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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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Rechtswörterbuch - FÜNFTE ABTEILUNG - Strafrecht - VORSATZ

WÖRTERBUCH DES JÜDISCHEN RECHTS

Neudruck 1980 der im "Jüdischen Lexikon" (1927-1930)
erschienenen Beiträge von Marcus Cohn



VORSATZ

(mesid) Der Begriff des V.'es im j. Strafrecht umfasst nicht nur den auf den verbrecherischen Erfolg gerichteten Willen (kawwana), sondern auch die Absicht, durch die Erfüllung der entscheidenden Bedingung (conditio sine qua non) den strafbaren Tatbestand zu verwirklichen.  In der Bibel wird der Vorsatz besonders beim Mord hervorgehoben (Ex. 21, 14; Num. 35, 16; Deut. 19, 11). Der verbrecherische Wille muss bestimmt und auf einen konkreten Erfolg bedacht sein. Die Kausalität zwischen Ursache und Erfolg muss unbedingt gegeben sein, d. h. die vom Täter gesetzte Bedingung muss hinlänglich und unmittelbar den verbrecherischen Erfolg herbeiführen. Ein eventueller Vorsatz, bei welchem der Täter außer dem verbrecherischen auch noch einen anderen Erfolg für möglich hält, wird der Fahrlässigkeit zugeteilt; das j. Recht kennt eine Fahrlässigkeit, "die sich dem Vorsatz nähert". Zum Begriff des V.'es gehört im j. Recht somit ein Wollen im Bewusstsein der Rechtswidrigkeit und der Strafbarkeit der Tat und in Kenntnis der Tatbestandsmerkmale der Kausalität. Dieser Vorsatz muss in der Fülle seiner Elemente dem Täter nachgewiesen werden; dies geschieht durch den Nachweis einer der Tat vorangegangenen Verwarnung (Hatra'a). Obwohl schon im allgemeinen durch geeignete Erziehungsmaßnahmen und periodische Vorlesung der ganzen j. Gesetzeslehre einer Rechtsunkenntnis des Volkes vorgebeugt werden sollte, musste doch bei jeder strafbaren Tat vor dem Aussprechen einer Todesstrafe oder Geißelstrafe (Malkut) besonders geprüft werden, ob der Täter sich der Rechtswidrigkeit und Strafbarkeit sowie der Zwangsläufigkeit seiner Handlung bewusst war. Der verbindliche Nachweis hierfür konnte nur durch zwei Zeugen erbracht werden, die den Täter unmittelbar vor Begehung der Tat ausdrücklich verwarnt haben, woraufhin der Täter erklärt hat: "Ich weiß es, aber dennoch tue ich es" (b. Sanh. 40b ff.; 72b).

Erst durch die Annahme dieser Verwarnung wird der V. offenkundig, und der Täter kann der vorgesehenen Todesstrafe oder Geißelstrafe zugeführt werden. Die Verwarnung ist auch einem rechtskundigen Gelehrten gegenüber erforderlich. Fehlt eine formgültige Verwarnung, so kann anstelle der vorgesehenen Todesstrafe unter gewissen Umständen auf Gefängnis erkannt werden.  Hingegen kommt beim Verbrechen der falschen Zeugen eine besondere Verwarnung in Wegfall, da sie hierbei begrifflich nicht möglich ist (b. Ket. 33a); ebenso gilt beim Einbruch-Diebstahl der Dieb schon durch die klaren äußeren Tatumstände als verwarnt (b. Sanh. 72b). Ferner gibt es keine Verwarnung bei den in Notstand und Notwehr begangenen Handlungen. Bemerkenswert ist, dass derjenige, der nur zur Beobachtung der noachidischen Gesetze verpflichtet ist, insofern schlechter gestellt ist, als er auch ohne vorangehende Verwarnung sich strafbar macht; ebenso wie der Begriff des V. ist auch der der Fahrlässigkeit für ihn enger gefasst, indem er das Vorrecht des Schutzes in den Zufluchtsstätten nicht genießt (b. Sanh. 57b).

Eine ohne V., aber in Fahrlässigkeit begangene Handlung wird unter gewissen Umständen gleichfalls durch ein Sündopfer gesühnt, weil die aus Irrtum sich ergebende tatsächliche oder rechtliche Unwissenheit doch als schuldhafte Nachlässigkeit und damit als Unrecht betrachtet wurde. Völlig straflos sind jedoch die ohne jede Schuld (Vorsatz oder Fahrlässigkeit), vielmehr nur aus Zufall (oness) begangenen Handlungen, die zwangsläufig ohne irgendein vorsätzliches Verschulden oder eine fahrlässige Nachlässigkeit zustande gekommen sind. Gleich behandelt werden Vorsatz und Fahrlässigkeit bei den gegen die Heiligkeit des göttlichen Namens (Chillul haschem) gerichteten Verbrechen (P. A. 4, 4). Außer V. und Fahrlässigkeit kennt Maimonides (More newuchim III, 4 1) noch den Begriff des Mutwillens und Übermutes (sadon), in welchem jemand eine Handlung mit der böswilligen und ausschließlichen Absicht begeht, sich gegen den göttlichen Gesetzgeber aufzulehnen. In zivilen Streitigkeiten (Nesikin) entspricht dem strafrechtlichen V. (Mesid) etwa der Begriff der groben Fahrlässigkeit (peschia), der gegenüber dem Zufall und leichter Fahrlässigkeit (genewa wa'aweda) abgegrenzt wird.