provoziert lohnende Auseinandersetzungen mit ihnen.
Zur
Frage der Beleidigung in der ethischen Lehre
Es
fällt auf, dass die Erzählung des Schlangenofens im vierten Kapitel des
Traktats Baba Mezia des babylonischen Talmud in der Gemara zu der Mischna
behandelt wird, die eigentlich die Kränkung eines Menschen zum Thema hat.
Was
hat diese Geschichte mit Kränkung zu tun und was hat die Kränkung in einem
Talmud-Kapitel zu suchen, das den Betrug, die Übervorteilung behandelt? Dazu
muss man folgendes wissen: in der Bibel heißt es: "Ihr sollt einander
nicht übervorteilen." (3. Moses 25, 17). Das hebräische Wort "Ona'a"
(oder "tonu" im Imperativ Plural) bedeutet betrügen, übervorteilen
und gleichzeitig kränken, beleidigen. Und da das ganze Kapitel die Ona'a zum
Thema hat und der Betrug ausgiebig behandelt wurde, liegt es nah, dass die 10.
Mischna mit den Worten beginnt: "Wie es eine Übervorteilung (Ona'a) bei
Kauf und Verkauf gibt, so gibt es auch eine Kränkung (Ona'a) durch
Worte". Nun behandelt die Gemara einige Seiten lang das Thema Kränkung,
bis es einem Gelehrten einfällt, dass zum Thema Kränkung eigentlich der
Bannspruch über Rabbi Elieser gehört. Bemerkenswert ist, dass für die
Gelehrten der ganze Streit die eigentliche Pointe verloren hatte. Die
Auseinandersetzung zwischen den beiden Rechtsschulen und die drohende Gefahr für
das Volk waren längst Geschichte und zu den Akten gelegt, die Assoziation,
die sich noch damit verband, war die Kränkung des Rabbi Elieser mit den
Folgen für Rabban Gamliel. Die Auflehnung des Rabbi Jehoschua gegen die
himmlische Stimme, mit dem abschließenden Schmunzeln Gottes, hatte nicht den
Stellenwert, den man ihr heutzutage beimißt.
Die
himmlische Stimme hatte kein Recht, in die Rechtsprechung einzugreifen. Die
Rollen waren verteilt. Es gab eine Art verfassungsmäßige Rechtsordnung. Der
Gesetzgeber war Gott, aber das von ihm erlassene Grundgesetz, die Tora, entzog
sich seinem Einfluss. (Ebenso hat der heutige Gesetzgeber, das Parlament,
keinen Anspruch darauf, in die Jurisdiktion einzugreifen.) Für die Auslegung
des Gesetzes waren die Gelehrten zuständig, sie wurden dazu von der Tora
selbst ermächtigt:
" Wenn... der Fall für
dich zu ungewöhnlich liegt, dann sollst du... vor die levitischen Priester
und den Richter treten, der dann amtiert... Dann sollst du dich an den Spruch
halten, den sie dir... verkünden... An den Wortlaut der Weisung, die sie dich
lehren, und an das Urteil, das sie fällen, sollst du dich halten. Von dem
Spruch, den sie dir verkünden, sollst du weder rechts noch links
abweichen" (5. Moses 17, 8-13).
Ferner
gab es eine Tradition, wonach Moses sowohl die schriftliche Lehre als auch die
mündliche Überlieferung von Gott unmittelbar erhalten hatte, die dann von
Generation zu Generation weitergereicht wurden (b. Sprüche der Väter).
Zur
Stellung der Frau
Die
Stellung der Frau im Talmud, gar im Judentum, kann in einem Unterparagraphen
nicht annähernd vollständig behandelt werden, andererseits wäre es beinahe
sträflich, in diesem Kontext sich dazu nicht zu äußern. Wir werden dazu
gedrängt durch Imma Schalom, die Schwester von Rabban Gamliel und Ehefrau von
Rabbi Elieser. Man erfährt zunächst einmal, dass sie gebildet war. Sie
kannte nämlich eine wenig bekannte Redensart, dass die Tore des Himmels sich
der Klage einer Kränkung wegen nicht schließen. Die Tore des Himmels sind nämlich,
nach dem Talmud, außer am Jom Kippur (am Sühnetag) immer geschlossen,
lediglich in Ausnahmefällen wie bei der Kränkung öffnen sie sich der Bitte
oder dem Gebet des Menschen. Die Bildung erwarb sie in ihrem Elternhaus, das
bekanntlich das Haus des Präsidenten war, in dem nur gebildete Menschen
verkehrten. Im Talmud wird berichtet, dass sogar das Dienstpersonal im Haus
des Präsidenten gebildet war. Des weiteren erfährt man, dass Imma Schalom
eine energische Frau war, sie konnte nämlich ihren Ehemann davon abhalten,
beim Tachnun-Gebet aufs Gesicht zu fallen. Es gab also auch zu jener Zeit
beachtliche weibliche Frauenpersönlichkeiten, jedoch hieraus auf die
allgemeine Situation der Frau zu schließen, ginge zu weit.
Das
Gegenteil ist eher der Fall. Dieser Abschnitt in der Gemara, der sich dem
Thema Kränkung widmet, zählt die gefährdeten Personengruppen auf, also die
Menschen, denen man leicht zu nahe tritt, Gruppen, die sich nicht wehren können.
Es sind insbesondere die Konvertiten und die Frauen. Die untergeordnete
Stellung der Frau ist nicht zu leugnen, ganz im Gegenteil, man hätte sich
sehr wundern müssen, wenn es in jener Kultur und Zeit anders gewesen wäre.
Trotzdem darf man hervorheben, mit welcher Sensibilität die Talmudgelehrten
sich zur Stellung der Frau äußerten und sich ihrer annahmen. Mehrere
Beispiele aus der Bibel und von den früheren Weisen werden zitiert, um
eindringlich vor einer Missetat gegen eine Frau zu warnen. Ratschläge werden
den Männern gegeben, wie etwa: "Wenn deine Frau klein ist, neige dich zu
ihr, damit du nicht laut mit ihr sprichst". Es würde den Rahmen
sprengen, diese Ratschläge alle aufzuzählen, jedoch ist eine Bemerkung
besonders erwähnenswert, weil sie die aus der Freudschen Psychoanalyse
bekannte Projektion eigener negativer Eigenschaften auf einen anderen (Feind,
Gegner, Wehrloser etc.) denken lässt: "Einen Fehler, der dir anhaftet,
wirf deinem Nächsten nicht vor" (ebenda 59 b).
Schlussbemerkung
Die
Behandlung der Legende um den Schlangenofen sollte damit abgeschlossen werden.
Die literarischen Aspekte, die ausdrucksvolle Sprache und die arabeske
Verschlungenheit der Erzählung wurden weitgehend außer Acht gelassen.
Juristische und gesellschaftliche Deutungen standen im Mittelpunkt dieser
Abhandlung. Aber gerade diese provozieren neue Fragen: In wie weit, wenn überhaupt,
ist es legitim, mit Legenden und Sagen so umzugehen, sie zum Gegenstand einer
rechtlichen Würdigung zu machen und aus ihnen Grundlegendes über Prinzipien
eines gedanklichen Systems abzuleiten?
Diese Fragen berühren ein Charakteristikum des Jüdischen Rechts, das dieses von anderen Rechtssystemen unterscheidet. Sie verdienen eine besonderen behandlung.