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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Rabbiner Gabriel Müller

Justitia
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Rechtsgeschichte

Tora - Kommentare, Beschreibungen


Das Buch Rut

Es ist eine kurze romantische Novelle. Sie enthält insgesamt vier kleine Kapitel mit etwas über achtzig Zeilen. Allerdings mit einiger Brisanz.

Lange Rede… Ein Mann namens Elimelech zieht wegen einer Hungersnot im Land Juda mit seiner Frau Naomi und seinen beiden Söhnen in das benachbarte Land Moab. Die Söhne heiraten moabitische Frauen. Nach und nach sterben Elimelech und die beiden Söhne. Die Witwe Naomi beschließt nach Juda zurückzukehren, da sich die allgemeine Lage dort verbessert hatte. Die Schwiegertöchter Orpa und Ruth wollen mit Naomi ziehen, jedoch diese meint, es wäre besser für sie, wenn sie in ihrer Heimat bleiben würden. Orpa kehrt um und bleibt da, jedoch Ruth beharrt darauf, mit Naomi zu ziehen. Sie spricht auch die denkwürdigen Worte, die in den Aphorismen-Schatz eingegangen sind: “Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. JHWH tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“

Zurück in Naomis Heimat stellt Naomi fest, dass in ihrer Nähe ein entfernter Verwandter, ein Landbesitzer Namens Boas lebt. Gerade ist auch Erntezeit und Ruth kann aufs Feld gehen und hinter den Männern, die das Getreide schneiden, die abgefallenen Ähren auflesen. (Das war ein biblisch verbrieftes Recht der Armen.) Boas bemerkt sie und befragt seine Arbeiter nach ihr. Sie gefällt ihm offensichtlich, und er scheint ihr auch zuzusagen. Ihre Schwiegermutter ermuntert sie, Boas gegenüber Annäherungsversuche zu machen. Auf den Rat der Schwiegermutter Naomi hin legt sich Ruth in der Nacht dem auf dem Feld schlafenden Boas zu Füssen. Als es nun Mitternacht ward, erschrak der Mann; und siehe, eine Frau lag zu seinen Füßen. Und er sprach: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Ruth, deine Magd. Breite den Saum deines Gewandes über deine Magd, denn du bist der Löser, der mich heiraten muss. (Nach Tora-Gesetz, verstarb ein verheirateter Mann, ohne einen Erben zu hinterlassen, musste die Witwe von einem Verwandten des Mannes geehelicht werden, um einen Nachkommen für den Verstorbenen zu zeugen.) Boas aber sprach: Nun, fürchte dich nicht. Alles, was du sagst, will ich dir tun; denn das ganze Volk in meiner Stadt weiß, dass du eine tugendsame Frau bist. Ja, es ist wahr, dass ich ein Löser bin; aber es ist noch ein weiterer Löser da, näher mit dir verwandt als ich. Bleib über Nacht hier. Will er dich dann am Morgen lösen, so mag er's tun; ist er aber nicht bereit, so will ich dich lösen, so wahr JHWH lebt.

Als dann dieser Verwandte nach seiner Einstellung zu einer Schwagerehe mit Ruth befragt wurde und merkte, dass es ungünstig wäre, Ruth zu heiraten, hat er auf sein Recht verzichtet, was nach Tora-Gesetz möglich war. Somit stand für eine Ehe zwischen Boas und Ruth nichts mehr im Wege. Und die Geburt des Großvaters von König David konnte eingeleitet werden.

Die Geschichte ist angesiedelt in der Zeit der Richter, noch bevor es Könige in Israel gab. Merkwürdig bei dieser Geschichte ist, dass Ruth nicht nur einem fremden Volk angehörte, sondern eine Moabiterin war, und in der Tora heißt es ausdrücklich, „Kein Ammoniter und Moabiter soll in die Gemeinde des JHWH kommen, auch nicht ihre Nachkommen bis ins zehnte Glied“ (5. Moses 23, 4). Aus den biblischen Erzählungen haben wir oft genug entnommen, dass Männer sich Frauen nach belieben nahmen, wobei ihnen ihre nationalen oder religiösen Bindungen einerlei waren. Für die Gelehrten der späteren Generationen aber war dies ein Problem, das sich allerdings formal leicht lösen ließ. Sie sagten: Es heißt in der Tora Moabiter (maskulin), also nicht Moabiterinnen. Was blieb ihnen auch sonst übrig, man konnte ja schließlich nicht dem von Gott geschätzten König David seine Abstammung zur Last legen; er war nämlich der Urenkel von Ruth.

Manche Forscher sind der Meinung, dass das Ruth-Buch nach dem Babylonischen Exil in die Bibel aufgenommen wurde, um gegen das von den Exil-Rückkehrern verhängte Verbot von Mischehen vorzugehen.


Gabriel Miller