Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte

Tora - Kommentare, Beschreibungen


Könige (Folge 4)

Eine hypothetische Frage: Was würden wir uns erbitten, wenn plötzlich ein Dschinn oder ein anderes Fabelwesen erschiene und uns anböte, uns irgendeinen Wunsch zu erfüllen? Gesundheit, langes Leben, Reichtum, Ruhm, ein Königreich? Ich, für meine Person, wüsste es nicht! Dem König Salomo wurde von Gott ein ähnliches Angebot gemacht: Bitte, was soll ich dir geben!

Salomos Antwort war kurz: Ein hörendes Herz, verstehen, was gut und böse ist. Also bat Salomo um Klugheit und Weisheit. Das hat Gott offensichtlich nicht erwartet, und er sprach: Weil du darum bittest und erbittest weder langes Leben noch Reichtum noch deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, das Recht zu verstehen, siehe, so tue ich nach deinen Worten. Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, sodass deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird. Und weil Salomos Begehren für Gott eine so erfreuliche Überraschung war, belohnte er ihn zusätzlich: dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, nämlich Reichtum und Ehre, sodass deinesgleichen keiner unter den Königen ist zu deinen Zeiten. Und wenn du in meinen Wegen wandelst, so will ich dir ein langes Leben geben.

Und als Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam nach Jerusalem und trat vor die Lade des Bundes des Herrn und opferte Brandopfer und Dankopfer und bereitete ein großes Festmahl. Anschließend erzählt uns die Bibel (1. Könige, Kap. 3, Vers 16ff.), wie sich die Gabe Gottes im richterlichen Alltag des Königs ausgewirkt hat. Die folgende Erzählung hat sich auch unter Bibelunkundigen herumgesprochen und wird allgemein als „Salomos Urteil“ bezeichnet.

„Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. Und die eine Frau sprach: Ich und diese Frau wohnten im selben Hause. Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und wir waren beieinander, und kein Fremder war mit uns im Hause, nur wir beide. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als ich schlief, und ihren toten Sohn legte sie zu mir. Als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte. Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt.“ Außer diesen Beteuerungen gab es keine weiteren Hinweise, keine Zeugen und keine Indizien. Der König musste aber eine Entscheidung treffen.

„Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde, sprach der König: Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sagte die Frau, deren Sohn lebte – denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen! Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet es nicht; die ist seine Mutter.“

Forscher fanden heraus, dass zur gleichen Zeit (ca. 2500 v.) in Indien eine fast identische Geschichte erzählt wurde. Sie waren sich einig, dass eine bestimmte Erzählung nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten entstehen könne, sie konnten sich jedoch nicht einige werden, ob die Erzählung von ismaelitischen Karawanen von Indien nach Jerusalem oder in umgekehrter Richtung gewandert sei. Wobei ich selbst glaube, dass der Entstehungsort nicht von erstrangiger Bedeutung ist, eher der Ort, wo die Erzählung am Leben bleibt und ihre Lehre und Wirksamkeit weiterverbreitet. Die Bibel ist dafür ein erstklassiger Multiplikator, besonders in Ländern, wo sie zum schulischen Pflichtfach gehört und von zehn- bis dreizehnjährigen Schülern (wie z.B. in Israel) vorgenommen wird. In diesem Fall geht es um die Erkenntnis der Priorität der Weisheit über materielle Vorteile, oder mit anderen Worten, die Wichtigkeit von Lehre und Studium, und zwar gekoppelt mit der Aussicht, dass die anderen Annehmlichkeiten des Lebens durch das voraus angeeignete Wissen sich dann mit leichterer Mühe einstellen könnten.


Gabriel Miller