Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte

Tora - Kommentare, Beschreibungen


Könige (Folge 3)

Wie wissen es bereits, „vor seinem Ableben ermahnt König David seinen Sohn Salomo: bewahre den Dienst JHWHs, deines Gottes, dass du wandelst in seinen Wegen und hältst seine Satzungen …, wie geschrieben steht im Gesetz des Moses, damit dir alles gelinge“.

Außerdem erschien Gott Salomo im Traum und sprach: Wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, dass du hältst meine Satzungen und Gebote, wie dein Vater David gewandelt ist, so will ich dir ein langes Leben geben (Kap. 3, V. 5 ff). Gott sprach auch ein zweites Mal mit Salomo: „Als Salomo das Haus des JHWH gebaut hatte, erschien ihm JHWH zum zweiten Mal. Und Er sprach zu ihm: Wenn du vor mir wandelst, wie dein Vater David gewandelt ist, mit rechtschaffenem Herzen und aufrichtig…. und meine Gebote und meine Rechte hältst, so will ich bestätigen den Thron deines Königtums über Israel ewiglich. Werdet ihr euch aber von mir abwenden, und anderen Göttern dienen, so werde ich Israel ausrotten“ (Kap. 9, V. 5 ff, gekürzt).

Das waren wohl genügend Ermahnungen und Hinweise. Trotzdem lesen wir kurz darauf, „der König Salomo liebte viele ausländische Frauen: die Tochter des Pharaos und moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hetitische“; wobei das im Prinzip nicht verwerflich wäre. Vielleicht kannten diese Frauen interessantere Praktiken als die Einheimischen; andererseits waren diese Frauen „aus solchen Völkern, von denen JHWH den Israeliten gesagt hatte: Geht nicht zu ihnen …; sie werden gewiss eure Herzen ihren Göttern zuneigen. An diesen hing Salomo mit Liebe.“ Dazu kommt, dass seine Frauen wirklich sein Herz fremden Göttern zuneigten…. So diente Salomo der Astarte, der Göttin der Sidonier, und dem Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter…. JHWH aber wurde zornig über Salomo, dass er sein Herz abgewandt hatte.“ Und es folgten sogenannte Strafen.

Die Frage, die sich mir stellt: Warum ist der weise Salomo dieses Risiko eingegangen, was hat er sich dabei gedacht? Ich versuche eine vernünftige Antwort zu finden. Salomo baute für JHWH einen Tempel, und bei der Einweihung des Tempels sprach er ein Gebet (Kap. 8), der Gott pries und verherrlichte und Gnade für das Volk und für die einzelnen Israeliten erflehte, was nicht ungewöhnlich war. Jedoch gab es in seiner Rede eine Bemerkung, die mir etwas ungewöhnlich erscheint und eine nähere Behandlung verdient. Er sagte wörtlich: „Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und alle Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe?“

Man könnte diesen sehr schön formulierten Satz als eine Metapher betrachten, die die Größe Gottes veranschaulichen soll. Doch ich sehe hier viel mehr als nur eine dichterische Pointe. Wenn der weise Salomo auf die Idee gekommen ist, dass alle Himmel (es gab Zeiten, in denen die Menschen an sieben Himmel glaubten) nicht Gott beherbergen können, dann, muss sich der denkende Mensch sagen: Gott befindet sich außerhalb des uns bekannten Universums. Wenn sich Gott tatsächlich außerhalb des Kosmos befindet, stellt sich eine weitere Frage: Welches Interesse kann ein Gott, der sich jenseits der Himmel und der Sterne befindet und dies alles beherrscht, an einer Gesellschaft von Menschen haben oder gar an dem Individuum? So gesehen würde dieser Gedanke auch so ungelöste Fragen beantworten, wie „warum ist der böse Mensch erfolgreich und der Gerechte muss leiden?“ Und noch andere unerklärliche Fragen. Gott sollte dafür nicht verantwortlich gemacht werden, und er ist auch nicht die Adresse, um sich zu beschweren.

Der „weiseste Mensch“ Salomo muss sich solche Gedanken gemacht haben. Ich glaube nicht, dass er sich gesagt hat: an so etwas darfst Du nicht denken. Die Gedanken kann man nicht dirigieren oder stoppen. Also, würde er sich wahrscheinlich gesagt haben, die schönen Geschichten über Gott und seine Kommunikation mit Menschen sind Erzählungen, die die Menschen zum Glauben führen sollen, in der Wirklichkeit aber nicht begründet sind, also wird es auch nicht schaden, wenn ich da und dort von den sogenannten Geboten abweiche.


Gabriel Miller