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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

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Rechtsgeschichte

Tora - Kommentare, Beschreibungen


Samuel (Folge 11)

Es lohnt sich gelegentlich, ein Auge auf die literarischen Qualitäten der Bibel zu werfen. Besonders wenn es sich um säkulare, nicht besonders ausgefallene Ereignisse des menschlichen Alltags handelt. Zu geradezu schriftstellerischen Hochleistungen kommt es in der Erfindung von Gleichnissen. (2. Samuel, Kap. 14)

Der Hintergrund ist leicht und schnell darzustellen: Absalom war bereits drei Jahre bei seinen Großeltern in Geschur. Er wollte nach Jerusalem zurückkehren. Joab (Hebr.= Joav), der Militär-Oberbefehlshaber und Vertraute des Königs, hat sich überlegt, wie er König David überreden könnte, Absalom nachhause zurückzurufen.

Er ließ eine kluge Frau aus Tekoa (16 km südlich von Jerusalem) holen und sagte ihr: Stelle dich wie eine Frau, die eine lange Zeit Leid getragen hat um einen Toten. Und du sollst zum König hineingehen und mit ihm reden. Und Joab legte ihr in den Mund, was sie reden sollte. Als die Frau aus Tekoa zum König kam, fiel sie auf ihr Antlitz zur Erde und huldigte ihm und sprach: Hilf mir, König! Der König sprach zu ihr: Was hast du? Sie sprach: Ach, ich bin eine Witwe, und mein Mann ist gestorben. Und deine Magd hatte zwei Söhne, die zankten miteinander auf dem Felde, und weil keiner da war, der zwischen ihnen schlichtete, schlug einer den andern nieder und tötete ihn. Und siehe, nun steht die ganze Sippe auf gegen deine Magd, und sie sagen: Gib den her, der seinen Bruder erschlagen hat, dass wir ihn töten für das Leben seines Bruders, den er umgebracht hat, und auch den Erben vertilgen. Und sie wollen den Funken auslöschen, der mir noch geblieben ist, sodass meinem Mann kein Name und kein Nachkomme bleibt auf Erden.

Diese mit Bedacht ersonnene Geschichte erinnert an Kain und Abel. Auch da stellte sich die Frage, ob man den Brudermörder bestrafen oder ihn laufen lassen würde. Und wenn er nicht der Tat gemäß bestraft würde, wie steht es dann mit Recht und Gesetz? Wir wissen, wie Gott sich dazu gestellt und wie er diese Frage beantwortet hat. Diese Frage musste sich auch David stellen, und sie wird auch jedem Leser gestellt.

Die Frau sprach weiter eindringlich: „Der König gedenke doch an JHWH, deinen Gott, damit der Bluträcher nicht noch mehr Verderben anrichte und sie meinen Sohn nicht vertilgen.“ Der König beruhigt die Frau: „So wahr JHWH lebt: Es soll kein Haar von deinem Sohn auf die Erde fallen.“ Womit der König, obschon zögerlich unsererseits, unsere Sympathie hat.

Das alles war eine Einleitung zu der der klugen Frau gestellten Aufgabe. Und die Frau sprach: Lass deine Magd meinem Herrn und König etwas sagen. Er sprach: Sage an! Die Frau sprach: „Warum bist du so gesinnt gegen Gottes Volk? Denn da der König nun ein solches Urteil gefällt hat, ist er wie ein Schuldiger, wenn er den nicht zurückholen lässt, den er verstoßen hat.“ Die kluge Frau deutet an, dass das Volk dem Verstoßenen (sie meint damit Absalom, den der König verstoßen, weil er Amnon getötet hatte) seine Tat bereits verziehen hat. Der König war ohnehin geneigt, seinem Sohn Absalom zu verzeihen, und er wittert hinter dieser Apologetik der Frau die List Joabs. Ich kann mir den König schmunzelnd vorstellen, als er die Frau ermahnt, ihm die Wahrheit zu sagen: „Ist nicht die Hand Joabs mit dir in alledem?“ Die Frau gibt es zu, worauf der König zu Joab sprach: Siehe, ich will es tun; so geh hin und bringe den jungen Absalom zurück.

So machte sich Joab auf und zog nach Geschur und brachte Absalom nach Jerusalem. Aber der König sprach: Lass ihn wieder in sein Haus gehen, doch mein Angesicht soll er nicht sehen. So kam Absalom wieder in sein Haus, doch des Königs Angesicht sah er nicht.

Es dauerte weitere zwei Jahre, bis der König den Tod seines Erstgeborenen Amnon verschmerzt hatte, danach durfte Absalom zu ihm kommen, und der König hat ihn umarmt und geküsst.

Nun konnte Absalom mit der Verwirklichung seiner Pläne beginnen, und diese waren ambitiös und weitreichend. Als erstes verschaffte er sich einen Wagen und Rosse und fünfzig Mann, die vor seinem Wagen herliefen. Man könnte sagen, dass es Großmannssucht, wenn nicht sogar königliche Allüren waren.


Gabriel Miller