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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Rechtsgeschichte - Historie und Quellen - Kapitel 3

Rechtsgeschichte

Einführung in Geschichte und Quellen des Jüdischen Rechts

Jüdisches Recht und hellenistische Rechtspraxis unter dem Aspekt der griechischen Papyri aus Ägypten

Von Joseph Mélèze Modrzejewski
erarbeitet von der Forschungsstelle
verantwortlich Dr. G. Miller  

1. Quellen und Literatur

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden bei Ausgrabungen am Wüstenrand des Nildeltas Tausende von Textdokumenten gefunden, unter anderem Gesetze, Verträge, Testamente, Rechenschaftsberichte, private wie administrative Korrespondenz und viele mehr. Diese Dokumentation ist für die jüdische Rechts- und Sozialgeschichte von größter Wichtigkeit.

Weiterhin wurden aramäische Aufzeichnungen entdeckt, die einen flüchtigen Blick in die jüdischen Militärkolonien im 5. Jahrhundert v. Chr. ermöglichen.

Auch wurden griechische Dokumente gefunden, die von Juden und jüdischen Angelegenheiten handeln, die in der Zeit des Exils in Ägypten unter der Herrschaft der Ptolemäer und Römer entstanden sind.

Es gibt kein umfassendes Werk über jüdische Rechtspraxis in Ägypten zur Zeit der Herrschaft der Ptolemäer und Römer, allerdings einen allgemeinen Leitfaden aus den Funden.

2. Personenstatus

Es ist unklar, ob die ersten Ansiedlungen der Juden in Ägypten freiwillig oder unter Zwang erfolgten. Jedoch ist sicher, dass es unter dem Regime der Ptolemäer und Römer ohne Zweifel jüdische Sklaven in Ägypten gab. Allerdings war die freiwillige Immigration und nicht Gefangenschaft der Hauptgrund für die Niederlassung der Juden im Königreich der Ptolemäer.

Nach der Eroberung der Makedonier konnten die immigrierten Griechen ihre Staatsangehörigkeit beibehalten oder in großen Städten (z. B. Alexandria) eine neue Staatsbürgerschaft erwerben, die vererbbar war. Den Erben war somit die Zugehörigkeit zur hellenischen Gemeinschaft garantiert.

Der Status des „Hellenen“ dehnte sich auf eine große Anzahl von Immigranten aus, welche aus den nördlichen und nordwestlichen Regionen stammten. Die Einheimischen aus den von Alexander dem Großen eroberten Ländern der Asiaten und Semiten wurden als hellenisch betrachtet, vorausgesetzt die Einheimischen sprachen Griechisch und dienten dem König. Die Gemeinschaft der Hellenen ermöglichte ihren Mitgliedern die Beibehaltung der eigenen nationalen Identität und die Eingliederung in die Gemeinschaft der Hellenen.

Gelehrte vermuten, dass Juden in Ägypten, als religiöse Minderheit, in verschiedene unabhängige Gruppen, sog. politeumata, eingeteilt waren. Allerdings wurde dieser Begriff nur in einem literarischen Text, der von Juden aus Alexandrien handelt, verwendet. Er kommt in keinem veröffentlichen ptolemäischen Dokument vor. Tatsächlich gibt es einen Hinweis auf Zivilgesetze in einer königlichen Vorschrift, dies reicht aber nicht als Beweis für die Existenz der politeumata aus. Somit muss die jüdische politeumata als unabhängige politische Einheit als historische Legende angesehen werden.

Falls Juden in Ägypten unter der Herrschaft der Ptolemäer eine Art von „bürgerlicher Rechtsstellung“ anerkannt wurde, lag dies an ihrer Einbeziehung in die Gemeinschaft der Hellenen, im Gegensatz zu den Einheimischen. Vom Standpunkt der Griechen aus, wurde den Juden ebenso wie jeder anderen Volksgruppe der Weg in ihre Gemeinschaft ermöglicht. Jedoch gibt es Beweise, dass Juden benachteiligt wurden, obwohl diese auch Hellenen waren.

Ein ansehnlicher Teil der Juden lebte in Alexandria. Zu Beginn der römischen Herrschaft repräsentierten sie ein Drittel der Stadtbevölkerung (ca. 180000). Trotzdem waren Juden keine Bürger von Alexandria, außer in einigen außergewöhnlichen Fällen, in denen ihnen die römische Staatangehörigkeit bewilligt wurde. Sie hatten lediglich ihre Repräsentanten, ihre Führer und Berater. Sie waren keine Bürger von Alexandria, sondern „Juden von Alexandria“.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Besiedlung Alexandrias nicht von den besiedlungen, die man in der Chora (ägyptisches Landesrecht) findet. Die erste Erwähnung einer jüdischen Gemeinschaft als solche findet sich im späten dritten Jahrhundert n. Chr. unter der Herrschaft von Diokletian.

Unter Ptolemäischer Regentschaft erstarkte das Selbstbewusstsein der Juden unter Einfluss der Septuaginta, dieses änderte allerdings nichts an der gesetzlichen Situation: sie waren weder Bürger noch unabhängige Ausländer. Nur die Religion unterschied einen Juden von seinen griechisch-makedonischen Nachbarn, beide waren Hellenen wie jeder andere griechisch sprechende Immigrant.

Mit der römischen Eroberung 30 v. Chr. endete die Gemeinschaft der Hellenen. Die neue Organisation der Gesellschaft unter römischer Herrschaft war für Juden nicht vorteilhaft. Sie wurden nicht in die Klasse der Provinzführer, die unter der kaiserliche Regierung einführt wurden, miteinbezogen. Dennoch änderten die Juden nicht ihr Verhalten, sofern das Privatrecht betroffen war. Somit ergänzen die Papyrusdokumente der frühen römischen Herrschaft inhaltlich die der ptolemäische Periode.

3. Die Tora

Am Ende des 4. Jahrhunderts brachten Juden, die nach Ägypten zurückkehrten, die Tora von Moses in der Fassung, die Ezra ein Jahrhundert früher aufgesetzt hatte, mit. Es war zur damaligen Zeit üblich, an Sabbat- oder an jüdischen Feiertagen öffentlich aus der Tora vorzulesen. Die Lesung wurde auf Hebräisch gehalten, doch kam bald das Problem einer griechischen Übersetzung auf.

Es gibt zwei gegensätzliche Lehren, von wem und warum die Tora ins Griechische übersetzt wurde. Eine jüdische Legende, die später auch von den Christen übernommen wurde, schreibt die Initiative für die Übersetzung Ptolemäus II Philadelphus zu. Diese These stimmt mit der rabbinischen Tradition überein, welche die Initiative zur Übersetzung der Thora König Ptolemäus zuschreibt.

Die zweite Lehre sieht in der Übersetzung der Tora einem praktischen Grund: die immigrierten Juden nahmen die griechische Sprache so schnell an, dass sie das Hebräisch vergaßen und somit dringend eine Übersetzung benötigten. Gerade als in Jerusalem und in Judäa eine aramäische Übersetzung zur Lesung der Tora verwendet wurde, benutzte man in Alexandria und in ganz Ägypten eine griechische Übersetzung. Die zukünftige Septuaginta (wichtigste griechische Übersetzung des Alten Testaments) war zuerst eine Art von griechischem Targum (alte, teilweise sehr freie aramäische Übersetzung des Alten Testaments), welche in verschiedenen Ausführungen existierte. Ende des 2. Jahrhundert v. Chr. wurde entschieden, einen vereinheitlichten Text anzufertigen.

Allerdings führt die Wahl zwischen diesen beiden Lehren, von welchen die eine die Bedürfnisse des Diasporajudentums (jüdische Gemeinden außerhalb Israels) erfüllte, in eine Zwickmühle. Es war bestimmt eine der letzten Sorgen von König Ptolemäus, dass die Juden die Sprache nicht mehr verstanden, in welcher ihr Recht abgefasst war. Aber die Juden machten einen beträchtlichen Prozentsatz der Bevölkerung im Königreich aus. Angepasst an die regierende Minderheit, in Hinblick auf ihre Sprache und sozialen Status, wurden sie auf Grund ihrer Religion ausgegrenzt (welche sich auf ein Gesetz bezieht, das als göttliche Inspiration angesehen wird). Den Respekt vor diesem Gesetz zu garantieren, konnte sich nur vorteilhaft für das Regime erweisen. Jedoch benötigten die königlichen Richter und Beamte für die effektive Anwendung des mosaischen Gesetzes eine griechische Übersetzung. Die praktischen Angelegenheiten der Monarchie näherten sich somit den religiösen Bedürfnissen der Juden in Ägypten an.

Weiterhin ist es in dieser Hinsicht sehr lehrreich, die griechische Tora mit dem Wissen über das Verhalten des ptolemäischen Regimes gegenüber der nationalen Traditionen der einheimischen ägyptischen Bevölkerung zu vergleichen. Die altertümlichen Ägypter hielten eine Sammlung geschrieben Rechts nicht für nötig. Die erste Sammlung ägyptischer gesetzlicher Regeln entstand erst während der Herrschaft der Perser (522-486 v. Chr.). Der Inhalt dieser Regeln könnte die Makedonische Eroberung im ägyptischen „Präzedenz-Buch“ der Priester überstanden haben. Letzteres ist bekannt durch mehrere volkstümliche Papyri aus der ptolemäischen Epoche.

Das „Präzedenz-Buch“ war eine Sammlung praktischer Vorschriften, die dazu dienten, den einheimischen Richtern und Notaren in ihrer täglichen Arbeit, wie Dokumente, Vorschläge und Lösungen für schwierige Fälle aufzusetzen, zu erleichtern. Das Buch bestand weiter in der Obhut der ägyptischen Priester, Wächter des nationalen Rechts. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. wurde dieses Recht aus der volkstümlichen Sprache ins Griechische übersetzt. Die Übersetzung basierte auf einer anderen Variante der Zusammenfassung, einer „offiziellen Version“, die heute nicht mehr erhalten ist. Sie machte die Regeln des ägyptischen Rechts, die von den Priestern in ihren „heiligen Büchern“ niedergeschrieben wurden, zugänglich für die griechisch sprechenden Angestellten der königlichen Administration.

Die Parallele zwischen diesen beiden „heiligen Büchern“, die unter den ersten Ptolemäern ins Griechische übersetzt wurden – das „Präzedenz-Buch“ der ägyptischen Priestern und die Tora von Moses – hilft uns die Konditionen zu ermitteln, unter denen die Tora ihre fundamentale Rolle unter der jüdischen Diaspora in Ägypten weiterführen konnte. In Ägypten hatte die Bestätigung des jüdischen Rechts nicht die Form einer Urkunde noch konnte sie sich auf den Tempel beziehen, wie es der Fall mit der Tora von Ezra war, die als königliches Recht für die Juden des Königreichs nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft in Babylon bestätigt wurde. Dies wurde verursacht durch das Vorurteil, dass die ptolemäische Monarchie die Übersetzung garantierte. Allerdings mit dem Zweck, der Justizverwaltung innerhalb einer Struktur eines Systems zu dienen, das eingerichtet wurde, um die Gesetze und Gewohnheiten der Einwohner des Königreichs zu schützen.

4. Gerichte und Prozesse

Die Bestätigung der Tora führte nicht zu einer Errichtung autonomer jüdischer Gerichtsbarkeit, denn die Existenz jüdischer Gerichte ist sehr fraglich. Die Kompetenz eines Ethnarch (jüdischen Hohenpriesters) war auf eine Art Schlichtung reduziert; gleiches galt für den Bet-Din von Alexandria; welcher in rabbinischen Quellen erwähnt ist. Dokumente zeigen, dass Juden in Ägypten ihre Klagen und geschäftlichen Dinge an regulären Staatsgerichten vorbrachten, was im pluralistischen Kontext der ptolemäischen Organisation der Gerichte erklärt werden kann.

Ägypten unter ptolemäischer Herrschaft ist ein interessantes Beispiel für Gesetzespluralismus. Das ägyptische Recht galt nur für die einheimische Bevölkerung. Die Immigranten brachten ihre eigenen gesetzlichen Traditionen mit: die griechischen Gesetze. Diese nahmen in den großen Städten die traditionelle Form der geschriebenen Gesetzgebung an, welche oft durch den Regierenden beeinflusst war. Auch in der Chora (ägyptisches Landesrecht) wurde dieser als das gemeine Recht der Griechen verbreitet. Gegenüber dem griechischen und dem ägyptischen Recht wurde der Wille des ptolemäischen Monarchen in königlichen Vorschriften zum Ausdruck gebracht.

Angesichts der Probleme durch die Existenz von Gesetzesregelungen ungleichen Gewichts und verschiedener Herkunft, bemühten sich die Ptolemäer nicht um eine Vereinheitlichung. Sie folgten einer anderen Lösung. Das Königreich wurde mit einem doppelten Netzwerk von Gerichtsbarkeit überzogen, jedes einzelne autorisiert, die Fälle zu verhandeln, die innerhalb ihrer spezifischen national determinierten Kompetenz fielen: die Gerichtsbeamten bzw. Laienrichter in den Städten und in der Chora für die griechisch sprechenden Immigranten; und die Gerichte der Volksrichter, besetzt von ägyptischen Priestern, für Fälle, in denen Einheimische involviert sind. Der König hielt sich ein Interventionsrecht in allen Rechtsstreitigkeiten, direkt oder indirekt, durch seine königlichen Richter vor.

Aber wie paßt das Gesetz Moses in dieses Bild? Ein Verfahren jüdischer Parteien, zwischen Dositheos und Herakleia, ermöglicht einen ersten flüchtigen Blick in das System (226 v. Chr.). Alle Richter waren Griechen. Dositheos klagte Herakleia an, ihn öffentlich beleidigt und seinen Mantel zerrissen zu haben, was zu einem Schaden von 200 Drachmen führte. Es kam nicht zum Prozeß, aber sie legte einen Auszug aus einer königlichen Vorschrift, ein sogenanntes Diagramm, vor, welcher die Bestimmungen des Gesetzes betrifft, welche von den lokalen Geschworenen auf die griechisch sprechenden Prozeßführenden angewendet werden sollten. Übereinstimmend mit dieser Vorschrift, hat die königliche Gesetzgebung Priorität. Aber der König, den Grenzen seiner Gesetzgebung bewußt, setzte fest, dass wenn keine Disposition des königlichen Rechts verfügbar ist, dass die Richter auf Zivilgesetze ausweichen sollen. Wenn dies wiederum nicht ausreicht, um zu einer Entscheidung zu kommen, sollten die Richter der auf den Fall passendsten, gerechtesten Auslegung folgen. Jeder Hellene konnte verlangen, dass die Richter über seine Sache nach den Zivilgesetzen verhandeln. Als Hellene konnte ein Jude sich auf die königliche Vorschrift berufen, welche diese Autorisation betraf. Somit gab es eine enge Verbindung zwischen königlicher Justiz und dem für Juden anwendbarem Gesetz. Aber was genau war die Verbindung?<

Um diese Frage zu beantworten, müssen die verschiedenen Begriffe der Vorschriften unterschieden werden. Die Diagrammata, ein Ausdruck des Königs Wille par excellence. Der gerechtesten Auslegung zu folgen, ist eine bekannte traditionelle Vorstellung der Griechen, die auf die Lückenprobleme im Gesetz reagiert. Hingegen ist der Begriff des bürgerlichen Rechts unbestimmt. Nach einer Ansicht werden damit die nationalen Gesetze der streitenden Parteien bezeichnet. Wenn dies von gemeinschaftlichen Ursprungs sind – Bürger derselben Stadt oder Mitglieder der gleichen ethnischen Gruppe – wird vertreten, dass der König, bei Fehlen einer geeigneten königlichen Gesetzgebung, die Richter dazu autorisiert hat, die Gesetze aus dem Heimatland der Prozeßführenden anzuwenden.

Hier kommt jedoch ein Problem auf, da man noch nie von Gesetzen aus Athen gehört hat, die in Ägypten auf Kläger von athenischer Abstammung angewendet wurde. Darum sollten die Vorschriften als Vorsatz und nicht als Realität betrachtet werden. Die Gesetzgeber in Alexandria mögen sich vorgestellt haben, bei der Anwendung des nationalen Rechts der Streitführenden, die Möglichkeit zu haben, es als subsidiäres Recht zu verwenden, um die Lücken der königlichen Gesetzgebung zu schließen. Aber das Vorhaben wurde nicht ausgeführt, und der Begriff des bürgerlichen Rechts wurde dazu benutzt die aktuelle Gesetzespraxis der griechisch sprechenden Immigranten zu bezeichnen. Dieser Terminus des bürgerlichen Rechts wurde folglich ein Synonym des griechischen gemeinen Rechts.

Die Intentionen des Gesetzgebers hatten dennoch wichtige praktische Konsequenzen. Egal woher das bürgerliche Recht stammte, wurden gesetzliche Traditionen der griechisch sprechenden Bevölkerung die offizielle gesetzliche Gesetzessammlung für die Laienrichter. Ägyptisches Recht wurde das geltende Recht für die Gerichte der Volksrichter, anwendbar für die einheimische Bevölkerung. Die zwei Gruppen von Gesetzen, die mit den zwei Gruppen der Bevölkerung korrespondieren, kamen zum Status „Gesetze des Gerichts“ für deren jeweilige Gerichte.

Für die Juden hatte diese Entscheidung noch eine andere Bedeutung. Als die griechisch sprechenden Kolonisten nach Ägypten auswanderten, ließen sie ihre ursprünglichen Gesetze zurück, im Gegensatz zu den Juden. Entsprechend zu königlichen Vorschriften, war die Tora von Moses („das Gesetzesbuch der Juden“) eine Art bürgerlicher Gesetze, anwendbar auf jüdische Prozeßführende von der königlichen Justiz. Mit anderen Worten, die Septuaginta wurde das bürgerliche Recht für die Juden in Ägypten.

Diese Folgerung wird gestützt durch ein ptolemäisches Dokument, das die Klage einer gewissen Helladote beinhaltet. Diese spielt auf ihre Heirat an, die in Übereinstimmung mit dem bürgerlichen Recht der Juden geschlossen wurde. Vor Gericht konnte man sich auf das jüdische Recht berufen, und zwar sowohl vor den Geschworenen (Laienrichtern) als auch vor den königlichen Beamten, welche die Beschwerden bearbeiteten, welche offiziell an den König gerichtet waren. Also ist das bürgerliche Recht der Juden nichts anderes als die Tora ist, welches ein halbes Jahrhundert vor dem ptolemäischen Dokument in Alexandria zusammengefaßt wurde.

5. Familienrecht

a) Rechtsstellung der Frauen

Papyrusdokumente belegen, dass während der Herrschaft von Ptolemäern und Römern, jüdische Frauen von ihrem Vormund bzw. einem „Überwacher“, wahrscheinlich von ihrem Mann, Vater oder eines anderen männlichen Familienmitglieds, begleitet und bei ihren gerichtlichen Angelegenheiten unterstützt wurden.

Finanzdokumente zeigen, dass jüdische Väter in Ägypten ihre Rechte und Pflichten im Familienleben in einer Art ausübten, die sowohl der jüdischen Tradition als auch der örtlichen Gewohnheit entsprach. Der Vater war finanziell für alle Mitglieder verantwortlich. Jüdische Mädchen wurden jung verlobt und verheiratet, entsprechend einem allgemeinen Gebrauch von Juden und Griechen. Obwohl die Mädchen mit 14 Jahren verheiratet wurden, bekamen sie nur wenige Kinder. Aus diesem Mangel an Kindern läßt sich schließen, dass der Satz „seid fruchtbar und mehret euch“ von den ägyptischen Juden nicht befolgt wurde; er rechtfertigt jedoch nicht die Annahme, die Juden hätten die griechische Sitte angenommen, Kinder auszusetzen.

b) Heirat

Ein Dokument aus dem Jahre 417 n. Chr. beinhaltet eine Ketubba (hebr.: Heiratsvertrag). Der aramäische Text ist übersät mir griechischen Wörtern in hebräischer Schriftart, was für eine Beibehaltung des Griechischen bei den Juden im byzantinischen Ägypten spricht.

Ein entsprechendes Dokument aus der Zeit der ptolemäischen und römischen Herrschaft vor der Revolte von 115-117 n. Chr. gibt es nicht. Es wird darauf hingewiesen, dass der Wortlaut der Klage einer Jüdin gegen einen Mann, der sie nach bürgerlichem Recht der Juden behandelt, die traditionelle Form von Eheverträgen, die die Ehe nach dem Gesetz von Moses und Israel beschließen, wiedergeben könnte. Da ptolemäische Richter den Ausdruck „Gesetz Moses“ nicht verstehen, bevorzugte man vom bürgerlichen Recht der Juden zu sprechen. Die Tora wurde angerufen, obwohl die Eheformel nicht im biblischen Text zu finden ist.

Diese Hypothese könnte durch die veränderte Fassung, bei der „Israel“ durch „Juden“ ersetzt wird, verstärkt werden; ein exaktes Ebenbild der griechischen Juden in der Klage der Jüdin. Diese Abweichungen finden sich in Dokumenten wieder, die Eheschließungen und Scheidungen in Palästina betreffen; laut Talmud wurden diese Abweichungen auch bei Juden aus Alexandria angewendet. Diese Konvergenz sagt jedoch nichts darüber aus, wie genau die Form von Eheverträgen war. In der Klage wird davon gesprochen, einen „Vertrag aufzusetzen“, dies weist eher auf ein griechisches als auf ein jüdisches Dokument hin. Ein gleich altes Dokument, das eine jüdische Familie betrifft, erwähnt klar eine griechische Urkunde. Höchstwahrscheinlich war eine Eheurkunde die gebräuchliche Form der Eheschließung der hellenischen Juden in Ägypten. Zu Beginn der römischen Periode schlossen die Juden aus Alexandria gerichtliche Kompromisse. Dies schließt jedoch nicht die Zuflucht zu jüdischen Formen aus, jedoch ist eine parallele Zuflucht zu beiden, den jüdischen sowie den griechischen Gebräuchen, nicht direkt belegt.

c) Mischehe

Eine Mischehe zwischen Juden und Ägypter war denkbar, aber angesichts des wenigen verfügbaren Materials schwer vorstellbar. Ehen zwischen Hellenen, worunter besonders Juden fallen, mit einheimischen Ägyptern kamen zur Zeit des Hellenismus in Ägypten sehr selten vor. Mischehen waren laut Gesetz nicht verboten, aber sie waren gesellschaftlich nicht angesehen, was sie undurchführbar machte. Ausnahmsweise wurden in bestimmten Kreisen und zu bestimmten Zeiten die Barrieren aufgehoben.

Das Problem der Juden in Ägypten war nicht die Akzeptanz von Mischehen. Sie mussten einen Weg finden, ihre Freundschaft zu den Griechen und ihren Wunsch, ihre wirkliche Identität zu bewahren, welche durch Mischehen gefährdet wurde, in Einklang zu bringen. Während des 3. Jahrhunderts v. Chr. kam es bei Mischehen, vom gesetzlichen Standpunkt aus, zwischen Juden und Griechen nicht zu speziellen Problemen: eine heidnische Frau, die einen Juden heiratete, wurde in die Familie des Mannes aufgenommen.

Hingegen war die gesetzliche Lage im 2. Jahrhundert v. Chr., nachdem die Konversion zum jüdischen Glauben möglich wurde, weder praktisch noch theoretisch klar. einerseits wird das Verbot von Mischehen mit der Entschuldigung der ehelichen Ökumene verteidigt. Andererseits wird eine einfache Lösung vorgeschlagen: Bekehrung der griechischen Frau zum Judentum, die einen Juden heiraten möchte. In der rabbinischen Periode wurde die Möglichkeit der ehelichen Ökumene wegen der Priorisierung der Linearität des Judentums verworfen.

d) Scheidung

Das jüdische Scheidungsrecht, das sich im Deuteronomium 24, 1 beschrieben wird, steht in einem krassen Widerspruch zur griechischen Ehesitte: In den Eheverträgen wurde festgehalten, dass der Ehemann seine Frau nicht zurückweist. In einem Fall wurde die Ehefrau verstoßen (ca. 213 v. Chr.). Auf Grund dieser Diskrepanz zwischen jüdischen und griechischen Recht, erhob die Frau Klage, und wollte ihre Mitgift zurück. Leider ist das Urteil nicht mehr erhalten, aber es kann vermutet werden, dass das Urteil in ihrem Sinne war.

200 Jahre später ließ sich ein jüdisches Ehepaar in Alexandria im beiderseitigen Einverständnis, in gegenseitigem Einverständnis scheiden, ungeachtet der biblischen Verfügung.

Dieser „juristische Kompromiß“ bleibt ein wichtiges Zeugnis für die „einverständliche Scheidung“, die von hellenischen Juden der Diaspora neben der Scheidungsurkunde gebraucht wurde, welche auch im biblischen Gesetz und rabbinischer Doktrin vorgeschrieben war. Diese zwei Methoden der Scheidung der jüdischen Praxis sind belegt: die eine billigt die einseitige Nichtanerkennung der Frau durch den Ehemann, die andere erkennt die Gleichberechtigung in diesem Bereich an. Das Prinzip, nach dem die Frau die Scheidung einreichen kann, war schon bei den Juden in Elephantine üblich. Offensichtlich unterstützte griechischer Einfluß die Tendenz der Gleichberechtigung. Zweifellos angespornt durch den Wunsch, die Differenz zwischen Juden und Nichtjuden hervorzuheben, hatte das rabbinische Judentum das letzte Wort. Druck für die Gleichberechtigung bestand für eine lange Zeit, so wie es in Eheverträgen, in denen die Ehefrau den Scheidungsprozeß einleiten kann, bescheinigt ist.

e) Verträge

Mehr Einfluß auf die jüdische Praxis als im Familienrecht hatte der griechische Handel. Als Beispiel dient hier das Verbot der Leihe bzw. des Darlehen, um Geld zu verdienen.

Die Juden in Ägypten konnten noch nicht die Lehre des Talmuds kennen, aber dennoch mussten sie sich des Verbotes bewußt sein, dass sie keine Zinsen von ihrem Schuldner nehmen durften, wird es doch in der Tora dreimal wiederholt (Ex. 22, 24; Lev. 25, 35-37; Deut. 23, 20-21). Das Zinsennehmen war aus Gründen der Gegenseitigkeit nur gegenüber Fremden erlaubt (Deut. 23, 21). Die hellenische Praxis verlangte nicht von ihnen, sich von dem geraden und engen Pfad zu distanzieren: die zinslose Leihe wurde in der griechischen Tradition eingeführt.

Zwei Verträge aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. in denen Juden involviert sind, ermöglichen einen Einblick in die Gewohnheiten, welche die tägliche Praxis beschreiben. Der eine Vertrag spezifisiert die Konditionen, bei dem 3000 Drachmen Kupfergeld zinslos für ein Jahr gewährt werden. Als Sicherheit dient dem Gläubiger ein Haus des Schuldners. Der zweite Vertrag enthält einen Transfer zwischen jüdischen Soldaten. Der Schuldner erhält 12.500 Drachmen, in der Form eines einjahresvertrages mit einem Zinssatz von 24 Prozent, was die gesetzliche Norm war.

Auf den ersten Blick scheinen sich die Parteien aus dem ersten Vertrag an die Regeln der Tora zu halten: „Von dem Ausländer darfst Du Zinsen nehmen, aber von Deinem Stammesgenossen nicht“(Deut. 23, 21). Im Gegensatz dazu scheinen die Parteien des zweiten Vertrages gegen die Regeln der Tora zu sündigen, obwohl beide derselben Religion angehören. Fraglich ist aber, ob das Gesetz der Rabbiner im Handel der Hellenen galt? Während dieser fernen Epoche, in der Agrikultur die Haupterwerbstätigkeit und die Einnahmequelle der Juden war, waren Darlehen für die Verbraucher und damit Zinsen undenkbar. Mit dem Beginn des Handels war die Gewinnabsicht nicht mehr von der Hand zu weisen.

Die Kontroverse könnte ihre Wurzeln in der Griechisch-römischen Epoche haben. Das oben erwähnte Dokument könnte die Meinung widerspiegeln, dass diese notwendige Investitionen das Erheben von Zinsen rechtfertigen. Seitdem diese Frage offen zu debattieren war, waren die ägyptischen Juden vielleicht von der Legitimität ihrer Handlungen überzeugt, welche der Talmud in einigen Jahrhunderten verurteilt.

Aber wie sind dann die Bedingungen des ersten Vertrages zu beurteilen, die ein zinsloses Darlehen beinhalten? In den meisten Fällen war ein zinsloses Darlehen nicht wirklich frei: der Schuldner hatte mehr zu erstatten als er eigentlich erhielt. Ein bekannter Trick war die Obligation einer Hypothekenaufnahme auf sein Eigentum als Sicherheit. Die Kreditoren wußten, dass der Schuldner nicht in der Lage ist, das Darlehen zurück zu bezahlen. Diese Art von Handel ermöglichte den Kreditoren, Eigentum oder Gut zu Preisen zu erwerben, die unter den marktüblichen Preisen liegen.

Letztendlich ist festzustellen, dass der griechische Einfluß die jüdische Praxis dominiert hat.

Der Einfluß des griechischen Vorbildes im Sozialleben sowie in der täglichen gesetzlichen Praxis ist nicht von der Hand zu weisen. Aber es führte nicht unvermeidlich zur Untreue gegenüber dem jüdischen Glauben. Das Festhalten an der griechischen Kultur war mit der Beibehaltung der jüdischen Identität möglich. Egal wieweit sich die Juden dem hellenischen Recht anpaßten, gab es keine Anzeichen für einen jüdisch-heidnische Synkretismus (griech.: Vermischung).

Die Treue zum jüdischen Recht zeigt sich besonders im Familienrecht. Gelegentlich kann man Übereinstimmungen zwischen jüdischem und hellenischem Brauchtum beobachten. Manchmal war eine scheinbare Abweichung tatsächlich ein Anzeichen für den vielfältigen Charakter des jüdischen Rechts während der Periode des zweiten Tempels.

Bei dem Großteil von Fällen scheint die Wahl der Sprache und der Formulierung entscheidend zu sein. Sprache ist das Medium des Gesetzes. Juden, die griechische Verträge abschlossen, folgten dem griechischen Recht. Von Alexander dem Großen bis zur Revolte von 115-117 v. Chr., wendeten Juden in Ägypten das bekannte Prinzip „Das Gesetz des regierenden Staates ist Gesetz“ an.

8. Ausgewählte Literatur

  • Horbury W. und Noy, D., Jewish Inscriptions from Graeco-Roman Egypt (Cambridge: Cambridge University Press 1992)
  • Mélèze Modrzejewski, J., Droit imperial et traditions locales dans l’Égypte romaine (Aldershot : Variorum 1990)
  • Mélèze Modrzejewski, J., Statut personnel et liens de familles dans les droits de l’Antiquité (Aldershot : Variorum 1993)
  • Mélèze Modrzejewski, J., The Jews of Egypt from Ramses II to Emperor Hadrian, trld. R. Corman (Philadelphia and Jerusalem: The Jewish Publication Society, 1995)
  • Oates J.F., Bagnall R.S., Willis W.H. and Worp K.A., Checklist of Editions of Greek and Latin Papyri, Ostraca and Tablets (Atlanta: Scholars Press, 1992, 4th ed.)
  • Pestman, P.W., The New Papyrological Primer (Leiden: E.J. Brill, 1990; 2nd ed., 1994)
  • Taubenschlag, R., The Law of Greco-Roman Egypt in the Light of the Papyri, 332 B.C.-640 A.D. (New York: herald Square Press, 1944; 2nd ed., Warsaw: Panstwowe Wydawnicto Naukowe, 1955; repr. Milano: Cisalpino-La Goliardica, 1972)
  • Tcherikover V., Fuks A. and Stern M., Corpus Papyrorum Judaicarum (Jerusalem and Cambridge, MA.: Harvard University Press, 1957-1964, 3 vols.)
  • Wolff, H.J., Das Justizwesen der Ptolemäer (München: Beck, 1962, 2. Ausg. 1971)