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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtsgeschichte - Historie und Quellen - Kapitel 5

Rechtsgeschichte

Einführung in Geschichte und Quellen des Jüdischen Rechts

JÜDISCHE UND RÖMISCHE GERICHTSBARKEIT

Erarbeitet von der Forschungsstelle nach dem Artikel „Jewish and Roman Jurisdiction“ von Alfredo Mordechai Rabello
verantwortlich Dr. G. Miller

Gliederung:

  • Einführung
  • Jüdische Gerichtsbarkeit in Palästina bis zum Ende des ersten Jüdischen Krieges von 63 v. – 70 n. Chr.
  • Zwischen den zwei jüdischen Revolutionen (70-135 n. Chr.)
    • Staatsbürgerschaft
    • Römische Gerichte
      • a) Die Anwendung von jüdischem Recht durch römische Gerichte in Palästina (70-132 n. Chr.)
      • b) Die Anwendung von Römischem Gesetz auf Römer und Nicht-Römer in römischen Gerichten: der Fall Babatha
    • Jüdische Gerichte
      • a) Jüdische Gerichte in Palästina vor der Bar Kochba Revolution, 132 n. Chr.
      • b) Juden und Nicht-Juden vor Jüdischen Gerichten
  • Palästina von der Bar Kochba Revolution (135 n. Chr.) bis zur Christianisierung des römischen Weltreiches
  • Die christliche Periode (313-565 n. Chr.)
  • Die Diaspora (Jüdische Gemeinden außerhalb Palästinas)
    • Ägypten und andere Provinzen
    • Jüdische Gerichtsbarkeit in der Diaspora
  • Einige Fragen hinsichtlich des Familienrechts
  • Bibliographie

Jüdische und Römische Gerichtsbarkeit

I. Einführung

Im nachfolgenden Text soll das Ausmaß betrachtet werden, in welchem die römische Autorität (welche das gesamte Gebiet des Mittelmeeres besetzt hatte, darunter auch Palästina, unter den Juden besser bekannt als „Erez Israel“, das Land Israel) den Juden erlaubten, ein eigenes Zivilrecht zu haben, mit dem die Angelegenheiten der Juden untereinander geregelt werden sollte. Aus der Sicht der Römer war dies eine Frage der Gerichtsbarkeit.

Die Problematik der Gerichtsbarkeit in Israel ist ein sehr komplexer Bereich, seine Schwierigkeiten ändern sich abhängig von den entsprechenden Quellen und auch Zeitabschnitten. Die jüdische Gerichtsbarkeit muss jedoch zum einen in das Privatrecht, welches zum Beispiel das Familienrecht, das Vertragsrecht oder auch das Grundstücksrecht beinhaltet, und zum anderen in die öffentliche Gerichtsbarkeit, welche das Strafrecht beinhaltet, unterschieden werden. Ferner stellen sich weitere Fragen, wie zum Beispiel, was die Charakteristiken der Gerichte, die die Gerichtsbarkeit über die Juden in Zivil –und Strafsachen ausübten, waren? Waren diese jüdische oder ein römische Gerichte? Gab es Schnittpunkte von jüdischen und römischen Gerichten? Nach welchem Recht wurde geurteilt? Nachdem der Juden oder dem der römischen Besatzung? Eine andere Frage ist die, ob das römische Recht den Juden das Recht gab, eigene Gerichte zu bilden, die rechtsgültige Urteile aussprechen konnten (sog. res iudicatia), so dass dieselbe Sache nicht nochmals vor einem römischen Gericht verhandelt werden musste? Ließen sich die Urteile der jüdischen Gerichte auch tatsächlich vollstrecken, und wenn ja, durch wen wurden sie vollstreckt, durch jüdische oder römische Amtsgewalt?

Des Weiteren stellt sich die Frage der Staatsangehörigkeit. Was war der „bürgerliche Status“ der Juden unter der römischen Herrschaft? Hatten die Juden noch immer eine anerkannte Staatsbürgerschaft, oder war ihr Status so reduziert, dass den Juden keine Bürgerrechte zustanden? Sofern die letzte Annahme zu bejahen ist, ist es eine wichtige Frage der Gerichtsbarkeit. Schließlich besteht keine Notwendigkeit, einem Menschen, der nur einen geringen oder gar keinen bürgerlichen Status besitzt, einen hohen gerichtlichen Status oder andere Ehrenrechte zukommen zu lassen. Im Nachfolgenden wird jeder Zeitabschnitt der Geschichte mit einer Einleitung versehen werden, welche den status civitatis (= Rechtsstellung des Bürgers) beleuchtet.

Die Problematik bezüglich der Rechtsstellung des Bürgers entsteht auch im Hinblick auf die Juden in der jüdischen Diaspora. An vielen Orten erhielten Juden örtlich begrenzte Bürgerrechte. An anderen erhielten sie die römische Staatsbürgerschaft. Jede ernsthafte Diskussion darüber muss allerdings beachten, dass sich diese Rechte in unterschiedlichen Zeitabschnitten in den verschiedenen Provinzen entwickelt haben. Der folgende Text wird sich hauptsächlich mit der Frage der Gerichtsbarkeit in Palästina zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte befassen. Danach wird auf die Form der Gerichtsbarkeit in der Diaspora eingegangen und schließlich wird zum Ende noch kurz auf die Fragen des Familienrechts hingewiesen.

II. Jüdische Gerichtsbarkeit in Palästina bis zum Ende des ersten Jüdischen Krieges von 63 v. Chr. – 70 n. Chr.

Die Juden, welche in Palästina lebten, wurden von den Römern als peregrini bezeichnet, resultierend aus Verträgen zwischen Judäa und Rom. Während die Einwohner griechischer Städte den Römern gleichgestellt waren, waren Juden als Fremde mit jüdischer Staatsangehörigkeit angesehen. Sie konnten entweder „Fremde ohne Niederlassungsrecht“, oder –was in den meisten Fällen auch zutraf -„Fremde mit dem Recht auf einen Wohnsitz“ sein. Allerdings hatten sie in keinem der beiden Fälle das Recht auf eine Staatsbürgerschaft.

Darüber hinaus gab es eine große Anzahl von Juden, denen örtlich begrenzte Rechte zugestanden wurden. Menschen, die Inhaber der griechischen Staatsbürgerschaft waren, wurden von der Verehrung bzw. dem Götzendienst für regionale Gottheiten befreit; ein Zustand; der häufig zu Aufständen unter der Bevölkerung führte, weil so eine Ungleichbehandlung durch die römischen Besatzer vorgenommen wurde. Darüber hinaus gab es auch Juden, die die römische Staatsbürgerschaft besaßen (sog. civis Romani). Dies waren entweder frühere Sklaven, die von ihren Herren – welche selbst römische Staatsbürger sein mussten - befreit wurden oder „freie Menschen“, denen die römische Staatsbürgerschaft als eine Belohnung von der Regierung gewährt wurde. Schließlich gab es noch jüdische Sklaven (sog. servi).

Aus vielen Quellen ist heute ersichtlich, dass die Juden Regeln festlegen konnten, die das Miteinander unter ihnen regeln sollten. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob diese Verfahrensweise rechtlich anerkannt war.

Zu Beginn der römischen Besetzung von Palästina waren die Römer sich sehr bewusst, wie sehr die Juden ihre eigenen Traditionen, welche darüber hinaus auch zumeist religiöse Bedeutung hatten, wertschätzten Die Römer hatten kein Interesse daran, sich in die innere Angelegenheiten der Juden einzumischen. Man ging in Rom davon aus, dass jede innerjüdische Einmischung Roms extrem negativen Konsequenzen nach sich ziehen könnte, welche sogar bis zu einer Revolution in den besetzten Gebieten führen könnten. So beließ Pompej (welcher 63 v. Chr. das Hasmonäische Königreich stürzte und eine neue Ordnung in Palästina einführte) Judäa unter der Regierung von Hyrcanus II (der letzte der Hasmonäischen Dynastie) als Ethnarch (=der höchste jüdische offizielle in Palästina) und hohen Priester; nach der schwierigen Regentschaft von Gabinius stellte Julius Cäsar die Herrschaft von Hyrcanus II im Jahr 47. v. Chr. wieder her. Hyrcanus Regierungszweck hatte hauptsächlich einen religiösen Charakter. Seine Pflichten waren vorwiegend religiöser Natur und standen im Zusammenhang mit dem Tempel in Jerusalem. Er war der Aufsicht des römischen Herrschers von Syrien untergeordnet. Erwähnenswert ist vor allem, dass er von den Römern das Recht erhielt, seine Nation zu verwalten, soweit das „Recht der Väter“ (=das Recht, das sich aus der historischen Entwicklung und des alten Testamens ableitete) anzuwenden war. In dieser Weise wurde das Prinzip der rechtlichen Autonomie der Juden bewahrt.

Im Normalfall war es so, dass – soweit Zivilrecht galt - sich  nicht in die Veränderung des „Recht der Väter“ einmischte. Dies war besonders in der Regentschaft von König Herodes 37 v. Chr. – 4. v. Chr. der Fall. Lokale Gerichte wandten dieses Recht nach den traditionellen Normen an. Natürlich trugen die inneren Konflikte zwischen den verschiedenen Klassen, insbesondere den Pharisäern und Sadduzäern, nicht zur Lösung der Frage bei, ob Rom die Unabhängigkeit des Zivilrechts beließ, so wie es dies zu tun schien.

Im Jahr 6 n. Chr. wurde Judäa zu einer römischen Provinz und der römische Herrscher wurde zu der höchsten Autorität in zivil- uns strafrechtlichen Angelegenheiten. Es wurden für Palästina die selben Regeln angewandt, wie sie von Rom auch in anderen Provinzen angewandt wurden, jedoch wurden diese auf die Bedürfnisse in Palästina angepasst. Jüdische Gerichte (z. B. die lokalen Gerichte) hatten die Autorität, Urteile in Zivilfällen zu fällen, bei denen Juden beteiligte Parteien waren. Probleme gab es indes bei Fällen, in denen Juden und Nichtjuden beteiligt waren. In diesen Fällen hatten römische Staatsbürger das Recht – soweit betroffen - solche Fälle vor ein römisches Gericht zu bringen.

Die jüdischen Gerichte waren unter anderem dafür verantwortlich, einen Vormund zu benennen, vor allem dann, wenn der Fall einen nicht-römischen Bürger betraf. Das römische Gesetz verlangte, dass sowohl Kinder unter 14 Jahren als auch Frauen vor einem Gericht durch einen Vormund vertreten wurden. Eine der Verantwortlichkeiten der jüdischen Gerichte war die Ernennung eines Vormundes, der einen Fall zu behandeln hatten an dem auch ein nicht-römischer Staatsbürger beteiligt war. Im Fall, dass ein römischer Staatsbürger eine der Parteien war, wurde automatisch ein Mitglied seiner Familie als Vormund berufen wurde. Der gebräuchliche Begriff für den Vormund, apotropos, legt nahe, dass auch diese Einrichtung des jüdischen Rechts aus einer hellenistischen Quelle herrührt.

Neben den Gerichten gibt es als Quellen noch Archive, die aus griechischen Städten (Städte mit einem überproportionalem Anteil griechischer Bevölkerung z. B. Cäsarea, Gaza und Syctopolis) stammen. Diese Archive dienten dazu, dass Urteile und andere juristische Dokumente bekräftigt und für gültig erklärt werden konnten.

Die römischen Präfekten der einzelnen Provinzen hatten zu dieser Zeit die Macht, sich auch bei zivilrechtlichen Streitigkeiten einzubringen. Von diesem Recht machten sie meist nicht Gebrauch, weil sie sich in die innerjüdischen Probleme nicht einmischen wollten. Dies wurde jedoch nicht im ganzen römischen Reich so praktiziert. Nachdem nun auch Judäa zu einer römischen Provinz wurde, sorgte dennoch auch dort der römische Herrscher dafür, dass sich eine autonome Ziviljustiz in Judäa etablieren konnte. Rom betrachte die Autonomie der jüdischen Gericht als einen wesentlichen Stützpfeiler der Ziviljustiz in der Provinz.

Die Bewohner hatten somit einen Status als „Ausländer des römischen Reiches mit dem Recht, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln“. So war es möglich, dass sich jüdische Gerichte in Palästina errichten konnten, und Fälle behandelten, in denen Juden die Streitparteien waren.

Soweit allerdings das Strafrecht betroffen war, lässt sich heute nicht genau sagen, in welchen Grenzen die Römer den Juden eine juristische Autonomie zugestanden. Als Beispiel hierfür kann die Verurteilung des Jesus von Nazareth angesehen werden, dessen Kreuzigung erst von dem römischen Statthalter Pontius Pilatus angeordnet wurde bzw. der den Schuldspruch aussprechen musste. Ein schwieriges Problem stellte auch die Bestrafung eines Menschen dar, der den verbotenen Teil des Tempels in Jerusalem betrat, ohne zu wissen, dass er dies nicht durfte. Der Historiker Jean Juster ist hier der Auffassung, dass die Sahnhedrin (oberste richterliche Instanz) das Recht hatten – in Übereinstimmung mit dem römischen Recht - solche Menschen (auch wenn sie römische Staatsbürger waren) zu exekutieren. Juster begründet dies mit einem mehrdeutigen Paragraphen  von Josephus, welcher im Gegensatz zu anderen Quellen steht. Dieses Recht würde aber allen uns bekannten anderen Quellen widersprechen. Es gibt weder eine römische noch eine jüdische Quelle, welche uns derzeit zugänglich wäre, die besagt, dass den Sahnhedrin das Recht eingeräumt wurde, aus irgendeinem Grund die Todesstrafe über einen römischen Staatsbürger zu verhängen. Vermutlich handelte es sich bei der Tötung (Todesstrafe) eines römischen Staatsbürgers, der dem Verbot, Teile des Tempels zu betreten zuwider handelte, eher um einen Akt der Selbstjustiz als um einen Akt der Regierung oder der Exekutive.

III. Zwischen den zwei jüdischen Revolutionen (70-135 n. Chr.)

1. Staatsbürgerschaft

Wenn man der Theorie des deutschen Historikers Th. Mommsen folgt, dann verloren nach dem  Krieg im Jahr 70 n. Chr., welcher mit der Zerstörung von Judäa endete, alle Juden in dem römischen Reich ihre früher einmal zugestanden Rechte. Nach Mommsen war Judaismus nicht mehr eine Staatsreligion der jüdischen Bevölkerung, sondern wurde nur noch als „geduldete Religion“ von den Römern angesehen. Juster wiederspricht dieser Theorie. Seiner Meinung nach hatte die Zerstörung des Staates Israel keinen Einfluss auf den bürgerlichen Status der jüdischen Bevölkerung im römischen Reich. Er ist der Auffassung, dass die Juden auch nach 70 n. Chr. weiterhin eine große Anzahl von Privilegien behalten durften. Juster begründet dies mit dem Respekt der Römer vor der jüdischen Religion und den jüdischen Gesetzen. Seine Kritik an der Theorie von Mommsen zeigt im besonderen auf, dass zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten sich verschiedene Entwicklungen vorgetan haben und diese nicht zu verallgemeinern sind. Besonders deutlich wird dies anhand der jüdischen Gemeinschaft in Palästina. Durch die Zusammenarbeit von Juden und Römern konnten dort die Juden meist ihre Rechte behalten.

2. Römische Gerichte

a) Die Anwendung von jüdischem Recht durch römische Gerichte in Palästina (70-132 n. Chr.)

In jeder Provinz existierten Spezialgesetze. Im Folgenden wird auf solche der Provinz Syrien-Palästina eingegangen. Um sich hier ein genaues Bild zu machen, muss man zum einen die Rabbiner als Quellen untersuchen und zum anderen die römischen Quellen.

In Fällen, an denen nur Juden beteiligt waren und die das Zivilrecht betrafen, hatte das jüdische Gericht die Autorität, ein Urteil zu fällen. Allerdings war dies kein exklusives Recht des jüdischen Gerichts mehr, wie es vor dem Krieg bestand. Es bestand nun ein Konkurrenzverhältnis zu den römischen Gerichten. Aber diese römischen Gerichte hätten nun auch das jüdische Recht anwenden können. Rabbi Elenzar ben Asaria (einer der großen Weisen von Javne, einer jüdischen Stadt in Palästina, am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus) schrieb hierzu, dass es besonders wichtig sei, dass nichtjüdische Gerichte das jüdische Recht anwenden, wenn sie über eine Juden zu Gericht sitzen. Sollte jüdisches Recht nicht angewandt werden, wären die Urteile ohne jede Rechtsgültigkeit. Demnach müssten wir die Worten von Rabbi Elenzar ben Asaria so interpretieren, dass es nichtjüdischen Gerichten erlaubt war, über Juden zu richten –allerdings nur, wenn auch jüdisches Recht angewandt wurde. Somit kann davon ausgegangen werden, dass römische Gerichte auch auf das jüdische Recht Rücksicht genommen haben.

b) Die Anwendung von Römischem Gesetz auf Römer und Nicht-Römer in römischen Gerichten: der Fall Babatha

In Palästina besaß der römische Statthalter – ähnlich wie in allen anderen Provinzen - rechtsprechende Gewalt, welche mit derjenigen der örtlichen Gerichte zusammentraf. Seine Oberaufsicht über die Zivil- und Strafjustiz war eine seiner wichtigsten Verantwortungsbereiche. Seine Autorität wurde in den verschieden Teilen der Provinz von dem sogenannten conventus (Gericht) ausgeübt. Der Staathalter richtete hauptsächlich nur in zivilrechtlichen Fällen, bei denen römische Staatsbürger untereinander stritten. Hierbei hatte er dieselbe Funktion wie der praetor urbanus (oberster Richter in Rom). Bei seinen Urteilen beachtete der Statthalter stets die Gesetze und Verordnungen der römischen Provinz. Besonders zu erwähnen ist hier, dass zu dieser Zeit viele Römer in Palästina lebten. Diese waren meist Mitglieder der Provinzregierung, Soldaten, Menschen, die erst die römische Staatsbürgerschaft erhielten (wie zum Beispiel die Familie des König Herodes), frühere Sklaven, welche von ihren Herren die Freiheit bekamen, oder auch nicht-jüdische Staatsbürger, welche in Palästina lebten. Die römischen Richter behandelten meist nur Fälle, in denen auch römische Staatsbürger als Parteien betroffen waren, besonders in den Fällen, in denen ein römischer Staatsbürger angeklagt war.

Vor kurzem wurde in der nähe von Ein Gedi (ein Ort am toten Meer) in der sogenannten „Höhle der Briefe“ das Archiv von Babatha, der Tochter von Simon, gefunden. Babatha lebte in Mazoa, einem kleinen Ort, der erst kürzlich bei Ausgrabungen in Arabien gefunden wurde. Aus den Dokumenten, die in diesem Archiv gefunden wurden, können wir vieles über die Zeit zwischen 93-94 n. Chr. bis 132 n. Chr. erfahren. Drei der dort gefunden Papyrusrollen aus der Zeit von 124-125 n. Chr. geben Informationen über die Anwendung von Recht zu der damaligen Zeit. In diesen Rollen wird der Fall wiedergegeben, der heute als der Fall Babatha bekannt ist. Es ist ein Streit von Babatha mit dem Vormund ihres Sohnes, Jeschua Ben Jeschua, dessen Vater verstorben ist. Obwohl Babatha nicht Besitzerin der römischen Staatsbürgerschaft war, appellierte sie in diesem Streit an das Gericht des römischen Statthalters in Petra. Aus Urkunden ist ersichtlich, dass es hier um die Versorgung des halbverwaisten Sohn und der Witwe Babatha geht – insbesondere ist hier auf Grundstücksübereignungen eingegangen worden. Nach dem jüdischen Recht wäre sie und ihr Sohn schlechter gestellt als nach römischem Recht. Die entsprechende Urkunde ist in griechischer Sprache verfasst und beinhaltet einen Eid auf den Kaiser des römischen Reiches.

Nach den dort gefunden Texten hatte ein nicht-römischer Staatsbürger das Recht, sich an ein römisches Gericht zu wenden, und dieses römische Gericht musste dann auch römisches Recht für seine Entscheidungen anwenden. Das römische Gericht durfte somit über Eigentum von Nichtrömern urteilen. Hinzufügen muss man hierbei allerdings, dass es sich hier um einen Einzelfall handelte, der sich zwischen der Revolution, die 117 n. Chr. endete, und der Revolution, die sich 132 n. Chr. ereignete, handelte. Des weiteren ist zu erwähnen, dass sich die Juden durchaus der Gefahren bewusst waren, welche sich für das jüdische Recht hinter den Gesetzen der Besatzer verbargen.

3. Jüdische Gerichte

a) Jüdische Gerichte in Palästina vor der Bar Kochba Revolution, 132 n. Chr.

Nach den Kommentaren von Rabbi Eleasar (ein Schreiber der Mischnah) hatten die Römer die Möglichkeit, jüdisches Recht anzuwenden. Dies wurde schon oben dargestellt. Nach Rabbi Eleasar bestand für Juden die Möglichkeit, nicht nach römischem Recht verurteilt zu werden, sofern sie dies wünschten. Es lag in ihrer Macht, ob sie ihren Streitgegenstand vor einem römischen Gericht, das das jüdische Recht anzuwenden hatte, verhandeln wollten. Allerdings verbietet Rabbi Eleasar den Juden, sich vor ein römisches Gericht zu begeben, falls sie vorher bei einem jüdischen Gericht unterlagen. Somit zeigte sich, dass es eine Konkurrenz zwischen jüdischen und römischen Gerichten gab. Andere Rabbiner kamen zu demselben Ergebnis wie Rabbi Eleasar. So zum Beispiel Rabbi Tarfon, der den Juden sagte, dass sie ihre Angelegenheiten vor ihren Gerichten zu verhandeln hätten und nicht die Gerichte der Eroberer (welche als Gerichte der Heiden angesehen wurden) aufsuchen sollten, selbst wenn diese jüdisches Recht anwendeten.

Neue Untersuchungen helfen uns, die Sorgen der Weisen zu verstehen. In den römischen Provinzen war das Gerichtssystem dreigeteilt. An erster Stelle steht das römische Gesetz, welches von der Regierung aus Rom stammt und Gültigkeit für alle römischen Staatsbürger in allen Provinzen hatte. An zweiter Stelle ist das nationale Recht zu nennen, das vor der römischen Besatzung Gültigkeit hatte (dies beinhaltete auch das jüdische Recht, das griechische Recht und das ägyptische Recht). Als drittes ist das Recht der Provinzen zu erwähnen, das genau genommen nur örtlich begrenztes Recht war, welches aber den Veränderungen durch die römischen Statthalter entsprechend der römischen Gesinnung unterlag. Diese Dreiteilung der Anwendung des Rechts hatte zur Folge, dass es zu im Prinzip gleichen Sachverhalten unterschiedliche Urteile gab, da unterschiedliches Recht an den einzelnen Orten angewendet wurde. Auch wenn die Römer den Anschein erwecken wollten, dass sie örtliches Recht – hier das jüdische - bei der Rechtsprechung anwenden, konnte es sein, dass doch es doch im Licht des Rechts der Provinz angewandt wurde und somit im Endeffekt doch römisches Recht anzuwenden war.

Griechische Schreiber wie Dio Chrysostomus und Plutarch meinten, dass während der Regierungszeit des römischen Kaisers Flavian ein ernstes Problem daraus entstand, dass unterschiedliches Recht angewendet wurde. Die Schreiber betonen vor allem, dass Entscheidungen eines griechischen Gerichts denen einen Römischen Gerichts untergeordnet waren. Sie betonen darüber hinaus, dass Fälle, die die Griechen untereinander betrafen, erst von einen griechischen Gericht verhandelt werden sollten und nicht vor dem römischen Prokonsul. Wenn man in Betracht zieht, dass diese Äußerungen von griechischen Schriftstellern stammen, welche grundsätzlich von der Möglichkeit der friedlichen Koexistenz des griechischen und römischen Rechts ausgingen, so kann man erst recht die Besorgnis der jüdischen Weisen verstehen.

Die Weisen von Israel bemühten sich darum, dass die Tora auch bei Urteilen römischer Gerichte angewendet wurde, um die Anwendung jüdischen Rechts sicherzustellen. Allerdings war es Ihnen nicht möglich, dafür Sorge zu tragen, dass die Tora als alleinige Rechtsquelle galt. Sofern Fälle betroffen waren, an denen auch Nicht-Juden beteiligt waren, kam es zu einer Vermischung mit anderen Rechtsquellen, die aus der Sicht der Römer „Humaner“ waren.

Es ist uns z. B. aus Ägypten bekannt, dass römische Gerichte die Anwendung von ägyptischem Recht ablehnten, da sie die daraus resultierenden Konsequenzen als „inhuman“ ansahen. Bekannt ist heute, dass der römische Kaiser aus diesen Gründen eine Kommission nach Jawne schickte, die sich mit der Humanität des jüdischen Rechts auseinandersetzen sollte. Die Kommission stellte dabei mit Missbilligung fest, dass es eine Anzahl von Gesetzen gab, welche im Falle der Haftung des Tierhalters einen Fremden schlechter stellten als einen Juden.  Allerdings brachte diese Kommission nie umsetzbare Ergebnisse zustande.

Die Gegenwart römischer Regelungen wurde von den Juden sehr bewußt wahrgenommen, es wurden auch verschiedene Arten von Widerstand gegen die Eroberer erwägt, über die Vorgehensweise wurden die Weisen und der Patriarch sich jedoch nicht einig. Der Patriarch wünschte sich eine Stärkung seiner Position und wollte die Möglichkeit haben, als Führer in geistigen und politischen Fragen zu fungieren. Der Patriarch sah sich selbst als eine Institution, die die höchste richterliche Entscheidungsbefugnis hatte. Zum besseren Verständnis ist hier zu erläutern, dass der Patriarch die Befugnis besaß, Richter zu ernennen.

b) Juden und Nicht-Juden vor Jüdischen Gerichten

Ein besonderes Problem der Zivilgerichtsbarkeit war es, wenn Nicht-Juden vor einem jüdischen Gericht standen. Eine Passage des babylonischen Talmuds nimmt sich dieses Problems an. Darin heißt es, dass eine römische Kommission nach Palästina kam, um im Auftrag des Kaisers das jüdische Recht zu erkunden. Jüdische Gelehrte erklärten dieser Kommission das jüdische Recht. Die Kommission befand das Recht für „in Ordnung“. Allerdings mit einer Ausnahme: falls ein Ochse eines Israelis den Ochsen eines Kanaaniten aufspießte, dann steht dem Kanaaniter kein Schadensersatz zu. Wäre der Fall umgekehrt, würde aber dem Israeli der volle Schadensersatz zustehen. Sie entschlossen sich jedoch, diese Ungleichbehandlung, welche in der Tora vorgenommen wird, nicht der römischen Regierung mitzuteilen.

Um das Problem der Ungleichbehandlung besser zu verstehen, sollte man die Lage mit den Regelungen des römischen Rechts in anderen Provinzen vergleichen. Im Fall eines Rechtsstreites zwischen einem römischen Staatsbürger und einem Bewohner der besetzten Gebiete war die lex republica anzuwenden. Dieses Gesetz von 111 v. Chr. besagt, dass der Richter und der Beklagte von der selben Nationalität sein müssen und dass das anzuwendende Recht dass des Klägers zu sein habe. Dies zeigt, dass es auch in anderen Provinzen nicht unüblich war, das dem römischen Staatsbürger dienlichere Recht anzuwenden!

Palästina von der Bar Kochba Revolution (135 n. Chr.) bis zur Christianisierung des römischen Weltreiches.

Die Abschaffung der jüdischen Gerichtsbarkeit in Palästina nach der Bar Kochba Revolution ist als eine der schlimmsten Folgen der Revolution gesehen worden. Für die römische Besatzung war dies ein willkommener Anlass, den Juden ein Teil ihrer Eigenständigkeit zu nehmen. Sie betrachteten dies als einen Teil der Staatssicherung. Es war für die Juden eine schmerzhafte Erfahrung, dass in diesem Zeitabschnitt die Römer über sie zu richten hatten. Diese Zeit war besonders von Rabbi Judah – dem Patriarch und Verfasser der Mischna - geprägt. Er nutze seine Macht, um dafür zu sorgen, dass die Weisen zukünftig eine ihm untergeordnete Rolle hatten. Die einzige richterliche Aufgabe dieser Zeit war für die Juden die Funktion eines Schiedsgerichtes.

Zu einen besonders wichtige Änderung kam es bei der Aufstellung der Mischnah. Im Jahr 212 n. Chr. verlieh der römische Kaiser Antonius Caracalla allen Einwohnern des römischen Weltreiches die römische Staatsbürgerschaft. Somit stellte sich die Frage, ob die Juden – jetzt römische Staatsbürger - ihre früheren Rechte zurückbekommen. In der Wissenschaft gibt es hierzu unterschiedliche Auffassungen. Die eine besagt, dass mit der römischen Staatsbürgerschaft dieselben Rechte den Juden zugefallen sind, wie sie alle anderen römischen Staatsbürger haben. „Extra Rechte“ für Juden sind nicht vorgesehen. Eine andere Meinung der Wissenschaft geht von der „dualen Staatsbürgerschaft“ aus. Hiernach, könnten Juden ihre Gerichte neben denen der Römer haben. Diese Meinung überzeugt, da es den Juden weiterhin gewährt wurde, zumindest Schiedsverfahren durchzuführen.

Es ist jedoch fraglich, inwieweit diese Schiedssprüche von der römischen Regierung akzeptiert wurden. Die Antwort hierzu findet sich in den Dekreten des Justinian (Römischer Kaiser von 284-305 n. Chr.). Justinian sagt darin noch einmal, dass der Patriarch eine „private Person“ ist und niemand des öffentlichen Lebens. Er führt weiter aus, dass der Schiedsspruch der Juden akzeptiert werde.

V. Die christliche Periode (313-565 n. Chr.)

Der römische Kaiser verhielt sich zwar in der Frage der Bürgerrechte der Juden sehr schwierig gegenüber den Juden, aber sie hatten weiterhin den Rechtsstatus als römische Staatsbürger. Allerdings fand eine gravierende Veränderung in der gerichtlichen Zuständigkeit statt: Im Jahre 398 n. Chr. wurde der autonome Status jüdischer Gerichte endgültig abgeschafft. Die Anerkennung der bisherigen jüdischen Gerichte wurde ebenfalls zurück genommen. In der Verfassung des Theodosianischen Kodex heißt es: Juden, welche im Anwendungsbereich des römischen und gemeinen Rechtes leben, sollen die Gerichte in der üblichen Art und Weise (also die römischen Gerichte) bei Sachverhalten anrufen, welche weniger ihren Aberglauben (sic!), sondern mehr die Regelungen und Gesetze betreffen (also eher das weltliche denn das Recht der Thora); dort sollen sie auch alle Sachverhalte verhandeln, welche römisches Recht betreffen; schließlich sollen sie als Rechtssubjekte allein unserem (römischen) Recht unterstellt sein. In zivilrechtlichen Streitigkeiten allerdings, sofern sich beide Parteien in einer gegenseitigen Erklärung dazu verpflichtet haben, sich an das (jüdische) Gesetz zu halten, soll es ihnen nicht verwehrt werden, sich an jüdische Gerichte oder die Patriarchen zu wenden. Die Richter einer Provinz sollen deren Rechtsentscheidungen so ausführen, als seien diese Schiedsrichter durch eine Entscheidung eines (römischen) Richters eingesetzt worden.

Wie diese Textpassage zeigt, verbleiben also rein glaubensrechtliche Fragen im Entscheidungsbereich der jüdischen (rabbinischen) Gerichte; strafrechtliche Verfahren fanden hingegen nur vor römischen Gerichten statt; bei zivilrechtlichen Streitigkeiten hatten die Parteien eine Wahlmöglichkeit.

Unter der Regierung Justinians endete sogar die Autonomie der jüdischen Gerichte in rein glaubensrechtlichen Streitigkeiten; den Juden war es allerdings möglich durchzusetzen, dass am Sabbat keine Gerichtsverhandlungen durchgeführt werden durften; dieses Recht wurde selbst durch Justinian bestätigt.

VI. Die Diaspora (Jüdische Gemeinden außerhalb Palästinas)

1. Ägypten und andere Provinzen

Alles bisher gesagte beschäftigte sich nur mit der Situation in Palästina. Dort war es nun auch nicht unbedingt außergewöhnlich, dass das dort geltende Recht auch von den römischen Offiziellen angewendet wurde. Es gibt aber noch heute gut erhaltene Papyrusrollen, die Gerichtsverhandlungen in Ägypten dokumentieren. In Ägypten war mit dem „örtlichen Recht“ im allgemeinen das ägyptische und auch das griechische Recht gemeint. Aus diesen Papyrusrollen ist bekannt, dass die römische Besatzungsmacht Menschen beschäftigte, die das örtliche Recht gut kannten und so den  römischen Gerichten bei der Anwendung dieser Rechtsvorschriften halfen.

2. Jüdische Gerichtsbarkeit in der Diaspora

Das Problem einer eigenständigen jüdischen Gerichtsbarkeit bestand auch in der Diaspora. Einige Wissenschaftler sind der Auffassung, dass hier eine Unterteilung des römischen Reiches vorzunehmen ist. So war im östlichen römischen Reich eine autonome jüdische Gerichtsbarkeit vorhanden, während im westlichen Teil des Reiches eine solche nicht bestand. Einige andere bestreiten diese Auffassung. Geklärt ist dieses Problem bis heute noch nicht. Ungeachtet dessen ist die Tatsache unbestritten, dass die Juden ihre Fälle auch vor jüdische Gerichte brachten. Ebenso ist bekannt, dass die Juden in der Diaspora ihre Fälle vor römischen Gerichten verhandeln ließen, dies war jedoch nur in den Situationen der Fall, in denen die römische Besatzungsmacht die jüdischen Gerichte und ihre Urteile als nicht rechtsgültig erkannten.  Wie bereits erwähnt galt dies ab 398 n. Chr. für alle Juden.

Neben vielen anderen Privilegien, welche die Juden während der Christlichen Periode besaßen, gehörte dazu, dass sie am Sabbat, dem Sabbat-Abend und an jüdischen Feiertagen nicht vor Gericht erscheinen mussten. Selbst unter der Regentschaft des Kaisers Justinian wurde den Juden diese Rechte nicht vorenthalten. Allerdings verschlimmerte sich während der Regentschaft von Justinian ihre Situation. So durften Juden nicht mehr gegen orthodoxe Christen aussagen. Falls aber eine Jude für einen Christen aussagte, hatte seine Aussage hohe Beweiskraft. Jüdischen Zeugenaussagen wurden somit diskriminiert. Besonders auffällig war, dass Aussagen zu Gunsten der Regierung immer akzeptiert wurden, waren es welche gegen die Regierung – oder ihrer Organe - galten Juden als unglaubwürdig.

VII. Einige Fragen hinsichtlich des Familienrechts

Hinsichtlich der Anerkennung von Familienrecht gegenüber Juden ergebne sich auch viele Fragen. Im Folgenden soll auf die Frage von Heirat und Scheidung eingegangen werden.

So ist zum Beispiel die Frage, ob eine Ehe zwischen Juden mit unterschiedlichem bürgerlichem Status einen rechtsgültigen Status besaß? Es sieht so aus, dass das römische Recht dies zuließ. Ein Beispiel: Ein Jude von Palästina, der entweder „Ausländer“ ist oder eine andere Staatsangehörigkeit als die römische besitzt, will eine Jüdin mir römischer Staatsbürgerschaft heiraten. Das jüdische Recht lässt diese Vermählung problemlos zu, da beide jüdischen Glaubens sind. Nach der herrschenden Auffassung war dies auch durch das römische Recht zulässig.

Fraglich ist auch, ob Juden die Heirat von zwei oder mehr Frauen gestattet war. Allen Anschein nach tolerierten die Römer die jüdische Polygamie der Sache nach. Aber seit 393 n. Chr. war dies strengstens verboten.

Weiterhin stellt sich die Frage, welche Erziehungsberechtigung ein jüdischer Vater mit römischer Staatsbürgerschaft hinsichtlich seiner Söhne hatte. Konnte er seine Rechte aus dem römischen Recht ableiten oder musste das jüdische zur Anwendung kommen? Es ist wohl so, dass ein Vater in solchen Fällen seine Berechtigung aus dem römischen Recht erhielt. Gewöhnlich sah das römische Recht den Vater als das dominierende Mitglied in der Familie an. Im Falle einer Mischehe (z.B. Jude und Christ) war während der christlichen Periode das christliche Elternteil der alleinige Erziehungsberechtigte.

Scheidungen wurden in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. sowohl vom römischen Recht als auch vom jüdischen zugelassen. Es gab allerdings einige Unterschiede in tatsächlicher und formaler Hinsicht. Das jüdische Recht stand hier dem römischen entgegen. So war es einer Frau nach jüdischem Recht nicht gestattet, ihrem Ehegatten die Scheidung zu eröffnen; die Scheidung war einzig dem Mann vorbehalten, selbst wenn man darauf abstellt, dass die Frau immer noch ihre Einwilligung dazu geben musste. Nach römischem Recht konnte auch die Frau die Scheidung einreichen. Sollte ein Ehemann allerdings der Scheidung nicht zustimmen, dann konnte das römische Gericht Druck auf den Ehemann ausüben, so dass diese letztendlich doch der Scheidung zustimmte.

Es was aber nach den Überlieferungen der Mischnah nur Scheidungen von den Juden anerkannt, die auch von einem jüdischen Gericht durchgeführt wurden. Dies hatte zur Folge, dass eine Ehe trotz Aufhebung durch die Römer weiterbestehen konnte. Umgekehrt hatten die Römer Scheidungen, welche durch ein jüdisches Gericht durchgeführt worden sind, nicht anerkannt. Dies führte dazu, dass Ehescheidungen sowohl vor einem jüdischen als auch vor einem römischen Gericht durchgeführt werden mussten, um bei Römern und Juden Rechtsgültigkeit zu besitzen.

Bedeutend problematischer war die Situation, falls beide Eheleute Juden mit römischer Staatsbürgerschaft waren oder ein Ehegatte ein Ausländer war. Wie verhielt es sich hier, wenn die Frau eine Scheidung wünschte? In solchen Fällen wurde sehr wahrscheinlich römisches Recht angewandt, allerdings ist es schwer vorzustellen, dass ein römisches Gericht in diesem Fall mit einem jüdischen Gerichten zusammenarbeite. Also konnte es auch hier der Fall sein, dass zusätzlich ein jüdisches Gericht sich separat mit der Scheidung beschäftigen musste.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass den Juden im Bereich des Zivilrechts eine große Autonomie verblieb, selbst nachdem die Juden die römische Staatsbürgerschaft erhielten. Die Römer waren auch in Fragen von Ehe und Scheidung zu Zugeständnissen bereit, diese änderten sich jedoch in der Regierungszeit des Kaisers Justinian und im Rahmen der Chrisitanisierung sehr entschieden zum Nachteil der Juden.

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