Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte

Tora - Kommentare, Beschreibungen


Samuel (Folge 5)

Für Bibel-Kommentarschreiber ergeben sich mindestens zwei Betrachtungsebenen: Erstens die Sicht der damaligen Menschen und ihres Glaubens, der für sie die Realität war, und zweitens, was wir mit Sicherheit als die damalige Realität ausschließen können. Die Menschen, und nicht nur die gläubigen Juden glaubten an die göttliche Vorsehung, dass Gott nämlich, alles geschaffen hat und für alles verantwortlich ist. Das ist die eine Seite, wohingegen wir heute sagen können, dass Gott sich in das Geschehen einzelner und kollektiver Schicksale nicht direkt einmischt und auch kein Zwiegespräch mit einzelnen Personen hält (das ist auch die Meinung vieler gläubiger Theologen). Wer hat also die Botschaften Gottes produziert und, manchmal auch in gutem Glauben, die Schicksale Einzelner oder auch der Völker manipuliert?

Bei Samuel bezeugen seine Äußerungen, dass er sich für den Boten Gottes hält und mit Recht in seinem Namen spricht. Seine Härte gegenüber Saul, den er zum König ausgesucht und gekrönt hat, wird von zweierlei Quellen genährt. Nur widerstrebend ist er der Forderung der Volksvertreter nachgekommen, ein Königtum einzurichten. Darüber hinaus erwies sich der ausgesuchte König als sehr tüchtig, der keines Mentors bedurfte und nicht nur seine Aufgabe vorzüglich meisterte. Er einigte auch die israelitischen Stämme zu einem Volk, schuf ein Königreich mit einer tüchtigen Streitmacht, war ein guter Stratege, der die Feinde Israels besiegte. Das alles war Samuel, der als der Volksführer anerkannt war, nicht recht.

Von zwei schicksalhaften Begegnungen dieser beiden Protagonisten erzählte ich in der vergangenen Woche. Samuel bedrängte den König Saul mit schlimmen Weissagungen Gottes. Der gottesfürchtige König, der in Samuel das Sprachrohr Gottes sah, war wegen der bewusst gewollten Attacken Samuels besorgt und sehr betroffen. Wenn Saul als Folge von Samuels Tiraden manchmal in Verfolgungsvorstellungen versank – ich sage absichtlich nicht Verfolgungswahn oder Depression – ist es nur verständlich. Samuel behauptete nicht nur, dass Gott JHWH den König Saul verwarf, sondern bereits einen anderen, besseren Mann, an seiner Stelle auserwählt hatte: Und JHWH sprach zu Samuel (so steht es in dem Buch): Fülle dein Horn mit Öl und geh hin: Ich will dich senden zu dem Bethlehemiter Isai; denn unter seinen Söhnen habe ich mir einen zum König ersehen. Ob Saul von der Salbung eines anderen Israeliten zum König zu seinen Lebzeiten und während seiner Regentschaft etwas zu Ohren gekommen ist, wissen wir nicht, möglich wäre es schon.

Jedenfalls bewirkten die unbarmherzigen Anfeindungen Samuels, dass der König immer sonderbarer wurde. In der Sprache der Bibel heißt es: Der Geist des JHWH aber wich von Saul, und ein böser Geist von JHWH verstörte ihn. Da sprachen die Diener Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott verstört dich. Unser Herr befehle nun seinen Dienern, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand darauf spiele, und es besser mit dir werde. Da sprach Saul zu seinen Dienern: Seht nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir.

Man fand für den König einen Harfenspieler, der die Laune des Königs in Notsituationen verbessern konnte, was jedoch nicht von Dauerwirkung war. Dieser Harfenspieler war David.

Samuels Abneigung und Verhalten gegenüber dem König war derart extrem, fast pathologisch, dass man nach dem Grund fragen muss, zumal Saul sich stets loyal verhielt. Kannte Samuel das Gefühl Mitleid?

Seine Biographie gäbe hierfür einen Hinweis. Samuels Mutter war zunächst jahrelang kinderlos. Sie betete um ein Kind und versprach für die Erhörung ihrer Bitte, das Kind zum Diener Gottes zu weihen. Hanna wurde schwanger, und sie gebar einen Sohn und nannte ihn Samuel. Nachdem sie ihn entwöhnt hatte, brachte sie ihn in das Haus des JHWH nach Schilo. Der Knabe war aber noch sehr jung. Seine Mutter besuchte ihn jährlich und brachte ihm ein kleines Obergewand, das sie gemacht hatte. Das Kind wuchs seit der Entwöhnung ohne mütterliche Liebe und Zuneigung auf. Es ist fraglich, ob er fähig war, Empathie zu empfinden.


Gabriel Miller