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Rechtsgeschichte - Jesaja

Rechtsgeschichte

Hebräische Bibel

Jesaja - neu gelesen*

Ist es nicht anmaßend, zweieinhalb Jahrtausende nach der Niederschrift der hebräischen Bibel, über Jesaja zu schreiben? Wurde nicht alles, was man über ihn wusste und ahnte, bereits gesagt und geschrieben? Ja, doch! Und es ist auch nichts Neues hinzugekommen, nichts Neues in Erfahrung gebracht worden, und auch moderne originelle Interpretationen sind kaum noch möglich. Was aber zur Beschäftigung mit ihm, mit seinen Worten berechtigt, geradezu danach verlangt, ist die frappierende Aktualität seiner Botschaft.

Im Königreich Judäa taucht in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v.d.Zt. ein Mann auf, der nichts Gutes über das Volk zu sagen hat. Er verkündet das Wort eines zornigen Gottes, der das Schlimmste mit seinem Volk Israel im Sinne hat. Warum der Zorn Gottes so unermesslich groß ist, sagt Jesaja gleich zu Beginn seiner Prophezeiung. Es ist die große Enttäuschung eines Vaters, der seine Söhne großgezogen hat und miterleben muss, wie sie seine Lehren verleugnen und wider seiner Gebote handeln. „Ich habe Kinder großgezogen und erhöht, und sie sind von mir abgefallen!“ 1) Was hat nun dieses Volk verbrochen, dass der Prophet es als „sündiges Volk“, „boshaftes Geschlecht“ und „verderbte Kinder“ bezeichnet, „die den HERRN verlassen, den Heiligen Israels lästern“? Hat das Volk etwa den Dienst an Gott gekündigt, besucht es nicht mehr den heiligen Tempel, weigert es sich Opfer darzubringen? Nein, ganz im Gegenteil: Gott will diese Opfer nicht mehr, seinen Abscheu vor dem Gottesdienst der Israeliten bringt er ganz krass zu Ausdruck: „Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel!“ Was Jesaja will, das sagt er auch, indem er sich an die Führer des Volkes wendet, „höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom!“ und das Volk beschimpft er mit den Worten: „nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

„Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!“ Darum geht es Jesaja. Er will soziale Reformen. Das ist für ihn der wahre Gottesdienst. Er fordert eine Abkehr von der Ausbeutung der unteren und wehrlosen Schichten durch die Führung des Staates und der Oberschicht. „Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen, sie nehmen alle gern Geschenke an und trachten nach Gaben. Den Waisen schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie.“ Es muss aber nicht so sein. Früher war es anders. „Wie geht das zu, dass die treue Stadt zur Hure geworden ist? Sie war voll Recht, Gerechtigkeit wohnte darin; nun aber - Mörder.“ Also könnte das Volk eine Kehrtwende machen, und Jesaja sehnt diese Zeit herbei, aber er sieht nur wenig Hoffnung.

Es ist schon erstaunlich, was dieser Mann Jesaja sich zu sagen traut. Judäa war schließlich keine Demokratie des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Das Land wurde von einem König und der Aristokratie beherrscht, wobei man auch das Priestertum am heiligen Tempel zur Aristokratie zählen kann. Und die waren über solche Worte bestimmt nicht erfreut. Zwar hatte das Volk Respekt und eine gewisse Ehrfurcht vor Männern, die im Namen Gottes sprachen. Woher sollte man aber wissen, ob dieser Mann das Wort Gottes verkündete? Es gab ja schließlich auch die (wie man sie später gerne bezeichnete) „falschen“ Propheten. Und diese bestätigten die Herrschenden und versprachen nur Gutes. Darüber hinaus war das Darbringen von Opfern der einzige Gottesdienst seit den Zeiten Moses; dagegen zu sein konnte leicht als Gotteslästerung betrachtet werden. Trotzdem hatte der Jesaja die Zivilcourage, gegen das Establishment und das Volk zu wettern.

Jesaja tat aber noch mehr als das. Er prophezeite den Untergang des Staates und des Volkes, was einem Staatsverrat gleichkommt. „Darum spricht der Herr, der HERR Zebaoth, der Mächtige Israels: Wehe! Ich werde mir Trost schaffen an meinen Feinden (damit ist Israel gemeint) und mich rächen an meinen Widersachern und will meine Hand wider dich kehren und wie mit Lauge ausschmelzen, was Schlacke ist, und all dein Zinn ausscheiden.“ Gott wird das Volk nicht ganz vernichten, nur reinigen und das Böse ausscheiden. „Zion muss durch Gericht erlöst werden und die zu ihr zurückkehren, durch Gerechtigkeit. Die Übertreter aber und Sünder werden allesamt vernichtet werden, und die den HERRN verlassen, werden umkommen. Denn ihr werdet sein wie eine Eiche mit dürren Blättern und wie ein Garten ohne Wasser; und der Starke wird sein wie Werg und sein Tun wie ein Funke, und beides wird miteinander brennen, und niemand löscht.

Liest man diese Worte des Jesaja im ersten Kapitel im Zusammenhang, kann man sich an den ausdrucksstarken Worten, an den bildlichen Beschreibungen, an diesem großartigen Dichtwerk berauschen (wobei die hebräische Urschrift noch viel eindrucksvoller ist). Heute würde man Kritiker, die so leidenschaftlich das eigene Volk ermahnen und zurechtweisen, als „Selbsthasser“ bezeichnen, oder im besten Fall, so man ihnen nicht schaden will, sie als Querulanten ignorieren. Wie würden aber Opportunisten, freiwillig gleichgeschaltete Medien und Mitläufer einen Jesaja bezeichnen, der das Strafgericht Gottes über sie beschwor? An einer anderen Stelle (Kap. 6) sieht Jesaja keine Möglichkeit mehr für eine Rückkehr des Volkes zum Leben in Anstand und Würde, als durch seine fast völlige Vernichtung. Und wie soll das geschehen? Erstaunlich für den Leser und theologisch höchstproblematisch: Gott will die Bekehrung des Volkes nicht mehr. Die Enttäuschung und der Zorn sind zu groß. „Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet' s nicht; sehet und merket' s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“ Eine Bekehrung und Buße werden durch Gott geradezu verhindert. Und Jesaja fleht Gott an: „Herr, wie lange (soll das Leiden dauern)?“ Darauf die Antwort Gottes: „Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. Denn der HERR wird die Menschen weit wegtun, so dass das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden.“ Jesaja hat keine Hoffnung mehr, dass aus diesem Volk noch etwas Gutes werden kann, bis es fast völlig zerstört ist. Erst danach kann etwas Neues aufgebaut werden: „Wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.“

Solche kritischen staatsfeindlichen Worte hat man in der Geschichte kaum je von einem Menschen gehört, der das auch überlebt hat. Nicht der Staat, nicht das Land, nicht das Volk waren für Jesaja wichtig. Allein eine gerechte Gesellschaft, die die ethisch-moralischen Normen des mosaischen Rechts vor Augen hat und sich daran orientiert. Dafür hat er sein Leben riskiert. Viele Jahrhunderte hat sich das Volk des Buches an diesem Vorbild orientiert und seine Söhne und Töchter haben versucht, nicht selten auch unter dem Einsatz ihres Lebens, sich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Solche Mahner und Ermahnungen werden in den letzten Jahren seltener. Der einzelne Mensch wie auch die Gesellschaft werden nach und nach in den Hintergrund gedrängt. Der Staat, die Nation dominieren immer mehr das Bewusstsein und das Handeln. Und da drängt sich die Frage nach Jesaja in neuer Aktualität auf: Muss erst alles zerstört werden, bevor ein neuer Same aufkommt und eine neue gerechte Gesellschaft aufbaut? Ist die Zeit für eine Umkehr zu spät?

Gabriel Miller

1) Alle Zitate, mit Ausnahme einer Stelle im Kap. 6, sind dem 1. Kapitel entnommen:

* Veröffentlicht in:

"Frankfurter Jüdische Nachrichten", April 2004

"Kescht" Informationsblatt über liberales Judentum, April-Juni 2004

"PaRDeS" Informationsblatt der Vereinigung für Jüdische Studien e.V., April 2004

Der hebräische Text mit der Luther-Übersetzung.